{"id":20058,"date":"2024-07-01T15:20:16","date_gmt":"2024-07-01T13:20:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20058"},"modified":"2024-07-01T15:20:16","modified_gmt":"2024-07-01T13:20:16","slug":"apostelgeschichte-826-39-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-826-39-5\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 8,26-39"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Gotteserkenntnis im Nachhinein | 6. Sonntag nach Trinitatis | 07.07.2024 | Apg 8,26-39 | Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach S\u00fcden auf die Stra\u00dfe, die von Jerusalem nach Gaza hinabf\u00fchrt und \u00f6de ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus \u00c4thiopien, ein K\u00e4mmerer und M\u00e4chtiger am Hof der Kandake, der K\u00f6nigin von \u00c4thiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und sa\u00df auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und h\u00f6rte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): \u00bbWie ein Schaf, das zur Schlachtung gef\u00fchrt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufz\u00e4hlen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Da antwortete der K\u00e4mmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und als sie auf der Stra\u00dfe dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der K\u00e4mmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert&#8217;s, dass ich mich taufen lasse? Und er lie\u00df den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der K\u00e4mmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entr\u00fcckte der Geist des Herrn den Philippus und der K\u00e4mmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>(<\/em><em>Apostelgeschichte 8,26-39)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie eine Kalendergeschichte kommt sie daher, eine Geschichte im Sonntagskleid, auf dem kein St\u00e4ubchen liegt. Nichts ist dem Zufall \u00fcberlassen \u2013 alles verl\u00e4uft wie am Schn\u00fcrchen. Gott selbst f\u00fchrt die Regie: bietet am Anfang gleich einen Engel auf, um Philippus in Marsch zu setzen, sp\u00e4ter spricht er ihn sogar selber an und sorgt daf\u00fcr, dass er es mitbekommt, als der Mann aus dem Morgenland bei seiner Lekt\u00fcre der hebr\u00e4ischen Bibel an einer Stelle angelangt ist, an die ein Christ sofort ankn\u00fcpfen kann. Schlie\u00dflich ist selbst in der W\u00fcste pl\u00f6tzlich Wasser da, als es f\u00fcr die Taufe ben\u00f6tigt wird. Und unmittelbar nach dem erfolgreichen Einsatz wird Philippus aus dem Geschehen herausgenommen und an eine andere Stelle gesetzt. Der richtige Mann zum richtigen Augenblick zur richtigen Stelle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was sollen wir anfangen mit einer so m\u00e4rchenhaften Geschichte? Wir, die Gott nicht mit Engeln und Eingebungen des Heiligen Geistes verw\u00f6hnt. Das hat Gott damals auch nicht getan. Die Christen der Anfangszeit, die hier auf Goldgrund erscheinen, hatten ihre Tage nicht anders zu bestehen als wir: im Durcheinander des Lebens mit unzul\u00e4nglichen Mitteln, die nie genau das zustande bringen, was man eigentlich will und mit denen man am Anfang auch nie so richtig wei\u00df, was am Ende denn wohl herauskommt. Aber am Ende hat sich dann manches eben doch so entwickelt, dass etwas ganz Erstaunliches herausgekommen ist: Menschen, die sich immer \u00e4ngstlich aus dem Wege gegangen sind, kommen am Ende gut miteinander zurecht und k\u00f6nnen sogar lachen \u00fcber das, was sie auf Abstand gehalten hat; Arme Teufel, an denen Hopfen und Malz verloren schien, kamen wieder auf die Beine und kriegten ihr Leben in den Griff. Geizh\u00e4lse, die sich bisher an Geld und Gut festgekrallt hatten, erwiesen sich pl\u00f6tzlich als gro\u00dfherzige Spender. Ist da nicht wirklich Gottes Geist am Werk gewesen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will die Geschichte von Philippus und dem K\u00e4mmerer, dem Finanzminister aus \u00c4thiopien, so nacherz\u00e4hlen, dass erst im Nachhinein deutlich wird, dass der Geist Gottes und Jesu Christi in ihr wirksam war und sie auch mit uns zu tun hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Philippus war einer der Diakone, die die Apostel eingesetzt und damit beauftragt hatten, sich um die Notleidenden in den jungen christlichen Gemeinden zu k\u00fcmmern. Philippus hatte an der K\u00fcste in Gaza zu tun und war nun auf dem Weg in die hochgelegene Stadt Jerusalem. Da kam ihm eine pr\u00e4chtige Staatskarosse entgegen mit einem ganzen Tross von Menschen und Tieren. Eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit musste da unterwegs sein. Ehrerbietig trat Philippus zur Seite, wollte von der Vorhut des Zuges aber doch wissen, wer da kam und wohin die Reise ging. Der Herr Finanzminister ihrer Majest\u00e4t der K\u00f6nigin von \u00c4thiopien \u2013 so wurde ihm gesagt \u2013 war zum Tempel in Jerusalem gekommen und befand sich jetzt auf der Heimreise. Himmel, anderthalb tausend Meilen lagen noch vor ihm! Was mochte ihn bewogen haben, sich auf diese wochenlange Reise zu machen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Moment mal, Finanzminister einer K\u00f6nigin? Dann musste das doch ein Eunuch sein. Denn ein hohes Staatsamt durften bei ausl\u00e4ndischen K\u00f6niginnen nur M\u00e4nner bekleiden, die sich ihre M\u00e4nnlichkeit hatten wegoperieren lassen, um m\u00f6gliche Intimit\u00e4ten und Kompromittierungen von vornherein auszuschlie\u00dfen. Was mag das f\u00fcr ein Mann sein, fragte sich Philippus, und ging ganz nah an den Wagen heran, um sich den Mann n\u00e4her anzusehen. Und da sa\u00df er, wie man sie sich vorstellte, die Eunuchen: fettleibig, \u00fcber und \u00fcber mit Schmuck behangen, und mit einer Fistelstimme. Mit der las der Mann laut vor sich hin. Ihm war die Gebrochenheit seiner Person anzusehen und anzuh\u00f6ren. Auf der einen Seite eine glanzvolle Karriere: Bis ins Zentrum der Macht hinein war er gelangt. Geld spielte keine Rolle, es gab keinen Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Auf der anderen Seite verst\u00fcmmelt bis in den Kern seiner Person hinein. Warum war dieser Mann zum Tempel gekommen, was hatte er dort erwartet? Vielleicht hatte er von der Barmherzigkeit des Gottes Israels geh\u00f6rt, der ein Herz hat f\u00fcr gebrochene Menschen. Doch verschnittenen M\u00e4nnern war nach j\u00fcdischem Gesetz der Tempel verschlossen. Er war noch nicht einmal in die f\u00fcr Heiden erlaubte Vorh\u00f6fe gelangt. Der Mann musste wieder umkehren wie so viele Leidensgenossen mit sexuellen Abnormit\u00e4ten. Priester und Schriftgelehrte hatten sie abgewiesen, wie sie es vielerorts auch heute noch tun. Und selbst die gro\u00dfen Apostel waren nicht frei davon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Philippus aber wendet sich nicht kopfsch\u00fcttelnd oder achselzuckend ab, er bleibt ganz nah dran an dem Mann, h\u00f6rt, was er liest, wie er sich abm\u00fcht mit einer Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja, von dem sich der Mann offenbar eine Buchrolle gekauft hatte, um nicht ganz mit leeren H\u00e4nden nach Hause zu kommen. Er liest \u00fcber den geheimnisvollen Gottesknecht, der sich wehr- und widerspruchslos denen \u00fcberl\u00e4sst, die ihn aller Ehre und W\u00fcrde berauben. Wie sollte der Mann in der Staatskarosse das verstehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so spricht Philippus ihn an: \u201eBrauchst du Hilfe, Herr?\u201c Der Mann ist daran gew\u00f6hnt, dass man ihm voller Scheu und Ehrerbietung begegnet. Hier aber l\u00e4uft ihm einer \u00fcber den Weg, der seine Ratlosigkeit und seine Suche nach Gott wahrnimmt, der sich offenbar auskennt mit dem Gott der Juden. Offensichtlich weist dieser ihn als Verschnittenen nicht zur\u00fcck, \u201eJa komm, steig ein, setz dich zu mir, und erkl\u00e4re mir, von wem hier die Rede ist und was das soll.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die W\u00e4chter geheiligter Ordnungen mag es weiterhin Schranken und Tabus geben. Dieser Bote Jesu Christi aber kennt keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, weil sein Herr es ist, von dem da geschrieben steht. Sein Herr, der nicht nur aus der Distanz heraus verk\u00fcndigt, sondern der durch N\u00e4he und Zuwendung bezeugt werden will, durch Menschen, die eine Strecke mitfahren auf dem Wagen des Lebens, bis der andere merkt: Ich bin miteinbezogen in die Geschichte des Gottes, der sich klein macht, so niedrig und gering, dass er in unseren geheimsten Schw\u00e4chen und \u00c4ngsten bei uns ist und uns hinausf\u00fchrt ins Weite.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Taufe wird uns das auf den Leib geschrieben: Du geh\u00f6rst zu dem, der dem Leid nicht aus dem Weg gegangen ist. Dir wird Leiden trotz aller guten W\u00fcnsche auch nicht erspart bleiben. Aber ins Leben Gottes ist er gedrungen, und dich nimmt er mit!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Keine Frage, das will der K\u00e4mmerer sich zueigen machen. Zu diesem Herrn geh\u00f6rig ist er nun kundig und frei. Da braucht er keinen Philippus mehr. Und Gebrauchsanweisungen, wie man denn nun mit der Taufe zu leben hat, erst recht nicht. Bedenkentr\u00e4ger h\u00e4tten hier viel auszusetzen: Man k\u00f6nne doch nicht nach so kurzer Zeit. Und man k\u00f6nne den Mann doch nicht in eine heidnische Umgebung entlassen, ohne ihm die Adresse der n\u00e4chsten christlichen Gemeinde mitzugeben oder ihm das Versprechen abzunehmen, regelm\u00e4\u00dfig zur\u00fcckzukommen und sich fortbilden zu lassen. Aber Christus braucht Menschen wie Philippus, die dem, was sie in Gottes Namen sagen und leben, auch etwas zutrauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die beiden in der Kutsche \u2013 f\u00fcr mich sind sie ein Bild f\u00fcr die christliche Gemeinde. In Ihr treffen Schicksal und Auftrag aufeinander, und zwar so, dass wir uns mal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite befinden. Wer dazu geh\u00f6rt, ist immer mal wieder darauf angewiesen, dass ein anderer aufspringt, bis Not beseitigt ist und Klarheit einzieht. Und wer dazu geh\u00f6rt, muss darauf gefasst sein, Vorbehalte und Bedenken hintanzustellen, wo Menschen \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 auf Hilfe und Verst\u00e4ndnis angewiesen sind. In beiden F\u00e4llen stellt sich heraus: Gott hat seine Hand im Spiel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rudolf Rengstorf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gotteserkenntnis im Nachhinein | 6. Sonntag nach Trinitatis | 07.07.2024 | Apg 8,26-39 | Rudolf Rengstorf | Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach S\u00fcden auf die Stra\u00dfe, die von Jerusalem nach Gaza hinabf\u00fchrt und \u00f6de ist. Und er stand auf und ging hin. 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