{"id":20018,"date":"2024-06-18T10:11:12","date_gmt":"2024-06-18T08:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20018"},"modified":"2024-06-18T10:21:58","modified_gmt":"2024-06-18T08:21:58","slug":"1-samuel-241-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-samuel-241-20\/","title":{"rendered":"1. Samuel 24,1-20"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Nur ein Wort | 4. Sonntag nach Trinitaris | 23.6.2024 | 1Sam 24,1-20 | Nadja Papis |<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hast du geh\u00f6rt? David hat Saul verschont \u2013 in der H\u00f6hle von En-Gedi.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was? Ist der bl\u00f6d? Der h\u00e4tte den Thorn in den H\u00e4nden gehabt!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, aber so ist er eben nicht, der David.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ist denn passiert?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Saul musste sich erleichtern und ging daf\u00fcr genau in die H\u00f6hle, in der sich David und seine M\u00e4nner versteckten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist jetzt ein bisschen peinlich, oder? Der K\u00f6nig bringt sich beim Urinieren in Lebensgefahr. Er ist und bleibt eine tragische Figur.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ja, David hat nur ein St\u00fcck von Sauls Mantel abgeschnitten, statt ihn zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ist wohl weich geworden. Nun wird ihn Saul weiterverfolgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Na, anscheinend haben sie miteinander gesprochen, dort bei der H\u00f6hle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und sie leben beide noch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, klar. David nannte Saul \u00abVater\u00bb und der ihn \u00abSohn\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">T\u00f6nt nach einer Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nein, soweit ging\u00b4s nicht, aber Saul anerkannte Davids Anspruch auf den Thorn \u2013 nach seinem Tod nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, ich weiss nicht, das t\u00f6nt zu idyllisch. Kann ich mir bei den beiden Hitzk\u00f6pfen gar nicht vorstellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hauptsache sie vergessen nicht, die Philister zu bek\u00e4mpfen, DAS ist ja eigentlich unser Problem.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">als ich die Geschichte im 1. Samuelbuch las, konnte ich diese Stimmen aus dem Volk direkt h\u00f6ren. Da k\u00e4mpfen zwei um den K\u00f6nigstitel. Neid, Machtanspr\u00fcche, Angst, Gewalt herrschen. Zur \u00e4usseren Bedrohung durch die Angriffe der Philister ist eine innere gekommen: Der junge, charismatische David l\u00e4uft dem alten, kranken K\u00f6nig Saul den Rang ab. Und hier h\u00e4tte David die Sache klar machen k\u00f6nnen. Hat er aber nicht getan. Warum?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Geschichtsschreibung geschieht immer aus der Sicht dessen, der schlussendlich gewinnt. Und im Blick auf diejenigen, die hervorstechen. David wird K\u00f6nig, er wird ein grossartiger K\u00f6nig, einer, wie\u00b4s ihn in Israel kein zweites Mal gibt. Er eint das Reich. Und es ist allen klar: Das steht ihm auch zu. Die Samuelb\u00fccher belegen das \u2013 durch die K\u00f6nigssalbung und durch Geschichten wie diese hier. David nimmt sich sein K\u00f6nigtum nicht, er bekommt es, er ist berufen dazu. Gott selber spricht es ihm zu. Indem er die Salbung Sauls achtet und ihn verschont, legitimiert er seine eigene Stellung als zuk\u00fcnftiger K\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun gut. Aber das ist jetzt mehr Geschichtsunterricht oder Marketingstrategie als Predigt. Bemerkenswert, aber noch nicht sehr bewegend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wo spricht der Text mich an? Und worin?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine andere Geschichte:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meine Grossmutter kann nicht mehr alleine wohnen. Sie schafft es zwar irgendwie gerade noch, ihren Haushalt zu f\u00fchren, aber daf\u00fcr hangelt sie sich den M\u00f6bel entlang. Und sie geht nicht mehr aus der Wohnung, weil die Treppen sie daran hindern. Einkaufen, Bankgesch\u00e4fte, ja sogar die Termine bei der \u00c4rztin hat sie alles bestens organisiert. Aber wir als Familie finden: Es geht nicht mehr. Sie dagegen meint: Es geht wunderbar. Sie will nicht aus der Wohnung, in der sie ihr halbes Leben verbracht hat. Keine Chance \u2013 bis der Sturz passiert ist. Vom Krankenhaus geht\u00b4s direkt ins Pflegeheim und nie wieder heim. Die Trauer um die Wohnung ist nur kurz, es gibt da so viel zu tun und zu entdecken am neuen Ort: der gem\u00fctliche Handarbeitstreff, das gemeinsame Kochen, bei dem sie bereits nach wenigen Malen den Ton angibt, die interessanten Ausfl\u00fcge, die sch\u00f6nen Spazierg\u00e4nge, Vorf\u00fchrungen und Tanzabende. \u00abHast du gewusst, was die hier alles machen?\u00bb Ja, ich habe es gewusst, denke ich und sage nichts, sondern geniesse es einfach, wie sie aufbl\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Machtwechsel \u2013 Machtumkehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist nicht nur das Thema von K\u00f6nigen. Oder Regierenden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein Familienthema.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn die Eltern sich die F\u00fcrsorge der Kinder gefallen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn die klaren Rollenverteilungen nach der Pensionierung durcheinandergeraten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Kinder erwachsen werden und die Verantwortung f\u00fcr ihr Leben \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ein Thema im Beruf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn die Leitung wechselt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn das Unternehmen eine neue Strategie erarbeitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich ausfalle und merke, wie ersetzbar ich bin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">David hat auf die M\u00f6glichkeit verzichtet, die Macht definitiv an sich zu reissen. Vielleicht in der Gewissheit, dass er sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter sowieso bekommt. Er hat auf Rache verzichtet, denn Saul wollte ihn t\u00f6ten und h\u00e4tte wohl nicht gez\u00f6gert. Aber ein Heiliger ist David trotzdem nicht. Die Dem\u00fctigung, die Saul durch ihn widerf\u00e4hrt, ist nicht ohne. Diese St\u00fcck Mantel musste sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Machtwechsel, Macht\u00fcbergabe, Machtumkehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Keine einfache Sache. Das k\u00f6nnen wohl die meisten \u00abKinder\u00bb bezeugen, welche alte Eltern zu betreuen haben. Das k\u00f6nnen auch die alten Eltern selber bezeugen, die gerne unabh\u00e4ngig und selbst\u00e4ndig bleiben m\u00f6chten. Und erst recht die \u00abKinder\u00bb, die als Erwachsene ihr Leben ohne die elterlichen Ratschl\u00e4ge in die Hand nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das zeigt auch die Unsicherheit in einem Unternehmen, in dem ein Machtwechsel stattfindet. Und es mag mich schon, wenn meine Aufgaben andere machen, sogar gut machen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer bin ich? Und was bin ich nicht mehr?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was gibt mir Halt? Und wo verliere ich ihn?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie geht es weiter? Und was geht nicht mehr?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Saul ist die tragische Figur in dieser Geschichte. Es ist klar: Seine Macht geht dem Ende entgegen. Und es ist schon einer da, der ihn ersetzen und \u00fcbertreffen wird. David verzichtet auf seine M\u00f6glichkeit, endg\u00fcltig aufzusteigen. Er weiss wohl: Es ist nicht n\u00f6tig. Seine Zeit wird kommen. Er hat also einen Halt. Ich denke an die Segnung, die er durch Samuel bekommen hat. Segnen k\u00f6nnen \u00fcbrigens auch wir uns lassen \u2013 in unseren \u00dcberg\u00e4nge, in den anstehenden Machtwechseln und in den Situationen, wo eine Machtumkehr stattgefunden hat. Der Segen spricht uns Hoffnung, Halt und W\u00fcrde zu. Auch wenn du abgeben musst, auch wenn du loslassen musst, auch wenn du ersetzt wirst, du bist gesegnet. Auch wenn du aufstrebst, wenn du \u00fcbernimmst, wenn du anpackst, du bist gesegnet. Gesegnet finden wir w\u00fcrdige Wege, auch wenn es schwierig ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das W\u00fcrdige ist mir pers\u00f6nlich ein Anliegen. David spricht Saul mit \u00abVater\u00bb an. Diese Anrede an eine \u00e4ltere Person meint nicht die biologische Elternschaft, sondern ist Ausdruck eines segensreichen Beziehungsverh\u00e4ltnisses, eine W\u00fcrdigung des V\u00e4terlichen, des F\u00fcrsorglichen, des Gesegneten im anderen. Mit dieser Anrede durchbricht David f\u00fcr mich die gewaltbereite Atmosph\u00e4re, dieses ganze Gerangel um Macht und Vorherrschaft. Es ist f\u00fcr mich der starke Moment in diesem Text. Nicht das Abschneiden des Mantels, nicht der Beweis f\u00fcr die \u00dcberlegenheit, sondern dieses eine Wort: \u00abVater\u00bb. Die Anrede bewegt etwas in Saul, sie ber\u00fchrt ihn. Er antwortet ebenso: \u00abSohn\u00bb sagt Saul zu David und anerkennt, was sie mal verbunden hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ob uns das auch gelingt? Im gr\u00f6ssten \u00c4rger, in den \u00e4rgsten Machtk\u00e4mpfen eine w\u00fcrdige Anrede zu finden und einander an die gegenseitige Verbundenheit, ja noch weiter an die Gesch\u00f6pflichkeit zu erinnern? Eine gegenseitige Achtung und Beachtung. Eine Anerkennung, dass du wie ich ein Recht auf W\u00fcrde haben \u2013 trotz unseren Differenzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich stelle es mir vor \u2013 zwischen Eltern und ihren Kindern \u2013 zwischen der Chefin, die geht, und derjenigen, die kommt \u2013 zwischen den Alten und den Jungen \u2013 zwischen den Regierenden. Nur so ein Wort, so eine Anrede.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es macht mir Mut. Die Konflikte bleiben, das sind sie ja auch zwischen David und Saul, aber es schwingt etwas Gesegnetes mit, etwas Verbindendes trotz allem. Und die Hoffnung, dass es gut kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur ein Wort | 4. Sonntag nach Trinitaris | 23.6.2024 | 1Sam 24,1-20 | Nadja Papis | Hast du geh\u00f6rt? David hat Saul verschont \u2013 in der H\u00f6hle von En-Gedi. Was? Ist der bl\u00f6d? Der h\u00e4tte den Thorn in den H\u00e4nden gehabt! 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