{"id":1973,"date":"2020-02-25T16:42:54","date_gmt":"2020-02-25T15:42:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=1973"},"modified":"2020-03-12T11:00:49","modified_gmt":"2020-03-12T10:00:49","slug":"on-off-beziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/on-off-beziehung\/","title":{"rendered":"On-off-Beziehung"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:1-24, verfasst von Ralf Reuter |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser ber\u00fchrenden Erz\u00e4hlung von der Vertreibung aus dem Paradies rufen die ersten Menschen nicht zu Gott. Das k\u00f6nnten sie sehr leicht tun. Denn Gott geht neben ihnen spazieren. Eine bessere Gelegenheit kann es gar nicht geben. Hey Gott, was ist mit dem Baum der Erkenntnis? Wir haben geh\u00f6rt von den Fr\u00fcchten. Sie sollen sehr wirkungsvoll sein. Stimmt das?\u00a0 Doch so kommunizieren sie nicht. Sie wollen von ihm nicht gesehen werden. Sie verstecken sich, als Gott ruft: Adam, wo bist du? Offenbar wollen sie nicht immer mit Gott zusammen sein. Keine eindeutige Beziehung von Mensch zu Gott. Ja, sie ist irgendwie da, wird aber gerade nicht gelebt. Eine On-off-Beziehung also.<\/p>\n<p>Offenbar spielt diese Geschichte auch im realen Leben. On-off, diese Antwort habe ich erhalten, als ich jemanden fragte, ob sie mit ihrem Partner noch zusammen sei. Ja, man ist zusammen, aber jetzt gerade nicht. Also nicht wirklich. Doch das kann wieder werden. Ja, was denn nun? F\u00fcr Au\u00dfenstehende ist es manchmal zum Verr\u00fccktwerden. Kann man so leben? Vielleicht sagen sie dann, mir ist das gerade zu stark. Ich will mein Innerstes nicht preisgeben. So wie Adam von der Nacktheit spricht. Oder sich vor der Autorit\u00e4t Gottes f\u00fcrchtet. Der schon wieder mit seinen Nachfragen. So f\u00fcrchterlich moralisch. Weil ich von den Fr\u00fcchten gegessen habe. Ich kann das selbst verantworten.<\/p>\n<p>Interessanterweise gibt es da von Anfang an die Schlange. Eure Augen werden aufgetan. Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und b\u00f6se ist. Ein Schelm, der nicht versteht, welche Erweiterung mit dem neuen Sehen verbunden ist. Die Emanzipation des Menschen von Gott, die Chance eines eigenen Blicks auf die Welt und ihre M\u00f6glichkeiten. Ja, wenn Gott einem zusetzt, kann ihm vorgeworfen werden: Du hast doch selber die Schlange geschaffen! Wir entfalten nur das maximal M\u00f6gliche deiner Welt. Die Entschl\u00fcsselung des menschlichen Erbgutes l\u00e4uft \u00fcber die Versuche mit Tieren. Die Entwicklung der Atomkraft steckt in dem Uran deiner Sch\u00f6pfung, die Batterien laufen mit deinen Seltenen Erden. Klar, uns ist nicht ganz wohl dabei. Daher verstecken wir uns erst einmal.<\/p>\n<p>Doch die Nachgeborenen rufen uns. Was habt ihr mit unserem Klima gemacht? Es wird immer w\u00e4rmer. Wir sp\u00fcren irgendetwas von einem schlechten Gewissen. Dabei haben wir nur unsere M\u00f6glichkeiten genutzt. Generationen von Wissenschaftlern verdanken wir unseren Fortschritt. Nie konnten mehr Menschen leben als heute, nie eigenst\u00e4ndiger reisen, nie kreativer arbeiten, nie sicherer wohnen. Wenn auch nicht alle auf der Erde. Aber es hat sich gelohnt, dieses Augen\u00f6ffnen, die Chancen zu nutzen. Auch wenn es immer Risiken mit sich bringt. Dann antworten uns andere: Ihr verkauft unsere Zukunft. Richtig moralisch werden sie. Ihr wisst nicht, was Gut und B\u00f6se ist. Und wir fragen: Wisst ihr das so genau? Meint ihr, es g\u00e4be ein Paradies auf Erden? Lebt ihr danach?<\/p>\n<p>Ja, gibt es ein Paradies auf Erden? Die Tr\u00e4ume an eine gelingende Zukunft, sie stecken in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche, in uns selber. Wo jeder nur den verantwortbaren Fu\u00dfabdruck auf Erden hinterl\u00e4sst. Wo es gute Arbeit gibt, wo wir Zeit f\u00fcr Kinder und Beziehungen haben. Eine Welt auch ohne Tyrannen und Krieg, frei von Depressionen, Suiziden. Wo keine Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer ertrinken, wo Religionen sich achten, Menschenw\u00fcrde herrscht. Und zugleich muss dieser Traum in die neue Zeit transformiert werden. Wird eingespeist in unsere digitale Kommunikation. In die Nutzung von k\u00fcnstlicher Intelligenz, in die autonomen Systeme. Doch man kann Gott nicht direkt fragen, was hilft uns, was schadet uns. Was ist mit dieser Beziehung zu dem Sch\u00f6pfer allen Seins?<\/p>\n<p>Gott selber wirft die ersten Menschen aus dem Paradies. Der Schlange wird es schlecht ergehen. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Mann und Frau ist ein bleibender Kampf. Kinder aufzuziehen bleibt auch beschwerlich. Der Acker der Arbeit ist steinig. Nie wissen wir, ob unsere Erfolge nachhaltig sind. \u00dcber allem droht der Tod, noch ist jedes Leben endlich. Und doch: Aus dem Paradies auf uns selber geworfen, bleibt die Beziehung zu Gott bestehen. Er schenkt den Menschen das Leben, stattet sie als seine Ebenbilder mit Erkenntnis aus, kleidet sie gut ein. Wir k\u00f6nnen seine Stimme in uns h\u00f6ren. Sie gibt Sicherheit. Wo es um den Auftrag geht, die Erde zu gestalten, die eigene Begrenztheit anzuerkennen, in seinem Arrangement von Zeit und Ewigkeit zu bleiben.<\/p>\n<p>Ich glaube, es braucht eine Menge an eigenem Engagement, um die Beziehung zu Gott zu leben. Da muss man sich (wie heute Morgen) mitnehmen lassen, mit in die Lebendigkeit von Gottes Wort, in die Erfahrung von Spiritualit\u00e4t. Das gelingt nicht nur in der Kirche. Mir erz\u00e4hlen Manager aus der Wirtschaft, wie heilsam es f\u00fcr sie ist, biblische Geschichten auszulegen. \u00dcber die Jahreslosung nachzudenken. Mit hineingenommen zu werden in dieses Balancieren von Autonomie und Bindung, von beruflicher Existenz und Sehnsucht nach dem Paradies. Da liegt pl\u00f6tzlich eine g\u00f6ttliche Hoffnung auf ihrem Leben, ohne die Realit\u00e4t des Alltags zu \u00fcberspringen. Nat\u00fcrlich bleibt das alles oft unvollst\u00e4ndig, wird angefangen und nicht fortgesetzt. Die Beziehung zu Gott ist da und nicht da.<\/p>\n<p>Spannend geht es auch in der Bibel weiter. Es folgen Kain und Abel, die Sintflut, Mose und die Propheten bis zu Jesus von Nazareth und die Folgen f\u00fcr die ersten Gemeinden. Vieles ist l\u00e4ngst in unsere s\u00e4kulare Welt ausgewandert, findet sich dort neben anderen Traditionen. Doch der Traum vom Paradies ist m\u00e4chtig wie nie. Er dient als Treiber f\u00fcr Fortschritt und Verbesserung. Und steht st\u00e4ndig in der Gefahr menschlicher Hybris. Es ist diese Gier nach \u201eeigenem Ruhm, eigener Macht, eigener Weisheit und eigener Gerechtigkeit\u201c, wie Martin Luther sagt. Der kluge Realismus, der ern\u00fcchternde Charme dieser Erz\u00e4hlung verf\u00e4ngt nicht \u00fcberall. H\u00e4ufig bleibt das Verstecken, das Nicht-wahr-haben-wollen, das Abw\u00e4lzen auf andere. Wir tun gut daran, dies zuzugeben.<\/p>\n<p>Das Paradies taucht am Kreuz von Jesus wieder auf. Da h\u00e4ngen zwei Verbrecher links und rechts neben ihm. Der eine verh\u00f6hnt ihn, der andere beginnt mit ihm zu sprechen. Da sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Als Christen verbinden wir mit Jesus Christus die Hoffnung auf das Paradies, auf ein Mitnehmen in seine Ewigkeit. Auch nach einem prek\u00e4ren, vielleicht verfehlten Leben. Mit dem Beginn der Passionszeit er\u00f6ffnet sich vom Kreuz her die Chance, verst\u00e4rkt \u00fcber Gott und die Welt zu reden. Gespr\u00e4che \u00fcber Gut und B\u00f6se wie B\u00e4ume zu pflanzen. Selber beginnen und f\u00fcr alle zu \u00f6ffnen. Um Wege zu finden in die Zukunft. Um die Transformationen zu starten, um auch weiterhin von dieser Erde zu leben. Trotz allem zuversichtlich zu bleiben, enthusiastisch und realit\u00e4tsnah, glaubend und ehrlich. In der g\u00f6ttlichen On-off-Beziehung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor f\u00fcr Unternehmensleitungen und F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und zugleich Pastor an der Friedenskirche G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bemerkungen zur Predigt:<\/p>\n<p>Wie immer hilfreich war f\u00fcr mich vor allem der klassische Kommentar von Claus Westermann, Genesis 1-11. Gerne gelesen habe ich die sehr anregende Meditation \u00fcber Gen 3 von Matthias Freudenberg in den G\u00f6ttinger Predigtmeditationen, 2019, S. 191-196.<\/p>\n<p>Das Beispiel von den Managern bezieht sich auf Erfahrungen in F\u00fchrungskr\u00e4fte-Retraiten im Kloster Loccum aus meiner Arbeit von Spiritual Consulting im Haus kirchlicher Dienste der Hannoverschen Landeskirche. \u00c4hnliche au\u00dfergottesdienstliche Erfahrungen mit biblischen Geschichten im Alltag von Menschen unserer Zeit lassen sich \u00fcberall finden, bis hin zur kirchlichen Stra\u00dfensozialarbeit.<\/p>\n<p>Gespr\u00e4che wie B\u00e4ume pflanzen, diese sch\u00f6ne Formulierung, mit der ich an den Paradiesbaum und seine Verwandlung zum Lebensbaum im Kreuzes- und Auferstehungsgeschehen anspiele, habe ich von Peter Huchel \u00fcbernommen, der sie in seinem Gedicht \u201eDer Garten des Theophrast\u201c verwendet, das die zunehmenden Schwierigkeiten und seine Absetzung als Chefredakteur von \u201eSinn und Form\u201c in der DDR-Herrschaft reflektiert, siehe Peter Huchel, Chausseen, Chausseen, Gedichte, 1963,S. 81.<\/p>\n<p>Das hilfreiche Lutherzitat verdanke ich der Lekt\u00fcre von J\u00fcrgen Habermas, es findet sich in seiner tiefsinnigen Lutherinterpretation in der gerade herausgekommenen Geschichte von Glauben und Wissen, die besonders den christlichen Spuren im S\u00e4kularen nachgeht, siehe J\u00fcrgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie, Band 2, Vern\u00fcnftige Freiheit. Spuren des Diskurses \u00fcber Glauben und Wissen, 2019, S. 20. Bei Luther steht sie in De servo arbitrio \/ Vom unfreien Willensverm\u00f6gen (1525) und findet sich in Martin Luther, Lateinisch-deutsche Studienausgabe Band 1, Der Mensch vor Gott, 2006, S. 467.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nPastor Ralf Reuter<br \/>\nG\u00f6ttingen, Niedersachsen<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:Ralf.Reuter@evlka.de\">Ralf.Reuter@evlka.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:1-24, verfasst von Ralf Reuter | &nbsp; In dieser ber\u00fchrenden Erz\u00e4hlung von der Vertreibung aus dem Paradies rufen die ersten Menschen nicht zu Gott. Das k\u00f6nnten sie sehr leicht tun. Denn Gott geht neben ihnen spazieren. Eine bessere Gelegenheit kann es gar nicht geben. 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