{"id":19799,"date":"2024-04-23T13:04:59","date_gmt":"2024-04-23T11:04:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19799"},"modified":"2024-04-23T13:04:59","modified_gmt":"2024-04-23T11:04:59","slug":"liedpredigt-zum-sonntag-kantate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/liedpredigt-zum-sonntag-kantate\/","title":{"rendered":"Liedpredigt zum Sonntag Kantate"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Sonntag Kantate | 28.04.2024 | \u201eNun freut euch, lieben Christen g\u2019mein\u201c \u00a0| Liedpredigt zum Sonntag Kantate | Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSinget dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder\u201c und \u201eMit Psalmen, Lobges\u00e4ngen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen\u201c: Diese beiden Bibelworte sind das Motto f\u00fcr den heutigen Sonntag Kantate: \u201eSinget!\u201c In diesem Jahr haben wir dazu einen besonderen Anlass: Wir feiern 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch. Und das mit Recht. Denn die Kirchenlieder, die Chor\u00e4le sind ein gro\u00dfer Schatz gerade in den evangelischen Kirchen. Mit ihnen hat sich die frohe Botschaft von der in Jesus Christus geschenkten Liebe und Gnade Gottes in die Herzen der Menschen hineingesungen. Martin Luther, unser Reformator, war nicht nur ein begnadeter Redner und Schriftsteller. Er war auch ein begnadeter Dichter und Musiker. Er packte die Frohe Botschaft in Liedtexte und ermunterte seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Lieder zu dichten. Und so entstand im Jahr 1524, also vor 500 Jahren, zuerst ein 8 Lieder-Buch in N\u00fcrnberg, und kurz danach ein Enchiridion, ein Handb\u00fcchlein, mit schon 26 Liedern in Erfurt. Die wurden schnell gedruckt und weit verbreitet \u2013 die beste Werbung f\u00fcr den neuen Glauben!\u00a0 Es wurde gesungen und gesungen, ja, als Gebrauchsb\u00fcchlein waren die Liederhefte bald \u201ezersungen\u201c. Und so ist es ein kleines Wunder, dass das einzige erhaltene gedruckte Exemplar des Enchiridion sich in unserer Marktkirchenbibliothek in Goslar befindet. Dazu ist sogar eine Sonderbriefmarke erschienen, und das haben wir im Januar in der Marktkirche gefeiert. Zu den 26 Liedern geh\u00f6rt auch das Lied &#8222;Nun freut euch, lieben Christen g&#8217;mein&#8220;. Martin Luther schrieb das Lied als Aufforderung an die ganze christliche Gemeinschaft, gemeinsam zu singen und die Erl\u00f6sung durch Christus zu feiern. Und zwar dadurch, dass alle \u201emit Lust und Liebe singen\u201c. Es gibt kein weiteres Lied, in dem das, was Martin Luther erfahren und gelehrt hat, so kompakt zusammengefasst ist. Deswegen soll es die Grundlage dieser Predigt sein. Wenn wir Luthers Rechtfertigungs\u00adlehre auf knappem Raum ausgedr\u00fcckt finden wollen, dann m\u00fcssen wir in dieses Lied hineinschauen. Dabei ist es in seiner Art ein ganz und gar ungew\u00f6hnliches Lied. Es muss revolution\u00e4r gewirkt haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das merken wir schon in der ersten Strophe. Und wir merken es an der Melodie:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Nun freut euch, lieben Christen g&#8217;mein, und lasst uns fr\u00f6hlich springen&#8220;. Das passt nun wirklich nicht zu einem getragenen Choral. Und die Melodie ist eigentlich eine Tanzmelodie! Das, was Martin Luther zu erz\u00e4hlen hat, ist so dramatisch, so fantastisch, dass man dazu eigentlich nur tanzen und springen kann und &#8222;mit Lust und Liebe singen&#8220; muss! Die frohe Botschaft, die gute Nachricht, die er zu bringen hat, soll mitrei\u00dfen, sie soll sich in die Herzen hineinsingen. Wir wollen dem nachsp\u00fcren, wenn wir die erste Strophe noch einmal singen und dazu aufstehen:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Nun freut euch, lieben Christen g&#8217;mein, und lasst uns fr\u00f6hlich springen,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>dass wir getrost und all in ein mit Lust und Liebe singen,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>was Gott an uns gewendet hat und seine s\u00fc\u00dfe Wundertat;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>gar teu&#8217;r hat er&#8217;s erworben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine &#8222;s\u00fc\u00dfe Wundertat&#8220; ist es, von der Martin Luther erz\u00e4hlen will. Er kann das nicht bei sich behalten, er muss es weitergeben. Dabei ist es \u00fcberhaupt nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass er im Jahr 1523, als er dieses Lied dichtet und seine Melodie gestaltet, so frei heraus predigt, lehrt und schreibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erst ein Jahr ist es her, seit er die sch\u00fctzenden Mauern der Wartburg verlassen hat, um in Wittenberg gegen die Bilderst\u00fcrmer zu predigen. Eigentlich ist er noch in Acht und Bann, und nur weil sein Kurf\u00fcrst die Hand \u00fcber ihn h\u00e4lt, ist er einigerma\u00dfen sicher vor Verfolgung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Martin Luther ist erf\u00fcllt davon, dass die frohe Botschaft unter die Menschen kommen muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen, die damals den lateinischen Messge\u00adsang kaum verstehen konnten, die im Gottesdienst meist nur Zuh\u00f6rer und Zuschauer waren. Sie sollen erfahren: Das Evangelium ist nicht fern von mir, in einer fremden Sprache; nein, es gilt mir, mir ganz pers\u00f6nlich!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luther ist \u00fcberzeugt: Wir brauchen Lieder, die jeder mitsingen kann. Und dazu nimmt er Weisen, die wie eine Volksliedmelodie klingen, ja, das kann sogar eine Tanzmelodie sein wie in unserem Lied.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese ersten evangelischen Lieder haben sich rasant verbreitet. Dazu half der Buchdruck. Die Stadt N\u00fcrnberg, in der ich fast 30 Jahre gelebt habe, hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Hier hat der Buchdrucker Jobst Gutknecht 1524 das &#8222;8 Lieder-Buch&#8220; gedruckt, mit dem auch unser heutiges Lied schnell in das ganze Land hinausgetragen wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da konnte nun jeder lesen, singen und lernen, was die frohe Botschaft aus der Bibel ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luther schildert das ganz plastisch. Es baut sein Lied auf wie ein Drama mit verschiedenen Rollen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zuerst spricht der Mensch in der Ich-Form \u2013 &#8222;Dem Teufel ich gefangen lag&#8220;; dann, in Vers 5, spricht Gott mit Jesus; und schlie\u00dflich, in Vers 7-10, spricht Jesus zu mir, zu dem Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die frohe Botschaft ist nicht eine trockene Lehre, sondern sie ist ein Geschehen; sie betrifft jeden Menschen, sie betrifft mich!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen das Lied-Drama in 3 Akte einteilen. Der erste Akt handelt vom Elend des Men\u00adschen; der zweite spricht von dem Erbarmen Gottes; und der dritte erz\u00e4hlt vom Leiden und Sterben Jesu f\u00fcr uns und von seiner Auferstehung.<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Vom Elend des Menschen wird als erstes sehr drastisch gesprochen:<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>mein S\u00fcnd mich qu\u00e4lte Nacht und Tag, darin ich war geboren.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am Leben mein,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>die S\u00fcnd hat mich besessen.<\/em><\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Mein guten Werk, die galten nicht, es war mit ihn&#8216; verdorben;<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>der frei Will hasste Gotts Gericht, er war zum Gutn erstorben;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>zur H\u00f6llen musst ich sinken.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Uns m\u00f6gen die Bilder, in denen Luther das Elend des Menschen beschreibt, zun\u00e4chst altert\u00fcmlich und fremd erscheinen. F\u00fcr Luther aber dr\u00fcckt sich eine tiefe Lebenserfahrung darin aus:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als er als junger Mann nah bei sich einen Blitz einschlagen sah, war er zu Tode erschrocken: Was k\u00f6nntest du jetzt anbieten, wenn du vor Gott treten und Rechenschaft \u00fcber dein Leben abgeben m\u00fcsstest?! Hast du es wirklich nach seinem Willen gef\u00fchrt, oder nur nach dem, was dir selbst angenehm war?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann trat er in das Kloster ein: Er wollte sich wirklich auf ein gottgef\u00e4lliges Leben, auf gute Werke konzentrieren. Aber er musste erfahren: Die guten Werke halfen nicht; er konnte sich die Liebe Gottes nicht verdienen, wie sehr er auch fastete, betete und an sich arbeitete. B\u00f6se Gedanken waren nicht auszul\u00f6schen, die Angst vor dem strafenden, richtenden Gott verlie\u00df ihn nicht. Er sah sich zur H\u00f6lle sinken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Uns steht das Elend des Menschen vielleicht anders vor Augen als Martin Luther \u2013 aber sicher nicht weniger drastisch. Tod und Teufel sind aus unserer Welt nicht entschwunden, auch wenn die Teufel oft sehr mensch\u00adliche Gesichter haben \u2013 skrupellose Machthaber, Wirtschaftskriminelle, Fanatiker, Unterdr\u00fccker im Gro\u00dfen und im Kleinen. Und wie h\u00e4ufig sind wir von ihnen abh\u00e4ngig und k\u00f6nnen uns nicht gegen sie wehren. Da m\u00fcssen wir feststellen, wie die Not, die uns begegnet, an unserem Inneren abprallt, dass wir beteiligt sind an der Ausbeutung unseres Planeten, dass wir das mutige Wort, die mutige Tat gegen Ungerech\u00adtigkeit und Unmensch\u00adlichkeit nicht finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auch die &#8222;guten Werke&#8220;, von denen in Vers 3 die Rede ist, haben in unserer Zeit ihre Ent\u00adsprechung: wenn wir uns nur noch einsch\u00e4tzen nach dem, was wir schaffen und leisten k\u00f6nnen; wenn wir unser Heil an unseren Erfolg h\u00e4ngen; wenn wir wohlgef\u00e4llig auf unsere Anst\u00e4ndigkeit vor Gott blicken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir fallen vielleicht nicht in die Verzweiflung, die Martin Luther ergriffen hat; aber wir m\u00fcssen erkennen, wie sehr wir in das Unheil in dieser Welt eingebunden sind, wie wir die &#8222;heile Welt&#8220; nicht produzieren k\u00f6nnen. Wenn wir einmal die starken Worte nehmen, mit denen Martin Luther seine Verzweiflung beschreibt, und sehen, wo es das in unserer Welt gibt: dass gequ\u00e4lt wird, dass gestorben wird, das gehasst wird, \u2013 und wenn wir sehen, wie begrenzt unsere Kraft und oft auch unser Wille ist, dagegen wirkliches Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen, dann verstehen wir, wie man sich zermartern kann dar\u00fcber, dass wir Gottes Geboten immer wieder nicht gerecht werden.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li style=\"font-weight: 400;\">Aber dann wechselt auf einmal der Blick: Er geht hin\u00fcber von der menschlichen Verzweiflung zu Gott. Diesen Wechsel hat Martin Luther selbst erfahren, als er die Bibel intensiv studierte. Er hat im R\u00f6merbrief des Apostels Paulus entdeckt, dass Gottes Gerechtigkeit anders ist, als wir uns Menschen seine Gerechtigkeit vorstellen. Dass Gottes Gerechtigkeit n\u00e4mlich seine Barmherzig\u00adkeit ist; dass seine Gerechtigkeit bedeutet, dass er ein Vaterherz hat; dass er uns nicht nach unserer S\u00fcnde und unserem Unverm\u00f6gen anschaut, sondern mit liebevollen, barmherzigen Augen; dass wir uns seine Gerechtigkeit nicht verdienen m\u00fcssen, sondern dass er sie uns schenkt, uns anrechnet; und dass das der eigentliche,der ewige Wille Gottes ist:<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend \u00fcberma\u00dfen;<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>er wand zu mir das Vaterherz, es war bei ihm f\u00fcrwahr kein Scherz,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>er lie\u00df&#8217;s sein Bestes kosten.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martin Luther hat entdeckt: Gottes Barmherzigkeit ist gr\u00f6\u00dfer, Gottes Vaterherz ist weiter als alle menschliche Not und Verzweiflung. Er wendet sich uns zu, bevor wir irgendetwas leisten m\u00fcssen; er nimmt sich unserer S\u00fcnde und Verlorenheit an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun entfaltet Luther, was die &#8222;s\u00fc\u00dfe Wundertat&#8220; ist, von der er schon in der 1. Strophe gespro\u00adchen hat: dass Gott sein Bestes, sein Liebstes, sein Herz auf die Erde schickt. Die Wundertat beginnt mit einem Gespr\u00e4ch im Himmel, in dem Gott das ganze Evangelium, die ganze frohe Botschaft vorwegnimmt:<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Er sprach zu seinem lieben Sohn: &#8222;Die Zeit ist hier zu erbarmen;<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>fahr hin, meins Herzens werte Kron, und sei das Heil dem Armen<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und hilf ihm aus der S\u00fcnden Not, erw\u00fcrg f\u00fcr ihn den bittern Tod<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und lass ihn mit dir leben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann folgt in Vers 6 die Jesusgeschichte, wie wir sie aus den Evangelien kennen; Luther umrei\u00dft sie in ganz knappen, aber deutlichen S\u00e4tzen:<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Der Sohn dem Vater g&#8217;horsam ward, er kam zu mir auf Erden<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>von einer Jungfrau rein und zart; er sollt mein Bruder werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Gar heimlich f\u00fchrt er sein Gewalt, er ging in meiner armen G&#8217;stalt,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>den Teufel wollt er fangen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luther erz\u00e4hlt diese Geschichte nicht als ferne Geschichte aus der Vergangenheit, sondern als Geschichte, die jetzt gilt, die mir gilt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Sohn kommt auf die Erde; er wird ein Kind, er wird mein Bruder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ohne Gewalt wirkt er, nicht als kriegerischer Feldherr, nicht als gro\u00dfer Machthaber; aber er bricht die Macht des Teufels und die Macht der Not, wenn er die Besessenen heilt, wenn er Blinde sehend macht, wenn er Auss\u00e4tzigen die Reinheit schenkt &#8211; und wenn er verlorene Menschen zu sich ruft. Das ist sein Auftrag. Das ist die frohe Botschaft, die er selbst lebt. Er selbst kann einmal frohlockend sagen: &#8222;Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus geht uns aber auch den Weg durch Leid und Not voraus, und er geht ihn f\u00fcr uns.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"font-weight: 400;\">Jesu Leiden und Sterben f\u00fcr uns, aber auch sein neues Leben zu Ostern, das ist das dritte gro\u00dfe Thema in unserem Lied. Martin Luther fasst es in die Form einer Rede Jesu, die die 4 letzten Strophen des Liedes durchzieht. Wir selbst werden hier von Jesus direkt angesprochen:<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Er sprach zu mir: &#8222;Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen;<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>ich geb mich selbst ganz f\u00fcr dich, da will ich f\u00fcr dich ringen; <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>denn ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>uns soll der Feind nicht scheiden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus lebt f\u00fcr mich; und ich darf in der Liebe Jesu leben, von ihm gehalten, von ihm getragen. Das soll mir Kraft geben f\u00fcr jeden Tag und f\u00fcr jede Stunde; keine b\u00f6se Macht, kein Feind darf sich dazwischen stellen. Damit ist das B\u00f6se nicht aus der Welt; es kann uns immer wieder noch den Atem und die Kraft rauben. Aber Jesus will bis in die letzte Not und die \u00e4u\u00dferste Verlassenheit an unserer Seite sein; er selbst hat sich vom B\u00f6sen angreifen, verletzen, ja t\u00f6ten lassen, wie Martin Luther es in Vers 8 beschreibt:<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Vergie\u00dfen wird er mir mein Blut, dazu mein Leben rauben; <\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>das leid ich alles dir zugut, das halt mit festem Glauben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Den Tod verschlingt das Leben mein, mein Unschuld tr\u00e4gt die S\u00fcnde dein,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>da bist du selig worden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier muss man genau auf den Wortlaut achten. Es hei\u00dft nicht: &#8222;<strong>Der<\/strong> Tod verschlingt das Leben mein&#8220;, sondern umgekehrt: &#8222;<strong>Den<\/strong> Tod verschlingt das Leben mein&#8220;. Das ist die Botschaft von Ostern, vom Tag der Auferstehung: Der Tod kann Jesus nicht festhalten; nein, umgekehrt: Jesu neues Leben verschlingt den Tod. Der Tod hat keine letzte Macht mehr; Jesus lebt; die Todesmacht ist durch\u00adbrochen; Jesus lebt! Von Ostern her leuchtet mich neues Leben an, ist meine S\u00fcnde aufgehoben, ist meine Not von Gottes Liebe umfangen. Die Liebe, die Jesus den leidenden und verlorenen Menschen seiner Zeit gebracht hat, soll nun f\u00fcr alle gelten, universal!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass wir \u2013 jeder und jede von uns \u2013 Anw\u00e4lte der Liebe Gottes f\u00fcr die ganze Welt sein sollen, \u00fcber alle Grenzen hinweg, darauf zielen die Worte, die Jesus in den letzten beiden Strophen des Liedes spricht:<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Gen Himmel zu dem Vater mein fahr ich von diesem Leben;<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>da will ich sein der Meister dein, den Geist will ich dir geben,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>der dich in Tr\u00fcbnis tr\u00f6sten soll und lehren mich erkennen wohl<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und in der Wahrheit leben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und in der letzten Strophe:<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em> Was ich getan hab und gelehrt, das sollst du tun und lehren,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>damit das Reich Gotts werd gemehrt zu Lob und seinen Ehren;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und h\u00fct dich vor der Menschen Satz, davon verdirbt der edle Schatz:<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>das lass ich dir zur Letze.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was es hei\u00dft, Jesus als Meister zu haben, von seinem Geist erf\u00fcllt sein, in Tr\u00fcbnis getr\u00f6stet zu werden und dabei doch das Reich Gottes auszubreiten, m\u00f6chte ich an der Geschichte eines unserer Freunde verdeutli\u00adchen, dessen Weg wir in unserer Familie seit 50 Jahren begleiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein katholischer Pater, Guiseppe Frizzi, Peppino nennen wir ihn als Freund, der aus einer kinderreichen italienischen Familie stammt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als junger begabter Priester kam er zu uns nach M\u00fcnster und nahm an unserem Tanzkreis teil, weil er f\u00fcr seine sp\u00e4tere Jugendarbeit gerne Volkst\u00e4nze gestalten k\u00f6nnen wollte. Er schrieb eine Doktorarbeit im Neuen Testament, eine Auslegung, wie sie sicher im Sinne Martin Luthers gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Danach arbeitete er in einem Armensiedlung in Lissabon \u2013 mit Kindern und Jugendlichen, mit denen er auch Volkst\u00e4nze \u00fcbte und sogar einen Preis beim Stadtwettbewerb gewann. Er lernte gr\u00fcndlich Portugie\u00adsisch, um dann unter in Mozambique in Afrika Dienst zu tun. Er ging dorthin, obwohl in dem Land B\u00fcrger\u00adkrieg herrschte. 14 Tage vor seiner Ausreise verungl\u00fcckte sein bester Freund dort t\u00f6dlich auf einer Landmine.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Peppino lie\u00df sich nicht beirren und reiste aus nach Mozambique. Er lebt dort bis heute unter einfachsten Verh\u00e4ltnissen mit den Menschen zusammen, zuerst noch unter der portugiesischen Kolonial\u00adherrschaft, dann in den schwierigen Zeiten der ersten Unabh\u00e4ngigkeit und des B\u00fcrgerkrieges. L\u00e4ngere Zeit musste er im Hausarrest verbringen, bis sich die Lage wieder besserte. Einmal im Jahr wenigstens ist immer ein Brief zu uns gekommen; und jeder Brief endete mit den Worten &#8222;Amen, Alleluja&#8220;. Er lernte die einheimische Sprache und Kultur intensiv mit den Menschen dort; und er vollbrachte im Laufe der Jahre ein Lutherwerk: Er \u00fcbersetzte das Neue Testament in Macau-Xirima, die Sprache der Menschen dort &#8211; &#8222;damit das Reich Gotts werd gemehrt zu Lob und seinen Ehren&#8220;, wie es in unserem Lied hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor einigen Jahren bekamen wir ein P\u00e4ckchen aus Italien, wo seine Bibel\u00fcbersetzung gedruckt wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Wirken im Stillen, in viel Tr\u00fcbnis, aber erf\u00fcllt vom Geist Jesu \u2013 nicht zur Ehre vor den Men\u00adschen, sondern als ein Same, der dort Frucht bringt, wo die Liebe Gottes ganz besonders gebraucht wird. Das Werk unseres Freundes ist uns ein besonders erfreuendes \u00f6kumenisches Zeichen, auch angesichts dessen, dass es inzwischen die katholisch-lutherische Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre gibt, in der beide Kirchen das Wesen der Liebe Gottes neu und gemeinsam zur Geltung gebracht haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und schauen wir uns um, ein jeder, eine jede von uns, wo und wie wir das in unserer Nachbarschaft und Freundschaft finden: ein Wirken im Stillen, manchmal unter ganz schweren Umst\u00e4nden, aber erf\u00fcllt vom Geist Jesu und der Liebe Gottes, ein Wirken f\u00fcr und mit Menschen, die aus gro\u00dfer Not in anderen L\u00e4ndern zu uns gekommen sind. Und wie oft gibt es Menschen, die Besitz und Wohlstand mit Menschen teilen, die von Katastrohen betroffen sind! Wir alle k\u00f6nnen Spuren entdecken, die etwas von der &#8222;s\u00fc\u00dfen Wundertat&#8220; Gottes sichtbar machen, k\u00f6nnen ihnen folgen und davon mit Lust und Liebe singen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP) und im wissenschaftlichen Beirat von <em>Religionen f\u00fcr den Frieden Deutschland.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird in der Kirche St. Peter und Paul auf dem Frankenberge in Goslar gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: EG 324: Ich singe dir mit Herz und Mund; EG 341: Nun freut euch, lieben Christen g\u2019mein; EG 650 (Ausgabe Bayern)\/ 665 (Ausgabe Westfalen): Liebe ist nicht nur ein Wort; EG 337: Lobet und preiset, ihr V\u00f6lker, den Herrn (Kanon)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag Kantate | 28.04.2024 | \u201eNun freut euch, lieben Christen g\u2019mein\u201c \u00a0| Liedpredigt zum Sonntag Kantate | Johannes L\u00e4hnemann | Liebe Gemeinde! \u201eSinget dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder\u201c und \u201eMit Psalmen, Lobges\u00e4ngen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen\u201c: Diese beiden Bibelworte sind das Motto f\u00fcr den heutigen Sonntag [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19796,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[157,114,225,357,349,1108,109,1116],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-19799","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitragende","category-deut","category-johannes-laehnemann","category-kantate","category-kasus","category-liedpredigten","category-predigten","category-predigtformen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19799","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19799"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19799\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19800,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19799\/revisions\/19800"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19796"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19799"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19799"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19799"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=19799"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=19799"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=19799"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=19799"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}