{"id":1935,"date":"2020-02-16T11:10:41","date_gmt":"2020-02-16T10:10:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1935"},"modified":"2020-02-22T11:12:33","modified_gmt":"2020-02-22T10:12:33","slug":"die-traenen-gottes-honigsuess-und-magenbitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-traenen-gottes-honigsuess-und-magenbitter\/","title":{"rendered":"Die Tr\u00e4nen Gottes: Honigs\u00fcss und Magenbitter"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Hesekiel 2,1-5(6-7)8-10; 3,1-3 | verfasst und aus dem Spanischen \u00fcbersetzt von Michael Nachtrab |<\/h3>\n<p><em>Heiliger Gott, Unsterblicher und M\u00e4chtiger, gib mir heute von Deinem Wort zu essen, damit alles, was ich sage, zum Wohle Deiner heute versammelten Gemeinde dient, und gib uns heute von Deinem Wort zu essen, damit wir uns jederzeit danach sehnen, von Deiner Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erf\u00fcllt zu werden, anstatt nach den eitlen Worten zu suchen, die vielleicht s\u00fc\u00df in unseren Ohren klingen, aber bitter in unserem Mund sind. Wir bitten dich durch Christus Jesus, dein fleischgewordenes Wort, der f\u00fcr uns zum Wort des Lebens geworden ist und der mit dir und dem Heiligen Geist, dem einen Gott, lebt und regiert, f\u00fcr immer und ewig. Amen.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Br\u00fcder und Schwestern:<\/p>\n<p>Es gibt eine Szene im Film Selma, die Dr. Martin Luther King \u2013 den viele ja f\u00fcr einen modernen Propheten halten \u2013 von seiner pastoralen Seite zeigt. Als der junge Afroamerikaner Jimmy von einem rassistischen Polizeimob get\u00f6tet wird, geht Dr. King auf den Gro\u00dfvater des Jungen zu und tr\u00f6stet ihn mit den Worten: &#8222;Ich m\u00f6chte, dass Sie wissen, dass Gott bei Jimmys Tod als erster geweint hat. Er war der erste, der f\u00fcr ihn eine Tr\u00e4ne vergoss&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Trost mag f\u00fcr manche blasphemisch klingen: dass der Gott der Herrlichkeit, der Herr der Heerscharen, der mit einem starken Arm das Universum beherrscht, sich dazu herabl\u00e4sst den gewaltsamen Tod eines einzelnen Menschen zu betrauern. F\u00fcr andere mag dieser Trost jedoch gef\u00e4hrlich klingen: wie ein billiges S\u00fc\u00dfungsmittel f\u00fcr eine Situation, die zu ernst und bitter ist, so wie es die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten war.<\/p>\n<p>Aber entweder Dr. King &#8211; wenn er Jimmys Gro\u00dfvater wirklich so getr\u00f6stet hat \u2013 oder der Autor, der diese Worte in Kings Mund legte, h\u00e4tte gegen beide Angriffe einen gro\u00dfen F\u00fcrsprecher auf seiner Seite: den Prediger des Evangeliums vom Kreuz, der nur zu gut wusste und erlebte, dass das Evangelium vom Kreuz &#8211; jenes Kreuz, in das alles Elend und alle Elenden der Welt eingezeichnet und das das geheime Zeichen einer neuen Zeit und Welt ist \u2013 f\u00fcr die einen &#8222;Skandal&#8220; und f\u00fcr die anderen &#8222;Schwachsinn&#8220; sein muss (1. Kor 1,23).<\/p>\n<p>Es scheint so, dass die Tr\u00e4nen Gottes einerseits die barmherzige Solidarit\u00e4t des Allm\u00e4chtigen f\u00fcr diejenigen darstellt, die auf dieser unserer Erde leiden, und andererseits den gerechten Zorn des gekreuzigten Gottes gegen diejenigen, die st\u00e4ndig die &#8222;befreienden Grenzen&#8220; (Daniel Beros) \u00fcberschreiten, die der Gekreuzigte als Sch\u00f6pfer f\u00fcr das Leben und das Zusammenleben eingerichtet hat. Und im Fall von King sind Gottes Tr\u00e4nen einerseits der Grund f\u00fcr seine barmherzige Hirtent\u00e4tigkeit und f\u00fchren ihn andererseits zu prophetischer Emp\u00f6rung angesichts der Ungerechtigkeiten gegen\u00fcber den Seinen &#8211; den Afroamerikanern &#8211; und den Fremden &#8211; z.B. den vietnamesischen Opfern des Vietnamkriegs.<\/p>\n<p>Ich zweifle nicht daran: Es ist \u00e4u\u00dferst schwierig, an einen Gott zu glauben, der nicht aufh\u00f6rt, allm\u00e4chtig zu sein, obwohl er f\u00fcr etwas ganz Bestimmtes Tr\u00e4nen vergie\u00dft; oder an einen Gott, der nicht aufh\u00f6rt, barmherzig zu sein, obwohl er in seinem Zorn und in seiner Vergeltung gerecht ist. Aber es ist nicht unm\u00f6glich. Ein wenig Gehorsam gen\u00fcgt, so wie es der Prophet Ezechiel beweist.<\/p>\n<p>Bevor er als W\u00e4chter berufen wird (Hes 3,17), pr\u00e4sentiert Gott, dem Ezechiel als Priester dient und den Ezechiel in seiner ersten Vision als ein \u00fcberm\u00e4chtiges Wesen in seiner ganzen Herrlichkeit beschreibt (Hes 1,4-28), eine lange Schriftrolle. Es ist nicht nur ein \u201eTr\u00e4nenbrief&#8220; \u2013 so wie ihn der Apostel Paulus an die Korinther schreibt \u2013 sondern eine echte \u201eTr\u00e4nenrolle&#8220;. Auf der Schriftrolle standen \u201eKlagen, Seufzer und Wehrufe&#8220; Gottes abgedruckt. Es handelt sich wirklich um eine \u201egesalzene\u201c Schriftrolle, die Ezechiel schlucken und sein Inneres mit ihr f\u00fcllen muss.<\/p>\n<p>Zu seiner eigenen \u00dcberraschung und zu unserer aller \u00dcberraschung ist diese \u201egesalzene\u201c Schriftrolle jedoch s\u00fc\u00df wie Honig im Mund von Ezechiel. Weil er gehorsam ist, schmeckt er, &#8222;wie freundlich der Herr ist\u201c (Ps 34,8). Das hei\u00dft, Gottes Tr\u00e4nen sind kein Beweis f\u00fcr seine Ohnmacht vor der Welt, sondern vielmehr best\u00e4tigt er damit seine \u00dcberlegenheit als Sch\u00f6pfer seiner guten Sch\u00f6pfung. Ezechiel beweist, dass Gottes Worte s\u00fc\u00dfer sind als Honig, denn wo seine Verordnung ist, da ist Leben und Hoffnung, und wo seine Grenzen \u00fcberschritten werden, da ist das Nichts und das Chaos, die in die Verzweiflung treiben (Ps 119).<\/p>\n<p>Ezechiel beweist, dass die G\u00fcte Gottes, durch die er f\u00fcr ein bestimmtes Volk Tr\u00e4nen vergie\u00dft, nicht im Widerspruch zu seiner Allmacht steht, mit der er alle Reiche der Welt regiert. Oder um es mit den (durch Lukas und Matth\u00e4us auseinander gerissenen) Worten Jesu beim Letzten Abendmahl zu sagen &#8211; und ich glaube fest daran, dass er es nicht nur beim Letzten Abendmahl sagte, sondern an allen Tischen, die er mit den Z\u00f6llnern, Prostituierten und S\u00fcndern teilte: \u201evergossen f\u00fcr Euch und f\u00fcr viele\u201c. Die Tatsache, dass Gott Tr\u00e4nen f\u00fcr &#8222;euch&#8220;, d.h. f\u00fcr jemand Besonderen, vergie\u00dft, steht nicht im Widerspruch dazu, dass er es f\u00fcr viele tut und tun wird, n\u00e4mlich f\u00fcr all jene, die wie die sind, die Jesus mit \u201eeuch\u201c anspricht. Also diese auserw\u00e4hlte Gruppe der \u201eGedem\u00fctigten in ihrer Armut&#8220; (Martin Luther).<\/p>\n<p>Dann &#8211; und das steht leider nicht mehr in unserem heutigen Text \u2013 erf\u00e4hrt Ezechiel die \u201eTr\u00e4nenrolle&#8220; nicht nur als Honig im Mund, sondern auch als Magenbitter. Als der Geist Gottes Ezechiel aufrichtet, kehrt dieser mit \u201eBitterkeit und einem entbranntem Geist&#8220; (Ezechiel 2,14; eigene \u00dcbersetzung) zu den Gefangenen von Tel Abib zur\u00fcck. Ezechiel schmeckt nicht nur die G\u00fcte Gottes sondern auch, dass Gott die Ungerechtigkeiten und \u00dcberschreitungen seiner Grenzen nicht so nonchalant \u00fcbersieht, wie es vielleicht Ezechiel als Priester getan hat. Nat\u00fcrlich setzt die \u201eTr\u00e4nenrolle&#8220; in ihm etwas in Bewegung, was schwer und unbeweglich in ihm lag. Es scheint, dass die Klagen, Seufzer und Wehrufe, die aus dem innersten Sein Gottes, seinem Bei-Sich-Selbst-Sein, d.h. aus seiner Gerechtigkeit (Hans J. Iwand) kommen, f\u00fcr unser Inneres und unsere Innereien die gleiche Wirkung haben wie ein Magenbitter: sie setzt die tr\u00e4gen und \u00fcberladenen Organe in Bewegung.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass Gott aus Entr\u00fcstung und Zorn gegen diejenigen weint, die sich gegen seine Grenzen auflehnen und damit das Leben mit F\u00fc\u00dfen treten und die gute Sch\u00f6pfung erniedrigen, aktiviert Ezechiels Inneres. Vielleicht kann er erst jetzt wirklich die Vertreibung, die Dem\u00fctigung im babylonischen Exil erleiden. Vielleicht kann er erst jetzt mit den anderen in ihrer Armut gedem\u00fctigten Menschen am Flussufer sitzen, um zu weinen und die Leiern an die Weiden zu h\u00e4ngen (Ps. 137).<\/p>\n<p>Auf diese Weise gehen die g\u00fctige Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit, mit der sich Gott emp\u00f6rt, Hand in Hand. So gehen, wenn man erst einmal das Evangelium vom Kreuz, also die \u201eTr\u00e4nenrolle&#8220; Gottes, schluckt, die Gewissheit, dass Gott seine Allmacht gerade in der Parteilichkeit zeigt, Hand in Hand mit der Hoffnung auf die Barmherzigkeit, die sich gerade in seiner gerechten Emp\u00f6rung und Vergeltung erweist. So gehen auch die pastorale Solidarit\u00e4t der Kirche mit den Erniedrigten und die prophetische Emp\u00f6rung angesichts der Ungerechtigkeit Hand in Hand &#8211; auch wenn wir nicht selbst die Opfer sind. Gottes \u201eTr\u00e4nenrolle&#8220;, die dem Kelch entspricht, den Jesus am Kreuz trinken soll, erz\u00e4hlt von einem Gott, der &#8211; weil er der Sch\u00f6pfer aller Gesch\u00f6pfe ist &#8211; nichts anderes tun kann, als jede Ungerechtigkeit und Dem\u00fctigung, die diese Gesch\u00f6pfe erleiden, als ein Unrecht gegen ihn selbst zu empfinden. Es ist also nicht schwer, zu erraten, welche Schriftrolle Dr. King gegessen hat, als er verk\u00fcndete, dass \u201edie Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort eine Bedrohung f\u00fcr die Gerechtigkeit \u00fcberall darstellt&#8220;.<\/p>\n<p>M\u00f6ge Gott in seiner Freiheit und Treue auch uns seine \u201eTr\u00e4nenrolle&#8220; essen lassen, um in uns die Gewissheit zu bekr\u00e4ftigen, dass unser Gott, der Sch\u00f6pfer des Universums, ein Gott ist, der f\u00e4hig ist, die Dem\u00fctigungen zu beweinen, die die Br\u00fcder und Schwestern unter uns oder weit weg von uns erlitten haben. M\u00f6ge er uns auch mit heiliger Furcht angesichts seines Zorns erf\u00fcllen, um nicht still vor ihm zu stehen, sondern gerechte Emp\u00f6rung angesichts der \u00dcbertretungen seines Lebensgesetzes zu empfinden. Und wenn es zum Wohle dieser Welt ist, und selbst wenn es wie Wahnsinn oder Sklandal aussieht, dann m\u00f6ge er uns weinen lassen, so viel wir weinen m\u00fcssen, anstatt eitles Lob f\u00fcr die Unterhaltung der \u201eStolzen in ihrer Gerechtigkeit\u201c (Martin Luther) zu singen. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nVik. Michael Nachtrab<br \/>\nSan Vicente (Misiones), Argentinien<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:famnachtrab@hotmail.com\">famnachtrab@hotmail.com<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Hesekiel 2,1-5(6-7)8-10; 3,1-3 | verfasst und aus dem Spanischen \u00fcbersetzt von Michael Nachtrab | Heiliger Gott, Unsterblicher und M\u00e4chtiger, gib mir heute von Deinem Wort zu essen, damit alles, was ich sage, zum Wohle Deiner heute versammelten Gemeinde dient, und gib uns heute von Deinem Wort zu essen, damit wir uns jederzeit danach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1769,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,1,2,186,157,114,140,172,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-1935","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ezechiel","category-aktuelle","category-at","category-aus-dem-spanischen","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-2","category-michael-nachtrab","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1935"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1935\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1936,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1935\/revisions\/1936"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1935"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=1935"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=1935"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=1935"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=1935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}