{"id":19564,"date":"2024-03-04T12:00:42","date_gmt":"2024-03-04T11:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19564"},"modified":"2024-03-02T12:11:15","modified_gmt":"2024-03-02T11:11:15","slug":"lk-2254-62","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lk-2254-62\/","title":{"rendered":"Lk 22,54-62"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Der Hahn kr\u00e4ht | L\u00e4tare | 10.03.2024 | Lk 22,54-62 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Hahn nervt \u2013 fr\u00fchmorgens kr\u00e4ht er vom Bauernhof her durch die Gegend. Ein absolut nutzloses Tier. Er produziert selber nichts \u2013 ausser dem Geschrei und ein paar sch\u00f6nen Federn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir kommt das Bild des kr\u00e4henden Hahnes aus dem Comic \u00abAsterix und Obelix\u00bb in den Sinn. Es ist wie eine Art \u00abrunning gag\u00bb, dass sich der Hahn zu Unzeiten die Seele aus dem Leib kr\u00e4ht und damit das ganze gallische Dorf zur Weissglut treibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Hahn weckt aus dem Schlaf. Das Kr\u00e4hen am \u00dcbergang von der Nacht in den Tag wurde in der christlichen Tradition zu einem wichtigen Mahnmal. Symbolisch dargestellt auf unz\u00e4hligen Kircht\u00fcrmen. Ursprung daf\u00fcr war der heutige Predigttext:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(Lesung Lk 22,54-62)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abEhe der Hahn heute kr\u00e4ht, wirst du mich dreimal verleugnen\u00bb, so die Abschiedsworte von Jesus an Petrus. \u00abNiemals!\u00bb Petrus kann es sich nicht vorstellen. Er ist ein eifriger Nachfolger, ein J\u00fcnger der ersten Stunde. Nichts und niemand kann ihn trennen von dem, der sein Herr geworden ist, damals am See, als er vom Berufsfischer zum Menschenfischer wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Petrus ist eine tolle J\u00fcngerfigur, wirklich, in mir weckt er immer wieder viel Sympathie, jedenfalls so, wie die Bibel ihn beschreibt. Mit der sp\u00e4teren Machtfigur der institutionellen Kirche habe ich meine liebe M\u00fche, aber dieser J\u00fcnger fasziniert mich: Er redet, bevor er richtig zuh\u00f6rt. Er macht, bevor er nachdenkt. Er l\u00e4sst sich von seinen Emotionen mitreissen. Denken wir nur daran, wie prompt er das Schiff verlassen hat und aufs Wasser hinausging, als Jesus dort draussen in die Nachfolge rief. Da hat er sicher nicht vorher dar\u00fcber nachgedacht, sonst w\u00e4ren ihm die Zweifel wohl eher gekommen. Und auch jetzt st\u00f6sst er seinen Widerspruch innig und \u00fcberzeugt aus, ohne sich bewusst zu sein, in welcher Lage er sich bald befinden wird: \u00abNiemals verleugne ich dich!\u00bb Petrus schiesst gerne \u00fcbers Ziel hinaus in seiner enthusiastischen Art.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann passiert es trotzdem: Dort im Hof des Palastes verleugnet er seine Zugeh\u00f6rigkeit zu Jesus \u2013 nicht nur einmal, sondern dreimal. Nicht nur sanft, sondern heftig und klar. Daf\u00fcr gibt es keine Ausrede. Petrus ist gescheitert und beim Kr\u00e4hen des Hahnes wird es sich seinem Verrat bewusst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hm, nicht mehr so sympathisch. Der moralische Zeigefinger streckt sich in die H\u00f6he. Wie kann der nur! Zuerst den Mund so weit aufreissen und dann beim ersten Widerstand einknicken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Petrus hat meine Sympathie immer noch. Ich kenne die Situation selbst auch gut \u2013 wenn der Hahn kr\u00e4ht und mich zur Besinnung bringt. Wenn ich wieder mal vorschnell etwas herausposaunt habe und es nachher gar nicht halten kann. Wenn ich mich emotional hab mitreissen lassen und dann doch nicht einhalten kann, was ich versprochen habe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Situation ist ja auch elend gef\u00e4hrlich. Die Verhaftung Jesu hat seine Leute in grosse Bedr\u00e4ngnis gebracht. Wer zu einem Verr\u00e4ter und Aufwiegler geh\u00f6rte, musste damit rechnen, selbst verurteilt und hingerichtet zu werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abHe, Du, geh\u00f6rst du nicht zu diesem Jesus?\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abGenau, du bist einer von ihnen!\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abJa, ich hab\u00b4s genau gesehen, du warst mit ihm unterwegs!\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese S\u00e4tze beim Feuer im Hof sind nicht harmlos. Sie kommen einer Anklage gleich \u2013 und vielleicht auch schon einer Verurteilung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Petrus wird es angst und bang. Sein Leben ist pl\u00f6tzlich in Gefahr. Kopflos geht er in die Defensive: \u00abWas, ich? Nein, ich geh\u00f6r nicht zu dem. Du musst mich verwechseln! Mit dem habe ich nichts zu tun!\u00bb S\u00e4tze, die ihm kurz darauf das Herz brechen. Der Hahn kr\u00e4ht und bringt ihn zur Besinnung damit. Jetzt sieht er den Blick von Jesus. In dem Moment st\u00fcrzt sein Schutzschild ein, seine L\u00fcgen werden aufgedeckt und damit auch seine Schuld. Petrus wird sich bewusst, was er getan hat. Nun kann er ehrlich sein \u2013 sich selber gegen\u00fcber, Jesus gegen\u00fcber und auch der Welt. Die Tr\u00e4nen laufen, denn es tut uns\u00e4glich weh. Einen Menschen verraten und verleugnet zu haben, den er liebt \u2013 dieser Schmerz bricht auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Mahnmal steht der Hahn auf vielen Kircht\u00fcrmen und erinnert uns an diese Geschichte. Sie geht gl\u00fccklicherweise noch weiter. Petrus ist nicht ein- f\u00fcr allemal abgekanzelt und verurteilt. Er bleibt in der Nachfolge, er bleibt im Glauben und findet seinen Weg \u2013 auch zur\u00fcck zur Anerkennung durch die anderen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Hahn kr\u00e4ht uns heute immer noch entgegen: \u00abPasst auf! Achtet Euch!\u00bb Dabei geht es weder bei Petrus noch bei uns heute um die moralische Verurteilung oder Schuldzuweisungen. F\u00fcr mich ist es ein Weckruf, der Ruf zu mehr Achtsamkeit, zu mehr Ehrlichkeit, zu mehr Bewusstsein f\u00fcr all das, was ich einfach mal rede oder tue, wo ich mich drin verstricke oder vorschnell mitmache. \u00abSchau hin! Sei wachsam! Steh zu dir und zu dem, was dir wichtig ist!\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal kommt der Weckruf genau wie das Kr\u00e4hen des Hahnes im gallischen Dorf von Asterix und Obelix ungelegen. Er ist oft unbequem, manchmal sogar ersch\u00fctternd und fordernd. Achtsamkeit und Ehrlichkeit sind f\u00fcr mich kein Wohlf\u00fchl-Programm, sondern meistens mit schmerzhafter Arbeit, Trauer und knallharter Akzeptanz der eigenen Grenzen verbunden. Ja, ich behaupte: Gerade unangenehme und schwierige Umst\u00e4nde zwingen zur Achtsamkeit \u2013 sei es eine Krankheit, eine Trennung oder \u00dcberforderung. Und manchmal w\u00fcrde ich diesem Hahn am liebsten den Hals umdrehen und sein Geschrei zum Verstummen bringen. Manchmal w\u00fcnschte ich mir, ich h\u00e4tte schon vorher hingeh\u00f6rt, aber so bin ich nicht \u2013 so war Petrus auch nicht. Solange es gut ist und gut l\u00e4uft, bewegt sich kaum etwas. Insofern bin ich froh um den Hahn und sein Kr\u00e4hen, obwohl er auf dem Bauernhof eigentlich nichts bringt. Er hilft mir, hinzuschauen auf das, was gerade ist, und mich zu fragen, ob es so gut ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Petrus kann nicht dortbleiben. Er schafft es nicht. Verr\u00e4t er damit seinen Herrn oder achtet er auf seine Grenzen? Vielleicht bleiben wir anderen etwas schuldig, wenn wir auf uns selbst achten. Vielleicht entt\u00e4uschen wir, weil wir uns selbst ernst nehmen. Vielleicht verraten wir eine gemeinsame Sache, weil wir uns in diesem Moment nicht daf\u00fcr entscheiden k\u00f6nnen. Petrus hat gelernt mit seiner Schuld zu leben. Und er hat erfahren, dass andere bei Jesus geblieben sind. Vielleicht sind wir ersetzbarer, als wir denken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unangenehme Gedanken, aber ich lege sie voller Vertrauen dem G\u00f6ttlichen hin. Genauso wie meine Schuld. Genauso wie mein Unverm\u00f6gen. Und meinen Mut, meine \u00dcberzeugung und Begeisterung. Ich vertraue darauf: Alles ist aufgehoben bei dem, der das Menschliche kennen gelernt und durchlitten hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hahn kr\u00e4ht | L\u00e4tare | 10.03.2024 | Lk 22,54-62 | Nadja Papis | Dieser Hahn nervt \u2013 fr\u00fchmorgens kr\u00e4ht er vom Bauernhof her durch die Gegend. Ein absolut nutzloses Tier. 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