{"id":19373,"date":"2024-01-08T10:52:42","date_gmt":"2024-01-08T09:52:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19373"},"modified":"2024-01-08T10:55:23","modified_gmt":"2024-01-08T09:55:23","slug":"hebr-1212-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebr-1212-18\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 12,12-18"},"content":{"rendered":"<h3>2. So n. Epiphanias | 14.01.2024 | Hebr 12,12-18 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p>I. Ich \u00f6ffne den Brief, gespannt und voller Erwartung. <em>St\u00e4rkt die m\u00fcden H\u00e4nde und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren F\u00fc\u00dfen, jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung. <\/em>Ich lese und bin begeistert. Diese Worte treffen mich, als seien sie f\u00fcr mich hier und heute geschrieben; sie treffen mitten in mein Herz, das hungert und d\u00fcrstet nach Frieden und Sicherheit in einer Welt, in der so vieles in Chaos und Dunkelheit versinkt, und ich taumle mittendrin, m\u00fcrbe und m\u00fcde geworden durch all das Erstarken von Hass und Gewalt auf den Stra\u00dfen, in den Kriegen, in den K\u00f6pfen, von all dem Schwanken und Schw\u00e4cheln der Demokratien, den Schritten nach rechts und den Tritten nach allem, was anders ist. Wie sehr w\u00fcnsche ich mir Frieden und die Kraft, \u201enicht m\u00fcde [zu] werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hin[zu]halten\u201c (Hilde Domin). Die m\u00fcden H\u00e4nde st\u00e4rken und dem Frieden nachjagen. Ich lese und sage von ganzem Herzen \u201eJa\u201c dazu, das sind Worte wie Balsam f\u00fcr meine Seele, s\u00fc\u00df und sehnsuchtsvoll \u2013 und doch: Ein bitterer Beigeschmack stellt sich ein, erst zwischen den Zeilen, dann schwarz auf wei\u00df, erst unklar, verschwommen, stellt sich immer sch\u00e4rfer, un\u00fcbersehbar f\u00e4llt es mir dann wie Schuppen von den Augen: Da ist eine Bombe in der Torte.<\/p>\n<p>II. Ich lese ein zweites Mal. \u201eFrieden, St\u00e4rkung, Heiligung\u201c \u2013 all das muss man gro\u00df machen, sicher, aber indem man andere klein macht? Das schon weniger, aber genau das lese ich. Die Zeilen atmen den Geist schwarzer P\u00e4dagogik, rhetorische Rohrst\u00f6cke, peitschende Parolen und Ausrufungszeichen wie erhobene Zeigefinger. Mache dies und das und wehe, wenn nicht. Kein offener, freundlicher Brief, der aufmuntern und aufbauen will, sondern \u2013 wie der Autor selbst es nennt \u2013 ein \u201eWort der Ermahnung\u201c (Hebr 13,22), eine Gardinenpredigt, die sich gewaschen hat, harte Worte geschrieben mit harter Hand und hartem Herzen. Blo\u00df kein Straucheln, Z\u00f6gern, kein Schw\u00e4che-Zeigen, sonst drohen Konsequenzen. Sieh dir nur Esau an. Wie ein ungehorsamer Sch\u00fcler wird Esau blo\u00dfgestellt, in die Ecke gestellt, da steht er nun am Pranger, als negatives Beispiel vorgef\u00fchrt, allen anderen zur Abschreckung vor Augen gef\u00fchrt: So wirst auch du enden, wenn du m\u00fcde und kraftlos bist. Kein Hauch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Esau, kein Spielraum f\u00fcr den, der es falsch gemacht hat. Sicher, was Esau getan hat, war nicht nur ein schwacher Moment, das war schon ein starkes St\u00fcck. Sein Erstgeburtsrecht hat er verkauft und den Segen verh\u00f6kert f\u00fcr einen Teller Linsensuppe. Das ist respektlos, ohne Frage. Doch vielleicht hatte er Gr\u00fcnde? Vielleicht hatte Esau einfach Hunger? Doch danach wird nicht gefragt, f\u00fcr Esau gibt es nur ein Urteil: <em>Er fand keinen Raum zur Bu\u00dfe, obwohl er sie mit Tr\u00e4nen suchte<\/em>. Esau bleibt in der Ecke, angez\u00e4hlt, ausgeknockt, Segen verzockt. Das war\u2019s, ein f\u00fcr alle Mal. Ich bin ern\u00fcchtert und eingesch\u00fcchtert. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Frieden geht doch auch ohne Drohkulisse: \u201eSelig sind, die Frieden stiften!\u201c (Mt 5,9). Wenn mir eine solche Verhei\u00dfung den R\u00fccken st\u00e4rken w\u00fcrde, w\u00fcrde mich das mehr motivieren, das w\u00e4re mehr nach meinem Geschmack. Doch es kommt noch bitterer. Nicht allein, dass der Autor Esau blo\u00dfstellt, er ermuntert auch andere, es ihm gleich zu tun, alle Schwachen und M\u00fcden in Esaus Ecke zu stellen. <em>Seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade vers\u00e4ume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie verunreinigt werden. <\/em>\u00dcberwachen, Petzen, Denunzieren, damit der reine Rest nicht verunreinigt werde, damit sich ja keiner anstecke bei solchen Menschen wie Esau \u2013 \u201ebig brother is watching you\u201c. Eine ganz eigene Spielart christlicher Br\u00fcderlichkeit, die mir so gar nicht schmeckt. Bittere Worte sind das, klare Trennlinien zwischen rein und unrein, schwarz und wei\u00df, kein Raum f\u00fcr Graut\u00f6ne, kein Spielraum f\u00fcr Verst\u00e4ndnis und Neuanf\u00e4nge. Schwarze P\u00e4dagogik zwischen Drohung, Dem\u00fctigung und Denunziation. Dazu sage ich aus ganzem Herzen \u201enein\u201c. Und \u00fcberhaupt, all diese Imperative:\u00a0 <em>St\u00e4rkt die m\u00fcden H\u00e4nde, jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung. <\/em>Kann man Frieden befehlen? Auf Kommando stark sein? Heiligung anordnen? Kommen da nicht bestenfalls lustlose Lippenbekenntnisse heraus, fleischloses Plappern wie die Heuchler, die mit salbungsvoller Stimme \u201eGewalt ist keine L\u00f6sung\u201c hauchen und die Hand in der Hosentasche zur Faust ballen? Ich bin ern\u00fcchtert und eingesch\u00fcchtert. Ist dieser negative Beigeschmack alles, was bleibt von jenem Brief, den ich so erwartungsvoll ge\u00f6ffnet habe? Also ab in den Giftschrank mit dieser p\u00e4dagogischen Performance aus dunklen Zeiten? Stempel drauf und Akte zu: Annahme verweigert?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">III. Ich lese zum dritten Mal, versuche zu verstehen, was den Autor umtreibt und antreibt, was ihn so hart und kompromisslos macht. Der Hebr\u00e4erbrief wurde in einer Zeit verfasst, in der die Christen glaubensm\u00fcde waren. Die Begeisterung f\u00fcr das Bekenntnis lie\u00df nach, das Feuer, das einst das Herz in Flammen setzte, wurde schw\u00e4cher, drohte ganz zu erl\u00f6schen. Doch was bleibt dann? Diese Entwicklung setzt den Autor unter Druck und diesen Druck gibt er weiter. Mit Appellen versucht er, dem Abfall vom Glauben entgegenzuwirken, das Feuer am Brennen zu halten und die nur noch schwach glimmende Glut wieder neu zu entfachen. Dabei geht es ihm weniger um die \u00f6ffentliche Performance und gesellschaftliche Relevanz von Kirche oder gar um sinkende Kirchensteuern und schwarze Zahlen als um Jesus Christus selbst. Daf\u00fcr brennt er, f\u00fcr das, was Christus erk\u00e4mpft, erlitten und errungen hat f\u00fcr uns, damit wir nicht in<em>Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter <\/em>gelangen. Wenn nun die Menschen im Glauben wanken und m\u00fcde werden, wenn sie das, was sie bekannt haben, vernachl\u00e4ssigen, Schritt f\u00fcr Schritt davon ablassen und es ganz loslassen, dann wird der Kreuzestod Jesu zum Gesp\u00f6tt (Hebr 6,6) und alles w\u00e4re umsonst \u2013 Jesu Opfertod, Gottes Liebe, \u00a0das Brennen des Geistes, das das Herz einst so in Flammen setzte. Nichts als Asche, alles aus, vergangen und verweht. Das kann und will der Autor des Briefes nicht zulassen, will nicht das dem Spott preisgeben, was so teuer erkauft wurde, was ihm selbst so kostbar und unantastbar ist. Seine H\u00e4rte ist die Frucht seiner Not:\u00a0 Bewahrt das Bekenntnis, bew\u00e4hrt euch im Glauben, sonst stirbt euer Glaube, sonst sterben wir alle wie eine schwache Flamme, \u00fcber die ein Windhauch zieht so als h\u00e4tte es Gottes Liebe nie gegeben. Ich werde milder, beginne zu verstehen, auch wenn die Abneigung gegen die schulmeisterliche P\u00e4dagogik bleibt. St\u00e4rke, Frieden, Heiligung kann man nicht ins Herz diktieren, geschweige denn mit Worten einpeitschen oder mit Angst in einen hineintreiben, aber an die Achtsamkeit appellieren, das geht schon und das tut Not, gerade heute und hier, wo eine Kirchen \u2013 und vielleicht sogar Glaubensm\u00fcdigkeit um sich greift. Jetzt ist an uns, uns im Glauben zu bew\u00e4hren und unser Bekenntnis zu bewahren, vielleicht gerade indem wir manches neu anpassen und nicht \u00e4ngstlich auf das Gestrige starren und stocksteif darauf beharren, wie es immer war und in alle Ewigkeit sein soll. Denn \u2013 wie hei\u00dft es sch\u00f6n \u2013 \u201eTradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche\u201c? Brennt unser Herz noch? Oder stehen wir da mit leeren Herzen und H\u00e4nden, durch die uns nichts als kalte Asche rinnt? Um mich herum sp\u00fcre ich so viel M\u00fcdigkeit, so viele Menschen sind beziehungsm\u00fcde, krisenm\u00fcde, demokratiem\u00fcde. Und dann geht es so schnell. Unbemerkt schwindet Achtsamkeit f\u00fcr das, das einst so wichtig war. Wenn man sich in Beziehungen nicht mehr bem\u00fcht und blind gegen\u00fcber den Bed\u00fcrfnissen des anderen wird, k\u00f6nnen Freundschaft und Liebe einschlafen, sich abschleifen und abnutzen und dann hat man sich auf einmal sehenden Auges aus den Augen verloren. Es ist so nah, so unbegreiflich greifbar \u2013 wie sich in unsere demokratische Gesellschaft Gleichg\u00fcltigkeit wie ein Gift einschleicht und jene Werte Gefahr laufen, zersetzt zu werden, die f\u00fcr uns und von uns erlitten, erk\u00e4mpft und errungen sind. Extremismus und Populismus machen sich auf den Stra\u00dfen und in den K\u00f6pfen breit und dr\u00e4ngen freiheitliches Denken an den Rand, aber auch in der Asylpolitik verschiebt sich so manche menschliche Grenze, damit Menschen nicht \u00fcber Grenzen kommen. Wenn man Demokratie, Humanit\u00e4t und Toleranz f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich ansieht und auf einmal merkt: Selbstl\u00e4ufer sind das nicht \u2013 dann tut das weh. Und was einst so kostbar war, ist nun so antastbar, man steht daneben mit m\u00fcden H\u00e4nden, wankenden Knien und unsicheren Schritten, mit ersch\u00f6pftem Geist und gel\u00e4hmtem Herzen bis dann das bittere Erwachen kommt. <em>Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter <\/em>und man wei\u00df nicht so recht, wie und warum. Was droht Ihnen durch Herz und H\u00e4nde zu rinnen? Bleibt achtsam! Bew\u00e4hrt euch und bewahrt das Kostbare. Setzt es nicht auf\u2019s Spiel, setzt nicht das dem Spott preis, wof\u00fcr euer Herz brennt. Vielmehr:\u00a0 <em>St\u00e4rkt die m\u00fcden H\u00e4nde und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren F\u00fc\u00dfen, jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung.<\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">PD Dr. Martina Jan\u00dfen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. So n. Epiphanias | 14.01.2024 | Hebr 12,12-18 | Martina Jan\u00dfen | I. Ich \u00f6ffne den Brief, gespannt und voller Erwartung. St\u00e4rkt die m\u00fcden H\u00e4nde und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren F\u00fc\u00dfen, jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung. Ich lese und bin begeistert. 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