{"id":19981,"date":"2024-06-04T16:48:57","date_gmt":"2024-06-04T14:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=19981"},"modified":"2024-06-04T16:48:57","modified_gmt":"2024-06-04T14:48:57","slug":"lukas-1425-35-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1425-35-2\/","title":{"rendered":"Lukas 14,25-35"},"content":{"rendered":"<h3>Die Liebe macht keine Kompromisse | 2. Sonntag nach Trinitatis | 09.06.2024 | Lk 14,25-35 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn die ersten Nachrichten auftauchen, dass nun die Band Rolling Stones in Kopenhagen auftritt, pflege ich geduldig Schlange zu stehen im Netz, um Karten zu kaufen. Letztes Mal dachte ich, ich sollte mir teure Sitzpl\u00e4tze sichern, nachdem ich reichlich bedr\u00e4ngt und geschubst und bel\u00e4stigt worden war bei etlichen Konzerten, die ich am selben Ort besucht hatte. Gedacht, getan. Am Tage vor dem gro\u00dfen Konzert, wo mein Mann unsere Pl\u00e4tze gefunden hatte, auch die freundlich begr\u00fc\u00dft hatte, die einige Stunden neben uns sitzen sollten, da geschah es, wir waren schockiert. Das nette Ehepaar, das die Pl\u00e4tze neben uns einnahm, hatte f\u00fcr den k\u00fchlen Sommerabend den selbstgestrickten Umhang in stark gef\u00e4rbtem Nylongarn sowie eine gro\u00dfe Thermoskanne von zwei Litern mit niedlichen Blumenmotiven und einer Pumpenfunktion im Verschluss mitgebracht, nicht un\u00e4hnlich dem, was wir beim Kirchenkaffee benutzten. Ein Konzert mit <em>the greatest rock\u00b4n roll band in the world, <\/em>wie sie sich zu nennen pflegen, dazu ein selbstgestrickter Umhang und eine Thermoskanne kirchlichen Zuschnitts. W\u00e4hrend der damals fast 70-j\u00e4hrige Mick Jagger st\u00f6hnte, sich wand und schrie durch sein Programm hindurch, in seinem desperaten Versuch, einem 17-j\u00e4hrigen zu gleichen, sa\u00dfen wir fein da und tranken Kaffee, den die Nachbarn auf den Plastiksitzen so gro\u00dfz\u00fcgig mit uns teilten, mit dem Umhang auf den Knien. Da war etwas, was nicht zusammenhing. Da waren einige vorgefasste Meinungen \u00fcber Stone-Fans, die nicht richtig der Wirklichkeit entsprachen. Da war etwas mit Sex, Drogen und Rock &#8217;n&#8216; Roll, das sich nicht auf die Sitzpl\u00e4tze \u00fcbertrug, wo das St\u00e4rkste, mit dem wir in Ber\u00fchrung kamen, die koffeinhaltigen Tropfen des Kaffees waren. Da war etwas mit Idee und Realit\u00e4t, was nicht zusammenpasste.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denselben Eindruck, dass die Dinge nicht so zusammenpassen, wie wir das erwarten, kann man sehr wohl haben, wenn man das Evangelium f\u00fcr diesen Sonntag liest. Das Rockkonzert mit buntgef\u00e4rbtem Umhang in Nylon \u2013 Jesus und eine Forderung zu hassen. Das h\u00e4ngt nicht zusammen, aber nichtsdestoweniger steht es da. Wir sollen unsere N\u00e4chsten hassen, unsere Ehepartner, Kinder und Geschwister, ja unser ganzes Leben hassen. Und das gar an einem Tag, wo wir das sch\u00f6nste Baby zur Taufe getragen haben, hoch geliebt von seiner Familie. Eine Sache ist, dass es sich oft so verh\u00e4lt, dass wir in der Tat unsere Familie hassen oder jedenfalls meinen, dass wir das tun. Wie oft hat nicht eine Teenage-Tochter gerufen, dass sie Vater und Mutter und den kleinen Bruder hasst, und ist so in sch\u00f6nster Weise der Forderung Jesu nachgekommen, die zu hassen, die einem am n\u00e4chsten stehen! Aber kann es wirklich richtig sein, dass die Vorstellung Jesu von einem J\u00fcnger, der in wahrer Nachfolge lebt, nach dem Bild eines zuweilen unm\u00f6glichen Teenagers mit einem Ring in den Augenbrauen dargestellt wird, der Nase und dem Bauchnabel, T\u00e4towierung an den Beinen und einem ungew\u00f6hnlich schr\u00e4gen Mund-Zug geschaffen ist, nur weil der Abfalleimer entsorgt werden soll? Soll das Nachfolge Christi sein? Offenbar ist das der Fall, dass Jesus die Sache so darstellt. Trotz all dem Guten, was man \u00fcber die Familie sagen kann, muss man zuweilen im Stillen dem alten d\u00e4nischen Professor P.G. Lindhardt Recht geben, wenn er sagte: \u201eFamilie, das ist der Krieg aller gegen alle\u201c. Das ist zwar untypisch gesagt, etwas weinerlich, etwas boshaft \u2013 aber es ist vielleicht auch \u2013 eingesehen im Stillen \u2013 etwas wahr\u2026 Das ist wirklich ein giftiger, empfindlicher und wohl auch streitvoller Ort, die Familie. Das ist der Ort, wo wir lieben, aber das ist auch der Ort, wo wir die h\u00e4rtesten Urteile \u00fcber die anderen f\u00e4llen, die Urteile, gegen die man nicht an eine h\u00f6here Instanz appellieren kann \u2013 eine schlechte Mutter, ein abwesender Vater, eine lieblose Ehe und was wir sonst noch beklagen k\u00f6nnen. Bald beginnen die Sommerferien, und das kann auch eine Belastung f\u00fcr die Familie sein. Nun sollen alle gl\u00fccklich und froh sein und dasselbe wollen, aber\u2026 Nicht selten kann man sich sehr wohl zur\u00fcckw\u00fcnschen zu seinem friedlichen Schreibtisch am Arbeitsplatz. Ich habe diesen Eindruck, aber das bleibt ungesagt, weil es auch tabuisiert ist, davon zu sprechen. Es geht also zu wie mit den Aussagen Jesu, es ist wie wenig nuanciert. K\u00f6nnte Jesus nicht einfach sich mehr in der Mitte bewegen und nicht so ultimativ formulieren? K\u00f6nnte er wenigstens nicht etwas vorsichtiger sein? Denn es ist ja schwer, so absolut zu sein in seinen Aussagen \u2013 wir sind zurzeit gegen Russland, aber wir w\u00fcrden es dennoch sehr bedauern, wenn wir kein Gas mehr bekommen und das Benzin allzu teuer wird. Wir sind aufgewachsen mit nationalen Kompromissen verschiedener Art, und im Grunde meinen wir wohl, dass dies der vern\u00fcnftigste Ausgang ist in Fragen dieser Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was sollen wir also anfangen mit diesem kompromisslosen Zugang Jesu zum Dasein? Ja, die Familie kann schwierig sein, nein, es ist nicht erholsam, mit der Familie Ferien zu machen, ja, fast die H\u00e4lfte aller Ehen werden geschieden, und w\u00fcrden wir nicht alles noch schlimmer machen, wenn wir auf alle Kompromisse verzichteten z.B. im Freundeskreis, indem wir unbeugsam an unseren Meinungen festhalten, in der Familie, indem wir immer auf das verweisen, wo etwas faul ist in den Beziehungen, am Arbeitsplatz, indem wir uns immer bedingungslos an die Regeln halten? Fahren wir nicht in Bezug auf andere ehrlich gesagt am besten, wenn wir nur etwas nachgiebig und flexibel sind, kompromissbereit? Also Jesus, was sollen wir mit dem heutigen Evangelium anfangen? Alles, glaube ich. Denn wir wissen doch im Grunde, dass wir manchmal standhaft sein m\u00fcssen. Manchmal m\u00fcssen wir uns entscheiden, koste es, was es will. In der offenherzigen Liebe muss man sich entscheiden. Deshalb glaube ich auch, dass wir alle im Grunde sehr wohl wissen, dass Jesus Recht hat, auch wenn es so provozierend klingt. Wir wissen aus unserem eigenen Leben, dass es unz\u00e4hlige Situationen gibt, wo wir nicht wanken d\u00fcrfen, sondern uns entscheiden m\u00fcssen, auch wenn uns das etwas kostet. Die Zwischenposition der Neutralit\u00e4t kann durchaus gew\u00e4hlt werden, wo es nur darum geht, ob wir f\u00fcr Bayern M\u00fcnchen oder Borussia Dortmund sind. Aber in den entscheidenden Augenblicken im Leben, da ist von uns eine klare Antwort gefordert, da sind wir gezwungen, klar Stellung zu beziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und hier legt Jesus den Finger direkt auf einen wunden Punkt, denn das mit Gott und mit dem Christsein, das ist nicht nur ein sonnt\u00e4gliches Freizeitinteresse zwischen 10 und 11 Uhr, nein, das betrifft das Leben an allen Ecken und Enden. Das ist schlechterdings eine Lebenseinstellung, die alles im Dasein bestimmt. Und nein, mir geht es nicht darum, jemanden zu radikalisieren oder f\u00fcr irgendeinen heiligen Krieg zu rekrutieren. Ich will vielmehr die Frage stellen: Was ist in eben dieser Situation das Richtige, das man tun soll? Wof\u00fcr entscheidest du dich? Was sagst du? Was tust du? Was machst du aus deinem Leben \u2013 aus deiner Zeit, deinem Geld? Gibst du nach aus Furcht, siehst du weg, h\u00f6rst du weg angesichts von Unrecht? Denkst du, dass es in Ordnung war mit dieser Thermoskanne mit Schraubverschluss in deinem Leben, auch wenn es eigentlich um Rock &#8217;n&#8216; Roll geht? H\u00e4ltst du ein, stehst du fest, stellst du dich der Auseinandersetzung, bezahlst du den Preis, bleibst du konsequent \u2013 f\u00fcr das, woran du glaubst? Und nein, ich wei\u00df es sehr wohl \u2013 das tut niemand von uns, ich tue es jedenfalls nicht \u2013 jedenfalls nicht immer (ich war ganz zufrieden mit dem Kaffee) \u2013 aber das tat Jesus selbst, er w\u00e4hlte die Wahrheit und die Liebe und die Gerechtigkeit und die Ehrlichkeit \u2013 auch wenn es ihm das Leben kostete an einem Kreuz. Er tat das f\u00fcr solche lauen und halbherzigen Typen wie dich und mich \u2013 er tat dies um uns den Weg zu zeigen, um uns zu zeigen, dass die Liebe keine Kompromisse mit der Wahrheit macht. Die Liebe glaubt alles, hofft alles, ertr\u00e4gt alles. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Liebe macht keine Kompromisse | 2. Sonntag nach Trinitatis | 09.06.2024 | Lk 14,25-35 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Leise Christensen | Wenn die ersten Nachrichten auftauchen, dass nun die Band Rolling Stones in Kopenhagen auftritt, pflege ich geduldig Schlange zu stehen im Netz, um Karten zu kaufen. 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