{"id":18983,"date":"2023-10-26T14:30:00","date_gmt":"2023-10-26T12:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=18983"},"modified":"2023-10-26T15:39:03","modified_gmt":"2023-10-26T13:39:03","slug":"matthaeus-51-12-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-51-12-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,1-12"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Reformationstag | 31. Oktober 2023 |\u00a0Mt 5,1-12 | Friedrich Seven |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">1 \u00a0\u00a0Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich und seine J\u00fcnger traten zu ihm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">2 \u00a0\u00a0Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">3\u00a0 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">4 \u00a0\u00a0Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getr\u00f6stet werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">5 \u00a0\u00a0Selig sind die Sanftm\u00fctigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">6 \u00a0\u00a0Selig sind, die da hungert und d\u00fcrstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">7 \u00a0\u00a0Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">8 \u00a0\u00a0Selig sind die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">9\u00a0\u00a0 Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes hei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">10 \u00a0Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schm\u00e4hen und verfolgen\u00a0und allerlei B\u00f6ses gegen euch reden und dabei l\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">12 Seid fr\u00f6hlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.\u00a0Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde, es geh\u00f6rt schon Mut dazu, diesen Text heute zu lesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Berg, von dem herab Jesus gesprochen hat, scheint zumindest heute viel zu hoch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer m\u00f6chte denn von denen h\u00f6ren, die Frieden stiften wollen, wer davon, dass ausgerechnet <strong>sie<\/strong> das Erdreich besitzen werden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Soll man davon lesen und darauf h\u00f6ren, wenn doch jetzt die Waffen sprechen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn die Logik des Krieges gilt, m\u00fcssen Gegenschl\u00e4ge sein und ist Vergeltung angesagt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welche Gerechtigkeit kann denn noch gemeint sein, wenn gegen den Starken nur der St\u00e4rkere helfen kann, das Aushungern zur Logik geh\u00f6rt und die Verfolgung mit Sieg und Niederlage verschwistert ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da kann der Pazifismus wie Hohn wirken. Wer m\u00f6chte schon dem Volk, das sich verteidigen muss, in den Arm fallen und den Menschen auf den Bahren und an den Bahren, unter Tr\u00fcmmern und in Tr\u00fcmmern zurufen: <em>\u201eSelig sind die Leid tragen, denn sie sollen getr\u00f6stet werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was n\u00fctzt mir, der ich um der Gerechtigkeit willen verfolgt werde, dass mir das Himmelreich nahe ist; was hilft mir das, wenn die H\u00fctte brennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Seligpreisungen, wie dieser Predigttext landl\u00e4ufig genannt wird, haben heute einen schweren Stand und k\u00f6nnen kaum \u00fcber die Kirche hinausdringen. Diese Worte k\u00f6nnen doch nur vom Berg gesprochen werden und m\u00fcssen auf der Ebene verhallen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beweist ihre Lesung am Reformationsabend des Jahres 2023, in dem ein Gebietskrieg inzwischen in sein zweites Jahr gegangen ist, am Gaza der Schrecken immer noch zunehmen wird und unsere Wahrnehmung den ersten Krieg \u00fcberlagert, beweist die Lesung nicht, dass wir in der Kirche auf einem R\u00fcckzug sind? Glauben wir wirklich, dass wir mit dieser geh\u00f6rten Botschaft noch in den Alltag zur\u00fcckfinden werden? K\u00f6nnen wir reinen Herzens sein, wenn wir angesichts von \u00dcberfall und Geiselnahme diese Botschaft beherzigen wollen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gleich werden wir noch das ganze \u00fcberh\u00f6hen, wenn wir diese Seligpreisungen mit dem so sch\u00f6nen Lied <em>Gedenk an uns, o Herr, wenn Du in dein Reich kommst <\/em>(EG 307) singen, und man k\u00f6nnte sagen, mit diesem Gesang entfernen wir uns endg\u00fcltig von der Welt, um m\u00f6glichst teilnahmslos an den Platz im t\u00e4glichen Leben zur\u00fcckzukehren. Im t\u00e4glichen Leben k\u00f6nnen wir nicht \u00fcbersehen und \u00fcberh\u00f6ren, dass die \u201eheile\u201c Welt in unserer Welt keinen Platz hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch In diesem Lied aus dem Kiew des 17. Jahrhunderts sind die Seligpreisungen mit einem Vers verbunden, der sich an jede einzelne Seligpreisung anschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Durch diesen Kehrvers werden die Worte Jesu aus der Bergpredigt verbunden mit dem Wort eines mit Jesus gekreuzigten Mannes: \u00a0<em>Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst <\/em>(Lk. 23, 42).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir singen die Worte des Mannes am Kreuz. Mit ihm, der von seinem Leben nichts mehr erwarten konnte, einem Leben im Angesicht des Todes.\u00a0 Pl\u00f6tzlich aber in den letzten Momenten dieses Lebens begreift er, wer da neben ihm am Kreuz h\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er begreift, dass sein Leben anders h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, aber sich nun nicht mehr \u00e4ndern l\u00e4sst. Er ist jetzt ein anderer, wenn er ruft: <em>Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ist ganz darauf angewiesen sein, dass sich Jesus in seinem Reich seiner erinnert und seine Zusage bewahrheitet: <em>Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier in der Kirche, im Gottesdienst, k\u00f6nnen wir mit ihm rufen und sicher sein: Der Sohn Gottes, er wird uns nicht vergessen und uns in sein Reich mitnehmen, in dem wir endlich sanftm\u00fctig und zum Frieden fertig sein k\u00f6nnen. Reinen Herzens werden wir in der Klarheit Gottes sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber tr\u00e4gt uns bei dieser Hoffnung nicht eigentlich die blo\u00dfe Todessehnsucht, der fade Glaube, dass wir im Himmel einen reichen Verwandten haben, der uns <em>geistlich Arme <\/em>zu sich holen wird?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch wir rufen nicht: <em>Nimm uns mit, <\/em>sondern:<em> Gedenke an uns.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Herr soll uns in seines Vaters Reich nicht ohne Umst\u00e4nde nachholen, sondern an uns denken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser kleine Abstand zwischen dem Wunsch <em>Nimm uns mit<\/em> und der Bitte <em>Gedenke an uns <\/em>markiert unseren Ort in dieser Welt.\u00a0 <em>Wir sind Bettler<\/em>, wie es Martin Luther gesagt hat, und k\u00f6nnen eigentlich keine Forderungen an Gott erheben; denn Forderungen folgen der Logik der Erm\u00e4chtigung und Macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Logik gilt nicht vor Gott und nicht f\u00fcr ihn. Vor Gott gilt keine Mechanik.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser erster Ort in dieser friedlosen Welt ist uns vom Mann am Kreuz vorgezeichnet: Wir k\u00f6nnen vor Gott sein im Gebet. Unser Hauptort ist auch in der Welt nicht unbedingt die Kirche, aber unbedingt der Gottesdienst, und unser Haupttun ist das Beten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von diesem Ort und von diesem Handeln her k\u00f6nnen wir die H\u00e4nde r\u00fchren und das Unsere tun f\u00fcr die Opfer in Israel\u00a0 und im Gazastreifen. Humanit\u00e4re Hilfe k\u00f6nnen wir leisten, die macht uns nicht zu blinden Parteig\u00e4ngern. \u00a0Wir brauchen aber auch nicht denen mit einem zum Motto erhobenen Pazifismus in den Arm zu fallen, die sich verteidigen m\u00fcssen. Die Waffen, die wir eventuell liefern, m\u00fcssen wir aber nicht segnen. Segen kann nur auf Menschen liegen und Verteidigung darf nicht auf Vernichtung zielen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen mutig gegen den Antisemitismus eintreten, der sich nur zu gerne als Kritik an Israel tarnt und gegenw\u00e4rtig bei uns wieder auflebt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vom Ort des Gebets k\u00f6nnen wir aufbrechen und einen Platz finden, der uns Gott sei Dank nicht in die Kampfhandlungen f\u00fchrt, aber uns doch auf vielf\u00e4ltige Weise damit verbindet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei alledem k\u00f6nnen wir als Kirchengemeinde Gebetsgemeinschaft bleiben, so wie wir es jetzt wieder tun werden, wenn wir mit dem alten Gesang aus Kiew unsere Herzen zum Himmel aufsteigen lassen und rufen:<em>Gedenk an uns, o Herr, wenn Du in dein Reich kommst.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So folgen wir den Propheten, und so mag sich der Himmel f\u00fcr einen seligen Augenblick \u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor i. R. Dr. Friedrich Seven, Bad Lauterberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">e-mail: friedrichseven@t-online.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reformationstag | 31. Oktober 2023 |\u00a0Mt 5,1-12 | Friedrich Seven | 1 \u00a0\u00a0Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg. 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