{"id":19278,"date":"2023-12-20T08:00:02","date_gmt":"2023-12-20T07:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19278"},"modified":"2023-12-23T19:48:36","modified_gmt":"2023-12-23T18:48:36","slug":"lukas-21-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-21-19\/","title":{"rendered":"Lukas 2,1-19"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Hoffnung auf neues Leben\u2026reloaded | 24.12.2023 | Christvesper | Lk 2,1-19 | Thomas Schlag |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Weihnachtsgemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">vor wenigen Tagen erst und anl\u00e4sslich des bevorstehenden Ereignisses wurde ich gefragt, seit wann Christen eigentlich Weihnachten feiern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun k\u00f6nnte man meinen, dass dies von Anfang an doch der Fall gewesen sein m\u00fcsste \u2013 also quasi schon ein Jahr nach Jesu Geburt. Dass also das volle Festtagsprogramm und die Geschenkmaschine bereits zielgenau am 24. Dezember des Jahres 1 in Gang gesetzt worden w\u00e4re. Nun, an dieser Stelle musste ich den Nachfragenden leider entt\u00e4uschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es hat vielmehr sage und schreibe rund 400 Jahre gedauert, bis die fr\u00fche Christenheit \u00fcberhaupt anfing, die Geburtsgeschichte Jesu f\u00fcr ein wesentliches Ereignis zu halten. Warum? Nun, weil Karfreitag und Ostern f\u00fcr die eigene christliche Existenz nat\u00fcrlich wesentlich bedeutsamer waren. Denn nicht an Weihnachten, sondern eben in der Osterzeit ging es um das Ganze des christlichen Glaubens: nicht Krippe, sondern Kreuz; nicht die himmlischen Heerscharen der Friedensengel, sondern r\u00f6mische Soldaten; nicht dunkle Nacht \u00fcber dem Stall, sondern das helle Licht des Ostermorgens, nicht die kindliche Geburt, sondern Tod und Auferstehung des Gottessohnes. Das was das Drama, das erz\u00e4hlt und gespielt und gefeiert werden sollte. Um so der Hoffnung auf neues Leben Ausdruck zu geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und \u00fcbrigens: In der christlichen Anfangszeit f\u00fchrte die Frage, an welchem Datum genau Jesus geboren wurde und wann man also Weihnachten feiern sollte, zu einem l\u00e4nger anhaltenden Streit unter den kirchlichen Entscheidungstr\u00e4gern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so entschloss man sich tats\u00e4chlich erst um 400 nach Christus herum dazu, die Feier in die Dezembertage zu legen. Ganz praktisch gesehen gab es daf\u00fcr auch schon den r\u00f6mischen Festtag der Wintersonnwende und des entsprechenden Sonnengottes Sol victus. So konnten die Christen \u2013 inzwischen zur Staatsreligion im r\u00f6mischen Reich geworden\u2013 diesen Tag sozusagen im eigenen Sinn umwidmen. Jetzt hatte man also ein Datum, um auf das neue Leben zu hoffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber mit diesen Entscheidungen war man noch lange nicht dort, wo und wie wir heute feiern. Vielmehr gab es immer wieder sozusagen kleinere und gr\u00f6ssere Erfindungen um das Weihnachtsfest herum. So wurde bereits im Mittelalter die Weihnachtsgeschichte anschaulich inszeniert \u2013 eben, weil sie von vielen gar nicht gelesen werden konnte. Daf\u00fcr gab es bereits damals eine Art Weihnachtsbaum:\u00a0 So wurde in der Kirche vor dem Krippenspiel die Szene von Adam und Eva im Paradies aufgef\u00fchrt. Und dazu geh\u00f6rte eben ein mit \u00c4pfeln behangener Paradiesbaum. \u00dcberhaupt sollten die gr\u00fcnen Zweige mitten im kalten Winter die Hoffnung auf das neue Leben symbolisieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber zumindest sind die Worte des Lukasevangeliums, die man damals inszenierte, dieselben geblieben:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt gesch\u00e4tzt w\u00fcrde. Und diese Sch\u00e4tzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich sch\u00e4tzen lie\u00dfe, ein jeglicher in seine Stadt. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Da machte sich auf auch Josef aus Galil\u00e4a, aus der Stadt Nazareth, in das jud\u00e4ische Land zur Stadt Davids, die da hei\u00dft Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich sch\u00e4tzen lie\u00dfe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie geb\u00e4ren sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em><em>Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den H\u00fcrden, die h\u00fcteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie f\u00fcrchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: F\u00fcrchtet euch nicht! Siehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich \u00fcber die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Geschichte hat, wie schon angedeutet, einen langen, erfindungsreichen Weg hinter sich: Bis zum Weihnachten in unserem Stil mit Weihnachtsbaum, Lichterketten und Geschenken brauchte es noch weitere Jahrhunderte, verbunden mit vielen weiteren Ver\u00e4nderungen und sozusagen immer wieder angepassten Neuerungen. Dies war nicht selten eng damit verbunden, welchen theologischen Sinn man mit Weihnachten verband.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Martin Luther etwa war klar: Nicht der Nikolaus, nicht Maria und Josef, nicht die Heiligen Drei K\u00f6nige sollten gefeiert und schon gar nicht die Kinder st\u00e4ndig beschenkt werden. Einzig die Geburt Jesu war Grund zur Freude \u2013 und damit die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Seiner Tochter Margarete, die mitten im Advent 1534 geboren wurde, schrieb er das Lied \u201eVom Himmel hoch, da komm ich her\u201c. Es erz\u00e4hlt die Weihnachtsgeschichte: und wurde im Hause Luther oft gesungen. Und ganz typisch verbanden sich damit bei Luther Weihnachten und Ostern. Das Lied sollte in der Hoffnung gesungen werden, dass Gott ein guter, erl\u00f6sender, Frieden schaffender Gott ist:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Vom Himmel hoch, da komm&#8216; ich her<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich bring&#8216; euch gute neue M\u00e4r<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Der guten M\u00e4r bring&#8216; ich so viel<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Davon ich sing und sagen will<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Euch ist ein Kindlein heut&#8216; gebor&#8217;n<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Von einer Jungfrau auserkor&#8217;n<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ein Kindelein, so zart und fein<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Das soll eurer Freud&#8216; und Wonne sein<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Es ist der Herr Christ, unser Gott<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Der will euch f\u00fchr&#8217;n aus aller Not<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Er will euer Heiland selber sein<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Von allen S\u00fcnden machen rein<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber auch kulturell bedingt ist es im Lauf der Jahrhunderte zu ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen gekommen: In mancher Krippenausstellung finden sich Dutzende von unterschiedlichen Gestaltungen, denen man die jeweilige Herkunft sofort anmerkt: Hirten in Indiogew\u00e4ndern, oder nicht Ochs und Esel, sondern etwa Giraffe und Elefant, oder Stallgeb\u00e4ude im Stil von Iglus, oder Maria und Josef in schwedischer Bauerntracht, oder ein farbiges Jesuskind in der Krippe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und um diesen hoffnungsvollen weihnachtlichen Erfindungsreichtum nochmals zu verdeutlichen:\u00a0\u00a0 Der Weihnachtsbaum als famili\u00e4rer lichtvoller Zentralpunkt ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, den die katholische Kirche als einen heidnischen Brauch ansah und verhindern wollte. Letztlich konnte sie sich hier aber nicht durchsetzen. Und so sind bis heute die gr\u00fcnen Zweige und hellen Lichter Ausdruck f\u00fcr die Hoffnung und das neue Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun sehen wir in der Gegenwart eine Vielzahl von unterschiedlichsten Weihnachtsritualen bis hin zum amerikanischen Kommerz-Santa Claus und allen m\u00f6glichen anderen neuen Br\u00e4uchen. Und um es zur\u00fcckhaltend zu sagen: nicht alle erinnern noch an die Geburtsgeschichte Jesu. Aber ist das per se problematisch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jedenfalls ist es schon interessant, wie sich Weihnachten \u00fcber diese zwei Jahrtausende hinweg entwickelt hat \u2013 offenkundig hat sich diese Geschichte von der Geburt neuen Lebens immer wieder an das angepasst, was den Menschen jeweils besonders wichtig war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann mit guten Gr\u00fcnden sagen: Weihnachten ist selbst immer ein Kind der Zeit. Darin spiegelt sich wider, was den Geist der Zeit ausmacht. Und jede Zeit und jede Kultur findet ihre eigenen Formen und Wege.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das k\u00f6nnte man nun vielleicht kritisieren. Und vielleicht dazu aufrufen, zum urspr\u00fcnglichen Geburtsereignis zur\u00fcckzukehren. Aber wie schon anfangs gesagt: Es ist gar nicht so ganz klar, was \u00fcberhaupt am Ursprung und im Zentrum des Ganzen steht. Geburt? Krippe? Weihnachten? Oder Kreuz, leeres Grab und Ostern?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um es hier aufzul\u00f6sen: Beides sind ja keine Alternativen. Salopp k\u00f6nnte man sagen: Die Geschichte der Geburt Jesu und sein ganzer Lebensweg \u2013 Krippe, Kreuz und Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden \u2013 und dies von Anfang an. Was die Christen durch die Zeiten hindurch eben gefeiert haben und worin sie sich regelm\u00e4ssig erinnert haben und dies bis heute tun, ist das, was diese beiden Geschichten unbedingt zusammenh\u00e4lt: Das Staunen \u00fcber neues Leben und die Hoffnung darauf, dass dieses neue Leben, das mit Jesus in die Welt kommt, einen fundamentalen Unterschied macht!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn wir zweitausend Jahre von dieser Ursprungsszenerie entfernt sind, schl\u00e4gt sich doch ein grosser Hoffnungsbogen \u00fcber die Zeiten \u2013 egal wie man im Einzelnen gefeiert hat: Krippe, Geburt, Engel und staunende Hirten zeigen \u00fcberdeutlich, dass Hoffnung Sinn macht. Gerade dann, wenn es dunkel ist. Gerade dann, wenn man nach menschlichen Massst\u00e4ben nicht damit rechnen kann, dass \u00fcberhaupt Friede und neues Leben denkbar ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass es um uns herum dunkel ist, im globalen Massstab, aber oft auch in den eigenen inneren Gedanken, muss man ja nicht eigens betonen. Und dass jetzt mitten am Ursprungsort der Weihnachtsgeschichte wieder einmal ein unbarmherziger und grausamer Krieg stattfindet, ist ein Unding.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine franz\u00f6sische Schriftstellerin unserer Zeit bezeichnet Hoffnung als \u00abDurchquerung des Unm\u00f6glichen\u00bb: Dann, wenn nichts Gutes mehr denkbar ist, kann die Hoffnung aufbl\u00fchen \u2013 es macht gerade ihren tiefen Sinn aus, dass sie unm\u00f6glich ist. Und nur dann, wenn man hofft, kann sich \u00fcberhaupt etwas Neues ereignen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese ganze Geschichte Jesu \u2013 Geburt, Tod, Auferstehung, ist tats\u00e4chlich eine Unm\u00f6glichkeit, mit der man weder damals noch heute \u00fcberhaupt rechnen kann. Und so haben sich durch die Zeiten hindurch die Menschen gefragt: Wie soll aus einem so kleinen Menschlein eine solche Weltgeschichte werden, wie aus einem h\u00f6chst bedrohlichen Anfang eine solche Friedensbotschaft? Ist das nicht eine blinde Illusion und ein sch\u00f6nes M\u00e4rchen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So unterschiedlich wie man \u00fcberall auf der Welt heute an Jesu Geburt erinnert, so sehr hat diese Geschichte \u00fcber die Zeiten hinweg viel Kraft, um Menschen zu tragen \u2013 gerade dann, wenn die Verh\u00e4ltnisse dunkel und unfriedlich und unbarmherzig sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die christliche Hoffnung liegt darin, dass die Geburt Jesu eben einen hoffnungsvollen Unterschied macht. Weil durch seine Geburt alles in ein neues friedliches Licht getaucht wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so ist die Geburtsgeschichte Jesu von Anfang nicht nur ein Spiegel der Zeit. Sondern sie ist auch das bleibende lichtvolle Zeichen daf\u00fcr, dass wir Menschen selbst in dunkelsten Zeiten auf ein neues Leben hoffen d\u00fcrfen \u2013 und dies aus allerbesten Gr\u00fcnden. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Thomas Schlag<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoffnung auf neues Leben\u2026reloaded | 24.12.2023 | Christvesper | Lk 2,1-19 | Thomas Schlag | Liebe Weihnachtsgemeinde, vor wenigen Tagen erst und anl\u00e4sslich des bevorstehenden Ereignisses wurde ich gefragt, seit wann Christen eigentlich Weihnachten feiern. 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