{"id":19065,"date":"2023-11-16T11:58:12","date_gmt":"2023-11-16T10:58:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19065"},"modified":"2023-11-16T11:58:12","modified_gmt":"2023-11-16T10:58:12","slug":"matthaeus-2531-46-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2531-46-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,31-46"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Spannungsvoll | Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres | 19.11.23 | Mt 25,31-46 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ein sch\u00f6ner Text, nicht wahr, wenn da nur nicht diese Passagen \u00fcbers Gericht w\u00e4ren. Die Stellen m\u00f6chte ich gerne \u00fcberlesen oder einfach beiseitelassen. Zum Beispiel das Fegefeuer, das ist ja seit der Reformation abgeschafft. Ja, meine Ablehnung gegen die Bilder des Weltgerichtes l\u00e4sst sich nicht verleugnen. Erschaudernd denke ich an die grausamen Darstellungen an Kirchent\u00fcren oder Alt\u00e4ren, an diese ganze Angstmacherei, die so viele Menschen in der Vergangenheit und vielleicht auch Gegenwart leiden liess. Brrr. Sofort bin ich weit weg von Matth\u00e4us und seinem Text. Also: Zur\u00fcck zur Bibel, zur\u00fcck zum Vers 31: <em>Der Menschensohn wird wiederkommen in seiner Herrlichkeit mit allen Engeln und er wird sich auf den Herrscherthron setzen. Alle V\u00f6lker werden vor dem Menschensohn versammelt. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das t\u00f6nt doch eigentlich ganz grossartig. Der Menschensohn setzt sich in all seiner Herrlichkeit auf den Thron, flankiert von Engeln und alle V\u00f6lker kommen vor ihm zusammen. Ich stelle mir ein riesengrosses Wiedersehen vor. Lang vermisste Familienmitglieder liegen sich in den Armen, alte Freunde und Freundinnen tauschen sich aus, bisher unbekannte Menschen lernen sich kennen. Ein fr\u00f6hliches Wiedersehen \u2013 jetzt endlich! Darauf haben einige so lange gewartet. Ja, die Freude ist so gross, dass auch Vers\u00f6hnung m\u00f6glich ist: Nichts, was zu Lebzeiten getrennt hatte, ist jetzt noch wichtig. Herkunft? Bildung? Wohlstand? Nein, alle versammeln sich vor dem einen, der \u00fcber ihnen steht: Jesus Christus, dem Menschensohn auf dem Thorn. Er vollendet, was bereits angek\u00fcndigt worden war. Was im Leben erst als Vorgeschmack vorkam, wird nun voll und ganz erf\u00fcllt. Das Bruchst\u00fcckhafte f\u00fcgt sich zu einem Ganzen, das Unvollkommene wird heil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das ist nur der Anfang: Nun kommt die Trennung. Nun wird unterschieden, aussortiert, verurteilt und zwar ohne Verh\u00f6r oder Verhandlung, ohne Beweisst\u00fccke und Verteidigung. Kein Heil f\u00fcr alle, keine Vollendung f\u00fcr alle. So kennen wir\u00b4s ja zu Gen\u00fcge von uns Menschen: vergleichen, trennen, unterscheiden, beurteilen, verurteilen, ja, sogar vorverurteilen. Rechts und links, arm und reich, gerecht und ungerecht, veraltet und top modern, dabei und draussen\u2026 Wie ein Hirte seine Herde sortiert, macht es Jesus mit den versammelten Menschen. Er ist der Richter. Und ich bin entt\u00e4uscht: Warum muss es diese Trennungen und Spaltungen auch im Himmel geben? Warum diese Verurteilungen? Gesegnete und Verfluchte. Ewige Strafe und ewiges Leben. Und dann so eindeutig und absolut. Es scheint dem Richter allzu leicht zu fallen. Entt\u00e4uschend leicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der fr\u00f6hliche Traum von der himmlischen Zusammenkunft wird zum brutalen Albtraum, jedenfalls dann, wenn wir hier stehen bleiben. Darum: Lesen wir doch rasch weiter:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war krank, und ihr habt euch um mich gek\u00fcmmert.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war im Gef\u00e4ngnis, und ihr habt mich besucht.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist der Massstab f\u00fcr das Urteil des Weltrichters. Anhand dieser Verse k\u00f6nnen wir auf unser Leben zur\u00fcckschauen, unser Verhalten reflektieren und auch \u00e4ndern. Wir wissen bereits im Voraus, um was es geht, was verlangt ist, was z\u00e4hlt \u2013 dank Matth\u00e4us, dank der Botschaft Jesu Christi. Die Liste der Liebeswerke, wie sie gern genannt wird, \u00fcberrascht uns nicht wirklich, oder? Wir kennen sie eigentlich gut. Ja, wir w\u00fcssten schon l\u00e4nger drum. Und so ging es den Menschen damals auch. Es war eine g\u00e4ngige Aufz\u00e4hlung, eine gew\u00f6hnliche Forderung. Nichts Verr\u00fccktes, nichts \u00dcbermenschliches. Nur eines hat die Lesenden \u00fcberrascht: Die Ich-Form, welche Jesus braucht. \u00abIch war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben\u00bb. Das \u00fcberrascht. Das hat niemand gewusst, weder diejenigen, die halfen, noch diejenigen, denen geholfen wurde. Die Botschaft ist klar: Ihr findet mich dort, wo Menschen Not leiden, wo Menschen Hilfe brauchen, wo Menschen \u00abgering\u00bb sind. Und dort, wo sie geachtet werden, wo ihnen geholfen wird, wo ihre Not gesehen und geh\u00f6rt wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe ist der Massstab des Weltgerichtes, so teilt es uns Matth\u00e4us deutlich mit. Jesus nachzufolgen heisst zu tun, was er getan hat, zu wirken, wie er gewirkt hat und das Liebesgebot ernst zu nehmen. Unser Handeln an den \u00abGeringsten\u00bb ist entscheidend, nicht unser Bekennen oder der regelm\u00e4ssige Gottesdienstbesuch oder unsere Begabungen. Und irgendwie geht es noch weiter: Das G\u00f6ttliche in denen sehen, die alles andere als g\u00f6ttlich wirken. Jesus dort suchen, wo kein Thron, keine Macht, keine Herrlichkeit ist, sondern Elend, Armut, Unterdr\u00fcckung. Sogar die lieben, welche uns feindlich gesinnt sind \u2013 oder wir ihnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein totaler Haltungswechsel, der hier gefordert wird: Dort, wo wir verzweifelte, durstige, kranke, gefangene Menschen sehen, sieht Jesus Br\u00fcder und Schwestern, ja, noch mehr: Er sieht Menschen, wie er selber einer ist. Darum geht es in der N\u00e4chstenliebe nicht einfach darum zu helfen, sozusagen von oben herab etwas Gutes zu tun, nein, es geht viel mehr darum, sich als Gleichwertige zu sehen, von Mensch zu Mensch zu handeln. Hilfe darf anderen Menschen nie die W\u00fcrde nehmen und sie zu Hilfsempfangenden degradieren. Hilfe dr\u00fcckt das Wissen darum aus, dass ich genau gleich auf Hilfe angewiesen bin, dass ich genauso auch auf der anderen Seite stehen k\u00f6nnte, dass wir einander auf Augenh\u00f6he begegnen. Die Rede des Weltrichters ist also eine Herausforderung an unseren Blick auf andere Menschen. Und erst dann auch an unser Handeln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sch\u00f6n und gut, aber dann kommt ja doch wieder diese Trennung, die Verurteilung und die furchtbare Strafe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist das gerecht? Wenn ich an die Untaten gewisser Menschen denke, ja, dann finde ich das mehr als gerecht. Sollen die doch im Feuer schmoren und leiden, wie so viele andere unter ihnen gelitten haben! Aber ich weiss: G\u00f6ttliche Gerechtigkeit hat nichts mit menschlicher Gerechtigkeit zu tun und schon gar nicht mit meinen niederen Rachegef\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">G\u00f6ttliche Gerechtigkeit haben wir gerade auch in den Evangelien als Barmherzigkeit kennen gelernt. Dort auf dem Thron des Weltrichters sitzt der Erl\u00f6ser, der Retter. Matth\u00e4us nennt ihn in seinem Evangelium \u00abImmanuel\u00bb, also \u00abGott mit euch\u00bb. Es ist ein ganz anderes Gottesbild als das vom verurteilenden und strafenden Gott. Gott ist mit euch! Gott ist Liebe. Aus der Kombination mit dem Bild des Weltrichters ergibt sich eine Spannung, die wir nie aufl\u00f6sen werden. Sie macht f\u00fcr mich den Gerichtstext immer ein St\u00fcck weit unaushaltbar. Spannungsvoll ist aber wohl der ganze Text, auch die Forderung nach Liebeswerken und N\u00e4chstenliebe: Das Leben zeigt mir meine eigene Begrenztheit auf. Ja, ich kenne die ethischen Forderungen, aber ich weiss auch, wie oft ich daran scheitere. Ob das reicht, was ich an Gutem tue? Und wie ist es jetzt mit dieser respektvollen Haltung anderen gegen\u00fcber? Sehe ich andere wirklich als Gleichwertige an? Halte ich das \u00fcberhaupt aus oder f\u00fchle ich mich zu klein?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich muss nicht urteilen, weder \u00fcber mich noch \u00fcber andere. Ich darf meine Ohren \u00f6ffnen f\u00fcr die Fragen, die der Text mir ins Heute stellt: Wo wirkst du? Und wo machst du nichts? Und wie schaust du hin? Und wo schaust du weg? Welche Haltung hast du gegen\u00fcber anderen? Und wo h\u00e4ltst du dich raus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das G\u00f6ttliche finden wir in der Liebe, so hat es Jesus vorgelebt. Und er fordert von uns, dass wir unser Leben ebenfalls unter die Liebe stellen: Liebe Gott und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. So einfach w\u00e4re es\u2026 Und weil\u00b4s doch nicht so einfach ist, zur Verdeutlichung nochmals eine etwas andere Variante aus Malawi, einem Land in Ostafrika:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war hungrig, und ihr habt einen Verein mit humanit\u00e4ren Zielen gegr\u00fcndet, wo ihr \u00fcber meinen Hunger diskutiert habt. Ich danke euch!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war im Gef\u00e4ngnis, und ihr seid zur Kirche gelaufen, um f\u00fcr meine Befreiung zu beten. Ich danke euch!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war nackt, und ihr habt die moralischen Konsequenzen meiner Nacktheit ernsthaft beleuchtet.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war krank, und ihr habt den Krankenwagen fotografiert und auf Instagram gestellt und Gott daf\u00fcr gedankt, dass ihr gesund seid.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war ohne Dach \u00fcber dem Kopf, und ihr habt den Reichtum der Liebe Gottes gepredigt.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ihr seid fromm und so nahe bei Gott. Aber ich, ich habe immer noch Hunger, ich bin allein, nackt, krank und gefangen ohne Dach \u00fcber dem Kopf. Ich friere\u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>(Quelle: Sinndeuter 5, Guido H\u00fcgen OsB, Georgsverlag)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spannungsvoll | Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres | 19.11.23 | Mt 25,31-46 | Nadja Papis | Liebe Gemeinde, ein sch\u00f6ner Text, nicht wahr, wenn da nur nicht diese Passagen \u00fcbers Gericht w\u00e4ren. Die Stellen m\u00f6chte ich gerne \u00fcberlesen oder einfach beiseitelassen. Zum Beispiel das Fegefeuer, das ist ja seit der Reformation abgeschafft. 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