{"id":19211,"date":"2023-12-20T12:00:04","date_gmt":"2023-12-20T11:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19211"},"modified":"2023-12-20T09:23:50","modified_gmt":"2023-12-20T08:23:50","slug":"lukas-21-20-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-21-20-4\/","title":{"rendered":"Lukas 2,1-20"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">\u201eBeim Festmahl\u201c | Christnacht | 24.12.23 | Lk 2,1-20 | Sven Keppler |<\/h3>\n<p>Liebe Festgemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mittags geht es zu den Urgro\u00dfeltern. Das ist Tradition am ersten Weihnachtstag. Am gro\u00dfen Tisch gibt es ein ausgiebiges Festmahl, dessen H\u00f6hepunkt Uromas gef\u00fcllte Gans bildet. Letztes Jahr hatte der Urgro\u00dfvater einige Flaschen alten Burgunder aus dem Keller geholt, die ihm zur Pensionierung geschenkt worden waren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als die Gans verspiesen und der Wein getrunken war, als beim K\u00e4se alle abgewunken hatten und der Nachtisch vernascht war, da hatten alle mehr oder minder rote Wangen bekommen und sich zufrieden zur\u00fcckgelehnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dankbar hatte der alte Herr gesagt: \u201eWer h\u00e4tte das damals gedacht, als mich die Russen kurz vor Schluss noch einkassiert hatten? Aber Gott hat alles zum Guten gef\u00fcgt.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Theresa war bei dieser Aussage ein bisschen unruhig geworden. Seit gut zwei Semestern studierte sie Theologie. Die Fr\u00f6mmigkeit ihres Urgro\u00dfvaters war f\u00fcr sie in den letzten Jahren zwiesp\u00e4ltig geworden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der einen Seite hatte seine Zuversicht ihr immer imponiert. Sein Vertrauen in Gottes F\u00fchrung. Und vor allem seine Gewissheit, dass Gott sein eigenes Leben immer wieder zum Guten gelenkt hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber genau diese Gewissheit war ihr andererseits mit den Jahren immer fragw\u00fcrdiger geworden. \u201eWoher wei\u00df Uropa blo\u00df immer so genau, was Gott mit ihm vorgehabt hat? Warum kann er immer so genau sagen, dass Gott hinter den gro\u00dfen Ereignissen in seinem Leben stand?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Reimte er sich da nicht Vieles nachtr\u00e4glich zurecht? Bekam da nicht Manches im Nachhinein einen Sinn, was doch eigentlich ziemlich sinnlos war?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt, nach 2 \u00bd Semestern, traute sich Theresa zum ersten Mal, eine kritische Frage zu stellen. \u201eHast Du damals nicht auch einfach Gl\u00fcck gehabt?\u201c Der alte Herr schaute sie nachdenklich an. Als ob er damit gerechnet hatte, dass die junge Studentin irgendwann so fragen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSchau,\u201c sagte er, \u201esind das nicht ein bisschen zu viele Gl\u00fccksf\u00e4lle gewesen, um noch von Zufall zu sprechen?\u201c Und dann hatte er wieder die alten Geschichten erz\u00e4hlt, wie es ihm und der Urgro\u00dfmutter in den letzten Kriegsjahren gegangen war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie er im Herbst &#8217;44 in russische Kriegsgefangenschaft geraten war und dadurch vor der Ardennenoffensive bewahrt geblieben war, in der so Viele aus seiner Division gefallen waren. Wie er dann in Sibirien eine Thrombose bekommen hatte und die Russen ihn bald wieder heimgeschickt hatten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie die Urgro\u00dfmutter aus Hamburg ins Westf\u00e4lische evakuiert worden war. Am Marienhospital hatte sie Arbeit gefunden, wo sie den Gro\u00dfvater gepflegt und lieben gelernt hatte. Lauter gl\u00fcckliche Zuf\u00e4lle? \u201eDich w\u00fcrde es ohne diese Zuf\u00e4lle jedenfalls nicht geben, meine liebe Theresa.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDas w\u00e4re nat\u00fcrlich ein Verlust,\u201c hatte sie keck geantwortet. Sie wollte ja nicht die festliche Stimmung verderben. Aber auch nicht die Gelegenheit zur Nachfrage verstreichen lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch denke blo\u00df, manche Dinge passieren eben, weil sie passieren. Den Krieg damals hat Gott doch bestimmt nicht gewollt. Wie kann er dann den Krieg benutzt haben, damit Du die Uroma kennen lerntest?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da hatte er nachdenklich geschwiegen. Hatte gesp\u00fcrt, dass eine allgemeine Wahrheit \u2013 wie etwa: Gottes Wege sind unerforschlich \u2013 seiner Urenkelin auch nicht weitergeholfen h\u00e4tte. Vielleicht f\u00fcrchtete er auch ihre Erwiderung: \u201eWarum meinst <em>Du<\/em> denn dann, sie zu kennen?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sein Schweigen hatte Theresa ermutigt. \u201eGestern haben wir doch beide die Geschichte von Jesu Geburt geh\u00f6rt. Eigentlich sprach doch alles dagegen, dass Jesus geboren wurde. Es gab die Volksz\u00e4hlung des Kaisers, weshalb Maria auf eine gef\u00e4hrliche Reise musste. Wie leicht h\u00e4tte sie eine Fehlgeburt haben k\u00f6nnen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann kamen sie nach Bethlehem. Aber sie konnten nirgends unterkommen. Und dann die Geburt im Stall. Schlimmer geht es doch gar nicht mit der Hygiene. Meinst Du, dass Gott dieser Familie all die schwierigen Umst\u00e4nde an den Hals gebunden hat?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich hat die Weihnachtsgeschichte eine andere Botschaft: Auch wenn es noch so schwierig ist, kann es doch gut ausgehen. Auch wenn die Herrschenden alles anders machen, als Gott es will, kann man trotzdem \u00fcberleben. Weil Gott einen beh\u00fctet, obwohl in der Welt so viel verkehrt ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der alte Mann hatte l\u00e4cheln m\u00fcssen. Weil Theresa so leidenschaftlich f\u00fcr ihre Idee eintrat. Aber ebenso, weil er sp\u00fcrte, dass auch bei ihr eine fromme Empfindung dahinter stand.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb fragte er nur ganz vorsichtig zur\u00fcck: \u201eAber musste der Messias nicht irgendwie nach Bethlehem kommen?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Theresa war jedoch in Schwung gekommen. \u201eWahrscheinlich hat Lukas sich das ja nur ausgedacht. Glaubst Du denn echt, dass Gott die Volksz\u00e4hlung des r\u00f6mischen Kaisers veranlasst hat, damit Maria bei der Geburt in Bethlehem war?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch, so ungef\u00e4hr stellte er sich das tats\u00e4chlich vor. Nicht, dass nur aus diesem Grund die gro\u00dfe Volksz\u00e4hlung stattfand. Aber dass Gott sie sich zunutze gemacht hatte, glaubte er schon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dass sich eben immer die gro\u00dfen und die kleinen Dinge so ineinander f\u00fcgen, dass sie von Gott her einen Sinn bekommen. Auch wenn wir ihn nicht immer verstehen. Wie damals bei ihm, als er seine Frau kennen lernte. Aber wie sollte er das seiner kritischen Enkelin erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Musik<\/strong><\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir in unserem Leben die Spuren Gottes feststellen? Ist es m\u00f6glich, in dem, was einem widerf\u00e4hrt, einen tieferen Sinn zu entdecken? Nach dem Motto: \u201eDenen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder ist es so, wie Theresa glaubt? Es geschieht viel Sinnloses in der Welt. Von Gott d\u00fcrfen wir erhoffen, dass er uns dennoch beh\u00fctet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das eigene Leben zu deuten, und Gottes Spuren darin \u2013 das ist eine der schwierigsten Lebensaufgaben. Und doch geh\u00f6rt auch das zur W\u00fcrde des Menschen: Sich nicht nur in einem dumpfen Fluss des Schicksals dahintreiben zu sehen. Sondern daran zu glauben, dass das eigene Leben in Beziehung zu etwas H\u00f6herem steht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch bei Theresa ist das ja nicht anders, wenn sie darauf hofft, in den chaotischen Ereignissen der Weltgeschichte dennoch von Gott beh\u00fctet zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Weihnachtsgeschichte erz\u00e4hlt Lukas, wie das geschehen kann: wie r\u00e4tselhafte Ereignisse des eigenen Lebens von Gottes Willen her gedeutet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da sind auf der einen Seite Maria und Josef. Eigentlich waren sie zu der Hoffnung gekommen, dass auf ihrer unerwarteten Schwangerschaft ein Segen lag. Aber wie waren dann die Widrigkeiten der letzten Wochen zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Zwang, unmittelbar vor der Niederkunft eine harte Reise auf sich nehmen zu m\u00fcssen? Und dann noch das Missgeschick, keine Herberge zu finden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auf der anderen Seite sind die Hirten, die mit alledem scheinbar nichts zu tun haben. Zu ihnen wurde der Bote Gottes gesandt. Der Engel, der die Ereignisse in Stall und Krippe deuten konnte:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eEuch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Konstellation ist gleich mehrfach aufschlussreich:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erstens kommt der Deuteengel nicht direkt zum Stall. Darin spiegelt sich eine Erfahrung, die viele Menschen machen. Man fragt sich, welchen Sinn ein bestimmtes Ereignis haben mag. Man gr\u00fcbelt, bittet Gott vielleicht sogar um Rat. Aber kein Engel kommt, der einem die R\u00e4tsel aufl\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Zweite ist: Als die Botschaft dann Maria und Josef erreicht, wird sie ihnen von Menschen berichtet. Von Menschen, die selbst das Evangelium von Gott geh\u00f6rt haben, und die es weitererz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch darin kommt etwas Typisches zur Sprache. Gottes Wort, von dem her wir unser Leben deuten k\u00f6nnen, erreicht uns f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht unmittelbar. Es sind Menschen, die es weitersagen, von Generation zu Generation. Die Bibel hat dabei eine wesentliche Bedeutung: In ihr finden wir den Ma\u00dfstab f\u00fcr das, was von Gott zu sagen ist: Von seinem Willen, seinen Taten und seiner Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Drittens erscheint mir als bemerkenswert, dass Gott es den Menschen nicht zu leicht macht. Die Hirten kommen nicht zum Stall und sagen: O Josef, o Maria, ihr musstet das alles auf euch nehmen, damit euer Kind in Bethlehem geboren wurde. Und die Geburt musste in einem Stall geschehen, weil der Heiland nicht an pr\u00e4chtigem Schmuck zu erkennen sein soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dennoch ist ihre Ansage klar: In Bethlehem ist heute der Heiland geboren. Ihr werdet ihn daran erkennen, dass er in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Damit ist alles Wesentliche gesagt. Den Schluss, dass deshalb die Ereignisse so kommen sollten, wie sie gekommen sind \u2013 diesen Schluss m\u00fcssen die Heiligen Eltern jedoch selbst ziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und schlie\u00dflich vielleicht das Wichtigste: Es bedarf der Bewegung, der Begegnung und des Gespr\u00e4ches, damit Gottes Wort lebendig wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Hirten eilen zum Stall. Was sie dort sehen, best\u00e4tigt ihnen die Verhei\u00dfung des Engels. Sie sagen Maria und Josef was sie zu sagen haben. Und dann verbreiten sie ihr neues Wissen an allen Orten. Bis zu uns, am Heiligen Abend im Jahr 2023.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wer hat nun Recht? Der Gro\u00dfvater, der an Gottes lenkende und ordnende Hand glaubt? Oder die Enkelin, die auf Gott hofft, der die seinen trotz aller Widrigkeiten beh\u00fctet?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Alternative ist aus biblischer Sicht keine klare Antwort zu geben. Es ist unsere Aufgabe, unser Leben mit den biblischen Verhei\u00dfungen ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Dabei hilft es, das Gespr\u00e4ch miteinander zu suchen. Und das Gespr\u00e4ch mit Gott im Gebet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber es bleibt dabei ein offener Raum. Ein Raum der Freiheit und der Entscheidung. Deshalb d\u00fcrfen die verschiedenen Formen der Fr\u00f6mmigkeit nebeneinander stehen. Verbunden durch die Verhei\u00dfungen unseres liebevollen Gottes: \u201eIch verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.\u201c Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Versmold<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Vorsitzender des Versmolder Kunstvereins. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBeim Festmahl\u201c | Christnacht | 24.12.23 | Lk 2,1-20 | Sven Keppler | Liebe Festgemeinde, mittags geht es zu den Urgro\u00dfeltern. Das ist Tradition am ersten Weihnachtstag. Am gro\u00dfen Tisch gibt es ein ausgiebiges Festmahl, dessen H\u00f6hepunkt Uromas gef\u00fcllte Gans bildet. 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