{"id":19129,"date":"2023-11-30T17:58:33","date_gmt":"2023-11-30T16:58:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19129"},"modified":"2023-11-30T17:58:33","modified_gmt":"2023-11-30T16:58:33","slug":"lukas-416-30-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-416-30-3\/","title":{"rendered":"Lukas 4,16-30"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Haltet die Hoffnung hoch \u2013 jeden Tag | Erster Sonntag im Advent | 03.12.23 | Lukas 4,16-30 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Jan Sievert Asmussen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Menschen haben Lieblingsausdr\u00fccke, die sie willentlich oder unwillentlich immer wieder verwenden. Worte, die immer wieder vorkommen. Der Evangelist Lukas hat auch seinen Lieblingsausdruck. Es ist das Wort &#8222;heute&#8220; &#8211; oder <em>semeron<\/em> auf Griechisch. Der Engel sagt den Hirten in Betlehem: <em>&#8222;Heute<\/em> ist der Heiland geboren!&#8220; <em>&#8222;Heute<\/em> werde ich Gast sein in deinem Haus&#8220;, sagt Jesus dem Z\u00f6llner Zach\u00e4us. <em>&#8222;Heute<\/em> werde ich mit Dir sein im Paradies&#8220;, tr\u00f6stet Jesus am Kreuz den sterbenden R\u00e4uber an seiner Seite &#8211; so jedenfalls in der Erz\u00e4hlung des Lukas. Dazu das gro\u00dfe<em>&#8222;heute&#8220; <\/em>mit voller Emphase im Bericht \u00fcber Jesus in der Synagoge: <em>&#8222;Heute<\/em> ist dieses Wort der Schrift erf\u00fcllt vor euren Ohren\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Heute, heute, heute!&#8220; Mit diesem &#8222;heute!&#8220; unterstreicht Lukas in st\u00e4rkster Weise: Die Sache mit Jesus ist keine stets ferne Vergangenheit, sondern akut nahe Gegenwart. Die Zeit vergeht. In jeder Mitternachtsstunde wird ein <em>&#8222;heute&#8220;<\/em>zum <em>&#8222;gestern&#8220;.<\/em> Und wenn <em>&#8222;heute&#8220; <\/em>zum <em>&#8222;vorgestern&#8220;<\/em> oder <em>&#8222;Jahre zur\u00fcck&#8220; <\/em>geworden werden sind, bleibt vom <em>&#8222;heute&#8220;<\/em>nur ein Hauch der Erinnerung im Dunkel des Vergessens. Es wird bedeutungslos wie alte Zeitungen, die herumliegen \u2013 nur n\u00fctzlich zum Einpacken von Fischen oder als Z\u00fcndmittel im Ofen. <em>Scharf, akut, jetzt <\/em>ist nur der gegenw\u00e4rtige Moment.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Christus also irgendeine Bedeutung haben soll, reicht es nicht zu sagen: <em>&#8222;Vor langer, langer Zeit in einer fernen, fernen Galaxie&#8220;.<\/em> Nein, falls Christus \u00fcberhaupt des Bekenntnisses und der Anbetung wert sein soll, m\u00fcssen wir wie Lukas ein &#8222;<em>heute&#8220;<\/em> finden und behaupten. Es ist mit Christus wie mit Allem: <em>Jetzt oder nie!<\/em> Die Frage lautet also: Wer kann Christus eigentlich sein f\u00fcr uns \u2013<em> heute?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gen\u00fcgt nicht, die Bibel als Erz\u00e4hlung aus einer fernen Vergangenheit zu lesen \u2013 die Zeit der Wunder, der Engel, der Antike: <em>Gestern.<\/em> Es gen\u00fcgt auch nicht zu sagen: Irgendwann in der Zukunft werden Hoffnungen erf\u00fcllt, bekommt die Liebe festen Halt, waltet der Friede und alles wird gut. Es ist zu billig, Christus in alten Sagen und ferner Zukunftsmusik zu verorten. Nein: Wer ist Christus f\u00fcr uns in jenem <em>&#8222;heute&#8220;, <\/em>welches sich die ganze Zeit verschiebt? Genau dort, wo wir gerade sind?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist der erste Sonntag im Advent. Wir sind schon in einem Winter, der uns Sorgen macht. Menschen, die wir kennen, werden durch diesen Winter erkranken. Wir werden an die Frierenden in der Ukraine denken, deren Stromversorgung gebombt werden wird. Wir werden Spuren des Krieges in Gaza auch in unserer Gesellschaft sp\u00fcren. Unsere Wirklichkeit scheint uns wie eine Seifenblase, die zwar lange geschwebt hat, ihre Oberfl\u00e4che beginnt sich aber jetzt zu marmorieren. Bald wird sie bersten. Deshalb: Wer ist Christus f\u00fcr all dies, also in unserem <em>heute?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Synagoge von Nazareth wird eine Antwort formuliert. Als Jesus die Thorarolle \u00f6ffnet, liest er aus dem Propheten Jesaja \u00fcber <em>gute Botschaft den Armen, den Blinden, dass sie sehen sollen<\/em> und ein <em>Gnadenjahr des Herrn &#8211; <\/em>Letzteres bedeutet eine Vergebung aller Schuld und eine Aufhebung aller Schulden und damit eine Chance des Neuanfangs. So steht&#8217;s im alten Buch. Als Jesus jedoch sagt: <em>&#8222;Heute ist dieses Wort der Schrift erf\u00fcllt&#8220;,<\/em> wandert der Blick vom Buch auf Jesus selber. Er behauptet, dieses Neue sei in ihm, mit ihm. Das Evangelium fasst es in Worte: Eine neue soziale Rangordnung, wo die Armen gl\u00fccklich werden, Kinder reich werden und die M\u00e4chtigen in den Schwachen ein Vorbild bekommen. Eine R\u00fcckf\u00fchrung der Ausgeschlossenen zur Gemeinschaft und ein Neuanfang f\u00fcr jene, die festsitzen: Mit all dem kam er und lehrte seine J\u00fcnger, genau um dieses zu beten: &#8222;Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern&#8220;.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus selber war Protagonist dieser neuen Ordnung. Aber sie steht und f\u00e4llt nicht mit ihm. &#8222;Macht andere zu meinen J\u00fcngern&#8220;, sagt er. Das hei\u00dft: Lasst Liebe und Barmherzigkeit, G\u00fcte und Hoffnung wachsen wie Brot, das aufgeht und mit vielen geteilt wird. Und seht, sagt Jesus: Wo das geschieht, dort bin ich mitten unter euch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als die Leute in der Synagoge ihn dieses sagen h\u00f6rten, &#8222;gaben sie ihm ihren Beifall und wunderten sich \u00fcber seine gnadenvollen Worte.&#8220; Genau das war ihr &#8222;<em>Heute-Erlebnis&#8220;.<\/em> Das alte Buch wurde ersetzt durch die Person Christi. An anderer Stelle in der Bibel wird dieser \u00dcbergang bildlich beschrieben: Jesus schluckt das Buch, mach es zu seinem K\u00f6rper. Jesus wird zur wandernden Thora. Die lebendige Thora.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit finden wir Mut, die Frage zu beantworten, wer er heute f\u00fcr uns ist. Lukas hilft uns durch den Bericht \u00fcber Jesus in der Synagoge in Richtung einer Antwort: Christus befindet sich dort, wo wir das Gnadenvolle genau <em>jetzt<\/em> finden, das unser Beifall und unsere Freude weckt. Gnadenvolles gibt es an allen Ecken und Enden. Gnadenvoll wie ein Mensch, der sein Leben zu Ende gelebt hat und sagt: <em>Heute<\/em> bin ich bereit zu sterben. Gnadenvoll wie ein Mensch, der h\u00e4ndewringend zum Krebsgespr\u00e4ch mit dem Oberarzt ging und die Klinik verlie\u00df mit einem: &#8222;Die Chemotherapie hat geholfen!&#8220; Gnadenvoll wie der Vater, der im selben Krankenhaus, die vierj\u00e4hrige Tochter an der Hand, mit leichten Schritten geht, die erz\u00e4hlen: <em>Heute<\/em> bekamen wir eine kleine Schwester! Gnadenvoll wie junge Gesichter, die durch schlechte Prognosen nicht niedergeschlagen sind, sondern im str\u00f6menden Regen hoffnungsvoll ihre Banner tragen wie kleine Soldaten im globalen Klimakampf. Gnadenvoll wie einer, der sich nach einem Umzug zum ersten Mal zu Hause f\u00fchlt. Gnadenvoll wie einer, der sagen kann: Heute bekam ich unerwarteten Besuch. Heute sah ich eine Schwanzmeise, heute schien die Wintersonne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Solche Sachen sind gnadenvolle, wundervolle Dinge, die wir sehen und die in Erf\u00fcllung gehen vor unseren Ohren. Wo das geschieht, dort ist Christus f\u00fcr uns heute. &#8222;Was vorher erz\u00e4hlt wurde, ist jetzt geschehen. Jetzt erz\u00e4hle ich das Neue&#8220; \u2013 dieses Neue gibt es nicht nur in alten B\u00fcchern. Es findet statt in unserem <em>heute.<\/em> Das Gnadenvolle und Hoffnungsvolle war kein antikes Ph\u00e4nomen. Es geschieht bei uns <em>heute.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund f\u00fcr das Volk&#8220; \u2013 wir h\u00f6rten als Lesung diese Worte des Jesaja (Jes. 42,6). Wir wollen die alten B\u00fccher mit heutiger Wirklichkeit ersetzen, und darum m\u00fcssen wir unser Blick wenden: Von der Lesung \u00fcber das Licht <em>von damals <\/em>zum Licht <em>heute.<\/em> Ja, noch mehr: Wir m\u00fcssen selber leuchten. Christsein ist kein Studium, keine Andacht in alter Kultur, sch\u00f6ner Kunst und alten Kathedralen. Denn Christus hat das alte Buch geschlossen und durch sich selbst ersetzt: <em>&#8222;Heute<\/em> sind diese Worte in mir erf\u00fcllt&#8220;. Es gen\u00fcgt keineswegs, alte Worte \u00fcber Frieden und Liebe und Freiheit zu zitieren. Es muss ein <em>&#8222;heute<\/em>&#8220; geben, um all dieses zu verwirklichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um dieses <em>&#8222;heute&#8220;<\/em> dreht sich der ganze geistige Kampf ums Christsein. Ein Kampf um Worte, die sein sollen, was sie besagen. Darum kreisen alle unsere Gebete: &#8222;Dein Wille geschehe&#8220;. Das Zitat wir zur wirklichen Rede, das Wort erhebt sich vom Buch und wird Fleisch, wird lebendig, wird getragen und gesagt und getan <em>durch uns.<\/em> Die Frage, wer Christus heute f\u00fcr uns ist, bekommt ihre Antwort in dem, was wir durch Christus f\u00fcr einander sein k\u00f6nnen. Das Wort steht auf vom Buch und wird Fleisch \u2013 dieses Geschehen ist das Thema der kommenden Weihnacht. &#8222;Das Wort ward Fleisch und wohnte mitten unter uns&#8220;, so ein Weihnachtstext unter anderen. Das ist unser Gottesdienst: Wir deuten auf das Gnadenvolle, das Beifall weckt. Wir erz\u00e4hlen, was immer wieder neu wird, denn jeder Tag ist ein neues &#8222;heute&#8220;.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die amerikanische Theologin Lucy Lind Hogan hat \u00fcber unsere Aufgabe gesagt, wir m\u00fcssen &#8222;Detektive des G\u00f6ttlichen sein&#8220; &#8211; mit den Erz\u00e4hlungen der Evangelien als eine Lupe, die uns hilft zu erkennen. Viele werden meinen, der eine oder andere Hoffnungsfunke h\u00e4tte nichts mit Christus zu tun. Auch in der Synagoge Nazareths \u00e4nderte sich die Stimmung: &#8222;Ist der nicht blo\u00df der Sohn Josefs?&#8220; Versinkt alles nicht im Chaos? Ist unsere Zukunft nicht verloren? Ist die Freude \u00fcber Jugendliche in der Klimademo nicht einfach sentimental? Sind die Schritte des Vaters und der kleinen Tochter in die Entbindungsstation nicht banal? Die guten Krebsneuheiten? Nein, sagt das alte Buch: &#8222;Ihr sollt sein ein Licht f\u00fcr die V\u00f6lker. Ihr sollt die Augen der Blinden \u00f6ffnen&#8220; (Es 42,6f): Haltet die Hoffnung hoch! Jene Hoffnung, die von jetzt an und bis zum Ende der Zeit in Gottes Ewigkeit jeden Tag ihr <em>&#8222;heute&#8220;<\/em> hat! Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-3520 Farum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: jsas(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haltet die Hoffnung hoch \u2013 jeden Tag | Erster Sonntag im Advent | 03.12.23 | Lukas 4,16-30 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Jan Sievert Asmussen | Viele Menschen haben Lieblingsausdr\u00fccke, die sie willentlich oder unwillentlich immer wieder verwenden. Worte, die immer wieder vorkommen. Der Evangelist Lukas hat auch seinen Lieblingsausdruck. Es ist das Wort &#8222;heute&#8220; &#8211; oder semeron [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19130,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,605,1,185,157,853,114,1458,453,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-19129","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-1-advent","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-jan-sievert-asmussen","category-kapitel-04-chapter-04-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19129"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19131,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19129\/revisions\/19131"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19130"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19129"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=19129"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=19129"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=19129"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=19129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}