{"id":19455,"date":"2024-01-30T17:50:27","date_gmt":"2024-01-30T16:50:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19455"},"modified":"2024-01-30T17:51:04","modified_gmt":"2024-01-30T16:51:04","slug":"markus-426-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-426-29\/","title":{"rendered":"Markus 4,26-29"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Bauernprotest| Sexagesim\u00e4 | 04.02.24 | Mk 4,26-29 | Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mag sein, dass es mit den Bauernprotesten in Deutschland zu tun hat, die ich vor zwei Wochen hautnah miterlebt hatte, als ich in Hannover einen Weiterbildungskurs besuchte. Lange Schlangen von Traktoren, zum Teil hupend, zum Teil mit Bannern ausger\u00fcstet, fuhren im Schrittempo am Tagungshaus vorbei. Der Protest weckte mein Interesse. Was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Unmut? Wof\u00fcr k\u00e4mpfen diese Bauern? Mich interessierte das und gleichzeitig war ich irritiert \u00fcber das Verhalten der anderen Kursteilnehmer:innen. Sie reagierten n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht. Da war kein \u00c4rger, kein Unmut, kein Verst\u00e4ndnis, einfach nichts. Die Bauern zogen vorbei, ohne nur die kleinste Bemerkung oder ein winziges Gespr\u00e4ch ausgel\u00f6st zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich masse mir nicht an, in der Landwirtschaftspolitik Bescheid zu wissen. In der Schweiz wie auch in Deutschland oder vielen anderen L\u00e4ndern geht es schon l\u00e4ngst nicht nur ums S\u00e4en und Ernten. Die Bauern bekommen Subventionen f\u00fcr alles M\u00f6gliche und wenn diese gestrichen oder gek\u00fcrzt werden, geht es ans Lebendige.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich war jedoch klar: die werden gute Gr\u00fcnde haben, sich zu wehren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und eben: Vielleicht gibt es einen Zusammenhang mit diesem Erlebnis, jedenfalls erinnerte mich kurz darauf die Lekt\u00fcre des Predigtwortes an meinen eigenen kleinen, privaten, Bauernprotest vor vielen Jahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn einer Samen aufs Land wirft;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>er schl\u00e4ft und steht auf, Nacht und Tag. Und der Same sprosst und w\u00e4chst empor, er weiss nicht wie.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, dann die \u00c4hre, dann das volle Korn in der \u00c4hre.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wenn aber die Frucht es zul\u00e4sst, schickt er sogleich die Sichel, denn die Ernte ist da.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>(Markus 4,26-29)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Studium war es, in der Vorlesung \u00fcber die Gleichnisse Jesu, als ich mich zum ersten Mal eingehend mit dem Gleichnis von der selbstwachsenden Saat befasste.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u03b1\u03c5\u03c4\u03bf\u03bc\u03b1\u03c4\u03b7 \u2013 so heisst es im griechischen Text &#8211; w\u00e4chst die Saat. Und der Bauer schl\u00e4ft und steht auf. Und er weiss nicht wie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Bauerntochter, die zur Gen\u00fcge erlebt hat, was es braucht bis geerntet werden kann, stundenlanges J\u00e4ten in der br\u00fctenden Hitze, bangen, ob das Wetter mitspielt, Arbeit rund um die Uhr ohne Schwimmbadbesuche oder gar Ferien. Von nichts kommt nichts, das habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von wegen schlafen! Von wegen automatisch!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir schien, der Professor, der uns die Vorlesung \u00fcber die Gleichnisse hielt, wisse nicht wirklich, wie die Realit\u00e4t aussah.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder war das Jesus, der keine Ahnung hat? Er erz\u00e4hlte ja schliesslich das Gleichnis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder war das vielleicht gar kein Bauer, der da den Samen aufs Land wirft? Es heisst ja einfach: wie wenn <u>einer<\/u>Samen aufs Land wirft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Andererseits: Wer w\u00fcrde Samen streuen ausser dem Bauern?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In mir tobte damals ein kleiner Bauernprotest, aber ich behielt ihn f\u00fcr mich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum Gl\u00fcck, w\u00fcrde ich heute sagen. Denn in dieser Vorlesung damals wurde Samen ausgestreut, der spross und wuchs und tut es noch immer.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn im Gleichnis geht es nicht um die detaillerte Beschreibung des Bauernlebens, nicht um die Anleitung zu einer erfolgreichen Getreidekultur.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eigentlich geht es um eine verbl\u00fcffend einfache Erz\u00e4hlung von etwas, was passiert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Landm\u00e4nner zu Jesu Zeiten machten es, mein Vater auch und die Bauern in Hannover auch, wenn sie nicht gerade protestieren: Samen s\u00e4en. Dass ges\u00e4t wird ist ein Ausdruck des Vertrauens in die Lebenskraft des Saatguts, in diesen dynamischen Prozess, der da seinen Anfang nimmt. Und zu beherzigen, dass das Gedeihen in einer anderen Hand liegt. Der Bauer weiss ja nicht wie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u0391\u03c5\u03c4\u03bf\u03bc\u03b1\u03c4\u03b7 \u2013 von selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich konnte das h\u00f6ren in der Vorlesung damals, trotz meines anf\u00e4nglichen inneren Protests.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Mit dem Reich Gottes ist es ist es so, wie\u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darum geht es. Das Reich Gottes wird nicht verglichen mit dem Samen, nicht mit dem Bauern, nicht mit der Ernte, es wird verglichen mit diesem dynamischen Geschehen. Etwas, was einfach passiert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Daraus kann man nicht einfach eine Handlungsanweisung oder eine richtige Haltung herauskristallisieren. Darum kann ich nicht viel anfangen mit Deutungen wie, man m\u00fcsse eben Geduld haben wie der Bauer im Gleichnis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hingegen k\u00f6nnte eine m\u00f6gliche Orientierung im Wirken Jesu liegen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Drei Jahre lang hat er sein Leben in den Dienst des Evangeliums Gottes gestellt. Wo er sich aufhielt kamen M\u00e4nner, Frauen und Kinder, Kranke und Angeschlagene, Reiche und Arme und fanden viel Lebenskraft und Lebensmut. Was er erz\u00e4hlte, die Art, wie er mit ihnen sprach, wie er ihnen zuh\u00f6rte, liess in ihnen die Gewissheit wachsen, in diesem Menschen ist uns das Reich Gottes ganz nahe gekommen, ja eigentlich ist es schon da.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Art Menschlichkeit, dieser Zuwendung und Aufmerksamkeit wird Samen ausgestreut in der Gewissheit, dass ein anderer es wachsen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einem alten Lied heisst es:<br \/>\n<em>Wir pflu\u0308gen und wir streuen den Samen auf das Land, <\/em><br \/>\n<em>doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. (RG 540) <\/em><br \/>\nMir scheint der Rat, der im Zusammenhang mit einem anderen Samengleichnis ein paar Verse vorher gegeben wird, noch nachzuklingen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wer Ohren hat zu h\u00f6ren der h\u00f6re.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man diesen Rat beherzigt, dann kann vieles nicht ignoriert werden, da gilt es zuzuh\u00f6ren und Interesse zu zeigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann nicht so tun als g\u00e4be es die Traktorenschlangen nicht, den Protest der Bauern. Nachfragen m\u00fcsste man, betroffen sein, mitf\u00fchlen oder kritische Einw\u00e4nde \u00e4ussern. Bloss ignorieren ginge nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Saat \u2013 da bin ich mir gewiss \u2013 w\u00fcrde aufgehen und spriessen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und jetzt, liebe Gemeinde halte ich mich an Martin Luther, der gesagt haben soll: <em>Nach der Predigt trinke ich mein Wittenberger Bier, das Wort la\u0308uft ohne mich<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Verena Salvisberg Lantsch, Merligen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Gemeindepfarrerin in Roggwil BE, Frick und Laufenburg, seit 2022 Regionalpfarrin der Berner Kirche im Kreis Berner Oberland\/Oberes Emmental<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bauernprotest| Sexagesim\u00e4 | 04.02.24 | Mk 4,26-29 | Verena Salvisberg | Liebe Gemeinde Mag sein, dass es mit den Bauernprotesten in Deutschland zu tun hat, die ich vor zwei Wochen hautnah miterlebt hatte, als ich in Hannover einen Weiterbildungskurs besuchte. 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