{"id":19062,"date":"2023-11-10T08:56:29","date_gmt":"2023-11-10T07:56:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19062"},"modified":"2023-11-10T08:56:29","modified_gmt":"2023-11-10T07:56:29","slug":"roemer-818-25-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-818-25-4\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8,18-25"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">23. Sonntag nach Trinitatis | 12.11.2023 | R\u00f6m 8,18-25 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDenn sehet, spricht Jesus im Evangelium, das Reich Gottes ist mitten unter euch.\u201c Ich m\u00f6chte ihn fragen: Wo denn? Die Botschaft h\u00f6r ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Himmlisch geht es nicht zu auf der Welt. Kein Land, wo Milch und Honig flie\u00dfen, kein Utopia in Sicht. Eher scheint mir die H\u00f6lle ihre Pforten ein bisschen weiter als sonst ge\u00f6ffnet zu haben. Wir werden t\u00e4glich mit schlechten Nachrichten \u00fcberflutet, mit Hiobsbotschaften attackiert, mit <em>bad news<\/em>bombardiert: Konflikte, Kriege, Krisen wohin man sieht. Die Erde \u00e4chzt und st\u00f6hnt \u00fcber die Klimakrise und rei\u00dft uns alle mit, Gewalt bricht sich vielerorts die Bahn und Hass entl\u00e4dt sich auf unseren Stra\u00dfen. Da braut sich nichts Gutes zusammen. Demokratie wirkt erbleicht, Angst lodert in hohen Flammen und stellt Freiheit und Empathie in den Schatten: Wir schaffen das nicht. Statt rosiger Aussichten drohen d\u00fcstere Prognosen. So mancher h\u00e4lt es mit Karl Valentin: \u201eDie Zukunft war fr\u00fcher auch besser.\u201c Angesichts des gro\u00dfen Leids in der Welt mag sich vielleicht der ein oder andere fragen: Fallen die Sorgen, \u00c4ngste und Schmerzen meines eigenen kleinen Lebens eigentlich noch ins Gewicht?\u00a0 Ich denke schon. Der Druck w\u00e4chst in so manchem Arbeitsleben, die allt\u00e4glichen Belastungen steigen, Inflation, Abstiegs\u00e4ngste, Depression machen sich breit. <em>Bad news<\/em> \u2013 jeden Tag, \u00fcberall.\u00a0 \u201eDenn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.\u201c Geh\u00f6rt diese frohe Botschaft, die wir heute in so vielen Kirchen h\u00f6ren, etwa zu den unz\u00e4hligen <em>fake news <\/em>dieser Welt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Paulus schreibt: 18\u00a0Denn ich bin \u00fcberzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. 19\u00a0Denn das \u00e4ngstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20\u00a0Die Sch\u00f6pfung ist ja unterworfen der Verg\u00e4nglichkeit \u2013 ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat \u2013, doch auf Hoffnung; 21\u00a0denn auch die Sch\u00f6pfung wird frei werden von der Knechtschaft der Verg\u00e4nglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22\u00a0Denn wir wissen, dass die ganze Sch\u00f6pfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. 23\u00a0Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erl\u00f6sung unseres Leibes. 24\u00a0Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? 25\u00a0Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mich beeindruckt das. Paulus gibt mir ein wenig Antwort auf die Frage, wo und wie ich das Reich Gottes finden kann. Zwei Dinge tr\u00f6sten mich: Das Leiden-d\u00fcrfen und das Hoffen-k\u00f6nnen. Paulus verleugnet das Leiden nicht. Die Sch\u00f6pfung darf seufzen, sich in Sehnsucht wie in Wehen winden, auch wir Menschen d\u00fcrfen das. Das ist mir wichtig. Wir d\u00fcrfen klagen, fragen, ja sogar wie Hiob den Tag unserer Geburt verfluchen. Das hat mit Rumjammern, Sich-Anstellen oder Haltungslosigkeit nichts zu tun, sondern das kann der erste Schritt aus dem Schmerz sein. Ich habe in der Wohnung eines Freundes einmal ein Wandtattoo gesehen, das es auf den Punkt bringt: \u201eThe cure for pain is in the pain. These pains you feel are messengers. Listen to them\u201c (nach den Worten von Rumi, dem persischen Dichter und islamischen Mystiker aus dem Mittelalter). Klingt vielleicht paradox, aber der Schmerz zeigt, wo etwas nicht in Ordnung ist, wo ich etwas tun muss oder andere. Den Schmerz zuzulassen und auszusprechen, vielleicht auch hinauszuschreien, ist besser als stumm zu leiden, Angst herunterzuschlucken und Unrecht totzuschweigen, w\u00e4hrend es im Inneren pocht und h\u00e4mmert, donnert und dr\u00f6hnt und es sich so anf\u00fchlt, als w\u00fcrde man von innen totgeschlagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt veranstaltet dieser Tage einen Wettbewerb f\u00fcr Jugendliche mit dem Thema \u201eStimmen der Krise\u201c. Es sind ber\u00fchrende Worte zwischen Trauer und Trotz, Klage und Anklage, Frage und Antwort. Geschichten von eigenen Fluchterfahrungen und von Polarb\u00e4ren in Gefahr, weil ihnen der Boden unter den Pfoten wegschmilzt; Geschichten von entt\u00e4uschter Liebe oder auch der be\u00e4ngstigenden Entdeckung, dass aus Kriegsspielen am PC pl\u00f6tzlich in so vielen Teilen der Welt bitterer Ernst geworden ist; Geschichten von der Angst, im Meer schlechter Nachrichten zu ertrinken, und dem Mut trotzdem weiter zu schwimmen. \u201eStimmen der Krise\u201c. Ehrliche Worte, die nichts kaschieren oder sch\u00f6nreden, auch nicht dramatisieren oder im Panikmodus medial inszenieren. Schlicht Worte, die keine Angst vor der Angst haben, sondern sagen: Es tut weh. Damit beginnt die Heilung. \u201eThe cure for pain is in the pain.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist das eine. Das andere ist die Hoffnung. \u201eDenn wir sind gerettet auf Hoffnung hin\u201c (R\u00f6m 8,24). Gottes Geist ist in dieser Welt, manchmal sp\u00fcrbar, manchmal versteckt und verdeckt, doch er ist da. All das, was wir erleben und erleiden, was uns leise bedroht oder lauthals niederbr\u00fcllt, hat nicht das letzte Wort. Da ist mehr. Eine Gewissheit, die ich nicht beweisen oder begr\u00fcnden kann, die in mein Leben strahlt, so dunkel es auch sein mag; eine Gewissheit, die mich manchmal streift und meine Schritte leicht macht und mein Herz springen und singen l\u00e4sst und ich wei\u00df nicht, wie und warum. Sie kommt und geht wie ein Blitz, der f\u00fcr einen Moment alles in Licht taucht, und f\u00e4hrt mir durch Mark und Bein wie ein Donnerschlag, der lange nachhallt. Daraus n\u00e4hrt sich meine Hoffnung. Meine Hoffnung ist weder toxische Positivit\u00e4t noch Zweckoptimismus und hat auch mit Durchhalteparolen nichts zu tun. Meine Hoffnung brennt in mir wie eine Flamme, wenn alles kalt und klamm ist. Echte Hoffnung ist wie ein \u201eVogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist\u201c (Tagore). Dadurch wird die Nacht nicht hell, aber im Lied des Vogels klingt der Morgen in das Dunkel hinein. Diese Hoffnung l\u00e4hmt und bet\u00e4ubt mich nicht, sie ist keine Vertr\u00f6stung, sondern Trost. Sie setzt mich in Gang. Gewiss, ich kann den Himmel nicht auf die Erde holen, aber ich kann mich kann mich mit meiner kleinen Kraft wie so viele gegen die Pforten der H\u00f6lle stemmen. \u201eDie Tugend des Alltags ist die Hoffnung, in der man das M\u00f6gliche tut und das Unm\u00f6gliche Gott zutraut.\u201c (Karl Rahner) Es tut gut, mir und anderen, vom Katastrophenmodus in den Hoffnungsmodus wechseln und das zu tun, was ich tun kann. Wahrheit ist immer konkret und es sind die kleinen Taten, die wir allt\u00e4glich tun k\u00f6nnen und die es besser machen f\u00fcr uns und andere: nicht \u00d6l ins Feuer gie\u00dfen, sondern Br\u00e4nde l\u00f6schen; kein Salz in die Wunden streuen, sondern Wunden heilen und Leiden lindern; \u00c4ngste nehmen, statt sie zu sch\u00fcren; keinen Willen brechen, sondern andere aufrichten und ihr R\u00fcckgrat st\u00e4rken. Vieles liegt an uns, jeden Tag und jede Nacht, doch alles liegt in Gottes Hand: unser Schmerz und unser Scheitern, unsere kleine Kraft und unsere gro\u00dfe Hoffnung.\u00a0 \u201eDenn sehet, spricht Jesus im Evangelium, das Reich Gottes ist mitten unter euch.\u201c &#8211; Mitten im Schmerz und mitten in der Hoffnung w\u00e4chst es best\u00e4ndig und subversiv. Gottes Reich ist keine Utopie. Es ist das zarte Lied eines Vogels mitten im dystopischen Donnern und Dr\u00f6hnen unserer so verletzten und verletzlichen Welt. Sein Lied klingt weiter, wenn all das Tosen und Toben des Todes verstummt und nichts als Friede ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">PD Dr. Martina Jan\u00dfen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23. Sonntag nach Trinitatis | 12.11.2023 | R\u00f6m 8,18-25 | Martina Jan\u00dfen | \u201eDenn sehet, spricht Jesus im Evangelium, das Reich Gottes ist mitten unter euch.\u201c Ich m\u00f6chte ihn fragen: Wo denn? Die Botschaft h\u00f6r ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Himmlisch geht es nicht zu auf der Welt. 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