{"id":18941,"date":"2023-10-18T18:57:47","date_gmt":"2023-10-18T16:57:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18941"},"modified":"2023-10-18T21:42:14","modified_gmt":"2023-10-18T19:42:14","slug":"18941-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/18941-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 22,1-14"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-size: 16px;\">Alle Menschen sollten einen Ort haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen | 20.\u00a0Sonntag nach Trinitatis |\u00a022.10.23 |\u00a0Mt 22,1-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anders Kj\u00e6rsig |<\/span><\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einem der ersten Kapitel von Dostojewskijs Roman Raskolnikow (Schuld und S\u00fchne) begegnen wir einem v\u00f6llig heruntergekommenen und verkommenen Beamten. Er unterh\u00e4lt Raskolnikow mit seinem betrunkenen Gerede in einer Kneipe in Sankt Petersburg. Mitten in dem angetrunkenen Gerede taucht ein Gedanke auf, der wieder aufgenommen wird und gleichsam im ganzen Roman festgehalten wird:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAlle Menschen sollten einen Ort haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anders gesagt und in derselben Stimmung und als eine Frage stets im Hinblick auf den Beamten: \u201eMuss nicht jeder Mensch wenigstens einen Ort finden, wo er hingehen kann, um Mitleid zu finden?\u201c Also:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAlle Menschen sollten einen Ort haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Beamtenstand kann auch von seinem verzweifelten Ehestand erz\u00e4hlen, als er die stolze Offizierswitwe heiratete, Katharina, aus Mitleid mit ihrem Elend. \u201eIhr ging es nicht gut, und ich nahm mich ihrer an\u201c, sagt er und f\u00e4hrt fort: \u201eSie kam weinend und heulend, aber sie kam! Und das ist an sich reichlich: Wo sollte sie sonst hingehen \u2013 tragisch, nicht wahr?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Beamte f\u00e4hrt fort mit seinem existenziellen Monolog: \u201eVerstehen Sie das, junger Mann\u201c, sagt er zu Raskolnikow, \u201everstehen Sie, was das bedeutet, nicht zu wissen, an wen man sich wenden soll \u2013 ganz allein zu sein? Verstehen Sie das \u2013 junger Mann?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAlle Menschen sollten einen Ort haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen\u201c \u2013 um nun den Ausgangspunkt zu wiederholen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ist das wie gesagt die Rede eines Betrunkenen, und deshalb ist sie auch dunkel und unklar. Aber das, was der Beamte meint, ist zun\u00e4chst unmittelbar einleuchtend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eEs muss einen Ort geben hier auf Erden: Es muss einen Menschen geben, an den man sich wenden kann und wo man Leben findet. Wie das Kind seine Mutter hat, so muss der Mensch einen anderen Menschen haben. So muss er einen Freund haben oder einen Ehepartner oder wer es nun ist, wo man Mitgef\u00fchl findet und keine Hintergedanken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Beamte, der nun warm im Gesicht geworden ist, f\u00e4hrt fort in seinem Redestrom:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWo jemand er selbst sein kann in all seiner Erb\u00e4rmlichkeit und auf Liebe trifft statt auf Verachtung. Wo die Verachtung, die ein Mensch gegen sich selbst empfindet, aufgehoben ist und nicht durch die Einstellung des anderen Menschen zu einem best\u00e4tigt wird.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier h\u00e4lt der Beamte ein. Soweit der Monolog \u2013 zun\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber manchmal bekommt der Gedanke eine andere Richtung. Und manchmal verr\u00e4t der Beamte, dass er die Worte letztlich religi\u00f6s versteht, weil er sich nicht vorstellen kann, dass ein Mensch auf Erden existieren kann, der ihn nicht so sehr verachten w\u00fcrde, wie er sich selbst verachtet. Selbstverachtung ist n\u00e4mlich Selbsthass, und Selbsthass erfordert ein religi\u00f6ses Timing, wenn man unbeschadet da hindurchkommen will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Beamte sucht deshalb nach einer metaphysischen Vergebung \u2013 dass Gott, wenn nicht andere, ihm vergeben kann und ihm die M\u00f6glichkeit geben kann, ein relativ intaktes Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eNicht hier auf Erden\u201c, sagt er, \u201esondern oben im Himmel ist man voller F\u00fcrsorge f\u00fcr die, die man liebhat. Das muss die Idee sein mit den evangelischen Erz\u00e4hlungen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In diesem Trunkenbold von einem Beamten haben wir vielleicht den Zugang zu dem heutigen Evangelium. Hier ist auch ein Mensch, der keinen Ort hat, wo er hingehen kann:<\/p>\n<p>Einen Ort, wo man sich nicht anstellen muss und zeigen muss, dass man nun berechtigt ist, ein Mensch zu sein.<\/p>\n<p>Einen Ort, wo man sich selbst sein darf, wo man nicht an W\u00fcrdigkeit oder Unw\u00fcrdigkeit denken muss, wo man ungeachtet der Selbstverachtung willkommen ist.<\/p>\n<p>Einen Ort, wo man willkommen ist, wo man als ein lieber Gast betrachtet wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diesen Ort gibt es auf Erden und im Himmel. Dieser Ort ist n\u00e4mlich Ausdruck f\u00fcr das Reich Gottes, und dieses Reich kennt keine Grenzen, auch nicht die zwischen Himmel und Erde. Da wo man nicht auf Verachtung und Vorurteile st\u00f6\u00dft, da \u00f6ffnet sich ein Spalt zum Reich Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ein Mensch vorurteilsfrei und vorbehaltlos einen anderen Menschen annimmt, nur weil es ein anderer Mensch ist, dann wendet sich der Satz:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAlle Menschen sollten einen Ort haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">zu dem Satz:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eJeder Mensch hat \u2013 trotz allem \u2013 einen Ort, wo er sein kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Reich Gottes gibt es keine Grenzen. Das Reich ist \u00fcberall \u2013 auf Erden und im Himmel. Wir Menschen aber sind geneigt, Grenzen zu setzen. Das ist es vielleicht, was die Erz\u00e4hlung dementiert. Hier entstehen auch Grenzen, aber die werden sozusagen von den Menschen selbst gezogen. Entweder indem sie die Einladung nicht annehmen oder indem sie die Einladung trivialisieren. Gott dagegen l\u00e4dt alle ein und durchbricht so alle Grenzen einschlie\u00dflich der menschlichen Grenzen \u2013 was sonst?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das war es, was der betrunkene Beamte in seiner ekstatischen Rede an Raskolnikow erlebte. Man ist nicht notwendigerweise einsam, auch wenn man allein ist und bis zum Hals in Selbstverachtung steckt. Auch wenn wir uns selbst oder einander fremd sind, sind wir hier auf Erden als Gottes geliebte G\u00e4ste. Und das bedeutet, dass wir immer einen Ort haben &#8211; vielleicht nur ein kleines Wort \u2013 wohin wir uns wenden k\u00f6nnen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 5881 Sk\u00e5rup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Menschen sollten einen Ort haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen | 20.\u00a0Sonntag nach Trinitatis |\u00a022.10.23 |\u00a0Mt 22,1-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anders Kj\u00e6rsig | In einem der ersten Kapitel von Dostojewskijs Roman Raskolnikow (Schuld und S\u00fchne) begegnen wir einem v\u00f6llig heruntergekommenen und verkommenen Beamten. Er unterh\u00e4lt Raskolnikow mit seinem betrunkenen Gerede in einer Kneipe in Sankt Petersburg. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18947,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,336,185,157,853,114,566,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-18941","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-anders-kjaersig","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-22-chapter-22-matthaeus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18941","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18941"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18946,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18941\/revisions\/18946"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18947"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18941"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=18941"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=18941"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=18941"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=18941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}