{"id":19431,"date":"2024-01-22T06:00:54","date_gmt":"2024-01-22T05:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19431"},"modified":"2024-01-20T12:02:00","modified_gmt":"2024-01-20T11:02:00","slug":"2-korinther-46-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-46-10-2\/","title":{"rendered":"2. Korinther 4,6\u201310"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Irdene Gef\u00e4\u00dfe | 4. Sonntag nach Epiphanias | 28.1.2024 | 2. Kor 4,6\u201310 | Rainer Oechslen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Apostel Pauls schreibt in seinem zweiten Brief an die Christen in Korinth:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entst\u00fcnde zur Erkenntnis Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gef\u00e4\u00dfen, auf dass die \u00fcberschw\u00e4ngliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedr\u00e4ngt, aber wir \u00e4ngstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdr\u00fcckt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.<\/em><\/p>\n<p>2. Korinther 4,6-10<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Licht leuchtet hervor aus der Finsternis, ein heller Schein ist in den Herzen der Christen. Zugleich aber werden sie bedr\u00e4ngt und es wird ihnen bang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als ich nachdachte \u00fcber die irdenen, die t\u00f6nernen Gef\u00e4\u00dfe, in denen der Schatz der Christen enthalten ist, da fiel mir ein griechisches Wort ein: Ostraka.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ostraka \u2013 das sind Scherben, Tonscherben, manchmal auch Scherben von Muscheln und Eierschalen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man wissen will, wie die Menschen in den Zeiten von Paulus gelebt haben, wie zum Beispiel auch die Christen in Korinth, Ephesus und Rom gelebt haben und wie sie gedacht haben, dann kann man und muss man nat\u00fcrlich zum Neuen Testament greifen. B\u00fccher wurden damals allerdings auf Papyrus geschrieben. Papyrus stellten man auf komplizierte Weise aus einer Pflanze her. Es war darum sehr teuer. Nichts Allt\u00e4gliches schrieb man darauf, nur das Wichtigste und Wertvollste. Schreibfehler durften dabei nicht vorkommen und wenn doch, dann musste sorgf\u00e4ltig mit dem Schabmesser radiert und dar\u00fcbergeschrieben werden. Papyrus wegzuwerfen, kam nicht in Frage.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr den Alltag gab es Gef\u00e4\u00dfe und Tafeln aus Ton und Lehm, gebrannt, so wie man bis heute Ziegel brennt. Diese Gef\u00e4\u00dfe wurden beschriftet. Wenn Tongef\u00e4\u00dfe und Ziegel zerbrechen, dann gibt es Scherben. Werden diese ausgegraben, nennt man sie Ostraka. Man findet bis heute bei Ausgrabungen Scherben mit allerlei Mitteilungen und Notizen: Rechnungen f\u00fcr Korn und Wein und Quittungen f\u00fcr die erfolgte Bezahlung. Man findet Scherben, auf denen steht \u201eDrei mal drei ist acht\u201c. Eine andere Hand hat das durchgestrichen und \u201eneun\u201c daneben geschrieben. Sch\u00fcler lernten auf diesen Scherben schreiben und rechnen. Auf die Scherben schrieb man ja oder nein, wenn eine Volksabstimmung war. Oder man schrieb bei der Wahl den Namen eines Kandidaten darauf. Nat\u00fcrlich schrieb man auch kurze Liebesbriefe auf eine Tonscherbe, etwa: \u201eHeute Abend warte ich auf dich bei der gro\u00dfen Linde.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aus den Ostraka, den Scherben kann man das allt\u00e4gliche Leben in dieser Zeit kennenlernen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei uns heute ist es nicht anders. B\u00fccher sind heute zwar bei weitem nicht so teuer wie Papyrus \u2013 aber wer schreibt schon B\u00fccher in den christlichen Gemeinden, einmal abgesehen von ein paar Pfarrern, die ihre Predigten drucken lassen. Unser Alltag zeigt sich eher in Telefongespr\u00e4chen, E-Mails und Nachrichten per WhatsApp oder Signal \u2013 manchmal Gott sei Dank auch noch in handschriftlichen Briefen. Gott sei Dank sage ich, weil Briefe haltbarer sind als Telefongespr\u00e4che und WhatsApp-Nachrichten. Wenn Forscher einmal unsere Zeit erforschen, werden sie sich fragen, was wir eigentlich die ganze Zeit gemacht haben, warum es so wenige Briefe von unserer Hand gibt. Aber das soll jetzt unsere Sorge nicht sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wichtig ist, was der Apostel Paulus sagt: \u201e<em>Wir haben diesen Schatz\u201c \u2013 <\/em>das Evangelium also, das Licht, das in der Finsternis leuchtet<em> \u2013 \u201ein irdenen Gef\u00e4\u00dfen\u201c<\/em>, also in sehr zerbrechlicher Form und oft genug in Scherben. Er gebraucht das griechische Wort: Ostraka.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir Menschen selbst sind zerbrechlich, so manches Leben ist schon zu Bruch gegangen und es steht nicht fest, ob wir nicht selbst einmal noch vor einem Scherbenhaufen stehen werden. Ob die Scherben unseres Lebens sp\u00e4ter einmal von anderen Menschen gesammelt und gelesen werden, das wissen wir nicht. Wie gesagt: Einfach wird es die Nachwelt mit uns nicht haben. Doch Paulus sagt uns, dass Gott die Scherben unseres Lebens entziffern kann und dass er diese Scherben aufbewahrt. Kein einziges Bruchst\u00fcck unseres Lebens wird verloren gehen. Der Schatz ist nicht irgendwo vergraben, er ist verteilt auf die Scherben unseres Lebens und leuchtet aus den Bruchst\u00fccken hervor. Das ist das Wunder, das wir heute bedenken, \u2013 dass Gott die Scherben unseres Lebens zum Leuchten bringt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte das Lebens des Apostels Paulus durchaus als einen gro\u00dfen Scherbenhaufen verstehen. Doch auf diesen Scherben steht eine frohe Botschaft, ein Evangelium. <em>\u201eWir sind von allen Seiten bedr\u00e4ngt\u201c,<\/em> schreibt Paulus. Wir k\u00f6nnen daran denken, wie er auf seinen Reisen aus Synagogen verwiesen wurde, wie er geschlagen wurde und irgendwo bei barmherzigen Leuten Unterschlupf fand. Wir k\u00f6nnen uns vorstellen, wie die r\u00f6mische Polizei anfing, ihn zu \u00fcberwachen, wie er verhaftet und als Gefangener mit dem Schiff nach Rom gef\u00fchrt wurde. Unterwegs erlitt der Gefangenentransport Schiffbruch. Die Gefangenen sollten get\u00f6tet werden, damit sie nicht fliehen k\u00f6nnten. Doch der r\u00f6mische Hauptmann besch\u00fctzte sie. Schwimmend kamen sie an Ufer und w\u00e4rmten sich erst einmal an einem Feuer. Wahrlich ein Scherbenhaufen. Doch der Satz geht ja weiter: <em>\u201eWir sind von allen Seiten bedr\u00e4ngt, aber wir kommen nicht um<\/em>.\u201c Paulus ist ein Bote unseres Herrn Jesus Christus, Er ist gestorben in Rom \u2013 mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit hingerichtet. Aber seine Briefe leuchten bis heute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So viele gef\u00e4hrliche Abenteuer wie Paulus werde ich vermutlich nicht mehr erleben.\u00a0 Aber Scherben gibt es trotzdem \u2013 in meinem pers\u00f6nlichen Leben und im Leben der Kirche.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor einigen Wochen horchte ich beim Autofahren auf. In den Radionachrichten wurde gemeldet: Eine christliche Kommunit\u00e4t hatte einen Bericht \u00fcber den Missbrauch von Macht und Sexualit\u00e4t in ihren eigenen Reihen ver\u00f6ffentlicht. Ich erinnerte mich: Vor genau 50 Jahren, im Fr\u00fchling 1973, hatte ich die betreffende Person bei einer Jugendevangelisation kennenglernt. Auch ich hatte damals als Siebzehnj\u00e4hriger zum Vorbereitungskreis geh\u00f6rt und jeden Abend der Musik und den Ansprachen gelauscht. Mir ist damals nichts Unangenehmes aufgefallen. Nun stellte sich heraus, dass der Prediger von damals, der im Jahr 2018 verstorben ist, ein Missbrauchst\u00e4ter war. Ein neuer Scherbenhaufen \u2013 nicht nur f\u00fcr einzelne Menschen, f\u00fcr unsere ganze Kirche.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im November ist die Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland zur\u00fcckgetreten. Man konnte ihr pers\u00f6nlich nichts vorwerfen. Aber inzwischen ist der Druck auf die Kirche so gro\u00df geworden, hat es so viele Scherben gegeben, dass es schon der Anschein gen\u00fcgte, sie h\u00e4tte jemanden gekannt, der sich verfehlt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Leuchtet auch aus solchen Scherben die frohe Botschaft hervor? Gewiss nicht. Wir werden uns in diesem Fall nicht damit entschuldigen, dass wir den <em>\u201eSchatz in irdenen Gef\u00e4\u00dfen haben\u201c<\/em>, dass wir nun einmal fehlbare Menschen sind. Fehler sind Fehler und Verbrechen sind Verbrechen. Es sind Dinge geschehen, die in der Kirche niemals h\u00e4tten geschehen d\u00fcrfen. Vertrauen ist missbraucht und zerst\u00f6rt worden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das kann ich sagen: Angesichts des Scherbenhaufens, den die Kirche angerichtet hat \u2013 nicht erst in den letzten Jahrzehnten, schon viel fr\u00fcher, ist es reine Gnade, dass es die Kirche noch gibt, dass ihr Herr sie noch nicht aufgegeben hat. Wir Christen sollten uns nicht darauf verlassen, dass es immer so weiter gehen wird. Aber ich hoffe sehr, dass auch heute die gute Botschaft, das Licht, das <em>\u201eaus der Finsternis hervorleuchtet\u201c<\/em>, in meiner Kirche leuchtet \u2013 und wenn es vielleicht nur glimmt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt verschiedene Arten von Scherbenhaufen, solche bei denen die Pl\u00e4ne der Menschen von au\u00dfen durchkreuzt werden und solche, bei denen Menschen selbst die Gef\u00e4\u00dfe ihres Lebens zerbrochen haben. Paulus war f\u00fcr seinen Schiffbruch nicht verantwortlich. F\u00fcr die Missbrauchsgeschichten in der Kirche sind Menschen verantwortlich. Das ist ein gro\u00dfer Unterschied. \u201e<em>Ich sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht<\/em>\u201c, hat Paulus im Brief an die Christen von Rom geschrieben (R\u00f6mer 1,16). An anderem Stellen ist Scham durchaus angebracht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Davon, dass Gott seine Gemeinde nicht verl\u00e4sst, konnte Paulus aus Erfahrung berichten. Ich k\u00f6nnte auch von mancher Bewahrung in den St\u00fcrmen meines Lebens erz\u00e4hlen und manche von euch gewiss auch. Aber f\u00fcr die Zukunft k\u00f6nnen wir nur hoffen und bitten, dass Gott sein Licht auch auf unseren Scherben leuchten l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was mich tr\u00f6stet, das sind S\u00e4tze, die ein gro\u00dfer Lehrer in der Theologie ein Jahr vor seinem Tod geschrieben hat: \u201eWir verbergen unsere Schw\u00e4che, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Gro\u00dfen und Gewaltigen nicht. Darum m\u00fcssen wir selbst \u2026 abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn ergreifen und begreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des Menschen Jesus.\u201c \u2013 <em>\u201ein dem Angesicht Jesu Christi\u201c,<\/em> sagt Paulus. Und noch einmal Hans Joachim Iwand: \u201e\u2018Wenn ich schwach bin, bin ich stark\u2018, ist das Lebensgesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch alle Zeiten. Es ist immer ein Weg am Abgrund entlang.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, \u201e<em>wir haben diesen Schatz in irdenen Gef\u00e4\u00dfen\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rainer Oechslen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irdene Gef\u00e4\u00dfe | 4. Sonntag nach Epiphanias | 28.1.2024 | 2. 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