{"id":19855,"date":"2024-04-29T19:46:01","date_gmt":"2024-04-29T17:46:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19855"},"modified":"2024-05-02T08:49:43","modified_gmt":"2024-05-02T06:49:43","slug":"johannes-171-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-171-11-2\/","title":{"rendered":"Johannes 17,1-11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Die Macht der Ohnmacht | Rogate | 05.05.2024 | Joh\u00a017,1-11 (d\u00e4nische Perikopemordnung) |\u00a0Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben vier Evangelisten im Neuen Testament, vier ganz unterschiedliche Schriftsteller. Alle berichten von demselben Ereignis in der Weltgeschichte, n\u00e4mlich dem Ereignis, dass Gott von seinem Himmel herabstieg, Fleisch annahm und Mensch wurde mit all den Sorgen, Freuden und Problemen, die das nun einmal mit sich bringt. Wir haben Markus. Er ist immer kurzgefasst und erz\u00e4hlt sehr kompakt, etwas im Telegrammstil, vom Leben und Wandel Jesu. Er hat das Wesentliche mit und reflektiert nicht so sehr \u00fcber das Geschehen, und es geht immer hin und her. Dann ist da Matth\u00e4us, der etwas ausf\u00fchrlicher erz\u00e4hlt und sich f\u00fcr die Judenchristen interessiert, wohl weil er selbst einer war. Lukas, ja der hat auch seine eigene Sicht auf die Erz\u00e4hlung von Jesus. Lukas interessiert sich n\u00e4mlich vor allem f\u00fcr die untersten Schichten der Gesellschaft. Er ist der F\u00fcrsprecher der Schwachen, und oft erz\u00e4hlt er vom Verh\u00e4ltnis Jesu zu ihnen. Schlie\u00dflich ist da Johannes. Ihn lernen wir kennen vor allem in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. Johannes ist in erster Linie Theologe, und dar\u00fcber kann man sicher viel Kritisches sagen. Die Texte von Johannes sind schwer zug\u00e4nglich, er verwendet viele fremdartige Worte f\u00fcr sein Anliegen. Daf\u00fcr aber verwendet er die Worte oft. Immer wieder wiederholt er seine Lieblingsworte, und stets haben seine S\u00e4tze eine eigene Sch\u00f6nheit, auch wenn man die Ohren spitzen oder die Brillen putzen muss. Es verlangt etwas von uns, wenn wir uns in die Gedankenwelt versetzen wollen, in der sich Johannes befindet. Es dauert etwas, die Worte zu schmecken, oft gro\u00dfe Worte, die er seinen Zuh\u00f6rern zumutet. Die Sprache erweitert sich, wenn Johannes zu Worte kommt, sprachliche Verrenkungen werden ausgelotet, und komplizierte Gedanken werden vorgetragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So ist es auch im heutigen Evangelium, das aus der (langen!) Rede stammt, die Jesus f\u00fcr seine J\u00fcnger hielt, ehe er im Garten Gethsemane gefangengenommen und zum Verh\u00f6r und zur Kreuzigung gef\u00fchrt wurde. Heute ist da ein Wort, das immer wiederkehrt \u2013 sechs Mal, und das ist das Wort <em>Verherrlichung<\/em>. Verherrlichung?\u00a0 Ja, das ist ein Wort, das man auf der Zunge zergehen lassen kann. Das ist nicht so ein Wort, das wir im allt\u00e4glichen Umgang mit einander verwenden, das ist gro\u00df, verhei\u00dfungsvoll, das ist fremd und vielleicht unverst\u00e4ndlich? Was bedeutet es, verherrlicht zu werden, herrlich gemacht zu werden? Ja, man sollte ja unmittelbar glauben, dass da kein Grund war, von Verherrlichung zu reden, wenn man wie Jesus unmittelbar vor der Hinrichtung am Kreuz stand. Alle Evangelien sind im Prisma der Auferstehung zu sehen \u2013 sonst w\u00e4re nichts Besonderes von Jesus zu berichten. Das gilt besonders vom Johannesevangelium.\u00a0Johannes begn\u00fcgt sich n\u00e4mlich nicht damit, dien Auferstehung selbst als Verherrlichung zu sehen, nein, er sieht auch die schreckliche Kreuzigung als eine Verherrlichung oder Erh\u00f6hung. Wenn die Kunst den gekreuzigten Jesus vom Johannesevangelium her abbildet, sieht man denn auch nicht den gebeugten Jesus mit geneigtem Haupt, nein, man sieht den siegreichen K\u00f6nig, der mitteilt, dass es vollbracht ist. Man kann in einigen Bildern sogar sehen, dass die Arme, die am Querbalken des Kreuzes festgenagelt sind, geradezu Armen gleichen, die ausgebreitet sind, um den Betrachter zu umarmen, statt einem zu gleichen,\u00a0 der an festgenagelten Armen leidet. Das Kreuz wird so zum ultimativen Ort des Paradoxes. Erh\u00f6hung und Erniedrigung zugleich, Verherrlichung und Dem\u00fctigung zugleich, Verzweiflung und Hoffnung zugleich, Leben und Tod zugleich. Johannes beschreibt besser als jeder andere die merkw\u00fcrdige Tatsache, dass die Allmacht und St\u00e4rke Gottes in der Ohnmacht und Schwachheit des Kreuzes liegt. Und das tut Johannes mit gro\u00dfen Worten wie z.B. Verherrlichung. Johannes verwendet gro\u00dfe Worte, ja pr\u00e4chtige Worte, sie sind ja wie Kathedralen, die man neugierig besuchen kann. Aber gehen sie mich etwas an?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist ja immer die Frage \u2013 vor allem bei alten Texten wie der Bibel. Bedeuten diese gro\u00dfen Worte etwas f\u00fcr mich? In einer Welt, wo Worte so flach sein k\u00f6nnen wie 40-Zoll Flachschirme, kann der Gebrauch gro\u00dfer Worte bei Johannes Ansto\u00df und Frustration erregen. Wozu diese gro\u00dfen Worte? Es ist aber notwendig mit den gro\u00dfen Worten, w\u00fcrde jedenfalls Johannes sagen. Es ist notwendig andere Worte zu kennen und zu gebrauchen als Sofagruppe, iPhone, Toyota und Veranda. Es ist notwendig, sich darum zu bem\u00fchen, diese gro\u00dfen Worte zu untersuchen, die Sch\u00f6nheit enthalten und zu Reflexion und Nachdenken anregen. Dass wir \u00fcberhaupt dazu gelangen, dazu verhilft uns Johannes, indem er gro\u00dfe Worte wie Verherrlichung verwendet. Das Wort schafft, was es besagt, pflegen wir zu sagen. So ist es mit dem Wort des Johannes von Erh\u00f6hung und Verherrlichung, und so ist es auch um Guten wie im Schlechten mit den Worten, die wir einander sagen. Sie k\u00f6nnen erh\u00f6hen und verherrlichen, und sie k\u00f6nnen wehtun und dem\u00fctigen. Zuweilen reden wir von haltbaren Verbrauchsg\u00fctern wie Grasm\u00e4hmaschinen, Waschmaschinen und Autos. Das sind Dinge, die nicht gleich verschwinden. Aber das tun sie ja doch. Nach mehr oder weniger Jahren sind sie au\u00dfer Betrieb und verschwinden im gro\u00dfen Friedhof haltbarer Verbrauchsg\u00fcter. Worte, so meint man, sind dagegen fl\u00fcchtig und verschwinden in dem Augenblick, wo sie ausgesprochen werden. Aber nichts k\u00f6nnte mehr unwahr sein. Worte haben die Tendenz, sich in uns festzusetzen, sei es, sie sind aus Liebe gesagt, Gleichg\u00fcltigkeit oder Wut. Sie verschwinden nie, sondern sind aufgehoben im Herzen oder in einem Ort, wo sie jahrelang sitzen und nagen k\u00f6nnen. In diesem Sinne haben Worte ewiges Leben. <em>Deshalb<\/em> ist es manchmal wichtig, gro\u00dfe Worte zu h\u00f6ren oder zu gebrauchen, die eben im Herzen aufbewahrt werden f\u00fcr den Augenblick, wo eine Krise eintrifft oder wo die Freude ihren Ausdruck finden muss. Dieser Sonntag ist perfekt f\u00fcr eine Wort-Probe, wo die theologischen Ingredienzen in Jesu Worten von Verherrlichung, ewigem Leben, Gebet und Wahrheit behandelt werden, um sie edel im Herzen zu bewahren. Das <em>ist<\/em> etwas anderes als Worte wie Verbrauchsg\u00fcter oder ein Laptop, es sind vielmehr Worte, von denen wir leben k\u00f6nnen. Wenn Jesus am Kreuz verherrlicht wird und sagt: Es ist vollbracht, so wie Johannes es ausdr\u00fcckt, so ist das ein Versuch, auch zu sagen: Die Allmacht Gottes, von der wir oft glauben, sie sei etwas M\u00e4chtiges, wo Gott mit der Erde und den Menschen macht was er will, sie ist in Wirklichkeit dasselbe wie die dem\u00fctige Ohnmacht Gottes am Kreuz. Aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen wissen wir, dass es nicht schwer ist, seine Macht mit Macht zu sichern. Wir k\u00f6nnen in vieler Weise unsere Macht demonstrieren, unsren Willen zu bekommen \u2013 Manipulation, einfache Machtanwendung, psychischer Terror usw. \u2013 aber das sind selten Methoden, die unserer Seele Ruhe geben, weder f\u00fcr den, der unserer Machtaus\u00fcber ausgesetzt ist, noch f\u00fcr den, der Macht aus\u00fcbt (die ja auch so ausge\u00fcbt werden kann, dass man immer den anderen in der Umgebung die Schuld gibt, wie Maude in der d\u00e4nischen Fernsehserie Matador, wenn sie bei Konflikten immer fl\u00fcchtet und zu Bett geht). Anders schwierig ist es, seine Ohnmacht anzuerkennen und sie sogar nicht als ein Handicap f\u00fcr die Lebensentfaltung zu sehen, sondern als eine Ressource f\u00fcr die Erkenntnis dessen, was wesentlich ist. Vielleicht liegt die Entlastung f\u00fcr ein gestresstes Leben gerade in der Erkenntnis, dass man nicht Macht \u00fcber alles haben soll, um sich einen Menschen nennen zu k\u00f6nnen, zudem einen geliebten Menschen. Vielleicht liegt der Sieg auch f\u00fcr das gew\u00f6hnliche Menschenleben in der Ohnmacht wie im johanneischen Kreuz? Vielleicht liegt der Segen gleichsam verborgen wie das Korn, das in der Erde liegt, bis es auferstehen und fruchtbare Kerne hervorbringen kann. Lasst uns heute mit den sch\u00f6nen Worten des Johannes von Verherrlichung und ewigem Leben entdecken, dass das Leben anderes ist und mehr, als wir unmittelbar sehen. Lasst uns die gro\u00dfen Worte dazu helfen, das Machtvolle darin zu sehen, dass Gott sich kreuzigen lie\u00df, damit die Liebe Macht auf Erden gewinnt. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Macht der Ohnmacht | Rogate | 05.05.2024 | Joh\u00a017,1-11 (d\u00e4nische Perikopemordnung) |\u00a0Leise Christensen | Wir haben vier Evangelisten im Neuen Testament, vier ganz unterschiedliche Schriftsteller. 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