{"id":19482,"date":"2024-02-05T20:30:18","date_gmt":"2024-02-05T19:30:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19482"},"modified":"2024-02-05T20:59:17","modified_gmt":"2024-02-05T19:59:17","slug":"lukas-1831-43-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-12\/","title":{"rendered":"Lukas 18,31-43"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Estomihi | 11.02.2024 | Lk 18,31-43 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Eine Schriftrolle<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor den Mauern Jerusalems gut begraben unter einem Feigenbaum fand man eine kleine Schriftrolle mit f\u00fcnf Aufzeichnungen \u00fcber das Christentum, geschrieben von dem ehemaligen Oberz\u00f6llner und Multimillion\u00e4r Zach\u00e4us. Wir befinden uns im Jahr 39, und der schlimmste Sturm nach der Kreuzigung, dem Tod und der Auferstehung Jesu hat sich gelegt. \u00dcberall in Galil\u00e4a und Samaria sind kleine Gemeinden entstanden, die das Wort weiter am Leben erhalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Aufzeichnungen sind oft schwer zu lesen, weil sie durch Wind und Wetter der vielen Jahre besch\u00e4digt sind. Sie sind im Jahr 33 verfasst kurz vor dem j\u00fcdischen Osterfest, also im Fr\u00fchjahr. Der Stil ist nicht erz\u00e4hlend, sondern poetisch und aphoristisch. Es sind pers\u00f6nliche Aufzeichnungen, die nicht nur etwas \u00fcber das Christentum sagen, sondern auch \u00fcber den Verfasser. Als gemeinsame \u00dcberschrift steht da: \u201eAus eigener Sicht\u201c, und das bezieht sich auf die Erfahrungen, die Zach\u00e4us mit Christus zu dessen Lebzeiten hatte. Unter der \u00dcberschrift steht da: \u201eVon einem Feigenbaum mit dem Blick auf Jericho\u201c. Die Worte bezeichnen die Position, in der sich Zach\u00e4us befindet, und die Perspektive, die er einnimmt. Au\u00dfer der gemeinsamen \u00dcberschrift hat jede einzelne Aufzeichnung dann ihren eigenen Titel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erste Aufzeichnung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSeht, wir gehen nach Jerusalem\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Gang ist oft tr\u00e4ge, man geht Schritt f\u00fcr Schritt wohl wissend, dass es bald vorbei ist. Das ist ein schrecklicher Gedanke. Und der staubige Weg gibt nicht genug Luft, um vielleicht zu erw\u00e4gen, einen anderen Weg einzuschlagen, vielleicht umzukehren und zur\u00fcck nach Jericho zu gehen. Es geht einem ganz wie Abraham, als er gebeten wurde, seinen Sohn zu nehmen und nach Moria zu reiten, um ihn zu opfern. Es war ein langer Weg. Da war viel Staub \u2013 und da waren viele Gedanken, die zu bew\u00e4ltigen waren. Aber Abraham zweifelte nicht. Das tun wir aber. Selbst der Meister zweifelt, aber dennoch geht er weiter, so als habe er einen Auftrag von einer h\u00f6heren Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Oberseite der F\u00fc\u00dfe ist allm\u00e4hlich von der warmen Sonne gebrannt. Man erblickt Jerusalem vor sich wie ein Bild, verh\u00fcllt in Hitze, aber ansonsten kalt wie Eis, eine Fata Morgana von Dimensionen, bewohnt von kommerziellen und machtbewussten Gro\u00dfstadtbeduinen mit eigenen Oasen. So schrieb ein Freund \u00fcber Jerusalem, die Stadt mit allen Mitteln und mit dem legend\u00e4ren und selbstherrlichen Prokurator Herodes Agrippa als Stadtoberhaupt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jerusalem liegt und lockt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kleine und schwache Seelen im Schritt,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">sie fallen ein aus der Provinz<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und bekommen das Leben frisch serviert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Sterne, sie blinken und erbleichen,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wenn Herodes erwacht und hinausgeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Herodes gleicht einem Engel<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und f\u00fchrt sich auf wie ein Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Nachtleben gibt zu denken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jerusalem gleicht sich selbst,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">gebrannte Kinder spielen mit dem Feuer,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Herodes k\u00fcsst den Himmel zum Abschied.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zweite Aufzeichnung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verfolgungen, Gewalt und Mord<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige von uns, die mitgingen, h\u00f6rten, wie der Meister seinen J\u00fcngern erz\u00e4hlte, was mit ihm geschehen w\u00fcrde, wenn er nach Jerusalem kommt. Hier w\u00fcrde er verspottet, misshandelt, gefoltert und schlie\u00dflich get\u00f6tet werden. Aber am dritten Tag w\u00fcrde er von den Toten auferstehen, damit erf\u00fcllt werde, was von den Propheten geschrieben wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich werden nicht sterben, sondern leben<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und von den Taten des Herodes erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Herr z\u00fcchtigte mich hart,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">aber er \u00fcberlieferte mich nicht dem Tode.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">All das Reden von Misshandlung und Tod war f\u00fcr die J\u00fcnger nicht zu verstehen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass der Erl\u00f6ser des Menschen so viel leiden sollte. Er, der selbst das wahre Bild der Liebe war in einer Welt von Gewalt und Grauen, ihn wollten die Menschen beseitigen. War das wirklich so? Petrus wollte das nicht akzeptieren. Und wenn er dazu auch zu den Waffen greifen und selbst sterben m\u00fcsste, er w\u00fcrde mit aller Gewalt und Macht den Meister verteidigen. Aber war das Liebe?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr viele von uns wirkte das komisch, dass Petrus so unterwegs war. Der Meister hatte selbst gesagt, wenn er nur Streit wolle, dann k\u00f6nne er nur seinen Vater im Himmel bitten, ihm eine Legion von Engeln zu schicken, um die Sache in Ordnung zu bringen. Es war also eine bewusste Entscheidung von ihm, dass er nicht die Gewalt und dir Folter bek\u00e4mpfen w\u00fcrde, denen er ausgesetzt war. Das war eine bewusste Entscheidung f\u00fcr Ohnmacht und damit ein Ausdruck f\u00fcr das wahre Wesen Gottes als Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung. Das verstanden die J\u00fcnger nicht, obwohl sie den Meister mehrere Jahre gekannt hatten. Sie erwarteten, dass die Erf\u00fcllung des g\u00f6ttlichen Plans in einem sichtbaren Reich der Herrlichkeit enden w\u00fcrde, wo Schmerz und Tod nicht existierten. Sie verstanden nicht, dass die Erf\u00fcllung schon in der Erniedrigung existierte. Aber verstehen wir das? Ist es nicht ein Widerspruch, der das Denken st\u00f6rt, dass die Erniedrigung schon die Erf\u00fcllung ist?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dritte Aufzeichnung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die schreienden H\u00e4lse<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unter denen, die nach Jerusalem gingen, waren wir eine kleine Schar, die man \u201edie schreienden H\u00e4lse\u201c genannt hat. Diese Bezeichnung kam aus der Art und Weise, wie wir auf die Gegenwart des Meisters reagierten. Einige haben uns naiv und dumm und anma\u00dfend genannt, weil wir uns so sicher waren, dass die Wahrheit \u00fcber das menschliche Leben in Jesus Christus offenbar war. Deshalb hielten wir uns nicht zur\u00fcck, als wir ihn erblickten. Ich selbst sa\u00df auf dem Feigenbaum und wartete und sp\u00e4hte und brach in Freude aus, da ich ihn erst sah und er sich selbst einlud, um in meinem Haus zu speisen; einer meiner Freunde, ein blinder Bettler in Jericho, rief, als er erfuhr, wer da gekommen war: \u201eJesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner\u201c. Mehrere wollten ihn beruhigen und zum Schweigen bringen, aber das half nicht. Dasselbe galt f\u00fcr die zehn Auss\u00e4tzigen oben aus dem Grenzgebiet, die geheilt wurden, nicht zuletzt der eine von ihnen, der zur\u00fcckkam und laut vor allen anderen bekannte, dass Christus Gottes Sohn und der Erl\u00f6ser der Menschen ist \u2013 und das obwohl der Meister ihm gesagt hatte, dass er es niemandem erz\u00e4hlen soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die schreienden H\u00e4lse sind gottesf\u00fcrchtige Himmelsst\u00fcrmer, verlorene Freidenker, die nach Worten suchen, die die hungernde Seele erl\u00f6sen k\u00f6nnen. Die schreienden H\u00e4lse finden keine Ruhe in harmonisch gebauten Konstruktionen, ganz gleich ob sie in Gedanken oder Institutionen bestehen und von Gott oder dem Menschen geschaffen sind. Die schreienden H\u00e4lse glauben am Rande der Peripherie, dass man nicht durchf\u00e4llt und den Halt verliert, auch wenn Leben kein festes Zentrum hat. Die schreienden H\u00e4lse halten fest an der Hoffnung trotz der Umst\u00e4nde und Ungerechtigkeiten.<\/p>\n<p>Vierte Aufzeichnung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Glaube \u2013 ein Licht der Auferstehung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Glaube ist eine Weise, wie man sieht. Durch den Glauben verstehen wir, dass das Sichtbare durch das Unsichtbare entstanden ist. Das ist der Blick des Glaubens und die Perspektive der Hoffnung \u2013 wir sollen das Unsichtbare durch das Sichtbare sehen. Als mein blinder Freud in Jericho sehend wurde, sah er nicht nur das Sichtbare, er sah auch das Unsichtbare \u2013 und damit das Sichtbare in einer neuen Weise.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Folgende Fragen dr\u00e4ngen sich auf: War es das Licht der Auferstehung, das er sah? Sah er das, was die J\u00fcnger nicht sehen konnten? Und kann man \u00fcberhaupt das Unsichtbare sehen, und wenn man das kann, kann man dann vom Sichtbaren absehen? Kann man das Licht der Auferstehung hinter der Finsternis des Kreuzes sehen, ohne das Kreuz festzuhalten? Und was ist das Unsichtbare in Folter und Gewalt, das hinter den sichtbaren Entsetzlichkeiten der Gewalt dessen Macht und destruktives Wirken aufhebt und auf ein anderes Verst\u00e4ndnis des Lebens verweist? Ist da ein Leben auf der anderen Seite von Jerusalem? K\u00f6nnen wir es sehen? Der Glaube kann!<\/p>\n<p>F\u00fcnfte Aufzeichnung<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lobpreis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich danke dir, Sch\u00f6pfer und Herre, weil du mir deinen Sohn gegeben hast. Gott, mein Schiff ist klein. Dein Meer ist gro\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 5881 Sk\u00e5rup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 11.02.2024 | Lk 18,31-43 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Anders Kj\u00e6rsig | Eine Schriftrolle Vor den Mauern Jerusalems gut begraben unter einem Feigenbaum fand man eine kleine Schriftrolle mit f\u00fcnf Aufzeichnungen \u00fcber das Christentum, geschrieben von dem ehemaligen Oberz\u00f6llner und Multimillion\u00e4r Zach\u00e4us. 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