{"id":1957,"date":"2020-02-25T16:23:01","date_gmt":"2020-02-25T15:23:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1957"},"modified":"2020-03-12T10:59:47","modified_gmt":"2020-03-12T09:59:47","slug":"alt-und-neu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/alt-und-neu\/","title":{"rendered":"Alt und neu"},"content":{"rendered":"<h3>Aschermittwoch | Predigt zu Matth\u00e4us 9:14-17, verfasst von Matthias Wolfes |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>mit dem heutigen Aschermittwoch beginnt der (katholischen) kirchlichen Tradition zufolge die vierzigt\u00e4gige Fastenzeit. Sie f\u00fchrt zum Osterfest hin; Beten und Fasten werden als die geeigneten Mittel angesehen, sich in angemessener Weise auf jenes Fest vorzubereiten. Im evangelischen Raum sprechen wir in der Regel von \u201ePassionszeit\u201c, deren Beginn auf den kommenden Sonntag datiert wird.<\/p>\n<p>Das Fasten ist also eine traditionell verankerte, dadurch auch mit Gewicht versehene Verhaltensweise. Biblisch kn\u00fcpft sie an die vierzigt\u00e4gige Fastenzeit Jesu in der W\u00fcste an; auch die ebenso lange W\u00fcstenwanderung der Israeliten und weitere Bez\u00fcge stehen im Hintergrund. Es ist klar, dass es sich in allen F\u00e4llen um sehr besondere Situationen handelt, die zum einen durch diese Besonderheit, zum anderen durch ihre strikte zeitliche Begrenzung bestimmt sind. Immerw\u00e4hrendes Fasten \u2013 also eine dauerhaft asketische Lebensweise \u2013 w\u00fcrde dieser Idee der Entsagung widersprechen. Es geht um eine befristete, um eine unterbrechende Entgegensetzung. Nat\u00fcrlich bleibt es jedem unbenommen, gute Erfahrungen aus der jeweiligen Fastenperiode auch in sein \u201enormales\u201c Alltagsleben zu \u00fcbernehmen. Doch dies ist es nicht, worum es der Idee nach geht. Es geht nicht um eine Ver\u00e4nderung des generellen Lebensstiles, sondern um eine terminierte Abweichung von ihm unter besonderen Bedingungen.<\/p>\n<p>Hieran kann dann leicht die Kritik ansetzen, und dies ist ja in der Reformationszeit auch geschehen. Ich m\u00f6chte daran nicht ganz vorbeigehen. Luther hat Recht, wenn er ein derart beschaffenes Programm der Selbst\u00fcbung mit Skepsis betrachtet. Es besteht aus Korrekturen an Verhaltenweisen und Lebenspraktiken, zu denen nach Ablauf jener von Anfang an vorgegebenen Frist zur\u00fcckzugehren selbst zum Programm geh\u00f6rt. Darin ist die blo\u00dfe \u00c4u\u00dferlichkeit begr\u00fcndet. Ebenso kann es nicht als wahrhaftiges Fasten bezeichnet werden, wenn es blo\u00df darum zu tun ist, einen Tag gl\u00fccklich herumzubringen, dessen Abend dann den vermeintlich verdienten Ausgleich bringt.<\/p>\n<p>Wer die Sache ernsthaft angeht, der kann kein Gen\u00fcge an \u00e4u\u00dferlich messbaren Erfolgen finden. Sie m\u00f6gen, wenn sie sich denn einstellen und auch nicht ganz vereinzelt bleiben, Hinweise auf das Ma\u00df an Standhaftigkeit und Entschlossenheit sein. Sie sind aber keine Anzeichen daf\u00fcr, dass erreicht worden w\u00e4re, worum es wirklich geht. Dies aber \u2013 das, worum es wirklich geht \u2013 ist die Einstellung selbst.<\/p>\n<p>Und hier nun gibt uns unser heutiger Abschnitt aus dem Matth\u00e4us-Evangelium einige gute Hinweise.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger des T\u00e4ufers Johannes kommen zu Jesus und konfrontieren ihn mit ihrer Beobachtung, dass dessen J\u00fcnger <em>\u201enicht fasten\u201c:<\/em> <em>\u201eWarum fasten wir und die Pharis\u00e4er so viel, und deine J\u00fcnger fasten nicht?\u201c <\/em>Mit anderen Worten: Weshalb setzen sich deine engsten Anh\u00e4nger und Weggef\u00e4hrten der verbindlichen Lebensordnung entgegen? Weshalb missachten sie, was gilt? Die Johannes-J\u00fcnger setzen die Verbindlichkeit voraus und kritisieren das abweichende Verhalten als zumindest begr\u00fcndungsbed\u00fcrftige Entgegensetzung gegen\u00fcber Regel und Ordnung.<\/p>\n<p>Und in der Tat gibt Jesus in seiner Antwort eine Begr\u00fcndung. Er verwirft das Fasten nicht, das ist das eine. Einer verk\u00fcrzten, sehr weit verbreiteten Auffassung nach soll das allerdings der Fall gewesen sein. Aber so verh\u00e4lt es sich nicht. V\u00f6llig klar ist, dass in der Zeit nach Jesu Tod gilt: die Gemeinde fastet. Es gibt Zeugnisse aus der Fr\u00fchzeit der christlichen Gruppen, die zeigen: Das gemeinsame Fasten (am Mittwoch und Freitag) hatte seinen ganz selbstverst\u00e4ndlichen Ort im Gemeindeleben.<\/p>\n<p>Jetzt aber, in der Zeit seiner Anwesenheit, in der Zeit des gemeinsamen Lebens mit ihm und in seinem Angesicht, unter dem Licht des Neuen, sieht es anders aus. Das Zusammensein mit ihm erzeugt eine Freude, die selbst alles Verhalten bestimmt. Das ist die Bedeutung jener Vergleiche mit einer Hochzeitsfeststimmung und dem Verh\u00e4ltnis von alten und neuen Schl\u00e4uchen.<\/p>\n<p>Dieser Antwortrede zufolge sind Altes und Neues unvereinbar. Das Neue stellt die Regeln und Gegebenheiten der hergebrachten Ordnung in Frage. Alt und Neu stehen sich in einer ganz grundlegenden Weise gegen\u00fcber. Wer zur Seite des Neuen geh\u00f6rt, blickt auf alles Vorherige nicht nur als auf etwas altes, sondern als auf etwas anderes zur\u00fcck. Es ist \u00fcberwunden; er l\u00e4sst es hinter sich; sein Weg ist ein neuer Weg, nicht die, wenn auch noch so ver\u00e4ndert betriebene, Fortsetzung des alten.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Sch\u00e4rfe, die hier vorhanden ist, ganz klar sehen. Es n\u00fctzt nichts, und sei der Wille noch so gut, irgendwie nach einer Harmonisierung zu streben. Nicht ohne Grund hat unsere Passage in der Geschichte des christlichen Glaubens immer wieder eine wichtige Rolle gespielt, wenn es um den Standort des Christentums ging. Dieser Standort wurde im Modell des Gegen\u00fcbers, nicht dem der Ankn\u00fcpfung und Weiterf\u00fchrung beschrieben. Altes und Neues Testament, fleischlicher und \u201eneuer\u201c Mensch, Gesetz und Gnade, Kirche und Synagoge \u2013 all diese Gegensatzpaare haben im Denken zahlreicher Ausleger in den heute von uns betrachteten Jesus-Worten einen Anker. Auch Luther hat sich f\u00fcr seine Unterscheidung von \u201eGerechtigkeit des Gesetzes\u201c und \u201eGerechtigkeit des Glaubens\u201c auf sie bezogen.<\/p>\n<p>Wie sollen wir damit umgehen? Wir k\u00f6nnen das ganze Problem, das sich hier auftut, heute, an diesem Aschermittwoch des Jahres 2020, nat\u00fcrlich nicht einmal im Ansatz aufgreifen oder gar l\u00f6sen. Eines aber wollen wir heute nicht tun: Wir wollen uns dieser Sichtweise nicht unsererseits mittels eines Widerspruchs entgegensetzen. Es gibt eben nun einmal diese Auslegungstradition; sie ist mit Namen verkn\u00fcpft, die uns Respekt abverlangen, und das auch dann, wenn wir der Auslegung selbst uns nicht anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Denn das ist, jedenfalls was mich betrifft, der Fall.<\/p>\n<p>Lassen Sie es mich in aller K\u00fcrze und Unzul\u00e4nglichkeit so formulieren: Zum einen handelt es sich bei der neutestamentlichen Passage, die die Rede Jesu enth\u00e4lt, um ein Dokument fr\u00fchesten christlichen Denkens. In dieser allerersten Situation ging es um die Selbstbeschreibung des Neuen, das durch die Botschaft Jesu in die Welt gekommen war. Seine Botschaft war eine Botschaft von Gott, und das Verh\u00e4ltnis des Menschen zu Gott konnte seither nicht mehr in der gleichen Weise beschrieben werden wie zuvor. So haben es die Anh\u00e4nger Jesu, die Christen dieser Zeit gesehen und empfunden; so haben sie es an sich selbst erlebt und in ihrem Leben gelebt. Das Neue der Botschaft Jesu war f\u00fcr sie eine Wirklichkeit, die als lebensbestimmende Wirklichkeit vor allem <em>eine neue Wirklichkeit<\/em> gewesen ist.<\/p>\n<p>Jene sp\u00e4teren Ausleger haben ihrerseits das Ziel gehabt, die Besonderheit des christlichen Glaubens so deutlich wir m\u00f6glich zu betonen. Und das haben sie unter anderem dadurch erreichen wollen, dass sie christlichen und j\u00fcdischen Glauben (wie sie ihn verstanden haben) in ein Gegen\u00fcber, ja einen Gegensatz gebracht haben, und zwar in den Gegensatz von Neu und Alt.<\/p>\n<p>Mit diesen Dingen k\u00f6nnen wir nicht klarkommen, wenn wir sie leugnen. Sie geh\u00f6ren in die lange, verwickelte und auch schwierige Geschichte unseres Glaubens hinein. Es gibt da eben H\u00f6hen und Tiefen. Zu den H\u00f6hen im Zusammenhang mit unserem Abschnitt geh\u00f6rt nun aber der Mut zur Neudeutung. Und diesen Mut d\u00fcrfen wir nicht nur, sondern sollen wir auch haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, wie f\u00fcr viele, die hierin in den letzten Jahrzehnten vorangegangen sind, ist nicht das Modell der Entgegensetzung, nicht der Gegensatz oder gar Widerspruch von Alt und Neu wichtig. Es mag das \u201eNeue\u201c ja tats\u00e4chlich geben. Und dass es es auch wirklich gibt, wird man nicht ernsthaft bestreiten wollen. Es gibt es aber eben nicht im Gegensatz zum \u201eAlten\u201c, sondern stets und immer nur im Verh\u00e4ltnis zu ihm. Auch dass das Christentum in Form und Inhalt nicht einfach auf j\u00fcdische Vorbilder zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, gleichsam wie eine konfessionelle Seitenbewegung, ist unzweifelhaft.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist, wenn ich an dieses Thema gelange, die Bibel in ihrem ganzen Umfang der Rahmen. Auch in dieser Hinsicht geht es nicht um Harmonisierung. Was es da an widerstrebenden Tendenzen gibt, das kann als solches auch offengelegt werden. Aber es sind eben Strebungen und Spannungen innerhalb eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen, das die verschiedenen Seiten zusammenh\u00e4lt. Darauf kommt es mir an. Dieses Ganze sollten wir im Auge behalten und st\u00e4rker gewichten als die Differenzen, gehe es dabei nun um das Verh\u00e4ltnis von Christentum und Judentum oder um die unterschiedlichen Einstellungen und Verhaltensweisen im Blick auf das Fastengebot.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Herangezogene Literatur:<\/p>\n<p>Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matth\u00e4us. Zweiter Teilband (Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band I\/2), Z\u00fcrich und Braunschweig \/ Neukirchen-Vluyn 1990.<\/p>\n<p>Luthers Bezugnahme findet sich in: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Band 38 [Schriften 1533 \u2013 1536], Weimar 1912, S. 486.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nPfr. Dr. Dr. Matthias Wolfes<br \/>\nBerlin, Deutschland<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:wolfes@zedat.fu-berlin.de\">wolfes@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aschermittwoch | Predigt zu Matth\u00e4us 9:14-17, verfasst von Matthias Wolfes | Liebe Gemeinde, &nbsp; mit dem heutigen Aschermittwoch beginnt der (katholischen) kirchlichen Tradition zufolge die vierzigt\u00e4gige Fastenzeit. Sie f\u00fchrt zum Osterfest hin; Beten und Fasten werden als die geeigneten Mittel angesehen, sich in angemessener Weise auf jenes Fest vorzubereiten. 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