{"id":19434,"date":"2024-01-22T06:01:53","date_gmt":"2024-01-22T05:01:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19434"},"modified":"2024-01-21T14:29:30","modified_gmt":"2024-01-21T13:29:30","slug":"2-korinther-46-10-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-46-10-3\/","title":{"rendered":"2. Korinther 4,6\u201310"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Zeugen Gottes | 4. Sonntag nach Epiphanias | 28.1.2024 | 2Kor 4,6-10 | Florian Wilk |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kann man, liebe Gemeinde, das \u00fcberhaupt sagen? \u201eWir \u00e4ngstigen uns nicht\u201c? So steht es ja auf dem Gottesdienstblatt und im Predigttext: \u201eWir <em>\u00e4ngstigen<\/em> uns nicht!\u201c Nimmt, wer da redet, den Mund nicht zu voll? Wei\u00df er \u00fcberhaupt, wovon er spricht? Ein bisschen f\u00fchle mich an Momente erinnert, in denen ich als Kind in den Arm genommen wurde und dann h\u00f6rte: \u201eHab keine Angst!\u201c Die Umarmung war tr\u00f6stlich, gewiss. Aber meine Angst lie\u00df sich doch nicht einfach weg reden\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und es ist noch abenteuerlicher. \u201e<em>Wir<\/em> \u00e4ngstigen uns nicht!\u201c, hei\u00dft es. Das ist noch nicht einmal ein Zuspruch; das klingt nach Selbstvergewisserung. K\u00f6nnen wir uns das denn selbst zusagen: \u201eWir \u00e4ngstigen uns nicht\u201c? Erinnert das nicht allzu sehr an diese fragw\u00fcrdigen \u201esimplify your life\u201c-Ratgeber? Im Umgang mit Angst erscheint mir ein Selbsthilfeprogramm jedenfalls wenig erfolgversprechend. Wenn sich Angst in uns breitmacht, k\u00f6nnen wir das doch nicht einfach stoppen\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch l\u00e4sst mich der Satz nicht los: \u201eWir \u00e4ngstigen uns nicht!\u201c Denn schon der Textzusammenhang macht deutlich, dass hier keine Sch\u00f6nrederei vorliegt. Da hei\u00dft es ja: \u201eWir sind von allen Seiten bedr\u00e4ngt\u2026 Uns ist bange\u2026 Wir leiden Verfolgung\u2026 Wir werden unterdr\u00fcckt\u2026\u201c Von Realit\u00e4tsverweigerung also keine Spur. Wer hier redet, wei\u00df offenbar genau, wovon er spricht: bedr\u00e4ngt sein, bange, verfolgt und unterdr\u00fcckt\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was ist dann mit: \u201eWir \u00e4ngstigen uns nicht\u201c gemeint? Ich schaue in den Duden und lese: \u201e\u00c4ngstigen, d.h. angst machen, in Angst versetzen\u201c. Ich denke dem nach, was mir die Sprachgelehrten da sagen. \u201eSich nicht \u00e4ngstigen\u201c ist offenbar etwas Anderes als \u201ekeine Angst haben\u201c. Wirke ich, wenn ich mich \u00e4ngstige, daran selber mit? Vielleicht so, dass ich meine Angst stark werden lasse, dass ich ihr den Vorrang gebe gegen\u00fcber dem, was ihr entgegenstehen k\u00f6nnte\u2026?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ich schaue in den griechischen Text. Das mit \u201a\u00e4ngstigen\u2018 \u00fcbersetzte Wort meint eigentlich \u201eden Raum eng machen, in die Enge treiben\u201c. \u201a\u00c4ngstigen\u2018 ist also eine gute \u00dcbersetzung, auch im Deutschen bezeichnet \u201eAngst\u201c ja einen \u201eZustand der Enge\u201c. Allerdings l\u00e4sst die griechische Wortform offen, ob die \u201eWir\u201c-Gruppe, die da spricht, das \u201eIn-die-Enge-Treiben\u201c sich selbst antut oder von anderen erleidet. Es k\u00f6nnte in der Tat auch gemeint sein: \u201eWir\u2026 <em>werden<\/em> nicht in die Enge getrieben.\u201c Das w\u00fcrde darauf verweisen, dass da eine Person oder Gr\u00f6\u00dfe ist, die den Bedr\u00e4ngnissen zu wehren vermag\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was genau gemeint ist, l\u00e4sst sich nur vom Kontext her kl\u00e4ren, in den hineingesprochen wird. Es sind Paulus und seine Mitarbeiterschaft, die hier in einem Brief das Wort ergreifen. Und sie reden zun\u00e4chst einmal mit den Christusgl\u00e4ubigen zu Korinth. Die waren an ihren Gemeindegr\u00fcndern etwas irregeworden. Denn da traten andere Apostel in der Stadt auf, die zu beeindrucken wussten: mit selbstbewusstem Auftreten und klaren Anspr\u00fcchen, mit Zeichen, Wundern und Visionen \u2026 Schnell entstand der Eindruck, sie seien Paulus und seinem Team \u00fcberlegen. Und so war die Gemeinde drauf und dran, sich von ihren V\u00e4tern im Glauben abzuwenden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Entsprechend nachdr\u00fccklich versuchen diese, verlorenes Vertrauen wiederherzustellen. Sie schreiben einen Brief \u2013 und ziehen alle Register: bitten und erkl\u00e4ren, argumentieren und mahnen, loben und tadeln, schimpfen und ironisieren\u2026 Und was sie dabei mehrfach ansprechen, ist das erb\u00e4rmliche Bild, das sie abgeben. Ja, sie haben eine gro\u00dfartige Botschaft: von Vers\u00f6hnung und Leben. Aber sichtbar Eindruck machen sie nicht, im Gegenteil. Leid und Not pr\u00e4gen ihr Dasein. Sehen so Zeugen der helfenden, rettenden Zuwendung Gottes aus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf diese Anfrage reagiert der Predigttext. Und verbl\u00fcffenderweise streiten die Autoren die Vorhaltungen gar nicht ab. Im Gegenteil: \u201eWir haben Gottes Schatz in irdenen Gef\u00e4\u00dfen\u201c, schreiben sie. Das soll hei\u00dfen: \u201eUnser kleines Dasein ist h\u00f6chst zerbrechlich\u201c \u2013 und wird sofort konkretisiert: Ja, wir sind in allem bedr\u00e4ngt, ratlos, verfolgt und niedergeschlagen\u2026 Gerade so aber k\u00f6nnen wir euch dazu verhelfen, auf dem Angesicht Jesu Christi die Herrlichkeit Gottes zu entdecken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kann das sein? Wie sollte das angehen? Drei Gesichtspunkte stellen Paulus und sein Team heraus. \u201eWir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe\u201c, schreiben sie. Was f\u00fcr ein drastisches Bild! Aber in seiner Drastik entfaltet es einen tr\u00f6stlichen Sinn: Gerade in unserer Bedr\u00e4ngnis und Ratlosigkeit, gerade in unserem Elend sind wir ganz bei Christus. In welche Tiefen wir auch sinken m\u00f6gen, wir k\u00f6nnen gewiss sein, dass er uns dorthin vorangegangen ist. In welche Not wir auch immer geraten, Christus ist immer schon da.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zudem, so hei\u00dft es, empfangen wir \u201eein \u00dcberma\u00df an Kraft\u201c. Das ist keine blo\u00dfe These. Paulus und sein Mitarbeiterschaft sprechen aus Erfahrung: Wo unser eigenes Verm\u00f6gen an seine Grenzen stie\u00df, da tat sich eine Kraftquelle auf, die nicht in uns selbst liegt; da half Gott selbst unserer Schwachheit auf. Und dank dieser Kraft m\u00fcndete unsere Ratlosigkeit nicht in Verzweiflung, unsere Bedr\u00e4ngnis nicht in Ausweglosigkeit. So gewiss Christus alle Verzweiflung und Ausweglosigkeit auf sich genommen hat\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auf diesem Wege, so hei\u00dft es dann, soll \u201eauch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werden\u201c; so also, dass wir es leibhaftig zu sp\u00fcren bekommen. Was f\u00fcr eine Verhei\u00dfung! Leid und Not sollen nicht das letzte Wort haben \u2013 denn Gott hat Christus zu sich gerufen, damit die Neuheit seines Lebens sich auch uns immer neu erschlie\u00dft: in kleinen Rettungserfahrungen und in ganz gro\u00dfen. Ja, nicht einmal der Tod soll das letzte Worte haben \u2013 so gewiss Gott Christus von den Toten erweckt und damit dem Tod seine Macht genommen hat\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Konnte die Gemeinde zu Korinth etwas damit anfangen? Wahrscheinlich. Immerhin erfahren wir andernorts, dass sie Paulus bei einem sp\u00e4teren Besuch beherbergt und ihn dann bei seiner Kollekte f\u00fcr die Gemeinde zu Jerusalem unterst\u00fctzt hat. Das klingt nach erneuertem Vertrauen\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und k\u00f6nnen wir selbst damit etwas anfangen? Vielleicht. Immerhin ist der Brief des Paulus zum Teil der Bibel geworden, sind seine Zeilen von einst also aufbewahrt f\u00fcr uns. Und so sind es eigentlich die Worte der Bibel, die uns zu Zeugen Gottes werden wollen. Blo\u00dfe, zerbrechliche Worte sind es, ja \u2013 aber Worte, in die eine \u00fcberschw\u00e4ngliche Kraft einziehen kann, Worte, die unserer Angst eine Grenze setzen \u2013 auf dass durch sie das Leben Jesu an uns sp\u00fcrbar werde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. Dr. Florian Wilk, Theologische Fakult\u00e4t der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen, Universit\u00e4tsprediger an St. Nikolai zu G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeugen Gottes | 4. Sonntag nach Epiphanias | 28.1.2024 | 2Kor 4,6-10 | Florian Wilk | Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Kann man, liebe Gemeinde, das \u00fcberhaupt sagen? \u201eWir \u00e4ngstigen uns nicht\u201c? 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