{"id":19709,"date":"2024-03-27T19:00:39","date_gmt":"2024-03-27T18:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19709"},"modified":"2024-03-26T11:50:21","modified_gmt":"2024-03-26T10:50:21","slug":"johannes-201-18-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-201-18-3\/","title":{"rendered":"Johannes 20,1-18"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Ostermontag | 01.04.24 | Joh 20,1-18 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201dEinen Fr\u00fchlingsmorgen sch\u00f6n\u201d<a href=\"applewebdata:\/\/B996787A-2B8B-43C9-8D81-FAD5985622B7#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201dWer stirbt, wird augenblicklich in Vergangenheit verwandelt. Es ist gleichg\u00fcltig, ein wie wichtiger Mensch er war, wieviel G\u00fcte und Willenskraft er besa\u00df und wie undenkbar das Leben ohne diesen Menschen ist, der Tod sagt Haps, das Leben verschwindet im Bruchteil einer Sekunde, und der Mensch wird in eine Vergangenheit verwandelt\u201c. Es ist ein Junge, der so denkt in dem Buch des isl\u00e4ndischen Autors J\u00f3n Kalmar Stef\u00e1nsson: <em>Himmel und H\u00f6lle<a href=\"applewebdata:\/\/B996787A-2B8B-43C9-8D81-FAD5985622B7#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em>, als sein bester Freund im Meer vor der K\u00fcste Islands erfroren ist. Der Freund konnte alles erz\u00e4hlen, und der Freund erz\u00e4hlte dem Jungen auch alles. Er was sein einziger Halt. Eben deshalb ist sein Leben undenkbar ohne diesen Menschen. Aber das ist dem Tod gleichg\u00fcltig. Im Bruchteil einer Sekunde ist der Freund in Vergangenheit verwandelt, kein Herzschlag, keine Gedanken, keine Erinnerungen. Der starke, weiche K\u00f6rper mit seiner W\u00e4rme und seinem Duft ist eiskalt, und all das, was ihn zu dem gemacht hat, was er war, ist verschwunden. Und der Junge weint, als ihm jemand eine tr\u00f6stende Hand auf die Schulter legt, und die Tr\u00e4nen lindern und sind gut, steht da, \u201eaber sie sind dennoch nicht gut genug. Denn es ist unm\u00f6glich, die Tr\u00e4nen auf einer Schnur aufzureihen und sie dann in eine finstere Tiefe zu versenken wie ein funkelndes Seil und die herauszuholen, die tot sind, aber leben sollten\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb weint Maria im heutigen Evangelium. Weil der Tod den zu Vergangenheit gemacht hat, den sie liebt. Der Mann, der ihr alles erz\u00e4hlt hat und dem sie alles erz\u00e4hlen konnte, ist verschwunden. Sein Blick, sein weicher K\u00f6rper, der Klang seiner Stimme, alles, was ihn zu dem machte, was er war, ist verschwunden. Und damit alles, was sie zu dem machte, was sie war. Denn solange er lebte, war sie nicht nur irgendeine Maria, sondern die Maria, f\u00fcr die er einen Blick, ein Ohr und Worte hatte, kostbar in seinen Augen. Aber er ist nicht mehr da. Ohne ihn ist ihr Leben undenkbar. So wie unser Leben, wenn wir die verlieren, die unentbehrlich sind. Wie der Junge und wir anderen \u00fcber unseren Verlust weinen, so weint Maria. Und die Tr\u00e4nen lindern und sind gut, aber auch ihre Tr\u00e4nen sind nicht gut genug, denn sie k\u00f6nnen nicht an einer Schnur wie ein funkelndes Seil gezogen werden und in die Tiefe gesenkt werden und ihn heraufziehen, der tot ist, aber leben sollte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist Ostermorgen, aber in der verweinten Augen Marias ist es noch immer Karfreitag. Sie sieht, dass das Grab leer ist, sie sieht Engel in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern, sie sieht sogar Jesus selbst, aber dieser Anblick macht keinen Unterschied. Durch Tr\u00e4nen gesehen kann das Grab nur leer sein, weil die Leiche weggebracht worden ist, und der Mann vor ihr kann nur der G\u00e4rtner sein. Nicht der Anblick, sondern der Klang verwandelt ihre Wirklichkeit. Der Klang der bestimmten geliebten Stimme. Er sagt nicht irgendetwas. Er sagt ihren Namen, wie nur er ihn sagen kann. Und da wird es Ostermorgen f\u00fcr Maria. Als sie h\u00f6rt, dass sie wiedererkannt wird und ihn im selben Augenblick wiedererkennt. Da ist es nicht mehr Karfreitag. Er ist nicht mehr Vergangenheit. Er steht von Angesicht zu Angesicht vor ihr und ist Gegenwart. <em>Einen Fr\u00fchlingsmorgen sch\u00f6n, l\u00e4sst er uns im Glauben sehn<a href=\"applewebdata:\/\/B996787A-2B8B-43C9-8D81-FAD5985622B7#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a>. <\/em>In den sch\u00f6nen Zeilen dieses Liedes steht die Morgensonne auf aus den funkelnden Tr\u00e4nen in den Augen Marias.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Matth\u00e4us, Markus und Lukas sind sich darin einig, dass Jesus in ein Grab gelegt wurde, das in einen Felsen gehauen war. Aber Johannes f\u00fcgt etwas hinzu. <em>An der Stelle war ein Garten<\/em>, sagt er als einziger Evangelist, und ich glaube, das ist kein Zufall. Ein Grab, das in einen Felsen gehauen ist, das klingt genauso kalt und hart wie die rohen Tatsachen. Ein Garten dagegen, das ist ein Wort, das wir mit Fruchtbarkeit verbinden, mit Sch\u00f6nheit, Farben, Vogelgesang, neuem Leben, das beginnt, wenn der Frost nachl\u00e4sst. Mit diesem Wort legt Johannes eine Spur, einen kleinen Hoffnungsschimmer mitten im Untergang und dem Schrecken von Karfreitag. Als Maria den Auferstandenen wiedererkennt, entfaltet sich das Bild. Sie steht auf einem Friedhof. Das ist der Garten der Toten. Aber ihr gegen\u00fcber steht der Tote, der lebendig ist und sie beim Namen nennt. Er ist nicht Vergangenheit. Er ist Gegenwart. Und der Tod ist Vergangenheit. So gesehen ist das der Garten des Paradieses, in dem wir uns befinden. Der Ort, wo neues Leben st\u00e4ndig beginnt. In diesem Sinne ist er wirklich eine Art G\u00e4rtner.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der erste Gedanke Marias ist nat\u00fcrlich, ihn zu umarmen. Aber das soll sie nicht. Denn er ist nicht mehr der Jesus, der an eine bestimmte Stelle auf der Erde gebunden ist. Er ist der auferstandene Christus, der bei seinem Vater im Himmel ist. Und damit ist er \u00fcberall, wo Maria und wir anderen hinkommen. Genau so dicht bei ihr, wie er war, als er auf Erden lebte, unsichtbar. Aber nicht unansehnlich, denn das war er nie. Er kann geh\u00f6rt werden und erkannt werden an seinen Worten, die Maria von ihm h\u00f6rte und an denen sie ihn am Ostermorgen erkannte. Sie soll ihn nicht mehr in ihren Armen halten. Sie soll sich mit ihrem Herzen und ihrem Glauben an ihn halten und an alles, was er sagt und tut. Mit dem Klang seiner Stimme in ihr und mit seinen Worten auf ihren Lippen soll Maria aus dem Garten gehen, hinein in die Stadt, und auf die neue Wirklichkeit verweisen f\u00fcr die, die trauern. Dass der Tote von den Toten auferstanden ist. Gegenwart geworden ist. Und der Tod ist Vergangenheit geworden. Er soll nicht mehr Menschen in einer Sekunde in Vergangenheit verwandeln d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das tut er ja dennoch. Wenn da jemand ist, den wir liebhaben, dann werden wir an unseren Gr\u00e4bern stehen wir der Junge in dem Buch von Stef\u00e1nsson und wie Maria im Evangelium und sp\u00fcren, dass die Tr\u00e4nen gut sind, aber sie sind nicht gut genug. Sie sind nicht wie funkelnde Seile, die Menschen herausziehen k\u00f6nnen, die leben sollten. Aber da ist ein anderer, der das kann. Denn wir stehen nicht allein. Zusammen mit uns steht er, der den Tod zu einer Vergangenheit gemacht hat. Wir k\u00f6nnen ihn nicht sehen. So wenig wie Maria haben wir etwas von unserem Augenlicht, wenn wir auf dem Friedhof stehen. Aber wir k\u00f6nnen ihn h\u00f6ren. Und darum gehen wir in die Kirche. Um ihn quer durch die vielen Worte zu h\u00f6ren, wie er sich selbst unseren Bruder nennt und seinen Vater unseren Vater nennt und uns beim Namen nennt wie einst als wir getauft wurden, so dass wir wieder darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass wir nicht irgendwer sind, sondern die bestimmten Menschen, f\u00fcr die er Blick und Ohren und Worte hat, kostbar in seinen Augen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von dem Anblick haben wir nichts, habe ich gesagt, aber das stimmt nat\u00fcrlich nicht. Mit dem Klang seiner Stimme in uns k\u00f6nnen wir vielleicht sehen, was wir zuvor nicht gesehen haben. Sehen, dass der Friedhof Farbe bekommt, wenn der Frost schlie\u00dflich nachl\u00e4sst.\u00a0 Hellgr\u00fcne Knospen in Z\u00e4unen und Hecken, blaue Stiefm\u00fctterchen, gelbe Osterblumen. Sch\u00f6nheit, Fruchtbarkeit, neues Leben, das beginnt. Und Gesang der L\u00e4rchen, wenn man Gl\u00fcck hat. Das ist der Garten der Toten, aber er spiegelt eine Hoffnung, die der Auferstandene in Maria am ersten Ostermorgen weckte. L\u00e4sst uns einen Glanz von dem Garten sehen, wo er uns verhei\u00dft, dass die Geschichte ein Ende hat. In Bezug auf diesen besonderen G\u00e4rtner wird unsere Wirklichkeit eine andere. Vor uns liegen nicht allein Verlust und Tr\u00e4nen und K\u00e4lte in uns. Vor uns liegt als \u00e4u\u00dferster Horizont ein sonniger Morgen in dem Garten, wo der Tod Vergangenheit geworden ist, und wir die bestimmten, geliebten Stimmen wieder h\u00f6ren sollen. Seine Stimme und die Stimmen der Mitmenschen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl(at)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B996787A-2B8B-43C9-8D81-FAD5985622B7#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Aus dem Lied von Grundtvig: Nehmt das schwarze Kreuz vom Grabe, V. 5, Deutsch-D\u00e4nisches Kirchengesangbuch Nr. 241.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B996787A-2B8B-43C9-8D81-FAD5985622B7#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Reclam Verlag Stuttgart 2009.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B996787A-2B8B-43C9-8D81-FAD5985622B7#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Aus dem Lied von Grundtvig: Nehmt das schwarze Kreuz vom Grabe, V. 5, Deutsch-D\u00e4nisches Kirchengesangbuch Nr. 241.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostermontag | 01.04.24 | Joh 20,1-18 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen | \u201dEinen Fr\u00fchlingsmorgen sch\u00f6n\u201d[1] \u201dWer stirbt, wird augenblicklich in Vergangenheit verwandelt. 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