{"id":19558,"date":"2024-02-27T09:49:33","date_gmt":"2024-02-27T08:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19558"},"modified":"2024-03-01T12:04:59","modified_gmt":"2024-03-01T11:04:59","slug":"johannes-842-51-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-842-51-3\/","title":{"rendered":"Johannes 8,42-51"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Okuli | 03.03.24 | Joh 8,42-51 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Eva Holmegaard Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Wir glauben nicht an ein Buch. Wir glauben nicht an einen Text. Wir glauben an Gott.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der isl\u00e4ndische Autor Jon Kalman Stefansson fragt in seinem Roman \u201eDer Schmerz der Engel\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/2DF6CF74-244F-4DAC-A5CF-43ACFEA4A2A4#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, ob es in Meschen immer k\u00fcrzer zur H\u00f6lle als zum Himmelreich ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das geschieht in einer Szene, wo eine alte m\u00fcde Frau mit m\u00fcden, leblosen Augen in einem faltigen, eingeschrumpften Gesicht und gro\u00dfen groben H\u00e4nden von einem Jungen betrachtet wird \u2013 und der Junge denkt: <em>Wie h\u00e4sslich ist sie doch!<\/em> Aber dann sch\u00e4mt er sich und wundert sich dar\u00fcber, warum es im Menschen immer k\u00fcrzer zur H\u00f6lle ist als zum Himmel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und was sollen wir dazu sagen? Wir kennen das gut, andere rasch zu verurteilen. Wir kennen das wahrlich auch gut, uns schnell selbst zu verurteilen. Auch wenn wir wohl wissen, dass viel mehr in uns steckt als andere Menschen sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Warum ist es so schwer, andere Menschen so zu sehen, wie wir gerne von ihnen gesehen werden wollen? In einem Menschen steckt immer mehr als man unmittelbar sehen kann. Und wenn wir es nicht sehen k\u00f6nnen oder sehen wollen \u2013 ja, dann ist weit zum Himmelreich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sollen einander betrachten wie wir ein Kunstwerk betrachten. Wenn man vor einem Gem\u00e4lde steht, ist da unser erster Eindruck \u2013 und der kann entweder sein: Nein das ist h\u00e4sslich, oder: Sch\u00f6n, sch\u00f6ne Farben vielleicht. Ein langweiliges Gem\u00e4lde, oder ein verwirrendes Kunstwerk.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dann beginnen wir zu sehen, was dahinter liegt. Was will dieses Bild, was liegt da in ihm an Tiefe und Bedeutung, wo man etwas l\u00e4nger verweilen muss, um das zu sehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dahinter und mehr \u2013 das ist die Aufforderung des Kunstwerkes. Deshalb sagt die Kunst oft die Wahrheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was mit Texten? Was liegt da an Wahrheit in einem Text, wenn wir den Hintergrund sehen und etwas l\u00e4nger dabei verweilen? Heute haben wir einen Text geh\u00f6rt, wo es todgef\u00e4hrlich ist, ihn unausgelegt stehen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und heute ist es besonders wichtig daran zu denken, dass Jesus kein einziges Wort schriftlich fixiert hat. Daf\u00fcr haben aber richtig viele \u00fcber ihn geschrieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und hier im heutigen Text aus dem Johannesevangelium begegnen wir ihm in einer Rede an die Juden, seine Landsleute \u2013 Jesus war Jude, in Israel geboren \u2013 und er sagt etwas, was den Keim f\u00fcr eine Gefahr enth\u00e4lt. Mehr Gefahr, als ihm selbst bewusst war oder als er voraussehen konnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er sagt: <em>Ihr habt den Teufel zum Vater \u2026 Der ist ein M\u00f6rder von Anfang an \u2026 ein Vater der L\u00fcge<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eben diese Stelle aus der Bibel ist dazu benutzt worden, Antisemitismus zu verbreiten. In Deutschland konnte man w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs auf mehreren Schildern in den St\u00e4dten lesen: <em>Kein Zugang f\u00fcr Juden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun sehe ich hier und lese dieselben Worte in einer Zeit, wo der Antisemitismus wieder aufgekommen ist in der ganzen Welt und wo der Konflikt zwischen Gaza und Israel heftige Gef\u00fchle aufkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Worte sind gef\u00e4hrlich. Sie sind gef\u00e4hrlich, wenn sie wie in Stein gemei\u00dfelt dastehen. Stein-tot. So als stammten sie nicht aus einem dahinterstehenden Leben und als entstammten sie nicht aus einem Kontext oder einer konkreten Situation.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man einen Text in der Hand hat, kann alles passieren. Manke denke an eine E-mail, im Zorn abgeschickt. Ein Text im Facebook, den man bald bereut, weil man nicht damit rechnen kann, dass der Leser mehr sieht als das, was dort steht \u2013 <em>schwarz auf wei\u00df<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hat man Worte in die Welt gesetzt, ist man anderen auf Gnade und Verderb ausgeliefert. Das gilt auch f\u00fcr Jesus \u2013 auch er ist anderen auf Gnade und Verderb ausgeliefert. Daran ist er bekanntlich gestorben. Aber selbst am Kreuz vergab er seinen Henkern. Denn so war er. Ein Mensch, der immer hinter die Dinge blickte und mehr sah.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er bat f\u00fcr die, die an diesem Tag auf dem Golgatha um ihn herumstanden. Er bat f\u00fcr sie alle, seine Richter und seine Henker und all die passiven Neugierigen und die, die wegsahen. Er vergab mit den Worten: <em>Vater, vergib ihnen \u2013 denn sie wissen nicht, was sie tun<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So war er. Ein Mensch, der andere Menschen sah und annahm, die niemand anderes weder sehen noch mit ihnen zu tun haben wollte. F\u00fcr ihn waren es nicht Juden oder Griechen oder Frauen oder M\u00e4nner oder Sklaven oder Herren \u2013 sie waren einfach Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen mit einer Geschichte, einem Schicksal, einem Ungl\u00fcck, einem Schmerz oder einem Lebensweg, der sowohl das Ergebnis eigener Wahl war \u2013 aber auch von Zuf\u00e4llen, Ereignissen und Lebensbedingungen. Er nahm sie an, er sah, tr\u00f6stete, bezog sie ein \u2013 und darum haben wir Vertrauen zu Gott. Denn Jesus verwies auf einen Gott, der uns W\u00fcrde verleiht und f\u00fcr den wir immer mehr sind, als wir zu sein scheinen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nimmt man ein Zitat von diesem warmherzigen, offenherzigen und liebevollen Menschen und verwendet es dazu, Rassismus und Gewalt zu legitimieren \u2013 so ist das vielleicht genau das, was damit gemeint ist, dass man \u201edie L\u00fcge zum Vater hat\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Johannesevangelium ist etwa 70 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben. Und in diesen 70 Jahren ist viel geschehen. Der aufkommende neue Glaube, der dann sp\u00e4ter Christentum genannt wurde, war anfangs nur eine kleine Gruppe Andersdenkender innerhalb des Judentums.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber mit der Zeit und der steigenden Anzahl von Christusgl\u00e4ubigen war man gen\u00f6tigt, genauer darauf zu achten, wie man sich von den anderen unterschied \u2013 und das f\u00fchrte nat\u00fcrlich zu einem Konflikt. Und diesem Konflikt begegnen wir im Evangelium dieses Sonntags.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn man unter Druck steht und sich bedroht f\u00fchlt, wird der Ton radikal und vereinfacht. Vielleicht hat das dazu gef\u00fchrt, dass dies alles zu einer fast peinlichen primitiven Diskussion dar\u00fcber f\u00fchrte, wer den Teufel zum Vater hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So als ob es der Teufel \u2013 um bei der mythischen Sprache zu bleiben \u2013 jemals auf ein besonderes Volk oder eine besondere ethnische Gruppe abgesehen h\u00e4tte, oder auf Geschlecht oder Sexualit\u00e4t. So als h\u00e4tte der Teufel jemals irgendeine Vorliebe daf\u00fcr gezeigt, wen er in seiner Zerst\u00f6rung von Menschen, Leben und L\u00e4ndern vorzieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lasst uns niemals die eindringlichen und sch\u00f6nen, aber teils auch absto\u00dfenden, rachs\u00fcchtigen und konfliktvollen Texte wie ein Kochrezept lesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Bibel finden sich so viele Eindr\u00fccke und Stimmungen wie im menschlichen Leben. Und man denke, wenn das, was wir einander sagen, eins zu eins verstanden w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir voller Wut auf die Idee kommen zu sagen: Ich will dich nie mehr vor meinen Augen sehen. Oder wenn du dieses und das noch einmal tust, dann bringt mich das um. Oder: Ich \u00fcberlebe keinen Tag mehr auf dieser Arbeit! Oder: Geh und vergrabe dich!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sagen so viel Bl\u00f6dsinn. Das tut auch die Bibel, weil sie vom Menschenleben handelt und seinen kleinlichen wie auch gro\u00dfspurigen Leidenschaften. Aber wir glauben nicht an ein Buch. Wir glauben nicht an einen Text. Wir <em>h\u00f6ren<\/em>auf einen Text und m\u00fcssen versuchen, ihn zu verstehen mit all dem, was wir davon wissen, ein Mensch zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir glauben nicht an tote Worte, sondern an einen Gott, der warm in uns atmet und uns zu dem ewigen St\u00fcck Lehm macht, das geformt und ungeformt und ver\u00e4ndert wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sind in der Hand Gottes, und deshalb vertrocknen wir nie zu einem unf\u00f6rmigen Klumpen ohne Zukunft und M\u00f6glichkeiten im Leben oder im Tode.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir glauben, dass der lebendige Gott, der seine Menschen liebt und seine Welt erh\u00e4lt, seine Planeten und Sterne, hinter all den vielen Worten und S\u00e4tzen und Erz\u00e4hlungen verbirgt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wir glauben an Jesus Christus, der f\u00fcr uns mit dem Einsatz seines Lebens dem Kampf mit dem Teufel aufgenommen hat \u2013 oder wie du nun das B\u00f6se nennst. Denn Jesus blickte immer hinter die Dinge, sah das Mehr, das immer da ist, das Mehr, das in uns ist, und das Mehr, das im Leben ist, und das Mehr, das wir vom Tode sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er sah das Mehr im S\u00fcnder, das wir Mensch nennen k\u00f6nnen. Und er sah das Mehr im Tode, das wir die Ewigkeit nennen k\u00f6nnen. Und in diesem Mehr ist die Wahrheit. Und aus dieser Wahrheit kommt die W\u00e4rme. Von all diesem Mehr, das nur mit den Augen der Liebe zu sehen ist, kommt die W\u00e4rme. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Eva Holmegaard Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">N\u00f8debovej 24, N\u00f8debo, DK-3480 Fredensborg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: ehl(at)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/2DF6CF74-244F-4DAC-A5CF-43ACFEA4A2A4#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a><em>Harmur Englanna<\/em>, 2009, Deutsch M\u00fcnchen 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okuli | 03.03.24 | Joh 8,42-51 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Eva Holmegaard Larsen | Wir glauben nicht an ein Buch. Wir glauben nicht an einen Text. Wir glauben an Gott. Der isl\u00e4ndische Autor Jon Kalman Stefansson fragt in seinem Roman \u201eDer Schmerz der Engel\u201c[1], ob es in Meschen immer k\u00fcrzer zur H\u00f6lle als zum Himmelreich ist. 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