{"id":19033,"date":"2023-11-02T11:52:12","date_gmt":"2023-11-02T10:52:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19033"},"modified":"2023-11-02T11:59:28","modified_gmt":"2023-11-02T10:59:28","slug":"1-johannes-212-14-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-212-14-2\/","title":{"rendered":"1. Johannes 2,12-14"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">22. Sonntag nach Trinitatis | 05.11.23 | 1. Joh. 2, 12 &#8211; 14 |\u00a0Ulrich Pohl |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur V\u00e4ter! Nur S\u00f6hne!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist un\u00fcbersehbar, der, der diese Zeilen geschrieben hat, ist ein Kind seiner Zeit. Ein kompetentes Gespr\u00e4ch \u00fcber Glaubensfragen hat man damals nur M\u00e4nnern zugetraut. Schade. In der fr\u00fchen Christenheit gab es zahlreiche Frauen, die eine entscheidende Rolle gespielt haben. Vielleicht r\u00fchrten die Probleme, die in unserem heutigen Bibelabschnitt zu erkennen sind, auch daher, die Herren Apostel waren zu sehr unter sich. Sie h\u00e4tten mehr auf die Frauen h\u00f6ren sollen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dieses &#8211; damals hei\u00dfe &#8211; Eisen anzufassen, dazu fehlte damals wohl einfach der Mut. Die christlichen Gemeinden befanden sich in einer Phase der allgemeinen Verunsicherung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vierzig Jahre war es her, da war der Apostel Paulus umhergezogen und hatte \u00fcberall im Mittelmeerraum Gemeinden gegr\u00fcndet. Die M\u00e4nner und Frauen der ersten Stunde waren voller Begeisterung, sie setzten alles ein, um zu Jesus zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch dann starb die erste Generation langsam aus. Das war f\u00fcr viele schwer zu verstehen. Hatte es nicht gehei\u00dfen, Jesus kommt wieder, und zwar bald, noch zu unseren Lebzeiten? Aber nun war niemand mehr in Sicht, der Jesus von Angesicht zu Angesicht gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer konnte noch Auskunft dar\u00fcber geben, wie Jesus wirklich war? War er wirklich ein Mensch? Oder war er nur ein g\u00f6ttliches Geistwesen, das allen so <em>vorkam<\/em> wie ein Mensch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was hatte er genau gesagt? Mitunter kommt es auf die Feinheiten an. Was hatte er wirklich gesagt? Worum ging es ihm? Was war sein Wille?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nicht zuletzt: Was f\u00fcr Menschen waren seine J\u00fcnger? Sie waren mit dem g\u00f6ttlichen in Ber\u00fchrung gekommen. Waren sie dadurch zu Heiligen geworden? Selbst zu G\u00f6ttern gar? Und was waren die, die Jesus jetzt nachfolgten, die ihm nachfolgen, ohne ihn je gesehen zu haben. Waren sie auch Heilige? Oder waren sie noch S\u00fcnder? Oder beides?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gab lange Debatten um diese Fragen. Hinzu kam, seit einigen Jahren waren immer mehr selbst ernannte Apostel in den Gemeinden unterwegs. Und die hatten nat\u00fcrlich L\u00f6sungen anzubieten, oh ja! Die wu\u00dften auf alles eine Antwort. Sie waren mitrei\u00dfende Redner. Die Gemeinden atmeten auf: So einen brauchen wir, der gibt uns Orientierung! Aber dann stellte sich heraus, das, was diese feurigen Prediger verbreiten, ist mit dem, was Jesus einst gelehrt hat, nicht in Einklang zu bringen. \u201eEs h\u00f6rt sich doch gut an\u201c, sagten die einen. \u201eAber es stimmt nicht\u201c, sagten die anderen. \u201eDa kann man sich doch nach richten!\u201c, sagten die einen. \u201eAber Jesus hat etwas anderes gesagt\u201c, sagten die anderen. \u201eWas hat er denn gesagt\u201c, erwiderten die ersten, \u201ekeiner von uns wei\u00df es, einer war dabei.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verunsicherung, lange Diskussionen, und schlie\u00dflich endloser Streit. Das ist der Tod jeder Gemeinde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was w\u00fcrde Jesus sagen? Was w\u00fcrde Jesus tun? Es war niemand mehr \u00fcbrig, der das h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur einen gab es noch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der, der die Zeilen unsers Abschnitts heute geschrieben hat, war der allerletzte, der Jesus noch mit eigenen Augen gesehen hatte. Johannes war sein Name, Johannes Sohn des Zebed\u00e4us. Er war einer der J\u00fcnger und einer der Apostel. Jesus selbst hatte ihn beauftragt, das Evangelium in alle Welt hinauszutragen. Uralt sei er geworden, wei\u00df man aus den fr\u00fcheren Schriften, und schlie\u00dflich als Bischof auf der Insel Patmos gestorben. Die drei \u201eJohannes\u201c-Briefe, sind nach ihm benannt. Hier meldet er sich zu Wort, um den Gemeinden noch einmal zu sagen, welchen Weg sie nehmen sollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ahnt, es k\u00f6nnte das letzte mal sein. Irgendwann wird auch er nicht mehr da sein. Dann m\u00fcssen die, die Jesus nachfolgen, die Richtung selbst finden. Dann m\u00fcssen sie den Weg alleine gehen, bis dass Jesus endlich wiederkommt. Der Apostel Johannes ahnt auch das: Die Zeit bis dahin kann lang werden. Generationen k\u00f6nnen ins Land gehen, bis es wieder so weit ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also mu\u00df das, was Jesus wollte, was er gesagt und getan hat, m\u00f6glichst genau weitergegeben werden, von einer Generation zur anderen. \u201eIch schreibe den V\u00e4tern. Ihr habt den erkannt und angenommen, der am Anfang steht. Ich schreibe den S\u00f6hnen, denn ihr habt das B\u00f6se, die Anfechtung \u00fcberwunden.\u201c Und als wollte der Apostel Johannes eine Menschenkette bilden, die sich an den H\u00e4nden fasst und \u00fcber die Zeiten hinweg reicht, wiederholt er das gleiche noch einmal in der Vergangenheitsform: \u201eIch habe den V\u00e4tern geschrieben \u2026 Ich habe den Kindern geschrieben \u2026 Ich habe den S\u00f6hnen geschrieben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am letzten Dienstag war Reformationstag. Wir haben dar\u00fcber nachgedacht, wie sich unsere Kirche erneuert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In unserem Predigtabschnitt heute beschreibt der Apostel Johannes, wie sich aus dem, was einst mit der Jesus-Bewegung begann, langsam so etwas wie eine Kirche entwickelt. Er wei\u00df, bald muss er sein Werk loslassen. Aber er hat eine Idee davon, was danach kommt, und die gibt er den Gemeinden mit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist die Idee, die Kirche bildet sich: Sie bildet sich an den \u00e4u\u00dferen Widerst\u00e4nden, die auf sie eindringen. Durch den Druck von au\u00dfen gewinnt sie sozusagen ihre \u00e4u\u00dfere Form.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zugleich bildet sie sich von innen. Sie bildet sich dadurch, dass die Generationen umsichtig mit einander umgehen. Die V\u00e4ter geben den S\u00f6hnen weiter; f\u00fcr heute gesagt, die M\u00fctter und V\u00e4ter unserer Gemeinden geben den J\u00fcngeren das Wissen darum weiter, worauf es ankommt. Dazu ist der Konfirmandenunterricht da. Dazu gibt es evangelische Kinderg\u00e4rten. Dazu gibt es die Jugendarbeit. Darin bildet sich die geistige Kraft der Kirche. Darin bildet sich die innere Substanz einer Gemeinde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir leben in einer Zeit, in der sich die Generationen gegenseitig viele Vorw\u00fcrfe machen. Von \u201ealten wei\u00dfen M\u00e4nnern\u201c h\u00f6rt man mitunter, von einer \u201eBoomer-Generation\u201c, die Schuld sei, dass die Welt in einem so beklagenswerten Zustand ist. Zugleich ermuntert man die jungen Menschen in der Haltung, ihr wi\u00dft schon alles, die Welt geht demn\u00e4chst unter, die Alten haben es nur noch nicht begriffen. Das was ihr tun m\u00fc\u00dft, ist das Lernen zu verweigern und f\u00fcr die Zukunft zu streiken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Apostel Johannes erkennt, es kommt darauf an, die Generationen m\u00fcssen von einander das beste denken. So zollt er den erwachsenen Generationen gro\u00dfen Respekt: Die V\u00e4ter und M\u00fctter haben Jesus als ihren Herrn angenommen. Sie sollen weitergeben, was sie selbst einmal gelernt und erkannt haben. Die S\u00f6hne und T\u00f6chter m\u00fcssen mit den Herausforderungen ihrer Zeit neu fertig werden. Wohlgemerkt: Gemeint sind nicht die 8 bis 18j\u00e4hrigen. Sie sind noch dabei, in diese Welt hineinzufinden. Sie sollen lernen, sie zu verstehen. S\u00f6hne und T\u00f6chter &#8211; gemeint sind vielmehr die Gestalter von heute, die erwachsenen S\u00f6hne und T\u00f6chter. Sie haben selbst schon Kinder, haben schon etwas hinter sich, haben etwas geleistet. Sie haben das B\u00f6se \u00fcberwunden, schreibt der Apostel Johannes. Das ist ein gro\u00dfes Kompliment und ein Grund, stolz zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sorgen uns um unsere Gemeinde. Wir fragen uns, was wird aus ihr und was kommt morgen. Internet, soziale Medien, Kriege und Epidemien: Mit immer mehr von dem, was an neuen Herausforderungen auf die Gemeinde eindringt, sind die, die schon lange die Entscheidungen treffen, \u00fcberfordert. Wenn wir das empfinden, wird es Zeit, das, was wir haben, in die H\u00e4nde derer zu legen, die nach uns kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Aufgabe aller ist es, die Kindergeneration, die danach kommt, zu bilden. Ihr nahe zu bringen, worauf es beim christlichen Glauben ankommt: Wie wir leben sollen, wie wir sterben sollen, wie wir einander begegnen sollen und wie wir Gott gegen\u00fcbertreten sollen. Wenn wir das aufrichtig und nach bestem Wissen weitergeben, dann d\u00fcrfen wir, wenn andere einmal die Geschicke der Gemeinde \u00fcbernehmen, getrost loslassen. Die, die nach uns kommen, werden das Schwierige, was kommt, zu meistern wissen. Dann werden die \u00c4lteren stolz sein auf das, was die S\u00f6hne und T\u00f6chter schaffen. Die J\u00fcngeren werden den M\u00fcttern und V\u00e4tern mit Respekt und Liebe begegnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So schreibt sich fort, was der Apostel Johannes vor 2000 Jahren im Werden gesehen hat. Ich schreibe den V\u00e4tern. Ich schreibe den M\u00fcttern. Ich schreibe den T\u00f6chtern. Ich schreibe den S\u00f6hnen. Auch den Kindern schreibe ich. Haltet fest an dem, was ihr erkannt habt. \u00dcberwindet alle Anfechtung. Seid euch nicht zu schade, den Kampf gegen das B\u00f6se wagen, mitunter ist das unumg\u00e4nglich. So wird eure Gemeinde wachsen und stark werden. So geht unsere Kirche durch die Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Sonntag nach Trinitatis | 05.11.23 | 1. Joh. 2, 12 &#8211; 14 |\u00a0Ulrich Pohl | Nur V\u00e4ter! Nur S\u00f6hne! Es ist un\u00fcbersehbar, der, der diese Zeilen geschrieben hat, ist ein Kind seiner Zeit. Ein kompetentes Gespr\u00e4ch \u00fcber Glaubensfragen hat man damals nur M\u00e4nnern zugetraut. Schade. 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