{"id":19276,"date":"2023-12-20T07:59:34","date_gmt":"2023-12-20T06:59:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19276"},"modified":"2023-12-22T18:25:56","modified_gmt":"2023-12-22T17:25:56","slug":"lukas-214","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-214\/","title":{"rendered":"Lukas 2,14"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Marzipan | Weihnachten | 24.12. 2023 | Predigterz\u00e4hlung Lk 2,14 | Wolfgang V\u00f6gele |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der wei\u00dfe Bart ist schon leicht verrutscht, die Augen schauen \u00fcbern\u00e4chtigt. Der ersch\u00f6pfte Weihnachtsmann sp\u00fcrt schweren Muskelkater kommen und schirrt die neun Rentiere vom Schlitten ab. Er l\u00e4\u00dft sie in den Wald laufen, damit sie unter dem Schnee nach Moos und Flechten suchen k\u00f6nnen. Dann setzt er sich hin und macht sich Notizen f\u00fcr den BAGGER, bis er am Schreibtisch vor M\u00fcdigkeit einschl\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einen Tag sp\u00e4ter steht er p\u00fcnktlich um Zehn am Redepult der Jahresversammlung der himmlischen Heerscharen. Er wird nun den BAGGER halten. Seraphim und Cherubim, Verk\u00fcndigungs- und Botenengel sind alle anwesend. Die leitenden Erzengel Michael, Gabriel und Raphael haben in der ersten Reihe Platz genommen und blicken den Weihnachtsmann am Rednerpult neugierig an. Gott h\u00f6rt auch zu, er hat sich hinter einem Vorhang verborgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein junger Engel, erst vierhundert Jahre alt und also pubertierend, fragt seinen Nachbarn in der vorletzten Reihe: Was hei\u00dft eigentlich Bagger?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der \u00e4ltere Engel neben ihm fl\u00fcstert zur\u00fcck: Bagger schaufeln die Geschenke vom Himmel auf die Erde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ratloser Blick.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nein \u2013 Spa\u00df, sagt er. Bagger ist eine Abk\u00fcrzung und hei\u00dft (Jahres-)<strong>B<\/strong>ericht \u00fcber die <strong>A<\/strong>nnahme von <strong>G<\/strong>aben und <strong>G<\/strong>eschenken auf der <strong>Er<\/strong>de. B-A-Doppel G -ER. Das haben wir vor einigen Jahren eingef\u00fchrt, damit der Weihnachtsmann, der kein Engel sein darf, aber sein will, unsere Wertsch\u00e4tzung sp\u00fcrt. Unsere Wertsch\u00e4tzung soll ihn tragen wie eine Sch\u00e4fchenwolke die Harfenspieler-Engel. Viele von uns denken, f\u00e4hrt der alte Erkl\u00e4rengel fort: So breitet sich ein \u00dcbel der Erde, die B\u00fcrokratie, auch im Himmel aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Engel verstummt, denn die Versammlung beginnt nun mit einem Weihnachtslied. Danach nimmt der Weihnachtsmann einen Schluck Wasser und beginnt mit seiner Rede:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe englische Kolleginnen und Kollegen, es ist seit einigen Jahren \u00fcblich, da\u00df ich vor dieser himmlischen Versammlung \u00fcber den Zustand der Weihnachtsfreude auf der Erde referiere. Sozusagen der Geschenke-Klima-Index. Ich will Sie nun nicht mit Zahlen, Statistiken, Handouts und Pr\u00e4sentationen belasten. Statt dessen erz\u00e4hle ich Ihnen einfach eine kurze Geschichte, die ich selbst beobachtet habe, w\u00e4hrend ich Geschenke verteilte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im eleganten Sinkflug galoppierten die Rentiere auf eine kleine Stadt in Baden-W\u00fcrttemberg zu. Wir kenterten beinahe am Hausberg, fanden dann aber schnell unser Ziel. Den Schlitten parkte ich genau zwischen dem Kindergarten, in dem ich bescheren wollte, und einem Supermarkt, einem scheu\u00dflichen Monster aus Beton, grauer Farbe und Werbeplakaten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit seinem Einkaufskorb kommt ein \u00e4lterer Mann zur Schlange vor der Kasse. Haar und Schnurrbart sind grau, er tr\u00e4gt einen verschlissenen dunklen Mantel, dazu wei\u00dfes Hemd, Weste und eine schlecht gebundene rote Krawatte. Er legt seinen Eink\u00e4ufe auf das Laufband. Die Kassiererin murmelt: Guten Tag. Er reagiert nicht darauf. Die Kassiererin erkennt den Mann als Nachbarn, der zwei H\u00e4user weiter von ihr lebt. Er f\u00e4ngt an, die Eink\u00e4ufe in seine Taschen zu verpacken. Als die Kassiererin eine Packung mit Marzipanbarren \u00fcber den Scanner zieht, f\u00e4llt ihr auf, da\u00df einer der Barren irgendwie eingedr\u00fcckt ist. Sie will dem Mann anbieten, die Packung zu tauschen, aber da hat er ihr die Packung schon aus der Hand genommen und alles in seiner Tasche verstaut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der alte Mann schleppt die beiden Taschen nach Hause. Er ist ein wenig eigen geworden, seit vor f\u00fcnf Jahren seine Frau gestorben ist. Er legt die Marzipanpackung auf den Tisch in der K\u00fcche und sagt sich: Wenn ich jeden Tag bis Weihnachten ein St\u00fcck esse, dann reicht es. Er liebt Marzipan, seit seine Mutter ihm die S\u00fc\u00dfigkeit in den Nikolausstiefel gepackt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dann schl\u00e4gt doch seine Neigung zu verqueren Gewohnheiten durch. Er sagt sich: Ich esse nur ein St\u00fcck Marzipan, wenn ich am Abend in den Nachrichten nicht zu viele traurige Meldungen h\u00f6re. Seit Monaten sa\u00df er jeden Abend vor dem Fernseher und gr\u00e4mte sich wegen all der schlechten Nachrichten, den Drohnenangriffen in der Ukraine, den Terroranschl\u00e4gen in Israel, den Fl\u00fcchtlingen in Pakistan und vielem anderem mehr. Er ging jeden Abend deprimiert ins Bett.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber die Adventszeit wird f\u00fcr den alten Mann zum Fiasko: Die schlechten Nachrichten h\u00f6ren nicht auf. Dauernd redet die Sprecherin der Abendnachrichten von Anschl\u00e4gen, Angriffen, Defiziten, R\u00fcckst\u00e4nden, Katastrophen, Triggerwarnungen. Der alte Mann bleibt ehrlich zu sich selbst und verzichtet an jedem Abend auf sein St\u00fcck Marzipan.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nach zehn Tagen ist er so \u00e4rgerlich, da\u00df er die ganze Packung wegwerfen will. Aber das ist ihm dann doch zu schade. Er nimmt das Marzipan und legt die Packung drau\u00dfen bei der Stra\u00dfenbahnhaltestelle auf eine Bank. Vielleicht will sie jemand mitnehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und es nimmt sie jemand mit. Ein kleines M\u00e4dchen mit roter Pudelm\u00fctze freut sich und tr\u00e4gt die Packung nach Hause und i\u00dft alle St\u00fccke bis auf drei auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am Abend allerdings entdeckt die Mutter die fast leere Packung. Sie fragt ganz entsetzt: Wer hat dir das gegeben? Hast du das geklaut? Und als sie genauer hinschaut, erkennt sich nach kurzem Z\u00f6gern die Packung wieder. Denn sie sieht den einen zerdr\u00fcckten Barren. Die Mutter ist niemand anderes als die Kassiererin aus dem Supermarkt. Das Preisschild auf der Unterseite der Packung liefert den letzten Beweis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Mutter seufzt. Dann meint sie: Okay, du darfst auch den Rest essen. Aber ich wei\u00df, woher die Packung kommt. Der Opa von dr\u00fcben hat sie gekauft. Am vierten Advent gehst du die zwei H\u00e4user weiter und bringst ihm eine T\u00fcte Weihnachtspl\u00e4tzchen vorbei. Und du singst f\u00fcr ihn mindestens zwei Weihnachtslieder. Die Tochter will protestieren, aber sie merkt, da\u00df sie nicht widersprechen darf. Und sie singt eigentlich ganz gern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also zieht sie am vierten Advent den neuen knallroten Anorak an, auf den sie so stolz ist. Und sie geht zu dem Haus zwei H\u00e4user neben dem, wo sie wohnt, und klingelt. Sie will sich entschuldigen, da\u00df sie das Marzipan mitgenommen hat. Der alte Mann h\u00f6rt zun\u00e4chst das Klingeln nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann aber \u00f6ffnet er die Haust\u00fcr und sieht eine kleine weihnachtliche Feuerwehrfrau. Wegen der Entschuldigung wiegelt er ab. Das hat er ja so beabsichtigt, da\u00df jemand anderes die S\u00fc\u00dfigkeiten mitnimmt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als das M\u00e4dchen dann noch die Weihnachtslieder anstimmt, \u00f6ffnen sich im gesamten Treppenhaus nach zwei Strophen die Haust\u00fcren. Die anderen Bewohner, auch die strenge Dame im ersten Stock, die sich immer \u00fcber L\u00e4rm beschwert, kommen heraus und nach einer Weile singen alle mit. Und die meisten holten aus ihrer K\u00fcche ebenfalls Zimtsterne und Lebkuchen. Und die junge Familie aus dem dritten Stock trug ihren Weihnachtsbaum aus dem Wohnzimmer herunter. Die alte Frau aus dem Erdgescho\u00df spendierte Weihnachtspunsch. Und es wurde ein fr\u00f6hlicher Nachmittag und Abend, mit Singen und Pl\u00e4tzchenessen und Kerzenschein. Der alte Mann war auch ohne Marzipan gl\u00fccklich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit geht die Geschichte zu Ende, sagte der Weihnachtsmann vor der Versammlung der himmlischen Heerscharen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Engelinnen und Engel, der BAGGER-Zustand auf der Erde l\u00e4\u00dft oft zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, aber er ist nicht v\u00f6llig hoffnungslos. Die Hoffnungsgeschichten sind allerdings manchmal so unscheinbar, da\u00df sie niemand bemerkt. Drei Tage danach sprach ich nochmals mit der Mutter des kleinen M\u00e4dchens, mit der Kassiererin. Ihr war gar nicht bewu\u00dft, da\u00df hier \u00fcberhaupt nicht der Zufall am Werk war. Selbstverst\u00e4ndlich hat ein unscheinbarer Botenengel mit der Fingerspitze nachgeholfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Engel schmunzelten. Es entstand ein kurzer Moment der Stille, bevor sie dem Weihnachtsmann am Pult h\u00f6flich applaudierten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der pubertierende Jung-Engel in der letzten Reihe fl\u00fcsterte: Darf ich mitkommen, wenn wir in der Nacht zu den Hirten fliegen und singen?<\/p>\n<hr \/>\n<p>Wolfgang V\u00f6gele<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marzipan | Weihnachten | 24.12. 2023 | Predigterz\u00e4hlung Lk 2,14 | Wolfgang V\u00f6gele | Der wei\u00dfe Bart ist schon leicht verrutscht, die Augen schauen \u00fcbern\u00e4chtigt. Der ersch\u00f6pfte Weihnachtsmann sp\u00fcrt schweren Muskelkater kommen und schirrt die neun Rentiere vom Schlitten ab. 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