{"id":19302,"date":"2023-12-27T11:39:34","date_gmt":"2023-12-27T10:39:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19302"},"modified":"2023-12-27T11:39:34","modified_gmt":"2023-12-27T10:39:34","slug":"matthaeus-65-13-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-65-13-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6,5-13"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Neujahrstag | 01.01.24 | Mt 6,5-13 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Rasmus H.C. Dreyer |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Vergebung \u2013 die einzige christliche Tugend<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein frohes Neues Jahr! Und war es nicht an der Zeit mit einem neuen Jahr? Wieder und noch einmal ein <em>annus horribilis<\/em>. Wir dachten, wir h\u00e4tten die schweren Jahre hinter uns nach Corona. Aber dann kamen die Kriege zur\u00fcck, die Inflation, und nun schlie\u00dflich ein Krieg in Pal\u00e4stina und Israel \u2013 ein Krieg, der ernste Folgen auch f\u00fcr uns hier hat. Deshalb ist es an einem Neujahrstag angebracht, auf bessere Zeiten zu hoffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute haben wir geh\u00f6rt, dass Jesus uns erz\u00e4hlt, dass wir keine Heuchler sein und nicht im \u00f6ffentlichen Raum beten sollen. Jesus kritisiert sowohl Juden als auch Heiden f\u00fcr diese religi\u00f6se Show. Seht, wie fromm ich bin! Es ist Heuchelei, mit seinem Glauben zu prahlen, erkl\u00e4rt Jesus. Der Glaube und das Gebet sind nicht etwas \u00c4u\u00dferes, womit du dich vor anderen pr\u00e4sentieren sollst. Das Neue Testament ist deshalb zuweilen kritisch gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferenFormen von Religion, mit denen seine Autoren das Judentum verbanden. Eigentlich etwas merkw\u00fcrdig, Jesus war ja Jude. Und wenn wir daran denken, dass der andere Predigttext zu Neujahr nach der altkirchlichen Perikopenordnung die Beschneidung Jesu ist, also dass er als Jude am achten Tag beschnitten wurde, so macht das kaum einen Sinn. Alle j\u00fcdischen Jungen werden beschnitten, so wie auch die meisten muslimischen Jungen. Maria und Josef lie\u00dfen Jesus durch die Beschneidung teilhaben an den tiefst en Sehns\u00fcchten ihres Volkes im Laufe der Zeiten, n\u00e4mlich die Sehnsucht, zum Volk Gottes zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier in D\u00e4nemark sind die meisten Leute Christen \u2013 in unterschiedlicher Weise. Einige sind Kulturchristen, andere sind in ihrer Tradition und Moral Christen, ohne es zu wissen. Aber offen gesagt, so beten wir D\u00e4nen zu einer Gottheit, den Sohn Gottes, der Jude war und beschnitten. Ich habe Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass viele D\u00e4nen dennoch kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, dass Juden ihre Jungen beschneiden lassen. Aber diese religi\u00f6se Handlung ist durch Jesus auch ein Teil unserer eigenen Religion. Wie der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway an einer Stelle gesagt hat: \u201eDu kannst alles in einer Erz\u00e4hlung auslassen, nur muss die klar sein, dass es dennoch mit dazukommt\u201c \u2013 mit anderen Worten: Wir k\u00f6nnen noch so sehr verbergen, dass Jesus Jude war und beschnitten, aber wenn wir sein Judentum verachten, verachten wir ihn und damit Gott selbst. Das J\u00fcdische geh\u00f6rt zu der Erz\u00e4hlung \u00fcber alle uns, die den Gott anbeten, von dem Juden, Christen und Muslime in jeweils ihrer Weise erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich jede Form von antij\u00fcdischem Denken und jede Tradition ablehnen, die wir im Neuen Testament finden. Wir k\u00f6nnen die Bibel nicht dazu verwenden, andere herunterzumachen oder sie unmenschlich zu machen, blo\u00df weil sie eine andere Religion haben. Aber wenn wir uns bewusst sind, dass es in unseren heiligen Schriften historischen antij\u00fcdischen Stoff gibt, dann k\u00f6nnen wir sehr wohl die Kritik Jesu an \u00f6ffentlicher Zurschaustellung von Meinungen, Tugenden und religi\u00f6sen Einstellungen auf die Gegenwart beziehen. Du darfst deinen Glauben haben, nat\u00fcrlich. Die Glocken l\u00e4uten das ganze Jahr \u00fcber zu christlichen Festen. Das Christentum ist auch Teil der Geschichte und des Alltags in D\u00e4nemark. \u00a0\u201eGott bewahre D\u00e4nemark\u201c, ist der Leitspruch unserer K\u00f6nigin. Aber ich m\u00f6chte nicht, dass mir religi\u00f6se oder moralische \u00dcberzeugungen aufgedr\u00e4ngt werden, rein menschlich. Ja, es gibt sogar ein besonderes Wort daf\u00fcr: Tugendapostel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und Tugendapostel gibt es \u00fcberall in einer Zeit mit sozialen Medien. Wie viele andere Modeworte stammt der Ausdruck aus dem Englischen, <em>value signalling<\/em>. Die \u00dcbersetzung Tugend-Signalisierung beschreibt treffend, worum es sich hier handelt: Man zeigt seine Tugenden vor, um seine eigene Tugend zu beweisen, dass man \u201ebesser ist als andere\u201c. Die bildlichen und kurzgefassten Formate in den sozialen Medien regen leicht an zu rascher Signalisierung von sich selbst und seinen besseren Tugenden und Meinungen auf Kosten derer, die etwas anderes meinen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Wirklichkeit stammt der Begriff der Tugend-Signalisierung aus der Welt der Theologie. Der amerikanisch-libanesische Schriftsteller Nassim Nicholas Taleb hat auf den heutigen Predigttext verwiesen, oder genauer auf die Zeilen kurz zuvor, wo Jesus davor warnt, seine Gerechtigkeit vor den Augen der Menschen zu zeigen \u2013 nur um von anderen gesehen zu werden. \u201eSie haben ihren Lohn schon gehabt\u201c, sagt Jesus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eines ist n\u00e4mlich, dass man den richtigen tugendm\u00e4\u00dfigen Zugang und die rechte Meinung hat und sie \u00f6ffentlich zeigt, etwas anderes ist es, wenn sie auf die Wirklichkeit treffen. Das ist auch ein kirchliches Problem. Es ist leicht, moralisch zu sein und sich auf Christus zu berufen \u2013 was aber wenn einem die Wirklichkeit begegnet, also wenn wir Menschen Fehler machen und s\u00fcndigen? Sollen wir dann auf unseren moralisch korrekten, tugendhaften Haltungen bestehen und den reuigen S\u00fcnder zur\u00fcckweisen? Oder ist die Botschaft Jesu nicht gerade: Richte nicht, dann wirst du selbst nicht gerichtet? Lebt die Vergebung nicht am besten im Verborgenen und pers\u00f6nlich zwischen den Menschen als einzige Regel und Norm f\u00fcr christliche Lebensf\u00fchrung? \u201eVergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern\u201c, sagt Jesus im Vaterunser. Mit Vergebung kann man nicht prahlen, auch nicht mit S\u00fcnde und Fehlern. Die Wirklichkeit ist viel schwerer als die bequemen moralischen Statements in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eines der trostreichsten B\u00fccher, auf das ich oft zur\u00fcckkomme, und auch \u2013 gemessen am Ma\u00dfstab der Wirklichkeit \u2013 das ist das Tagebuch von Anne Frank. Das j\u00fcdische M\u00e4dchen, das dies ber\u00fchmte Tagebuch \u00fcber die Zeit in einem Versteck in Amsterdam schrieb. Die Geschichte endete bekanntlich ungl\u00fccklich, weil die Familie verraten wurde, und Anne Frank wurde im KZ ermordet. Das Tagebuch zeugt aber von einem M\u00e4dchen mit Sehns\u00fcchten, Tr\u00e4umen und einer enormen F\u00e4higkeit, trotz aller Widrigkeiten auszuhalten. Die Umwelt signalisierte damals ihre Tugenden in Form von Judenhass und Verfolgungen. Hier erinnert uns das Tagebuch daran, dass jede aktuelle Meinung, jede aktuelle Verfolgung und jedes aktuelle menschliche Leid \u2013 ganz gleich auf welcher Seite eines Krieges oder Konflikts \u2013 eine Kehrseite haben, dass echte Menschen unter den Idealen anderer Menschen leiden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und Annes Leben w\u00fcrden wir nicht kennen, wenn sie ihre Gedanken nicht niedergeschrieben h\u00e4tte. Deshalb k\u00f6nnen wir Menschen auf der anderen Seite der Verfolgung begegnen. Zu einem Zeitpunkt hat sich Anne in Peter verliebt, der zu einer anderen j\u00fcdischen Familie geh\u00f6rt, die in der Wohnung lebt. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Aufzeichnungen des Tagebuchs ist der fiktiven Empf\u00e4ngerin Kitty gewidmet \u2013 aber in ihrer Verliebtheit in Peter und ihrer Sehnsucht nach ihm schreibt sie an ihn. Und hier blicken wir in das Innerste von Anne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anne schreibt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eEinige Gedanken an Peter. Vieles m\u00fcssen wir her entbehren, wirklich viel und sehr lange Zeit, und ich vermisse das alles, so wie du. Nun musst du nicht glauben, dass ich von \u00e4u\u00dferen Dingen rede, damit sind wir hier gut versorgt. Nein, ich denke an andere Dinge. Genau wie du sehne ich mich nach Freiheit und Luft, aber ich glaube, dass wir reichlich Ersatz bekommen f\u00fcr alle unsere Entbehrungen. Ich meine: Ersatz von innen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anne erz\u00e4hlt nun weiter, wie sie sich eines Morgens ans Fenster gesetzt hat, die Gardinen weggezogen und hinausblickte, und dann<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201ef\u00fchlte ich mich eigentlich von Angesicht mit der Natur, und da war ich gl\u00fccklich, denn \u2013 f\u00e4hrt Anne fort \u2013 \u201eReichtum, Ansehen, alles kann man verlieren, aber das Gl\u00fcck in seinem eigenen Herz kann nur vor\u00fcbergehend verschleiert werden\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anne hat Recht. Das Herz ist unverletzlich.\u00a0 Und darin best\u00e4tigt uns Gott \u2013 deshalb wenden wir uns auch mit unseren Gebeten an Gott \u201eim Himmel\u201c, wie wir das am Beginn des Vaterunsers tun. Anne, die ja keine Christin war, aber doch an denselben Gott glaubte, sagt etwa dasselbe: Siehe hinaus und nach oben \u2013 nicht nur auf die H\u00e4user und die D\u00e4cher, \u201esondern auf den Himmel\u201c. Denn von dort wirst du Ersatz bekommen f\u00fcr alle Entbehrungen und jedes Leiden, erz\u00e4hlt sie, das kann den Mut bewahren, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe bewahren trotz aller \u00e4u\u00dferen Entbehrungen und allem Ungl\u00fcck. Die Erde kann vergehen in Leiden, aber der Himmel ist immer \u00fcber uns. \u201eVater unser, der du bist im Himmel!\u201c Mit andren Worten ist die leidende Erde immer umfangen von Gott, einem Gott, von dem wir glauben, dass er ganz an unserem Leiden teilhat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das war damals in Bethlehem zur Weihnacht. M\u00f6ge dieses neue Jahr uns daran erinnern, dass es hiernach immer Weihnachten in der Welt ist. Weil Gott mit uns leiden und leben will. Ein frohes neues Jahr. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Adjunkt (Assistenzprofessor), K\u00f8benhavns Universitet<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ph.d. Rasmus H.C. Dreyer<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Slagelse, Danmark<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: <a href=\"mailto:rhd@teol.ku.dk\">rhd(at)teol.ku.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahrstag | 01.01.24 | Mt 6,5-13 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Rasmus H.C. Dreyer | Vergebung \u2013 die einzige christliche Tugend Ein frohes Neues Jahr! Und war es nicht an der Zeit mit einem neuen Jahr? Wieder und noch einmal ein annus horribilis. Wir dachten, wir h\u00e4tten die schweren Jahre hinter uns nach Corona. 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