{"id":19190,"date":"2023-12-19T21:59:31","date_gmt":"2023-12-19T20:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19190"},"modified":"2023-12-19T21:59:31","modified_gmt":"2023-12-19T20:59:31","slug":"jesaja-601-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-601-5\/","title":{"rendered":"Jesaja 60,1-5"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Ein Neuanfang | 4. Advent und Heiligabend | 24.12.2023 | Jes 60,1-5 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">dieses Jahr fallen Heiligabend und 4. Advent zusammen. Die vierte Kerze wird gleichzeitig mit den Christbaumkerzen angez\u00fcndet. Kein Warten mehr, keine Vorfreude unmittelbar vor den Festtagen, denn die sind schon da.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch nicht schlimm, sagt die alte Frau im Altersheim. Diese Festtage sind schrecklich. Alle kommen zu Besuch, auch diejenigen, die sonst nie kommen\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Weihnachten ist so ein Stress, jammert der Vater eines Untikindes (d.h. ein eher j\u00fcngeres Kind, das am kirchlichen Unterrichtsangebot teilnimmt). All die Geschenke besorgen, all die G\u00e4ste bewirten\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir bedeutet dieser ganze Trubel nichts, meint die junge Erwachsene. Ich geh irgendwohin in die Ferien und hab meine Ruhe\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit Religion habe ich gar nichts am Hut, aber wenigstens kommt die Familie zusammen, gesteht der Senior im besten Alter. Und Jesus gab\u00b4s doch gar nicht\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe ein Herz f\u00fcr Weihnachtsmuffel, Skeptikerinnen und besonders auch f\u00fcr diejenigen, denen Weihnachten mehr Einsamkeit, Trauer und Wut bringt als Freude. Obwohl mich Weihnachten verzaubert, kenne ich auch die anderen Gef\u00fchlslagen, welche dieses Freudenfest den Menschen bescheren kann. Nicht alle teilen das Glitzern und Gl\u00e4nzen, das \u00dcppige und \u00dcberschw\u00e4ngliche, das Lebhafte und Lautstarke der Weihnachtsfeiern. W\u00e4hrend die einen die vollen und fr\u00f6hlichen Gottesdienste geniessen, schleichen sich andere lieber abseits des Trubels in die stille Kirche, sitzen eine Weile vor der Krippe und z\u00fcnden eine Kerze an. W\u00e4hrend viele die Gemeinschaft in der Familie oder mit Freundinnen geniessen, erfahren andere in diesen Tagen den Verlust eines geliebten Menschen oder auch die Einsamkeit als besonders schmerzlich. Und der Friede l\u00e4sst sich auch nicht einfach so herstellen, weder im Kleinen zuhause noch im Grossen in der Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Kriegsbilder ersch\u00fcttern mich immer wieder, egal wo in der Welt, es geht mir nahe: die Gewaltt\u00e4tigkeit, die Zerst\u00f6rung, das Leiden der Zivilbev\u00f6lkerung, die weitreichenden Folgen. Warum ich diese Bilder und die grausame Realit\u00e4t, die dahintersteckt, am 4. Advent und Heiligabend heraufbeschw\u00f6re und nicht wenigstens einmal verschweige? Weil ich nicht kann. Genauso wenig wie ich diejenigen ignorieren kann, die Weihnachten als eine schreckliche, grausame, schmerzhafte Zeit erleben. Der Blick auf das Leiden und die Not in der Welt geh\u00f6rt f\u00fcr mich zur Weihnachtsbotschaft dazu. Ja, ohne diesen ehrlichen Blick kann die Weihnachtsbotschaft gar keine Frohe Botschaft sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um das genauer zu erl\u00e4utern, gehe ich vom heutigen Predigttext aus:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jes 62, 1-5: Um Zions willen werde ich nicht schweigen und um Jerusalems willen nicht still sein, bis seine Gerechtigkeit hervorbricht wie ein Lichtglanz und sein Heil wie eine brennende Fackel. Dann werden die Nationen deine Gerechtigkeit sehen und alle K\u00f6nige deine Herrlichkeit, du wirst mit einem neuen Namen benannt werden, den der Mund des G\u00f6ttlichen bestimmt. Du wirst eine wundersch\u00f6ne Krone sein in der Hand des G\u00f6ttlichen und ein k\u00f6nigliches Diadem in der Hand deines Gottes. Von dir wird nicht mehr gesagt werden: eine Verlassene, und von deinem Land nicht mehr: verw\u00fcstet!. Sondern \u00abMein Gefallen an ihr\u00bb wirst du genannt werden und dein Land \u00abIn Besitz genommen, denn das G\u00f6ttliche hat Gefallen an dir und dein Land wird in Besitz genommen werden. Wie ein junger Mann eine junge Frau in Besitz nimmt, so werden deine S\u00f6hne dich in Besitz nehmen. Wie der Br\u00e4utigam sich an der Braut freut, so freut sich Gott an dir.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser Predigttext bildet den Abschluss einer Textreihe, in der die Stadt Jerusalem mit verschiedenen Frauenbildern gleichgesetzt wird. Die Verbindung von St\u00e4dten mit Frauenbildern und dem weiblichen sozialen Geschlecht war im alten Israel h\u00e4ufig und r\u00fchrt wahrscheinlich von uralten Stadtg\u00f6ttinnen-Kulten her. Biblisch wird allerdings nie von G\u00f6ttinnen gesprochen, die St\u00e4dte sind wie alles Gesch\u00f6pfe und nicht gleichrangig mit dem G\u00f6ttlichen. Sie vermitteln Geborgenheit durch die Schutzmauern, ern\u00e4hren die Bewohnenden, ihre Bauten schm\u00fccken sie mit Sch\u00f6nheit und Glanz und sie sind oft den Feinden ausgeliefert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser Predigttext richtet sich an ein Jerusalem, das viel Not erlitten hat: Die Stadt wurde zerst\u00f6rt, viele Bewohnenden mussten fliehen oder wurden deportiert. Verw\u00fcstet, leer, irgendwie erstarrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcberschw\u00e4nglich zeichnet der prophetische Text eine neue Perspektive f\u00fcr die Stadt, beschreibt hoffnungsvoll und vorfreudig die nahende Zukunft und will so aus der Erstarrung befreien. Die Gerechtigkeit wird hervorbrechen wie ein Lichtglanz! Und das Heil wie eine brennende Fackel! Ein neuer Name beschreibt den Neuanfang und die damit verbundene Ver\u00e4nderung: \u00abGefallen an dir\u00bb wirst du heissen, eine wundersch\u00f6ne Krone sein und ein wertvolles Diadem tragen. Und das G\u00f6ttliche wird zu dir kommen wie der Br\u00e4utigam zur Braut. Das patriarchale Bild der In-Besitznahme der Braut mag uns st\u00f6ren, meint aber nichts anderes als die Verheissung von Gottes Gegenwart im Hier und Jetzt, auf Erden, unter allen V\u00f6lkern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich die heutige Situation in Israel, dem Gaza und auch in Jerusalem anschaue, bin ich schnell wieder bei den Weihnachtsmuffeln, den Skeptikerinnen und denen, die an Weihnachten leiden. Auch wir sind \u00fcberschw\u00e4nglich im Feiern, Schm\u00fccken, Essen und Singen. Vorfreude, Erwartungen, Hoffnungen t\u00fcrmen sich auf. Aber die Welt scheint nicht mitzumachen. Ja, wir verk\u00fcnden die wunderbare Botschaft der Befreiung, Erl\u00f6sung, des Friedens und der Hoffnung. Und gleichzeitig geht das Leiden weiter, der Krieg w\u00fctet, die Braut Jerusalem ist politisch und religi\u00f6s umk\u00e4mpft. Nichts da von gl\u00e4nzender Gerechtigkeit und leuchtendem Heil. Verfahren, verw\u00fcstet, erstarrt \u2013 so wirkt die Realit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es braucht einen Neuanfang. Immer wieder. Im Leben einzelner Menschen und auch im Miteinander der V\u00f6lker.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die trauernde Witwe muss Weihnachten neu denken \u2013 ohne ihren Mann, der ihr schmerzlich fehlt. Erstarrt wird sie die Festfreude rundherum knapp \u00fcberleben. Wenn es gut geht, werden die Tr\u00e4nen fliessen k\u00f6nnen an einem gesch\u00fctzten Ort. Gewisse Traditionen wird sie beibehalten zum Gedenken, andere wird sie aufgeben m\u00fcssen oder neu gestalten. Ich w\u00fcnsche ihr die n\u00f6tige Kraft f\u00fcr diese neuen Weihnachten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Einsame muss sich entscheiden, ob er aus seiner Einsamkeit aufbricht, sich einen Ort sucht, wo er mit anderen gemeinsam feiern kann, oder ob er f\u00fcr sich bleibt und das Alleinsein aush\u00e4lt. Ich w\u00fcnsche ihm die n\u00f6tige Kraft f\u00fcr diese Entscheidung und ihre Folgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Skeptikerin muss sich damit auseinandersetzen, was Weihnachten f\u00fcr sie heissen kann, ob es \u00fcberhaupt noch irgendeine Bedeutung darin gibt, ob sie einfach mitmacht, weil alle mitmachen, oder ob sie sich rausnimmt. Ich w\u00fcnsche ihr den n\u00f6tigen Mut zur Ehrlichkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen im Krieg haben keine Chance auf die Weihnachtsfreude. Zerst\u00f6rung, Gewalt, existentielle Not zwingen sie zum \u00dcberlebenskampf. Ich w\u00fcnsche Ihnen die n\u00f6tige Hoffnung darauf, dass es einen Neuanfang geben wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit Jesus Christus kam f\u00fcr mich die Chance auf Neuanf\u00e4nge in die Welt, die Hoffnung darauf, dass wir immer wieder neu anfangen k\u00f6nnen, und die Verheissung, dass wir daf\u00fcr auch die n\u00f6tige Kraft bekommen. Weil wir nicht alleine sind in diesen Neuanf\u00e4ngen: Das G\u00f6ttliche ist in uns und mit uns. Weil es an Weihnachten in die Welt hineingeboren wurde und das Menschliche auf sich genommen hat mit allem, was dazu geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seht Ihr den Lichtglanz der Gerechtigkeit? Das Heil wie eine brennende Fackel? Das k\u00f6nigliche Diadem? Den vorfreudigen Br\u00e4utigam? Gott kommt zur Welt \u2013 nicht bald, sondern schon heute an Heiligabend. Wir m\u00fcssen kein bisschen warten, nicht mal vom 4. Advent bis an Weihnachten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Neuanfang | 4. Advent und Heiligabend | 24.12.2023 | Jes 60,1-5 | Nadja Papis | Liebe Gemeinde, dieses Jahr fallen Heiligabend und 4. Advent zusammen. Die vierte Kerze wird gleichzeitig mit den Christbaumkerzen angez\u00fcndet. Kein Warten mehr, keine Vorfreude unmittelbar vor den Festtagen, denn die sind schon da. 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