{"id":19529,"date":"2024-02-19T06:30:41","date_gmt":"2024-02-19T05:30:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19529"},"modified":"2024-02-17T17:14:50","modified_gmt":"2024-02-17T16:14:50","slug":"markus-914-29-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-914-29-5\/","title":{"rendered":"Markus 9,14-29"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Reminiszere | 25.02.2024 | Mk 9,14-29 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201dJesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf\u201c<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was bedeutet es, wenn jemand einen an die Hand nimmt? Zwei Handfl\u00e4chen ber\u00fchren einander \u2013 allein darin liegt eine Entdeckung: \u201eDu bist so wie ich. Wir sind hier zusammen, und wir k\u00f6nnen zueinanderkommen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darin liegt auch eine Zusage: \u201eNimm etwas von mir, wenn du mich brauchst\u201c. Und: \u201eIch wage es, dich zu ber\u00fchren. Ich kann merken, dass du da bist. Ich will gerne teilhaben an deinem Leben\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da liegt in Wirklichkeit so viel in zwei H\u00e4nden, die sich ber\u00fchren, dass wir es gar nicht wagen w\u00fcrden im t\u00e4glichen Leben, wenn wir dar\u00fcber jedes Mal nachdenken sollten. Und wir geben eben t\u00e4glich einander die Hand. Das ist eine sch\u00f6ne und gute Sitte. Anderswo in der Welt hat man andere sch\u00f6ne Sitten der Begr\u00fc\u00dfung, ohne einander die Hand zu geben. Vielleicht ist der Handdruck in Wirklichkeit auch ein so \u00fcberw\u00e4ltigender Handdruck, dass es fast zu viel ist im Alltag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber nun praktizieren wir also den Handdruck, und das hat sogar die Furcht vor Bakterien und Ansteckungsgefahr \u00fcberlebt. Denn das liegt ja auch im Handdruck: \u201eIch bin bereit, deine Bakterien und Krankheiten zu teilen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was f\u00fcr eine gro\u00dfe Sache es ist, einander die Hand zu geben, zeigt sich darin: Wenn es wirklich in unserem Leben um etwas geht \u2013 beim Eingehen einer Ehe, bei entscheidenden Absprachen, bei Vers\u00f6hnung zwischen Menschen, die Feinde waren, bei dem zarten Beginn der Liebe \u2013 da ist es wichtig, dass man einander die Hand gibt. In den H\u00e4nden begegnen sich die beiden getrennten Wesen und teilen das Leben miteinander.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201dJesus ergriff seine Hand und richtete ihn auf\u201c. In der griechischen Sprache, in der das Evangelium urspr\u00fcnglich geschrieben ist, hei\u00dft es: \u201eIndem er seine Hand ergriff, richtete er ihn auf, und er erhob sich\u201c. Zwei Bewegungen, die in der Begegnung der H\u00e4nde liegen: Jesus richtet ihn auf, und er erhebt sich selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser junge Mann befindet sich mitten in einem chaotischen Kreis von Zuschauern, mit einem verzweifelten Vater, der f\u00fcr sein Leben gek\u00e4mpft hat, seit er ein kleines Kind war. Er ist ein Junge, der in den Augen aller anderen ein Problem ist, gef\u00e4hrlich, unheimlich, krank, besessen von einem kranken Geist, der zu Anf\u00e4llen f\u00fchrt. Er ist ein Problem, eine Belastung. Er konnte nie der ganz gew\u00f6hnliche Sohn sein, der ganz gew\u00f6hnliche Mensch wie andere. Ihm musste immer geholfen werden, er musste beh\u00fctet und versorgt werden. Nun wird er geheilt in einem dramatischen Augenblick. Noch immer ist er Gegenstand von etwas, was andere tun. Als er still auf der Erde liegt, denken alle, dass er wohl tot ist. Denn vielleicht kann so einer wie er in Wirklichkeit gar nicht leben \u2013 und schon gar nicht ein Leben zusammen mit normalen Menschen f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Jesus nahm ihn an der Hand und richtete ihn auf. Der Mensch erhebt sich. Er steht selbst auf, durch <em>seine<\/em> Hand, die ihn erhob.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Begegnung zwischen den H\u00e4nden der beiden wird die W\u00fcrde des Menschen wiederhergestellt. Weil Jesus ihm die Hand gab und ihn nicht auf die Beine stellte oder ihn liegen lie\u00df oder ihn blo\u00df wegtrug, sondern ihm die Hand gab. Als ein gleichwertiger Mensch, nicht als ein von D\u00e4monen besessenes Problem.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie es dem jungen Mann dann ging, dar\u00fcber h\u00f6ren wir ja nichts. Sein Leben war wohl wie das aller anderen \u2013 voller Freude und Leid, ein Menschenleben im Guten wie im B\u00f6sen. Aber mit der Erfahrung, jemand zu sein, der die H\u00e4nde anderer ergreifen und annehmen kann, und anderen die Hand reichen kann \u2013 geschaffen als Mensch vom Guten zum Guten, geschaffen im Bilde Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einer gewissen Weise ist der Augenblick, wo sich die beiden H\u00e4nde begegnen, das stille Zentrum in dieser gewaltigen Geschichte, von d\u00e4monischer Besessenheit, von Glauben und Unglaube, von den J\u00fcngern, die nicht heilen k\u00f6nnen, weil sie etwas leisten wollen und nicht wie Jesus in Gebet und Hingabe leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist das wahre Bild Gottes. Das ist es, was wir bekennen und glauben, wenn wir Jesus Gottes Sohn nennen. Das bedeutet, dass wir in seinem Menschenleben sehen, was der Sinn des menschlichen Lebens ist und wer Gott ist. Die Kraft, die sich in Jesus zeigt, ist die Kraft Gottes. Jesus, das offenbarte Bild Gottes, reicht dem Menschen die Hand, der wie ein Toter auf dem Boden liegt und dessen Leben zerst\u00f6rt ist. Und der erhebt sich. Sie stehen einander gegen\u00fcber, so dass jeder sehen kann, dass auch der elende Mensch geschaffen ist im Bilde Gottes, mit demselben Wert wie der Sohn Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So m\u00fcssen wir auch uns selbst und einander sehen. In dem Augenblick, wo wir einander die Hand reichen, werden wir daran erinnert, dass wir im Bilde Gottes geschaffen sind \u2013 mit gleicher von Gott geschenkter W\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt genug D\u00e4monen, die das Leben und die Welt zerst\u00f6ren und dem Menschen seine W\u00fcrde nehmen und das gute Leben beeintr\u00e4chtigen. D\u00e4monen, b\u00f6se Geister sind ja nicht beherrschbare Gr\u00f6\u00dfen wie im Film oder in unheimlichen Geschichten oder okkulter Verehrung des B\u00f6sen oder verborgener Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">D\u00e4monen sind sowohl das unerkl\u00e4rlich B\u00f6se, das unser Leben in Krankheit, Missbrauch und Zerst\u00f6rung des guten Lebens heimsucht, und die merkw\u00fcrdige Lust am B\u00f6sen, die \u00fcber uns alle kommen kann, so dass wir das B\u00f6se tun, das wir vielleicht nicht wollen, von dem wir aber getrieben sind, besessen, ein Drang zur Zerst\u00f6rung des eigenen Lebens oder des Lebens anderer. Das Evangelium bedeutet, dass wir von der Macht der D\u00e4monen befreit werden, weil wir nicht nur Spielb\u00e4lle sind oder gleichg\u00fcltige Mischungen von Gut und B\u00f6se, sondern dazu geschaffen sind, Gottes Kinder zu sein. Der Mensch ist nicht ein D\u00e4mon, ein b\u00f6ses Gesch\u00f6pf. Das ist kein Mensch. Jeder Mensch ist in Gottes Bild geschaffen, gepr\u00e4gt durch die G\u00fcte, Liebe und Gnade Gottes, und es kann das Wunder geschehen, dass er sich erhebt von all dem, was das Leben zerst\u00f6rt. Das kann geschehen, wenn ihm jemand die Hand reicht \u2013 denn das ist die Bewegung Gottes, die Erhebung, die Jesus bringt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch der Glaube ist in gewisser Weise eine Begegnung zwischen H\u00e4nden. Seit der Erz\u00e4hlung des Evangeliums hat der Ruf des Vaters in zweitausend Jahren Geh\u00f6r gefunden und uns Kleingl\u00e4ubigen Trost bereitet: \u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben!\u201c \u2013 ich glaube, hilf mir, denn ich glaube nicht. Das muss bedeuten: \u201eSo hilf mir doch, ganz gleich wie mein Glaube oder mein Nicht-Glaube ist: Schaffe den Glauben in mir, indem du hilfst\u201c. Dieser Ruf bewahrt uns davor, zu denken, dass Glaube eine Leistung ist \u2013 wenn du nur genug glaubst, kannst du das Unm\u00f6gliche tun, wenn du nur genug glaubst, kannst du die Leute oder dich selbst gesund machen. Nur an sich selbst glauben, hei\u00dft es \u2013 und nicht selten wird das damit verwechselt, an Gott zu glauben. Als w\u00e4re Gott ein Mittel, mit dem man zeigt, was f\u00fcr einen gro\u00dfen Glauben du hast \u2013 an dich selbst. Aber wenn der Glaube eine Leistung ist, dann ist er ja nichts anderes als Glaube an sich selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Glaube, den Jesus hervorruft, ist Offenheit und Hoffnung \u2013 wie eine Handfl\u00e4che, die gereicht wird in Gebet und Hilfe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAlles ist m\u00f6glich f\u00fcr den, der glaubt\u201c, sagt Jesus. Das bedeutet <em>nicht<\/em>, dass derjenige, der glaubt, allesm\u00f6gliche <em>tun<\/em> kann und ihm alles gelingt. Vielmehr ist f\u00fcr den, der glaubt, alles m\u00f6glich. Alles kann erhofft werden \u2013 selbst das Unm\u00f6gliche darfst du erhoffen und ihm deine H\u00e4nde \u00f6ffnen. Auch wenn es hoffnungslos aussieht und du meinst, dass du an dem ganzen Elend selbst schuld bist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eGlaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft\u201c, steht im Hebr\u00e4erbrief (11,1). Und deshalb enth\u00e4lt der Ruf des Vaters das Glaubensbekenntnis f\u00fcr uns alle. Das Glaubensbekenntnis ist ein Gebet: \u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben: Ergreife meine Hand, auch wenn ich sie nicht selbst zuerst reichen kann, und richte mich auf, damit ich mich erheben kann\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung zu Gott. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ribe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiszere | 25.02.2024 | Mk 9,14-29 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Christiansen | \u201dJesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf\u201c\u00a0 Was bedeutet es, wenn jemand einen an die Hand nimmt? Zwei Handfl\u00e4chen ber\u00fchren einander \u2013 allein darin liegt eine Entdeckung: \u201eDu bist so wie ich. 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