{"id":19969,"date":"2024-05-30T09:44:52","date_gmt":"2024-05-30T07:44:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19969"},"modified":"2024-05-30T09:48:00","modified_gmt":"2024-05-30T07:48:00","slug":"jeremia-2316-29-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-2316-29-3\/","title":{"rendered":"Jeremia 23,16-29"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Gott &#8211; nah und fern | 1. Sonntag nach Trinitatis | 02.06.2024 | Jer 23,16-29 | Bernd Giehl |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer spricht hier? Ein Mann den wir kennen. Die meisten jedenfalls. Jeremia hei\u00dft er. Er ist ein Prophet. Jedenfalls sagt er das von sich. Und der erste Satz, den wir von ihm h\u00f6ren, hei\u00dft: \u201eH\u00f6rt nicht auf die Propheten.\u201c Darf man so etwas sagen? Ist das nun Ironie? Ein Satz wie der \u201eAlle Kreter l\u00fcgen\u201c, den jedenfalls kein Kreter sagen darf? Nein; ich glaube nicht. Dieser Ironie ist Jeremia nicht f\u00e4hig. Daf\u00fcr ist es ihm zu ernst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir ist beim Nachdenken \u00fcber diesen\u00a0\u00a0 Text ein ber\u00fchmtes Bild eingefallen. Es stammt von Sigmar Polke und es zeigt ein schwarzes Dreieck auf einer wei\u00dfen Fl\u00e4che, das die Seite in zwei Teile zerlegt. Aber das Beste ist der Titel: \u201eH\u00f6here Wesen befahlen. Rechte obere Ecke schwarz anmalen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich ist das ein ironisches Bild. Polke ist kein Esoteriker, der sich von unsichtbaren Wesen sagen l\u00e4sst, was er darzustellen hat. Und er h\u00f6rt auch ganz sicher nicht Stimmen. Was er damit sagen wollte ist eine Frage der Interpretation. Aber ganz bestimmt nicht, dass irgendjemand der Kunst dreinreden darf. Und sei es auch ein h\u00f6heres Wesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Maler der sich f\u00fcr seine Kunst auf h\u00f6here Instanzen beruft, es aber nicht so meint. Ein Prophet, der sagt: H\u00f6rt nicht auf die Propheten. Sie wahrsagen falsch. Wo bin ich da nur hineingeraten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber so stimmt das noch nicht. Nicht, wenn ich tiefer in mich hineinh\u00f6re. Bisher habe ich so getan, als st\u00fcnde ich Jeremia neutral gegen\u00fcber. Das tue ich aber nicht. Ich stehe auf seiner Seite. Ich glaube ihm, wenn er sagt: die anderen Propheten, die versprechen: Es wird kein Ungl\u00fcck von Seiten des Herrn kommen, die sind nicht von Gott gesandt. Die arbeiten auf eigene Rechnung. Die legen Wert auf die Anerkennung durch die Menschen aber um Gott geht es ihnen nicht. Die tun nur so als ob sie von Gott gesandt sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ist das nicht allzu menschlich? Den Botschaftern des Heils zu glauben und den anderen eben nicht? Sagen wir es einmal so: Diese Botschaft: Es wird schon alles nicht so schlimm kommen, die w\u00fcrden wir auch gern h\u00f6ren. Das geht Menschen zu allen Zeiten so. Aber zugleich stehen viele drohende Zeichen an der Wand. Man br\u00e4uchte einen, der sie deuten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jeremia ist keiner, der sein Amt von 9 bis 17 Uhr ausf\u00fchrt, zwischendurch die Bleistifte spitzt und sich dann in den Schaukelstuhl setzt und f\u00fcr niemanden zu sprechen ist. Wenn man sich ein bisschen n\u00e4her mit ihm besch\u00e4ftigt, merkt man wie schwer ihm das f\u00e4llt, Prophet zu sein. Weil Prophet sein nicht nur nicht hei\u00dft, im Auftrag des Volkes Israel zu handeln und ihm eine gute Zukunft zu prophezeien, sondern im Gegenteil: im Auftrag Gottes zu sprechen ohne irgendeine Legitimation durch ein Amt oder einen Titel, und dabei auch vielem zu widersprechen, was Israel glaubte und was die Priester verk\u00fcndigten. Man kann das wunderbar im Umfeld dieses Kapitels studieren. Nat\u00fcrlich stellt sich bei einem Propheten, der zwar behauptet, von Gott gesandt zu sein, aber dann doch nur Unheil ank\u00fcndigt, die Frage, wer denn nun Recht habe, er oder die anderen. Wenn man dann an einen Gott glaubt, der seinem Volk nahe ist, muss man fast zwangsl\u00e4ufig zu dem Schluss kommen, dass Jeremia die Unwahrheit redet. Wobei es ebenso tollk\u00fchn von Jeremia wie folgerichtig ist, dass er Gott sagen l\u00e4sst: \u201eBin ich nur ein Gott der nahe ist und nicht auch ein Gott. der ferne ist?\u201c Oder anders: Muss Gott nicht auch das B\u00f6se bestrafen, wenn er will, dass es aufh\u00f6rt? Muss er nicht manchmal auch der Hammer sein, der Felsen zerschl\u00e4gt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vermutlich muss er das. Egal was wir denken: wenn wir erst einmal so weit sind, geht es von ganz allein weiter. Der Konflikt wird sich verh\u00e4rten. Die Geschichte hat Jeremia recht gegeben. Die Babylonier haben Israel erobert, wie Jeremia es vorausgesagt hatte. Sie haben einen Teil des Volkes weggef\u00fchrt und das Gebiet ihrem Land unterworfen. Hernach war Israel nie mehr selbst\u00e4ndig, sondern immer nur Provinz wechselnder Reiche. Jeremia h\u00e4tte dar\u00fcber froh sein k\u00f6nnen, aber das war er keineswegs. Er hat unter der Botschaft, die er zu verk\u00fcndigen hatte, furchtbar gelitten. Am liebsten h\u00e4tte er seine Botschaft weggeworfen wie eine unn\u00fctze Last. Nur dass er das nicht konnte. Von den anderen Propheten wissen wir das nicht. Das macht ihn zur Ausnahme. In Babylon verliert sich seine Spur.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist er uns fern dieser Prophet? Wohl kaum. Die Krisen die er ank\u00fcndigt, die kennen wir nur allzu gut. Wie auch anders. Die Gro\u00dfmacht die uns bedroht hei\u00dft nicht Babylonien, sondern Russland und ob der Krieg in der Ukraine auch auf Europa \u00fcbergreift muss die Zeit zeigen. Dabei kommt es wahrscheinlich nicht darauf an, ob Europa Waffen geliefert hat, sondern nur, wie entschlossen Russland ist, wieder zur Sowjetunion zu werden. Ob es also einen Atomkrieg riskiert oder nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder man k\u00f6nnte von der Krise reden, die der Aufstieg der AFD f\u00fcr Deutschland in sich birgt. W\u00fcrden dann, falls die AfD an die Macht kommt, die Menschen ohne deutschen Pass in ihre Herkunftsl\u00e4nder abgeschoben? Und was w\u00fcrden dann die Herkunftsl\u00e4nder dazu sagen? W\u00fcrden die sich das einfach gefallen lassen? W\u00fcrde das vielleicht ebenfalls Krieg nach sich ziehen, mindestens aber eine Krise ungeahnten Ausma\u00dfes? Abgesehen davon, das hier alles zusammenbr\u00e4che, weil es keine Busfahrer, keine B\u00e4cker und keine Altenpfleger mehr g\u00e4be.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dazwischen die Stimmen der Propheten. Die einen die sagen: Das wird schlimm enden. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, Waffen an die Ukraine zu liefern. Wir m\u00fcssen m\u00f6glichst bald Frieden mit Putin schlie\u00dfen, sonst richtet der seine Kanonen auf uns. Und die anderen sagen: Wenn wir jetzt Frieden schlie\u00dfen hat Putin gewonnen. Dann greift er als n\u00e4chstes die NATO an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was Jeremia zum Ukraine Krieg sagen w\u00fcrde, ist mir nicht klar. Eher schon zur AfD. Er w\u00fcrde darauf hinweisen, dass es in diesem Land schon einmal eine furchtbare Fremdenfeindschaft gegeben hat und was f\u00fcr schreckliche Konsequenzen daraus erwuchsen. Aber am Ende m\u00fcssten wir ja sowieso entscheiden. Da k\u00f6nnten wir Jeremias Worte nur als Ratgeber benutzen. F\u00fcr unsere Gegenwart sind sie jedenfalls nicht unmittelbar gesprochen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch m\u00f6chten wir irgendeinen Trost oder Hilfe aus den Worten des Jeremia beziehen. Das kann doch nicht sein, dass er uns ohne irgendeinen Trost zur\u00fcckl\u00e4sst. Da muss doch noch irgendetwas kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber er sagt nichts mehr. Abgesehen davon, dass es immer ein Abenteuer ist, einen alten Text auf heute zu beziehen und Antworten von ihm aus zu geben. Vielleicht sollten wir uns doch einen leichteren Text suchen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also keine Antwort? Keine direkte jedenfalls. Allenfalls ist es sein Mitleid. Der Prophet leidet darunter wie Gott handelt. Oder daran, was er geschehen l\u00e4sst. Ob Gott nicht doch eingreifen und den Wahnsinn stoppen k\u00f6nnte? Ich wei\u00df nicht, ob man davon reden k\u00f6nnte, dass Jeremia mit Gott ins Gericht geht Er weigert sich auch nicht, Gottes Botschaft auszurichten. Er redet sie ihm nicht einmal aus. Er klagt nur \u00fcber die Last, die es bedeutet, sie Israel ausrichten zu m\u00fcssen. Die anderen sollen nicht mehr von der \u201eLast Gottes\u201c reden. Weil sie sie ja nur abstrakt sp\u00fcren. W\u00e4hrend er selbst fast daran zerbricht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist das Leiden an seinem Auftrag das ihn so sympathisch macht. Ein Leiden, das ich schon selbst Antwort nennen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn wir dieses Leiden nun auf Gott selbst beziehen? Vielleicht kann er das B\u00f6se nicht \u00e4ndern. Vielleicht ist er nicht so allm\u00e4chtig wie wir gedacht haben. Oder nicht immer. Aber w\u00e4re das nicht auch schon etwas, wenn er mittrauerte?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So jedenfalls m\u00f6chte ich dieses Kapitel f\u00fcr unsere Gegenwart \u00fcbersetzen. Gott leidet nicht nur an uns. Er leidet auch mit uns. Daran, dass er uns nicht von unseren b\u00f6sen Wegen abbringen kann. Daran, dass wir aus unserer Vergangenheit nichts lernen. Aber vielleicht findet er noch einen Weg mit uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nein ich kann ihnen nicht versprechen, dass Gott schon in irgendeiner Weise eingreifen wird. W\u00fcrde ich es tun, so w\u00e4re ich ein Prophet wie Jeremia ihn begreift. Aber die H\u00e4rte ist schwer zu ertragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich m\u00f6chte die Situation in einem Lied zusammenfassen, das ich neulich geh\u00f6rt habe. Soweit ich wei\u00df, stammt es von den Beatles. Es hei\u00dft \u201eMy sweet Lord\u201c. Ein kleiner Chor \u00fcbernimmt dabei den Refrain der Glaubensvergewisserung indem er singt: \u201eOh, my Lord. My sweet Lord\u201c. Eine Solostimme singt dagegen, dass sie den Herrn nicht finden kann. Dass er sich verbirgt. \u00a0Aber das ganze passiert in sch\u00f6ner musikalischer Harmonie. Keine Stimme ist st\u00e4rker als die andere.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch Musik kann manchmal helfen wenn anderes nicht weiterhilft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott &#8211; nah und fern | 1. Sonntag nach Trinitatis | 02.06.2024 | Jer 23,16-29 | Bernd Giehl | Wer spricht hier? Ein Mann den wir kennen. Die meisten jedenfalls. Jeremia hei\u00dft er. Er ist ein Prophet. Jedenfalls sagt er das von sich. 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