{"id":19870,"date":"2024-05-04T14:16:53","date_gmt":"2024-05-04T12:16:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19870"},"modified":"2024-05-05T14:19:14","modified_gmt":"2024-05-05T12:19:14","slug":"apostelgeschichte-13-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-13-11-2\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 1,3-11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Lebenstr\u00e4ume | Christi Himmelfahrt | 09.05.2024 | Apg 1,3-11 | Ralf Reuter |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Selbst\u00e4ndig sein, welch ein Traum. K\u00f6nnte ich doch frei schalten und walten. Jugendliche nach der Konfirmation haben immer Pl\u00e4ne. Sind gleichzeitig \u00e4ngstlich, f\u00fcrchten den Verlust des eigenen Zimmers im Hause der Eltern. Wie wird es den J\u00fcngern ergangen sein? Petrus oder Maria Magdalena? Der Herr ist im Himmel, jetzt k\u00f6nnen wir bestimmen, wie es mit unserer Bewegung des Glaubens weitergeht. Sicher auch die Frage, wie bleiben wir in Verbindung mit Jesus, mit seiner g\u00f6ttlichen Kraft. Er hat uns ausgesandt, in seinem Geist sind wir unterwegs.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als vor 900 Jahren die Zisterzienser in Europa unterwegs waren, da hatten sie den Himmel im Kopf. Wo es sich ergab, in Volkenroda, Amelungsborn, Loccum, gr\u00fcndeten sie ein Kloster. Wollten das ewige Haus Gottes auf Erden bauen, immer die gleiche Kirche, mit Kreuzgang und Schlafsaal und der Zehntscheune. Der Untergrund musste stimmen, die Wasserverh\u00e4ltnisse geregelt, die Steine beschafft werden. Die erste Generation starb damals schon mit 30, erst die Nachfolgenden konnten das Kloster errichten, und die Dritten zogen dort ein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lebenstr\u00e4ume, die sich \u00fcber Generationen hinstrecken. Ich staune \u00fcber diese gro\u00dfe Kraft, dieses Festhalten eines Traums, auch wenn noch nichts davon zu sehen ist. Auch heute ziehen Menschen in ein anderes Land, nur auf Hoffnung. Das Christentum lebt seit 2000 Jahren mit der Vorstellung, etwas von dem Himmel Gottes auf Erden zu errichten. Zumindest im Geist von Jesus Christus zu leben. Allezeit als Versuch und Irrtum, nie entspricht die Verwirklichung dem Urbild, wieder und wieder wird revidiert und reformiert, um so dem christlichen Traum treu zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen tragen wohl immer so etwas wie einen Himmel im Herzen. Eine Vorstellung, wie das wahre Leben sein soll, oder wie man heute sagt, ein gutes Leben. Selbst wo es nicht mehr um die Familie und ihre Zukunft geht, oder keine Phantasie mehr f\u00fcr die Kirche der Zukunft da ist, schon gar nicht in der Arbeit die Verwirklichung gesehen wird, und wir alle immer mehr nur f\u00fcr uns sind: Die Tr\u00e4ume haben nicht aufgeh\u00f6rt. Selbst wo Kunstwelten gesucht werden, in die Simulation, in fiktive Welten gegangen wird, findet sich darin ganz real die Sehnsucht eines Himmels.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Himmelfahrt Christi, so deute ich den n\u00fcchternen Bericht in der Apostelgeschichte, hat uns das ganze Reich des G\u00f6ttlichen ge\u00f6ffnet. Als er noch hier war, auf Erden ging wie einst Gott im Paradies, zu Fu\u00df, die Menschen zu besuchen, ihnen unmittelbar zu helfen, da brauchte es keinen Himmel. Jetzt gehen wir selber \u00fcber die Erde mit unserem Fu\u00dfabdruck, und sehen in den \u00fcberlieferten Geschichten von Jesus den Himmel Gottes offenstehen. Er, der ja der Gleiche bleibt, wie die Engel sagen, und so wiederkommt, er wird uns zur Orientierung, zur Deutung und Wegweisung, Tag f\u00fcr Tag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn du Menschen kennenlernen willst, frage nach ihren Tr\u00e4umen, ihren Ideen, ihren Vorstellungen, ihrem Sehen von Zukunft. So merkst du, in wessen Himmel sie sich eingerichtet haben. Meinen Himmel m\u00f6chte ich in diesem Jesus von Nazareth erkennen, meine Hoffnung in dem auferstandenen Christus. In dieser Tradition ahne, hoffe, sehe ich etwas von Freiheit, von Selbst\u00e4ndigkeit und Himmelshalt. Es sind dann seine Geschichten von Galil\u00e4a, in denen ich mich mit meinen Tr\u00e4umen und M\u00f6glichkeiten einrichte, von ihnen her versuche, mein Leben zu deuten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klar braucht es dazu Phantasie, und eine starke Sehnsucht, und die Gabe des Geistes, die er seinen J\u00fcngern zusagt. Es ist wie Luft zum Atmen, auch da, wo die Welt eng wird und der Himmel sie weitet. So wichtig die Familie ist, wir geh\u00f6ren gleichzeitig zur Familie Gottes, wir jonglieren zwischen hier und dort. So sinnvoll die Arbeit ist und bleibt, das Leben ist mehr, ist Staunen und Wonne und Gl\u00fcck, hat schon etwas von der Seelen Seligkeit. Diese Verhei\u00dfung ist es, die mich reizt, mich weiterentwickeln l\u00e4sst, als Gottes Gesch\u00f6pf und zugleich als ich selber.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lebenstr\u00e4ume verwirklichen sich immer nur mit dem Himmel, und werden dann oft einfach und klar. Der Maler Tiepolo, keiner malte sch\u00f6nere Himmel als er, das Deckengew\u00f6lbe in der W\u00fcrzburger Residenz um 1750, kam stets mit den gleichen wunderbaren Gesichtern und Figuren. Er stattete den kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger ebenso damit aus wie die Frauen von der Stra\u00dfe. Tiepolo malte seine Bilder lebenslang mit den Augen von Jesus und lies sich von niemandem und nichts davon abhalten. Das zarte Rosa Tiepolos ins Gegenw\u00e4rtige zoomen, so die Welt sehen, das w\u00e4r\u2019s.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir imponiert hier, wie Eigenst\u00e4ndigkeit und Gottesbezug zusammengehen. Von Bach wird gesagt, er sei \u201eim Augenblick der h\u00f6chsten Kommunion, der innigsten Verschmelzung mit dem Anderen am vollkommensten er selbst\u201c (Ren\u00e9 Belletto). Kommunion, Leib und Blut Christi in uns, dies setzt frei zu einer sch\u00f6pferischen Entfaltung des Lebens. Immer wieder neu gesandt, ein Leben lang dranbleiben, weitergehen durch alle Phasen, mit allen H\u00f6hen und Tiefen, bis zur letzten Reis\u2018 eine sch\u00f6ne Blume in Christi Garten bleiben, wie wir in Paul Gerhardts Geh aus mein Herz singen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Tun des Guten, das Leben von Glauben, es ist ein Wachsen und Bleiben mit dem Himmel auf Erden, ist Altes neu justieren, ist Neues wieder alt machen. Seid wohltuend zu den jungen Menschen! Unsere Konfirmanden waren selig, in der Kirche zu sitzen und die heiligen Gef\u00e4\u00dfe auszupacken. Dies vergessen sie nie. Kirche mit dem Himmel Christi neu denken, den ganzen Plunder an verschultem Unterricht \u00fcber Bord werfen, um echte Erfahrungen des G\u00f6ttlichen zu erm\u00f6glichen. \u201eWas w\u00e4re also, wenn wir Bildung in Zukunft mit Empfindung \u00fcbersetzen w\u00fcrden?\u201c (Simon Strau\u00df)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit F\u00fchrungskr\u00e4ften gehe ich immer noch ins Kloster und setze mich mit ihnen ganz allein an einen Tisch vor dem Altar, um Abendmahl zu feiern. Schon jetzt am Tisch Gottes sitzen, so wie die Emmausj\u00fcnger mit ihm sa\u00dfen, wie wir einmal in seinem Himmel sitzen, um dann wieder ins Leben zu gehen. Fast eine monastische Existenz auf Zeit, sie h\u00e4lt uns im Bleiben. Da hilft das Aufsuchen der durchbeteten R\u00e4ume, als Transformation des Himmels in unsere Wirklichkeit, wie ein Paradies 2.0. Immer fragil, als Versuch, aber so ist nun mal himmlisches Leben bis zur Wiederkunft des Herrn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christliches Programm ist das Bleiben in diesem Jesus-Himmel, das immer wieder neue Sehen und Auslegen, was er uns \u00fcberliefert. Mit allen Himmeln gilt es, diesen Himmel Jesu ins Herz zu lassen, sich in ihn hineinzutr\u00e4umen. Mach weiter, auch wo die Zeiten dar\u00fcber hinweggehen, behalte deinen Traum, du bist l\u00e4ngst mitgenommen auf den Weg Gottes in die Ewigkeit. Also predige, spiele Posaune, leite Kirche, gr\u00fcnde Unternehmen, male Bilder, h\u00fcte Kinder, helfe Armen, sorge f\u00fcr Frieden, stelle Blumen auf den Altar, singe mit von den Lebenstr\u00e4umen an Christi Himmelfahrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Ralf Reuter<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">G\u00f6ttingen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:Ralf.Reuter@evlka.de\">Ralf.Reuter@evlka.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ralf Reuter, Pastor der Ev.-luth. Weststadt-Kirchengemeinde G\u00f6ttingen, t\u00e4tig auch in den G\u00f6ttinger Westd\u00f6rfern und der Region G\u00f6ttingen-West, zugleich als Pastor f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft mit Retraiten und Klausuren im Kloster Loccum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Literatur:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Daniel Marguerat, Die Apostelgeschichte, Kritisch-exegetischer Kommentar, 2022<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ulrich K\u00f6pf; Monastische Theologie und Protestantismus, Gesammelte Aufs\u00e4tze, 2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Roberto Calasso, Das Rosa Tiepolos, 2006<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Helmut Thielicke, Der Evangelische Glaube, Bd 1, 1968<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">David J. Chalmers, Realit\u00e4t+. Virtuelle Welten und die Probleme der Philosophie, 2023<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Norbet Miller, Die k\u00fcnstlichen Paradiese. Literarische Sch\u00f6pfung aus Traum, Phantasie und Droge, 2022<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christian Haller, Sich lichtende Nebel, Novelle, 2023<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Simon Strau\u00df, Was w\u00e4re, wenn das Glas halb voll sein w\u00fcrde? In: Kursbuch 217, M\u00e4rz 2024<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ren\u00e9 Belletto, Johann Sebastian Bach. Wer Welt und Musik neu erfindet, f\u00fcr den geht es um alles oder nichts. In: Lettre International 144, Fr\u00fchjahr 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebenstr\u00e4ume | Christi Himmelfahrt | 09.05.2024 | Apg 1,3-11 | Ralf Reuter | Selbst\u00e4ndig sein, welch ein Traum. K\u00f6nnte ich doch frei schalten und walten. Jugendliche nach der Konfirmation haben immer Pl\u00e4ne. Sind gleichzeitig \u00e4ngstlich, f\u00fcrchten den Verlust des eigenen Zimmers im Hause der Eltern. Wie wird es den J\u00fcngern ergangen sein? 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