{"id":19872,"date":"2024-05-04T06:53:18","date_gmt":"2024-05-04T04:53:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19872"},"modified":"2024-05-05T14:21:51","modified_gmt":"2024-05-05T12:21:51","slug":"apostelgeschichte-13-11-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-13-11-3\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 1,3-11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Himmelfahrt 2024 | 9. Mai 2024 | Apg 1,3\u201311 | Bernd Giehl |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vermutlich wissen Sie, dass es in der Bibel zwei Geschichten von der Himmelfahrt gibt. Die eine steht am Ende des Lukasevangeliums und sie klingt wie eine fast beil\u00e4ufige Geschichte. Jesus und seine J\u00fcnger halten das Mahl, dann gehen sie nach Bethanien wahrscheinlich eine Art Verdauungsspaziergang, sie unterhalten sich und pl\u00f6tzlich ist Jesus in der D\u00e4mmerung verschwunden. Nein, ganz so beil\u00e4ufig ist es nicht. Da steht: w\u00e4hrend Jesus seine J\u00fcnger segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Es erinnert mich an den gro\u00dfen Westernhelden, der in den Sonnenuntergang reitet. Ob wir das verstehen? Zumindest ein Gef\u00fchl von Wehmut kommt da auf. Lukas scheint es anders verstanden wissen zu wollen. Kein Gef\u00fchl von wachsender Dunkelheit. Im Gegenteil. Die J\u00fcnger kehren jubelnd nach Jerusalem zur\u00fcck. Sollten wir mit Wehmut k\u00e4mpfen, wird uns das nicht erlaubt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich wei\u00df nicht, warum Lukas seine Geschichte von der Himmelfahrt Jesu noch ein zweites Mal erz\u00e4hlt. Ob er das Gef\u00fchl hatte, so sei es noch nicht richtig gewesen? Da fehle noch irgendetwas? Jedenfalls nimmt er in seinem zweiten Buch den Faden noch einmal auf. Er beabsichtigt die Geschichte der fr\u00fchen christlichen Gemeinde zu schreiben; da kann es wohl nicht schaden, den Beginn beim Abschied Jesu zu setzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ich will noch einmal fr\u00fcher beginnen. Und zwar so naiv wie m\u00f6glich. Warum muss Jesus eigentlich von seinen Freunden Abschied nehmen? Er ist doch auferstanden. Wer soll ihm denn noch etwas anhaben wollen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sagen wir es mal so. Lukas, der etwa f\u00fcnfzig Jahre nach den Ereignissen schreibt, von denen er erz\u00e4hlt, wei\u00df, dass Jesus nicht mehr da ist. Er und alle anderen k\u00f6nnen ihm nicht mehr die Hand geben. Sie k\u00f6nnen sich zwar im Gebet an ihn wenden, aber sie k\u00f6nnen ihn nicht mehr direkt fragen oder bitten.\u00a0 Das bei\u00dft sich mit der Erkenntnis, dass Jesu auferstanden ist und ewig lebt. Also muss seine Abwesenheit erkl\u00e4rt werden. K\u00f6nnte sein, dass Jesus bei Gott mehr gebraucht wird als bei seiner Gemeinde. Oder dass er dort mehr tun kann f\u00fcr sie, als wenn er bei ihnen auf der Erde ist. Oder der Einzige, der bisher von den Toten auferstanden ist, passt nicht so recht zu denen, die den Tod noch vor sich haben. Schwer vorstellbar, dass er Jahrhundert um Jahrhundert bei den Menschen lebt und ihnen die eigene Botschaft erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welche Erkl\u00e4rung Lukas vor sich hat, wissen wir nicht. Vielleicht ist es auch nur die Erkenntnis, dass Jesus jetzt weg ist und er die Erkl\u00e4rung nachtr\u00e4glich liefern muss. Also erz\u00e4hlt er die Geschichte noch einmal. Die meisten Details sind so wie im Evangelium: Es beginnt nach dem abendlichen Mahl. Allerdings ist das Licht nicht mehr so weich, um es in der Sprache der Maler zu sagen, sondern es beginnt mit der Anweisung in Jerusalem zu bleiben und auf die Verleihung des Heiligen Geistes zu warten. Was das ist, ist zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, aber die J\u00fcnger scheinen zumindest eine Ahnung zu haben, denn sie fragen, wann Gott sein Reich aufrichte und bekommen zur Antwort, das wisse nur Gott. Dann f\u00e4hrt er mithilfe einer Wolke zum Himmel auf. Schlie\u00dflich stehen zwei Engel da und erkl\u00e4ren den verdutzten J\u00fcngern, Jesus sei nicht mehr da, sondern in den Himmel gefahren; er sei nun bei Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So weit, so einfach. Oder auch: So schwer. Oder noch einmal naiv gefragt: Wo ist Jesus denn nun? Auf dem Mond? Dem Mars? Oder dem Pegasus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schwierig, nicht wahr?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">An dieser Stelle muss ich wohl einen Gang zur\u00fcckschalten.\u00a0 Die Frage an die Geschichte zu stellen, macht keinen Sinn, weil ihr Bild von der Welt ein anderes ist. Dass der Weltraum nicht mehr identisch ist mit dem Ort, wo Gott wohnt, hat mit den unterschiedlichen Bildern von der Welt zu tun, die uns von der Himmelfahrtsgeschichte trennt. Dort wird vorausgesetzt, was wir als Kinder erleben: dass die Welt flach und der Himmel \u00fcber uns ist. Aber wir wissen, dass das nicht so ist. Seit Kolumbus setzen wir voraus, dass die Erde eine Kugel ist und der Weltraum uns von allen Seiten umgibt. Insofern macht das Bild von der Himmelfahrt keinen wirklichen Sinn mehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bevor jetzt jemand allerdings verzweifelt, m\u00f6chte ich sagen: diese Geschichte kann man \u00fcbersetzen. Man darf sie nicht w\u00f6rtlich nehmen. Das scheint auch Lukas so zu sehen. Es scheint, als suche er nach Worten f\u00fcr das, was nach der Auferstehung geschehen ist. Oder um es mit den Worten von Max Frisch zu sagen: Menschen haben eine Erfahrung gemacht und nun suchen sie nach der Geschichte ihrer Erfahrung. Als Kind habe ich angenommen, Jesus sei die gesamte Zeit nach seiner Auferstehung \u00fcber bei seinen J\u00fcngern geblieben. So wie wir Menschen eben miteinander leben. Wir unterhalten uns miteinander. Essen miteinander und gehen zur Arbeit. Und abends kommen wir wieder zusammen und erz\u00e4hlen vom Tag. \u00a0So wie es im Leben eben ist. Nur das Lukas von einer Form von Leben erz\u00e4hlt, die wir allenfalls erahnen k\u00f6nnen. Wenn man genauer hinsieht, redet Lukas von Zeichen, die Jesus tat, um sich als der Lebendige zu erweisen.\u00a0 W\u00f6rtlich hei\u00dft es: Er lie\u00df sich sehen. Also sind die J\u00fcnger auch nicht vierzig Tage ununterbrochen mit ihm zusammen, sondern sie sehen ihn zu bestimmten Zeiten in Visionen. Irgendwie muss man Auferstehung von den Toten ja abgrenzen von dem, was wir \u201eLeben\u201c nennen. Es ist nicht einfach R\u00fcckkehr ins Leben. Schon gar nicht in dieses begrenzte Leben, das wir kennen. Insofern kann es auch nur kurze zeitliche Ber\u00fchrungen zwischen J\u00fcngern und Auferstandenem geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist also auch in der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt nicht mehr anwesend. Er ist nicht verf\u00fcgbar; noch weniger als Menschen es ohnehin sind. Der einzige Unterschied ist: er erscheint seinen J\u00fcngern in Visionen. Bis auch die schlie\u00dflich aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Braucht man also die Geschichte von der Himmelfahrt? Man kann es so oder so sehen. Wenn man Jesus als Auferstandenen \u00fcber die Erde wandeln sieht, braucht man sie. Weil ja klar ist: er kann nicht bleiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anders steht es, wenn man Jesu Auftritte als Auferstandener nicht als permanenten Aufenthalt auf der Erde ansieht. Dann ist die Geschichte nichts weiter als ein beil\u00e4ufiger Schlusspunkt. Von jetzt an wird es keine weiteren Erscheinungen des Auferstandenen geben. Schlie\u00dflich gilt es auch ein Missverst\u00e4ndnis zu kl\u00e4ren: Jesus lebt nicht mehr hier. Er geh\u00f6rt zu einer anderen Sph\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Himmelfahrt vereint also beide Erkenntnisse. Jesus ist nicht mehr hier. Er ist in der Sph\u00e4re, in die er hingeh\u00f6rt: Er ist jetzt bei Gott. Aber das ist nur die eine Seite. Denn eigentlich m\u00fcsste man auch noch Pfingsten hinzunehmen. Jesus als der Heilige Geist ist bei uns. Der Heilige Geist geh\u00f6rt unbedingt dazu. Es ist kein anderer als der Geist Jesu, der uns vorangeht und uns begleitet auf unseren Wegen. Er sorgt daf\u00fcr, dass wir in der Liebe Jesu leben. Und zwar als die, die die Liebe Jesu erfahren als auch die, die sie weitergeben. Eins geht nicht ohne das andere. Wer Liebe weitergeben will, muss die erst erfahren haben. Anders kann er oder sie nichts weiterschenken. Aber auch umgekehrt: Wer keine Liebe weitergibt, kann eigentlich auch keine bekommen haben. Weil es ihn sonst dr\u00e4ngen w\u00fcrde, diese Liebe weiterzugeben, sie nicht einfach nur zu behalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So gesehen, leben wir als Christen immer noch in einem Zwischenzustand. Das Reich Gottes ist immer noch nicht vollendet.\u00a0 Der ewige Frieden ist noch nicht ausgebrochen. Es ist noch lange nicht alles gut zwischen uns. Darum sollten wir bitten, dass Gottes Herrschaft sich unter uns ausbreite.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bernd Giehl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Himmelfahrt 2024 | 9. Mai 2024 | Apg 1,3\u201311 | Bernd Giehl | Liebe Gemeinde! Vermutlich wissen Sie, dass es in der Bibel zwei Geschichten von der Himmelfahrt gibt. Die eine steht am Ende des Lukasevangeliums und sie klingt wie eine fast beil\u00e4ufige Geschichte. 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