{"id":19317,"date":"2023-12-28T09:34:26","date_gmt":"2023-12-28T08:34:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19317"},"modified":"2023-12-28T09:34:26","modified_gmt":"2023-12-28T08:34:26","slug":"1-korinther-1614","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-1614\/","title":{"rendered":"1. Korinther 16,14"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Vom Tun und Geschehenlassen | Predigt zur Jahreslosung 2024 | 01.01.2024 | 1.Kor. 16,14 | Ulrich Pohl |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAlles, was ihr tut, geschehe in Liebe.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alles. Alles, was ihr tut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das h\u00f6rt sich umfassend an. Das passt zu dem, was man sich f\u00fcr ein neubegonnenes Jahr vornimmt. Die sprichw\u00f6rtlichen \u201eguten Vors\u00e4tze\u201c: Man will Neues und Sinnvolles in den eigenen Gewohnheiten verankern, indem man es Tag f\u00fcr Tag wiederholt, und das am besten ein ganzes Jahr lang. Auf S\u00fc\u00dfes verzichten, langsamer machen, dem Sch\u00f6nen Raum geben, kultivieren, was das Miteinander st\u00e4rkt. Alle Tage, das ganze Jahr hindurch. Geduldig, unabl\u00e4ssig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein guter Vorsatz kann Grund in das eigene Leben bringen. Und das m\u00f6chte ich. Ich m\u00f6chte wieder etwas mehr Kontrolle bekommen \u00fcber das, was ich bin und das, was ich tue. Ich m\u00f6chte mich weniger getrieben f\u00fchlen. Ich m\u00f6chte spontanen Launen nicht mehr so ausgeliefert sein. Ich m\u00f6chte selbstgeleitet leben. Ich m\u00f6chte mich pers\u00f6nlich weiterentwickeln. Ich m\u00f6chte mehr werden, wie ich sein k\u00f6nnte. Und ich wei\u00df, dazu geh\u00f6rt Disziplin. T\u00e4glich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, alles. Alles, was ihr tut, 365 Tage im Jahr. Alles kommt unter einen Vorsatz, einen, von dem man sicher wei\u00df: Der hilft, das ist ein gutes Programm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was f\u00fcr ein Vorsatz soll das sein, wenn nicht die Liebe?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Liebe ist ein geradezu \u00fcberirdisches Prinzip. Sie kann mich wirklich zu einem anderen Menschen machen. Liebe tut gut. Sie tut mir gut. Sie tut meinen Mitmenschen gut. Und auch Gott hat Freude daran.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dreimal Liebe: Liebe zu Gott. Liebe zu meinen N\u00e4chsten. Und Liebe zu mir selbst. So erkl\u00e4rt Jesus einem Schriftgelehrten, der ihn fragt: Was ist das h\u00f6chste Verhaltensprinzip, was ist das wichtigste Gebot? Dreimal Liebe, lautet die Antwort. Gott lieben, deinen N\u00e4chsten lieben, dich selbst lieben. (Markus 12, 29 &#8211; 31)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber damit werden eben aus einem Gebot drei Gebote. Und das macht es nicht leichter. Denn auf die Spitze getrieben k\u00f6nnen sie sich gegenseitig widersprechen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir merken es auf schreckliche Weise, wenn religi\u00f6se Kriege gef\u00fchrt werden, Kriege im Namen Gottes. Solche Kriege f\u00fchren zu den schlimmsten Ausw\u00fcchsen. Eben weil \u201eGottes\u201c-Krieger, sich bei dem, was sie anderen antun, auf etwas berufen, was weit \u00fcber allem Irdischen steht. Nicht selten setzt die vermeintliche Treue zu Gott alle menschlichen Regungen au\u00dfer Kraft. Mitleid und Empathie gibt es dann nicht mehr. Da schreibt sich die \u201eGottesliebe\u201c ganz gro\u00df. Und die Menschenliebe wird bis zum Verschwinden klein. Heraus kommen Ereignisse, wie wir sie im Oktober beim \u00dcberfall auf Israel mitansehen mussten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch auch der umgekehrte Weg f\u00fchrt an der Liebe vorbei: Die Selbstaufopferung im Namen Gottes. Ich kann mich f\u00fcr andere einsetzen. Ich kann in Not Geratenen helfen, und es ist gut, wenn ich das tue. Aber immer ist es so, irgendwann komme ich an einen Punkt, da sind meine Kr\u00e4fte aufgebraucht. Da sind meine Grenzen erreicht. Da muss ich nein sagen, wenn ich mich nicht v\u00f6llig ersch\u00f6pfen und verlieren will. Die Aufopferung f\u00fcr andere wird im Christentum zwar mitunter positiv angesehen. Das, was Jesus mit Liebe meinte, hat damit aber nicht viel zu tun. Jesus hatte ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, ein Mensch muss seine Grenzen akzeptieren. Du sollst deinen N\u00e4chsten wie dich selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe zum Dritten: Wie erziehen wir unsere Kinder? In Liebe, nat\u00fcrlich! Nur, wenn mein Kind ausnahmslos Spaghetti zu Mittag will und zum Nachtisch Nutella, ist es dann Liebe, wenn ich sie ihm gebe? Oder ist es Liebe, wenn ich ihm Widerstand entgegensetze &#8211; auch wenn es dabei im Ernstfall Tr\u00e4nen gibt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das, was sich zun\u00e4chst einfach anh\u00f6rte, das \u201eJahresprogramm Liebe\u201c, stellt sich nun als schwierige Mission dar. Ich muss von Mal zu Mal genau \u00fcberlegen: Auf welche Weise will ich denn nun der Liebe in genau dieser Situation Gestalt geben? Was will ich tun? Was muss ich tun? Diese Fragen bleiben offen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch in unserem kurzen Vers ist nicht nur vom Tun die Rede, sondern auch vom Geschehenlassen. Besonders deutlich wird das, wenn man die Lutherbibel zu Rate zieht. Sie \u00fcbersetzt den Vers so: Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen. Hier kommt das Wort \u201etun\u201c \u00fcberhaupt nicht vor. Damit ist Martin Luther nahe am Urtext, der Bibel auf Griechisch, die die ersten Gemeinden gelesen haben. Was dort steht, h\u00f6rt sich ungef\u00e4hr so an: Panta h\u00fcmoon en agap\u00e4\u00e4 genestho. Kurz und knapp \u00fcbersetzt: Alles Eure geschehe in Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Spannung zwischen Tun und Geschehenlassen scheint beinahe so etwas wie eine fern\u00f6stliche Weisheit auf. Es \u00f6ffnet sich die T\u00fcr zu einer tiefgreifenden Einsicht in das Gleichgewicht zwischen aktivem Handeln und einer Art Gelassenheits-Prinzip. Ein Verst\u00e4ndnis, das uns dazu anregt, die Nuancen des Lebens zu verstehen und &#8211; wenn man es so sagen will &#8211; auf den Wellenschlag des Universums zu achten und sich einzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das aktive Handeln, das Tun, repr\u00e4sentiert die Energie, die wir in diese Welt bringen. Es ist die bewusste Teilnahme am Fluss des Lebens. Zugleich mahnt die Weisheit, die in diesem Vers anklingt, wir sollen bescheiden bleiben. Wir sollen erkennen, es liegt nicht alles in unserer Hand und nicht alles unterliegt unserer Kontrolle. Es gibt Momente, in denen wir das, was geschieht, geschehen lassen m\u00fcssen. Sonst st\u00f6ren wir den Lauf, den Gott den Dingen gibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Geschehenlassen liegt eine tiefe Akzeptanz f\u00fcr das, was Gott in unserer Welt tun will. In der Sprache der fern\u00f6stlichen Weisheit: Wir vertrauen uns dem Fluss des Universums an. F\u00fcr unseren Glauben gesagt: Wir vertrauen uns dem an, was Gott tut und tun will. Wo es angebracht ist, lassen wir los und lassen unsere H\u00e4nde ruhen. Wir vertrauen darauf, er, der alles in H\u00e4nden h\u00e4lt, ist ein liebender Gott. Er hat diese Welt ins Leben gerufen und ist weiter in ihr unterwegs. Was er tut, tut er aus Liebe. Wir m\u00fcssen uns nicht dagegenstemmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Haltung des Vertrauens erlaubt es, uns freizumachen vom \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Festhalten und allem unn\u00f6tigen Widerstand gegen das, was werden will. Es ist, als ob man auf einem Fluss schwimmt, sich treiben l\u00e4sst, w\u00e4hrend man gleichzeitig die F\u00e4higkeit besitzt, die Richtung sanft zu lenken. Die Kunst besteht darin, die Balance zwischen Tun und Geschehenlassen zu finden. Wir sollen in unseren Handlungen die Stille bewahren &#8211; und in der Stille die Kraft f\u00fcr ein neues Handelns wachsen lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alles, was ihr tut, soll in Liebe geschehen: Dieser kurze Satz erinnert uns, bei dem, was wir vorhaben, nicht nur die \u00e4u\u00dferen Handlungen zu ber\u00fccksichtigen, sondern auch die innere Haltung der Liebe, mit der wir dem begegnen, was auf uns zukommt. Dann wird unser Tun wird zu einer kreativen Ausdrucksform unserer selbst &#8211; und unser Lassen wird zu einer Quelle der inneren Ruhe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Wir h\u00f6ren eine Einladung, in den kommenden 365 Tagen immer wieder still zu werden und auf die Balance zu achten. Auf die Balance zwischen dem, was geschehen will und dem, was wir tun sollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Gebet f\u00fcr alle Tage sei schlie\u00dflich die Sentenz zitiert, welche im Kern dem deutschen Pfarrer Wilhelm Oetinger (oder wahlweise dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr) zugeschrieben wird: Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht \u00e4ndern kann, den Mut, die Dinge zu \u00e4ndern, die ich \u00e4ndern kann, und Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der Friede \u2026<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfarrer Ulrich Pohl, Neuss<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Tun und Geschehenlassen | Predigt zur Jahreslosung 2024 | 01.01.2024 | 1.Kor. 16,14 | Ulrich Pohl | \u201eAlles, was ihr tut, geschehe in Liebe.\u201c Alles. Alles, was ihr tut. Das h\u00f6rt sich umfassend an. Das passt zu dem, was man sich f\u00fcr ein neubegonnenes Jahr vornimmt. 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