{"id":19749,"date":"2024-04-04T08:48:50","date_gmt":"2024-04-04T06:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19749"},"modified":"2024-04-04T15:50:29","modified_gmt":"2024-04-04T13:50:29","slug":"johannes-2019-20-24-29-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2019-20-24-29-3\/","title":{"rendered":"Johannes 20,19.20.24-29"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Gesundes Selbstmisstrauen | Quasimodogeniti | 07.04.2024 | Joh 20,19.20.24-29 | Johannes Mode\u00df |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">I\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Vor einigen Jahren berichtete die Satire-Zeitschrift Postillon von einer spannenden selbst ausgedachten Studie. Diese habe einen Satz auf die Probe gestellt, der allabendlich bei Sportveranstaltungen durch die Wohnzimmer der Nation hallt:<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">&#8222;Mann! Den h\u00e4tte ja sogar meine Oma ganz locker reingemacht!&#8220; \u2013 zu dieser gewagten Behauptung lassen sich leidenschaftliche Fans vor dem TV-Bildschirm immer wieder hinrei\u00dfen, wenn ein Spieler das Tor verfehlt. Nun zeigten Wissenschaftler der Sporthochschule in K\u00f6ln in einer Studie, dass die allermeisten Gro\u00dfm\u00fctter zu derartigen fu\u00dfballerischen Leistungen \u00fcberhaupt nicht in der Lage sind.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">&#8222;Offenbar werden Gro\u00dfm\u00fctter hinsichtlich ihrer motorischen F\u00e4higkeiten meist von ihren Enkeln \u00fcbersch\u00e4tzt&#8220;, so Sportwissenschaftler Heiko Kemmerich. &#8222;In der Regel sind sie nicht in der Lage, internationale Top-Torwarte auszutricksen.&#8220;<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Eine Entt\u00e4uschung d\u00fcrfte diese fiktive Studie f\u00fcr viele sein. Auch f\u00fcr Thomas, den Protagonisten unseres heutigen Predigttextes. Ich nehme n\u00e4mlich an, dass Thomas heute diesen Satz gen\u00fcsslich sagen w\u00fcrde, wenn die St\u00fcrmerin am Fernsehbildschirm das leere Tor verfehlt:\u00a0<em>Den h\u00e4tte ja sogar meine Oma ganz locker reingemacht.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Und den Tag vor dem Fernsehabend, den w\u00fcrde er wahrscheinlich so verbringen:<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Fr\u00fchst\u00fcck mit Zeitung. Ein Bericht \u00fcber das Artensterben in den Anden, von der Lateinamerika-Korrespondentin sauber recherchiert.\u00a0<em>Ob das wirklich so stimmt? <\/em>denkt sich Thomas. Ein letzter Schluck vom Espresso, dann ab in die Arbeit.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Aber soll er \u00fcberhaupt gehen? Seine Mutter, die er vor drei Tagen besucht hat, hat Corona. Naja, denkt Thomas,\u00a0<em>ich wei\u00df schon selber, wenn ich krank bin<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Team-Meeting. Wer macht die Pr\u00e4sentation bis Donnerstag? Thomas meldet sich schnell. Er hat Angst, dass der Kollege die wichtige Pr\u00e4sentation versemmelt und den Kunden damit verprellt. Seiner Frau wird er am fr\u00fchen Abend, noch vor dem Fu\u00dfballspiel im Fernsehen, klagen: Ich muss mich da jetzt noch mal dransetzen \u2013\u00a0<em>wenn man nicht alles selber macht\u2026<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Doch davor noch Mittagspause im Stammlokal. Die Kellner kennen ihn schon. Er ist der, der immer nachfragt: Das Risotto ist eh auch mit Wei\u00dfwein gekocht, so wie er es immer macht und wie es geh\u00f6rt? Wurden auch die guten Chilis f\u00fcr das Chili con carne verwendet, die er auch immer nimmt?<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Ach, Thomas\u2026<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">II<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Ach Thomas, das dachte sich auch Jesus, der Auferstandene. Einige nach\u00f6sterliche Strapazen hatte er da schon hinter sich. Zuerst musste er noch Maria Magdalena beweisen, dass er nicht der G\u00e4rtner ist, sondern Jesus. Dann gesellt er sich zu den J\u00fcngern mit einem herzlichen\u00a0<em>Friede sei mit dir<\/em>, aber Thomas ist nicht da. H\u00f6ren wir, wie es weitergeht \u2013 der Predigttext steht bei Johannes im 20. Kapitel:<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><sup><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">19<\/span><\/sup><\/em><em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die J\u00fcnger versammelt und die T\u00fcren verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!\u00a0<sup>20<\/sup>Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die H\u00e4nde und seine Seite. Da wurden die J\u00fcnger froh, dass sie den Herrn sahen. Thomas aber, einer der Zw\u00f6lf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.\u00a0<sup>25<\/sup>Da sagten die andern J\u00fcnger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen H\u00e4nden die N\u00e4gelmale sehe und lege meinen Finger in die N\u00e4gelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich\u2019s nicht glauben.\u00a0<sup>26<\/sup>Und nach acht Tagen waren seine J\u00fcnger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die T\u00fcren verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!\u00a0<sup>27<\/sup>Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine H\u00e4nde, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungl\u00e4ubig, sondern gl\u00e4ubig!\u00a0<sup>28<\/sup>Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!\u00a0<sup>29<\/sup>Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">III<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Ach Thomas\u2026! Dieses\u00a0<em>Ach<\/em>\u00a0hat man \u00fcber die Jahrhunderte ganz unterschiedlich gef\u00fcllt. Gerade f\u00fcr eine\u00a0<em>lutherische<\/em>\u00a0Theologie ist dieser Thomas eine Reizfigur. Aber so mancher Vorwurf, so manches\u00a0<em>Ach, Thomas<\/em>\u00a0ist auch nicht ganz fair.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Welchen Vorwurf an Thomas wir f\u00fcr berechtigt halten und welchen nicht, das zeigen wir schon dadurch an,\u00a0<em>wie<\/em>\u00a0wir den vorletzten Satz Jesu lesen. Man k\u00f6nnte ihn so lesen:\u00a0<em>Weil du mich\u00a0<strong>gesehen<\/strong>\u00a0hast, darum glaubst du?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Dann w\u00fcrde man anhand der Reizfigur Thomas die menschlichen Sinne gegeneinander ausspielen und hat das auch getan. Man kann sich daran st\u00f6ren, dass diesem Thomas das H\u00f6ren nicht reicht, sondern er unbedingt\u00a0<em>sehen<\/em>\u00a0und\u00a0<em>f\u00fchlen<\/em>\u00a0will.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Unweigerlich muss ich bei dieser Thomas-Kritik an meine Mitreisenden von vor ein paar Jahren denken: Mitten in S\u00fcdafrika. Unsere Tour ist bald zu Ende. Unsere Tour, das hei\u00dft: Drei Tage zu Fu\u00df durch den Busch. Hluhluwe Imfolozi National Park. Ein bewaffneter Tourguide namens Rick vor uns und eine Bewaffnete hinter uns, zum Schutz vor L\u00f6wen, Elefanten und Hy\u00e4nen. In unseren K\u00f6pfen eine innere Liste mit Tieren, die wir unbedingt sehen wollen: Eine Liste zum Abhaken. Ganz oben stehen die sogenannten\u00a0<em>Big Five<\/em>: L\u00f6wen, Nash\u00f6rner, Elefanten, Leoparden und B\u00fcffel. Elefanten und Nash\u00f6rner fehlen noch am Abend vor unserer Abreise. Wir liegen im Zelt und sp\u00fcren ein leichtes Beben im Boden. Wir h\u00f6ren, wie der Tourguide sein Zelt verl\u00e4sst und uns aufgeregt beruhigt. Wir schauen aus dem Zelt und sehen: einen\u00a0<em>Elefanten<\/em>. Direkt vor uns, vielleicht zehn Meter entfernt. Die Angst kommt erst, nachdem wir auf unserer inneren Liste \u201eElefant\u201c abgehakt haben. Und dann bringt Rick auch schon alles unter Kontrolle und der Elefant zieht seines Weges.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Am n\u00e4chsten Tag fehlt nur noch das Nashorn. Hoffentlich haben wir am R\u00fcckweg zu unseren Autos noch die Chance, eines zu sehen. Nach etwa einer Stunde gehen wir neben Str\u00e4uchern entlang, die h\u00f6her sind als unsere K\u00f6pfe. Auf einmal h\u00f6ren wir die Ger\u00e4usche von schnell laufenden Tieren. Rick steckt seinen Kopf ins Geb\u00fcsch. \u201eDas waren Nash\u00f6rner\u201c sagt er. Er hat nur noch ihre R\u00fcckseite sehen k\u00f6nnen und wir nicht mal das. Dabei bleibt es. Nash\u00f6rner haben wir also nicht gesehen. Nur\u00a0<em>geh\u00f6rt<\/em>. Aber das reicht wohl nicht, um sie auf unserer inneren Liste abzuhaken.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Damals habe ich mich zum ersten Mal so richtig ge\u00e4rgert \u00fcber unsere visuelle Kultur. Gerade wir Lutheraner sollten doch darauf pochen: Der Glaube kommt aus dem H\u00f6ren. Warum ist dann in der touristischen Logik ein\u00a0<em>geh\u00f6rtes<\/em>\u00a0Tier v\u00f6llig uninteressant gegen\u00fcber einem\u00a0<em>gesehenen<\/em>? Dagegen m\u00fcssen wir doch opponieren\u2026<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Und dann m\u00fcssten wir doch unser\u00a0<em>Ach, Thomas\u00a0<\/em>auch so f\u00fcllen: Ach Thomas, warum vertraust du nicht dem, was du von deinen Freunden\u00a0<em>h\u00f6rst<\/em>? Warum traust du deinem Seh-und F\u00fchl-Sinn mehr als deinem H\u00f6r-Sinn? Warum glaubst du nur, wenn du\u00a0<em>siehst<\/em>?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Diesen Vorwurf aber, den will ich Thomas nicht machen. Denn einerseits wissen wir ja mittlerweile, dass es einfach verschiedene Arten gibt, sich die Welt anzueignen. Es gibt visuelle, auditive, haptische, kommunikative Typen. Jeder lernt anders und so glaubt auch jede anders. Wenn es darum geht, dann m\u00fcssen wir uns eher an die eigene lutherische Nase fassen, warum wir unser Programm so eindeutig an auditive Typen richten und warum es bei uns so wenig zu sehen, riechen, f\u00fchlen gibt\u2026<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Und diesen Vorwurf k\u00f6nnen wir Thomas auch deshalb nicht machen, weil er bei genauer Lekt\u00fcre keinen Anhalt am Text hat. Denn\u00a0<strong>gesehen<\/strong>\u00a0haben ja die anderen J\u00fcnger auch. Jesus hat ihnen die Wunden unaufgefordert gezeigt.<em>\u00a0<\/em><em>Da wurden die J\u00fcnger froh, dass sie den Herrn sahen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Das Sehen an sich eignet sich also kaum, um unser\u00a0<em>Ach, Thomas<\/em>\u00a0inhaltlich zu f\u00fcllen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">IV<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Daher halte ich einen anderen Vorwurf an Thomas f\u00fcr deutlich angemessener. Ich glaube, Jesus hat den Satz so gesagt:\u00a0<em>Weil\u00a0<strong>du<\/strong>\u00a0mich gesehen hast, darum glaubst du?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Warum, fragt Jesus, warum traust du\u00a0<em>deinem<\/em>\u00a0Blick,\u00a0<em>deiner<\/em>\u00a0Haut, warum traust du dir mehr \u00fcber den Weg als dem Zeugnis deiner Freunde?\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Der Thomas aus unserem Text, der ist so ein Thomas, wie ich ihn anfangs beschrieben habe. Er kann den anderen J\u00fcngern nicht trauen, weil er seinen eigenen Sinnen mehr traut als ihnen. Und der w\u00e4re heute einer, der S\u00e4tze sagt wie\u00a0<em>Wenn man nicht alles selber macht<\/em>;\u00a0<em>Den h\u00e4tte ja sogar meine Oma reingemacht; Ob das wirklich so schlimm ist mit dem Artensterben, will ich mir erstmal selbst anschauen. Ich wei\u00df schon selber, ob ich krank bin\u2026<\/em><\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">V<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Was Thomas fehlt, ist eine Eigenschaft, die Vertrauen erst m\u00f6glich macht. Was Thomas fehlt, ist\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen<\/em>.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Gesundes Selbstmisstrauen\u00a0<\/span><\/em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">\u2013 das klingt erstmal gar nicht freudig-nach\u00f6sterlich. Und doch bin ich \u00fcberzeugt, dass die Werbung f\u00fcr ein\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen <\/em>einerseits etwas sehr Lutherisches ist und andererseits etwas, das wir als Gesellschaft dringend brauchen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Was Thomas n\u00e4mlich vorzuwerfen ist, ist, dass er durch seinen Wunsch den Charakter des Glaubens \u00e4ndert. Im Falle des Glaubens gilt n\u00e4mlich: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter, Vertrauen ist am besten. Ein lutherisches Verst\u00e4ndnis von Glauben aber macht den Aspekt des Vertrauens ganz stark. Und zum Vertrauen geh\u00f6rt ein\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen<\/em>\u00a0dazu. Weil das Vertrauen auf Gott bedeutet, dass mir biblische Texte etwas mitgeben an Trost und Ansporn, das ich mir selbst nie sagen k\u00f6nnte. Und dass mich ein Anderer rettet, retten muss, weil ich mich nicht an den eigenen Haaren aus dem Dreck ziehen kann. In diesem Sinne geh\u00f6rt ein\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen<\/em>\u00a0zur DNA des Glaubens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Und wenn wir Glauben so verstehen, dann haben wir etwas zu sagen. Wir haben etwas zu sagen in Zeiten der multiplen Vertrauenskrisen. In \u00d6sterreich vertrauen etwa nur noch 41% der 16-26j\u00e4hrigen dem Parlament. Seri\u00f6se Journalist*innen werden zusehends verfolgt oder gar nicht mehr ernst genommen. 38 % der Menschen in \u00d6sterreich vertrauen eher dem Hausverstand als wissenschaftlichen Studien. Daran sehen wir, dass ein\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen<\/em>\u00a0auch gesellschaftspolitisch dringend notwendig ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Wir m\u00fcssen Jesu Frage an Thomas hineinschleudern in die Kontexte, in denen Vertrauen schwindet.\u00a0<em>Weil\u00a0<strong>du<\/strong>\u00a0mich gesehen hast, darum glaubst du?\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Weil\u00a0<strong>du<\/strong>\u00a0auch ein Kind hast, glaubst du, du wei\u00dft es besser als P\u00e4dagog*innen? Weil\u00a0<strong>deine\u00a0<\/strong>Oma mit dir verwandt ist, glaubst du, sie ist besser als professionelle Fu\u00dfballerinnen? Weil\u00a0<strong>du<\/strong>\u00a0deinen K\u00f6rper zu kennen glaubst, h\u00e4ltst du dein Gef\u00fchl f\u00fcr \u00fcberlegen gegen\u00fcber medizinisch erforschten Corona-Tests?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Jesus \u00fcbt mit seiner Frage an Thomas mit ihm und uns ein\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen<\/em>\u00a0ein. Nicht, um ihn zu \u00e4rgern, sondern weil unsere Welt ohne Vertrauen zugrunde geht. Und weil das Vertrauen auf andere und auf Gott dort entsteht, wo wir unsere eigenen Grenzen kennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Gehen wir also in diese Woche und \u00fcben mit Thomas ein fr\u00f6hlich-nach\u00f6sterliches\u00a0<em>gesundes Selbstmisstrauen<\/em> ein. Ich wei\u00df auch schon, wie! Ich werde aus der Umkleidekabine im Bekleidungsgesch\u00e4ft ein Bild an meine Frau schicken, bevor ich wieder einen Pullover kaufe, der mir gar nicht passt. Ich werde jemand anderen bitten, die teuren Porzellanteller zum Tisch zu bringen und sie nicht wieder fallenlassen. Ich werde den Schl\u00fcssel des gemeinsamen Ferienhauses nicht in meiner Tasche deponieren, weil ich ihn dann im entscheidenden Moment wieder nicht finde. So befreiend kann gesundes Selbstmisstrauen sein, das von der Gewissheit getragen ist: Andere k\u00f6nnen manches einfach besser. Und was machst du, um dein Selbstmisstrauen zu st\u00e4rken?<\/span><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/span><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Johannes Mode\u00df<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesundes Selbstmisstrauen | Quasimodogeniti | 07.04.2024 | Joh 20,19.20.24-29 | Johannes Mode\u00df | Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt I\u00a0 Vor einigen Jahren berichtete die Satire-Zeitschrift Postillon von einer spannenden selbst ausgedachten Studie. 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