{"id":19944,"date":"2024-05-21T16:50:33","date_gmt":"2024-05-21T14:50:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19944"},"modified":"2024-05-21T16:50:33","modified_gmt":"2024-05-21T14:50:33","slug":"matthaeus-2816-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2816-10-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 28,16-10"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Die Welt, wie sie ist und wie sie sein k\u00f6nnte | Trinitatis | 26.05.2024 | Matth\u00e4us 28,16-10 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Tine Illum |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eines Tages erh\u00e4lt Mack<a href=\"applewebdata:\/\/C548984C-B6BD-4D9B-A743-34423609585F#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> einen Brief. Da steht: \u201eEs ist lange her. Ich habe dich vermisst. Ich bin n\u00e4chstes Wochenende in der H\u00fctte, wenn du Lust hast, dass wir uns sehen. Papa\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es sind \u00fcber drei Jahre vergangen, seit Macks Tochter Missy verschwunden ist bei einem H\u00fcttenausflug. Vermutlich ist sie misshandelt und ermordet worden. Man kann sich kaum Schlimmeres vorstellen als damit leben zu m\u00fcssen. So denken wir, wenn wir von Kindern h\u00f6ren, die misshandelt werden \u2013 bei uns zuhause und drau\u00dfen in der Welt. Mack k\u00e4mpft \u2013 wenn er nur besser auf sein kleines M\u00e4dchen aufgepasst h\u00e4tte. Er sieht sich selbst als den schlechtesten Vater der Welt und kann nichts anderes sehen, als dass er schuld ist am dem Entsetzlichen, das geschehen ist \u2013 und diese Schuld \u2013 auch wenn wir anderen denken, dass es sich nicht so verh\u00e4lt \u2013 die ist f\u00fcr ihn unertr\u00e4glich, sie bringt ihn unbewusst dazu, sich von seiner Familie \u2013 und von Gott \u2013 zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun erh\u00e4lt er diese Einladung. Zur \u201eH\u00fctte\u201c, f\u00fcr ihn ein Symbol von Trauer und Schuld und all dem, was ihn bedr\u00fcckt. War dieser Bescheid von Gott? Oder \u2013 dass Gott einen Bescheid gegeben haben sollte, das wirkte naiv und kindlich. Dann war es vielleicht nur ein boshafter Scherz\u2026 Dennoch macht er sich auf den Weg. Als er zu der Stelle kommt, wo sie das blutbefleckte Kleid Missys gefunden hatten, wurde es ihm zu viel. Er versinkt in Schuld und Zorn. \u201eGott, konntest du uns sie nicht einmal finden lassen, damit wir sie ordentlich beerdigen. Du warst nie da, wenn ich dich brauchte. Du bist mir ein sch\u00f6ner Papa\u201c. Der Tod konnte fast ein Freund sein, denkt er. Und mit Gott ist er f\u00fcr immer fertig. Er geht zur\u00fcck zum Auto, aber da erreicht ihn von hinten ein warmer Windsto\u00df, und pl\u00f6tzlich ist mitten im Winter um ihn Fr\u00fchling. Alles ist sch\u00f6n, und die h\u00e4ssliche H\u00fctte ist fein verarbeitet zu einem Blockhaus. Die T\u00fcr wird ge\u00f6ffnet von einer breit l\u00e4chelnden Frau, die ihn umarmt und durch die Luft schwingt, als w\u00e4re er ein kleines Kind. Sie ruft ihn beim Namen und nennt ihn den Geliebten, der sehns\u00fcchtig erwartet ist. Die Tr\u00e4nen kommen unwillk\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da taucht eine kleine elfenhafte asiatische Frau auf und wischt seine Tr\u00e4nen ab und tut sie in eine kleine Dose, wo sie Tr\u00e4nen sammelt. Es ist als kann er sie nicht direkt ansehen. Auch wenn sie wirklich ist mit Gartenhandschuhen und Bluejeans, so verschwindet sie die ganze Zeit aus seinem Blick. Sie ist zeitlos, und Mack wei\u00df nie, ob ein Augenblick oder eine Ewigkeit vergangen ist. Dann taucht noch jemand auf. Er gleicht einem Zimmermann aus dem Orient. \u201eSind andere hier drin\u201c fragt Mack in seiner \u00dcberraschung, aber die schwarze Frau sagt: \u201eNein, wir sind alles, was du bekommst, und glaube mir, wir sind mehr als genug\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier in dem Haus wird Mack wohnen. Er entdeckt, dass die Pfannkuchen backende Frau Papa ist, der ihm den Brief geschickt hat, der Zimmermann ist Jesus bzw. Jesse, wie sie ihn nennen, und die asiatische Frau, Surayu (das bedeutet sanfter Wind) pflegt den Garten, sie ist der Heilige Geist. \u201eNaja\u201c sagt er dann: Wer ist dann Gott?\u201c Das bin ich! Sagen alle drei. Mack ist also in ein Haus eingezogen mit dem dreieinigen Gott, nach dem der heutige Sonntag Trinitatis benannt ist und nach dem auch alle Sonntage im n\u00e4chsten halben Jahr benannt sind. Oft ein Tag, wo wir unser Gehirn winden, um herauszufinden, wie Gott einer und zugleich dreieinig sein kann \u2013 bis wir uns nur mit dem Mysterium beruhigen, das Gott ist. Bis wir damit aufh\u00f6ren, uns von unseren gew\u00f6hnlichen Denkmustern tyrannisieren zu lassen, und es wagen, im Mysterium und dem Geheimnis zu leben. Das, was \u00fcber uns ausgesch\u00fcttet wurde, als wir getauft wurden. Aber was bedeutet das? Dazu kann die Erz\u00e4hlung von Mack und der H\u00fctte etwas sagen. Der wird die ganze Zeit \u00fcberrascht. Die ganze Zeit wird er wie von einer liebenden Macht gezwungen, die Dinge anders zu sehen. Seine Gedankenwelt und seine Sucht zu richten werden herausgefordert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Papa erz\u00e4hlt Mack, dass er deshalb hier ist, damit die tiefen Verwundungen, die ihm widerfahren sind, geheilt werden sollen. Er soll lernen, neu zu denken, und deshalb erscheint Gott als diese afrikanische Frau, die nicht zu den Dogmen und Gedanken passt, die er hat oder gelernt hat. Er soll in gewisser Weise von vorn beginnen. \u201eWiedergeboren aus Wasser und Geist\u201c, h\u00f6ren wir bei der Taufe. Er soll sich von seinem gewohnten Denken verabschieden \u2013 und sich der Verhei\u00dfung Gottes anheimgeben, dass er uns nahe ist und uns stets folgt.; \u201eIch bin bei euch bis an das Ende der Welt\u201c. Wie schwer das auch ist \u2013 sich dem anheimgeben, dass es Vergebung und Verwandlung gibt, dass wir niemals irgendwo sind, wo Christus nicht gewesen ist und wo er ist, mit uns sein wird, f\u00fcr jedes einzige kleine bange M\u00e4dchen und jeden von uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und hier in der H\u00fctte ist buchst\u00e4blich eine Ewigkeit an Zeit, wo es Mack aufgeht, dass die Gemeinschaft das Wichtige ist. Auch wenn Jesus sp\u00fcrte, dass Gott ihn am Kreuz verlassen hatte, hatte er \u2013 oder sie \u2013 es nicht, erz\u00e4hlt Papa. Und Mack war auch niemals verlassen von Gott, auch wenn es ihm so vorkam. Seine geliebte Tochter war auch nicht einsam in den letzten harten Stunden ihres Lebens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da waren zwar viele Probleme, schon seit Adam, sagt Papa. Aber man verwirft nicht die Menschen, die man liebt. \u201eStattdessen krempelten wir die Arme auf und gingen hinein in das Chaos, sagt sie; aber das haben wir mit Jesus getan\u201c. All die gro\u00dfen Glaubensfragen werden lebendig f\u00fcr Mack. Nicht als Regeln und Dogmen, sondern als Leben. Er wird bewegt von ihrer gegenseitigen liebevollen Arbeitsgemeinschaft. Und er wird in sie einbezogen. \u201eIch lebe in dir\u201c, sagt der Heilige Geist in der Gestalt von Surayu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mack ist voll von Anklagen und Selbstvorw\u00fcrfen. Er glaubt, dass Gott sagen w\u00fcrde, dass da ein Sinn liegt in der Tatsache, dass Missy sterben sollte. Aber im Laufe der Gespr\u00e4che findet er heraus, dass keiner von den dreien versucht zu rechtfertigen, dass sein kleines M\u00e4dchen gestorben ist. Das ist eines der Dinge, die so schmerzhaft geschehen, wenn Menschen einen freien Willen haben.<\/p>\n<p>Sie verstehen seine Trauer, sie teilen sie, sie m\u00f6chten aber nur nicht, dass er auch vorzeitig stirbt. Und es ist als w\u00fcrde er unmerklich in ihre Gemeinschaft hineingeliebt. Und er findet heraus, wie sein merkw\u00fcrdiger Wunsch, selbst zu wollen, sein st\u00e4ndiges Insistieren auf Unabh\u00e4ngigkeit und Kontrolle bewirkt hat, dass er blind wurde f\u00fcr das Leben. Es wird ihm klar, dass Gott den Menschen nicht Leiden zuf\u00fcgt oder ihnen seinen Willen aufzwingt. Es ist vielmehr der Machtmissbrauch der Menschen, der alles zerst\u00f6rt. Und er wird eingewiesen in eine andere Macht, die Macht, einander zu wollen. Das Leiden hat keinen Sinn, und Gott braucht es nicht. \u201eDie Gnade ist nicht von Leiden abh\u00e4ngig, um zu existieren, aber wo Leiden ist, wirst du viele Formen von Gnade finden\u201c, sagt Gott. Und er lernt, dass Vergebung nicht Vergessen bedeutet, sondern dass man die Hand von der Kehle eines anderen wegnimmt und ihn Gott \u00fcberl\u00e4sst. Das bedeutet, dass man auf Rache verzichtet. Mack sieht auch ein, als er Sofia begegnet, der Weisheit und dem Gericht Gottes, dass Gericht nicht Rache bedeutet, sondern Wiederaufrichtung. Er legt seine Rachsucht und seine Sucht zu verurteilen ab. Vor allem verzichtet er darauf, sich selbst zu verurteilen. Er findet Ruhe in dem Gedanken, dass Gott auch stets bei Missy in ihren letzten Stunden war. Die \u201egro\u00dfe Trauer\u201c ist von ihm genommen. Von dem dreieinigen Gott. Der Verlust ist noch immer da, aber die Trauer, die Rachegef\u00fchle und der Zweifel haben ihre verzehrende Kraft verloren. Er hat eine st\u00e4rkere Kraft gefunden, die Kraft der Liebe, die f\u00fcr jeden da ist, der sie annehmen will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir h\u00f6ren es hier in der Kirche immer bei der Taufe \u2013 es wurde gesagt, als wir selbst getauft wurden: Das v\u00f6llig Unm\u00f6gliche kann geschehen: Du kannst neu geboren werden. Wir k\u00f6nnen verwandelt werden \u2013 die Welt kann sich uns anders zeigen \u2013 und wir k\u00f6nnen sie sehen, wie sie ist und wie sie sein k\u00f6nnte. Taufe bedeutet nicht L\u00f6sungen f\u00fcr die R\u00e4tsel und Sorgen und Leiden, die zu einem wirklichen Menschenleben geh\u00f6ren. Sie ist ein Versprechen, nie von Gott verlassen zu sein, auch nicht in der finstersten Stunde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir kennen ja gut Macks Verzweiflung. Wenn nur&#8230;, wenn nur \u2013 denkt Mack immer wieder, und er w\u00fcrde sein Leben daf\u00fcr geben, die Zeit zur\u00fcckspulen zu k\u00f6nnen. Wenn ich nur noch einmal von vorne anfangen k\u00f6nnte. Aber das kann er nicht. Das k\u00f6nnen wir nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber die M\u00f6glichkeiten Gottes sind nie ersch\u00f6pft. Wir k\u00f6nnen uns \u2013 wie Mack \u2013 in der Begegnung mit dem dreieinigen Gott verwandeln. Die Welt ver\u00e4ndert sich nicht, aber das tun wir; und damit werden wir die Welt anders sehen und anders in ihr agieren. Die Zukunft Gottes entfaltet sich vor uns und in uns \u2013 und unsere Vergangenheit ver\u00e4ndert sich r\u00e4tselhaft und verf\u00e4rbt sich im Schein der Vergebung und der Milde der Vers\u00f6hnung. Mit diesem R\u00e4tsel m\u00fcssen wir leben, das ist die unsichtbare Wirklichkeit Gottes, genauso wirklich wie der unsichtbare milde Wind, der uns von dem Zimmermann aus dem Nahen Osten erz\u00e4hlt, Sohn der gro\u00dfen liebevollen Umarmung. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Tine Illum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-6091 Bjert<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: ti(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/C548984C-B6BD-4D9B-A743-34423609585F#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> William Poul Young: Die H\u00fctte, 2007.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt, wie sie ist und wie sie sein k\u00f6nnte | Trinitatis | 26.05.2024 | Matth\u00e4us 28,16-10 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Tine Illum | Eines Tages erh\u00e4lt Mack[1] einen Brief. Da steht: \u201eEs ist lange her. Ich habe dich vermisst. Ich bin n\u00e4chstes Wochenende in der H\u00fctte, wenn du Lust hast, dass wir uns sehen. Papa\u201c. 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