{"id":19473,"date":"2024-01-30T18:19:54","date_gmt":"2024-01-30T17:19:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19473"},"modified":"2024-01-30T18:19:54","modified_gmt":"2024-01-30T17:19:54","slug":"markus-426-29-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-426-29-3\/","title":{"rendered":"Markus 4,26-29"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Wie ich es hasse, zu warten.<strong> | <\/strong>Sexagesimae | 04.02.2024 | Mk 4,26-29 | Udo Schmitt |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute Morgen \u2013 zum ersten Mal in diesem Jahr &#8211; war die Wiese wieder wei\u00df. Nicht vom Schnee. Nicht vom Reif. Sondern tausendunddrei Schneegl\u00f6ckchen bl\u00fchten da. Die Ungeduldigen unter den Blumen. Ein ganzes Jahr haben sie geschlafen. Anderen das Feld \u00fcberlassen. Die gr\u00f6\u00dfer sind und st\u00e4rker. Mehr Bl\u00e4tter, mehr Bl\u00fcten, mehr Duft und mehr Frucht tragen und verbreiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man sieht sie nicht \u2013 ein ganzes Jahr \u2013 und pl\u00f6tzlich sind sie wieder da. Dankbar begr\u00fc\u00dft von allen, die hoffen. Hoffen, dass es bald Fr\u00fchling wird. Hoffen, dass alles gut ausgeht, auch wenn es lange Zeit nicht gut aussieht. Eigentlich gar nichts zu sehen ist. Und \u00fcber lange Wintern\u00e4chte hinweg sich der Gedanke festigt: Da ist auch nichts. Die Zweifler haben Recht. Wo man nichts sieht, da ist auch nichts. Kein Gott und kein Glaube. Keine Liebe. Keine Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch dann \u2013 mit einem Mal \u2013 gerade als wir dachten, dass das Elend und der Winter wohl nie enden w\u00fcrden, sind sie wieder da. Die ungeduldigen Schneegl\u00f6ckchen. Naseweis und Fr\u00fchlingsboten. Die kleinen Zeichen der Hoffnung auf dunkler, toter Erde. Die mir, dem Menschen, dem ungeduldigsten Gesch\u00f6pf in Gottes Garten, wieder Mut machen. Nur Mut, Mensch! Kopf hoch! Auch die dunkelste Nacht endet einmal. Die Durst-strecken der Seele und Wintertage des Glaubens sind nicht das letzte, was du sehen wirst. Nur die Ruhe. Nur Geduld.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie das Kind in mir das hasst! Das Warten-m\u00fcssen. Geduldig sein. \u201eWie lange noch\u201c, m\u00f6chte ich nach vorne rufen, und \u201eIst es noch weit?\u201c zum Himmel schreien. So viel Leid auf dieser Welt, so viel Ungerechtigkeit und Schmerz und Unverstand und bodenlose Gemeinheit. Und Dalia Lavi singt dazu: \u201eO, wann kommst du?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Geduld, sagt Jesus seinen J\u00fcngern, als sie ihn bedr\u00e4ngen. Das Himmelreich ist nah, ja es ist schon da, mitten unter euch. Wo Menschen beginnen zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Sich ansprechen lassen von Gott, sich begeistern lassen vom Geist, und Hand in Hand mit Jesus die Zukunft der Menschen gestalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch. Bei allem Tun und Wollen und schon jetzt, &#8211; es bleibt ein noch nicht. Und es braucht daher auch das Lassen, das Nicht-Tun, das Warten-K\u00f6nnen und die Gelassenheit. Die heitere Gelassenheit, bei allem was noch unfertig scheint und zum Himmel schreit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was n\u00fctzt die Hektik und das ganze Getue, wenn die Zeit noch nicht reif ist? Was \u00fcbers Knie gebrochen wird, geht meist kaputt. Und Ungeduld ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sie ist auch ein schlechter G\u00e4rtner, wie ein Sprichwort aus China wei\u00df. Und hierzu eine Geschichte:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Bauer pflanzt den ganzen Tag Reis, kopf\u00fcber gebeugt von morgens fr\u00fch bis abends sp\u00e4t. Ersch\u00f6pft von seiner Arbeit kommt er nach Hause und sagt zu seiner Familie: \u201eIch habe mich sehr geplagt den ganzen Tag!\u201c Seine Frau geht hin und sieht, das ganze Feld steht voll mit kleinen gr\u00fcnen Setzlingen. Am n\u00e4chsten Tag sieht der Bauer nach, doch das Wachstum seiner Setzlinge geht ihm nicht schnell genug. Er zieht sie alle St\u00fcckchen f\u00fcr St\u00fcckchen in die H\u00f6he. Ersch\u00f6pft von seiner Arbeit kommt er nach Hause. \u201eIch habe mich sehr geplagt\u201c, erkl\u00e4rt er seiner Familie. \u201eDen ganzen Tag habe ich dem Reis beim Wachsen geholfen!\u201c Da staunt sein Sohn, l\u00e4uft hin aufs Feld und findet alle Setzlinge schlaff und verwelkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Moral von der Geschicht? Man soll sein Bestes geben, aber nicht mehr. Zuviel ist auch nicht gut. Man muss den Dingen ihre Zeit lassen. Die Zeit, die sie zum Wachsen und Reifen brauchen. Sonst machen wir nur alles kaputt. Mit unserer Ungeduld. Wegen der Ungeduld verloren die Menschen das Paradies, schreibt Franz Kafka, und wegen der Ungeduld finden sie nicht wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal k\u00f6nnen wir eben nichts tun, au\u00dfer abzuwarten und zu warten bis der Wind sich wieder dreht. Und uns der wieder voran tr\u00e4gt. Wie wenig man manchmal tun kann, das wusste auch der alte Bismarck und gab sich, was seine politischen Erfolge anging, immer bescheiden und hielt sich dabei an das Motto: Fert unda, nec regitur. Der Politiker wird von der Welle getragen, aber er kann sie nicht machen. Nat\u00fcrlich reklamiert jeder die Erfolge f\u00fcr sich und schiebt die Misserfolge anderen zu. So spottete einmal der SPD-Kanzler Schr\u00f6der \u00fcber die Opposition, als die die sinkenden Arbeitslosenzahlen als ihr Verdienst darstellen wollte: &#8222;<em>Wenn<\/em> in Deutschland die <em>Sonne<\/em> lacht, hat\u00b4s die <em>CDU gemacht<\/em>. Gibt es winters <em>Eis<\/em> und <em>Schnee<\/em>, war\u00b4s die b\u00f6se <em>SPD<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch wir Menschen sind so. Sonnen uns in Erfolgen, seufzen in Sorgen und suchen Schuldige f\u00fcr das eine wie das andere. Tats\u00e4chlich passiert so vieles, das wir nicht steuern k\u00f6nnen. Wer Kinder hat, wei\u00df das und erf\u00e4hrt es immer wieder. Bei dem ersten Kind hat man noch p\u00e4dagogische Konzepte und den Ehrgeiz, alles besonders gut zu machen. Schon bei dem zweiten Kind merkt man, dass jedes Kind schon seinen eigenen Charakter und Wachstumsplan mitbringt. Und sp\u00e4testens ab dem dritten Kind ist man dann so \u00fcberfordert, dass man sich darauf beschr\u00e4nkt, den Rahmen zu schaffen, mehr nicht. Und siehe da, sie wachsen von ganz alleine. Werden auch so gro\u00df, ich muss nicht daran zerren und ziehen, wie der Reisbauer an den Setzlingen. Erziehung wird meist \u00fcbersch\u00e4tzt. Was es braucht, das ist Zeit. Die ich meine Kindern schenke. Liebevolle Aufmerksamkeit. Einfach da sein. Doch dazu brauche ich Geduld, auch mit mir selbst, eine Prise Humor als W\u00fcrze und einen ganzen Schwung heiterer Gelassenheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das brauchen wir alle. Gerade jetzt, wo die Welt so bekloppt ist, und st\u00e4ndig Wachstum. Wachstum. Wachstum schreit. Und sich doch nie Zeit l\u00e4sst daf\u00fcr. Auch nicht die Zeit zu reifen und zu verstehen. Alles muss schnell, schnell gehen. Und mehr sein, von Jahr zu Jahr von Quartal zu Quartal. Mehr und noch mehr. Dabei wei\u00df doch jeder, dass es kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Au\u00dfer beim Krebs. Der w\u00e4chst immer weiter, bis alles kaputt ist. Und doch ist Wachstum das Dogma der \u00d6konomie, das Goldene Kalb unserer Zeit, die Droge und Ersatzreligion unserer Gesellschaft. Wir m\u00fcssen wachsen, wenn es sein muss, dann auch gegen den Trend. Wachse oder weiche! Friss oder stirb! Denn nur wer w\u00e4chst, kann mitmachen bei dem Wahnsinn der Massenproduktion, beim Preisdumping und Selbstausbeutungszwang. Wir brauchen Wachstum. Sagen sie. Aber wohin geht die Reise? Und wer erreicht noch das Ziel? Bedenkt: Was auch w\u00e4chst, ist die Zahl derer, die hinten\u00fcber vom Schlitten fallen, oder die f\u00fcrchten m\u00fcssen, dass sie bald die n\u00e4chsten sind. Dass bald nur noch eine Handvoll Menschen alles Geld dieser Welt in H\u00e4nden h\u00e4lt. Und dann?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es geht nicht nur um Wachstum. Es geht auch um Reifen und Frucht bringen. Werden, Vergehen und wieder neu anfangen. Alles hat seine Zeit. Und alles braucht seine Zeit. Wer immer nur das eine will, ist unreif. Ein Dummkopf, der immer noch mehr will und doch nie genug hat. Einer der einatmet und nie ausatmet, bis er irgendwann platzt. Alles hat seine Zeit. Sagt Jesus seinen J\u00fcngern. Nur Geduld. Gottes M\u00fchlen mahlen langsam. Er hat sein ganz eigenes Tempo. Und er hat Zeit. Denn sein ist das Reich und die Ewigkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das gebe uns Gott. Einsicht, Einfachheit, Frieden. Geduld. Mit uns selbst und mit dieser Welt. Die Saat der Liebe ist ausgebracht. M\u00f6ge sie wachsen, bl\u00fchen und gedeihen auch in unserem Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mit der Erde kannst du spielen&#8230; Eine Handvoll Erde (B\u00e4cker\/J\u00f6cker)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wir pfl\u00fcgen und wir streuen (EG 508)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Herr, die Erde ist gesegnet (EG 512)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG 591)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ich es hasse, zu warten. | Sexagesimae | 04.02.2024 | Mk 4,26-29 | Udo Schmitt | Heute Morgen \u2013 zum ersten Mal in diesem Jahr &#8211; war die Wiese wieder wei\u00df. Nicht vom Schnee. Nicht vom Reif. Sondern tausendunddrei Schneegl\u00f6ckchen bl\u00fchten da. Die Ungeduldigen unter den Blumen. Ein ganzes Jahr haben sie geschlafen. Anderen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19456,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,1,157,853,114,149,349,3,109,671,166],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-19473","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-aktuelle","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-4-chapter-4-markus","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-sexagesimae","category-udo-schmitt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19473"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19473\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19474,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19473\/revisions\/19474"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19456"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19473"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=19473"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=19473"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=19473"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=19473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}