{"id":20071,"date":"2024-07-02T15:11:49","date_gmt":"2024-07-02T13:11:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20071"},"modified":"2024-07-02T15:11:49","modified_gmt":"2024-07-02T13:11:49","slug":"apostelgeschichte-826-39-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-826-39-7\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 8,26-39"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Finanzminister kommt zum Glauben | 6. So. n. Trinitatis | 07.07.2024 | Apg 8,26-39 | Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Was Promis glauben&#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">oder auch nicht, ist immer wieder Thema in Medien und Internet-Foren. Fu\u00dfballer, die bekennende Christen sind oder bekennende Muslime. Hollywood-Promis, die sich als Buddhisten bezeichnen, esoterischen Ideen folgen oder gar Scientology. Oder auch Religionswechsel, wobei mir vor allem Konversionen zum Islam einfallen: der Schwergewichtsboxer Muhammad Ali, zuvor Cassius Clay (1942-2016, 1964 Konversion bekannt gegeben), der S\u00e4nger Yusuf Islam, zuvor Cat Stevens (*1948, 1977 Konversion), und die deutsche Fernseh-Moderatorin Kristiane Backer (*1965, 1995 Konversion). Auch das Christentum hatte und hat seine prominenten Bekehrungen. Eine von diesen wird im heutigen Predigttext \u00fcberliefert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigttext<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">26 Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: Steh auf und geh nach S\u00fcden auf der Stra\u00dfe, die von Jerusalem nach Gaza hinabf\u00fchrt! Sie f\u00fchrt durch eine einsame Gegend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">27 Und er stand auf und ging. Und siehe, da war ein [\u2026] Hofbeamter [\u2026] der K\u00f6nigin der \u00c4thiopier, der \u00fcber ihrer ganzen Schatzkammer stand. Dieser war gekommen, um in Jerusalem anzubeten, 28 und fuhr jetzt heimw\u00e4rts. Er sa\u00df auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">29 Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen! 30 Philippus lief hin und h\u00f6rte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest? 31 Jener antwortete: Wie k\u00f6nnte ich es, wenn mich niemand anleitet? Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">32 Der Abschnitt der Schrift, den er las, lautete:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten gef\u00fchrt; \/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und wie ein Lamm, das verstummt, \/ wenn man es schert, \/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">so tat er seinen Mund nicht auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">33 In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. [\u2026]<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">34 Der K\u00e4mmerer wandte sich an Philippus und sagte: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen? 35 Da tat Philippus seinen Mund auf und, ausgehend von diesem Schriftwort, verk\u00fcndete er ihm das Evangelium von Jesus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">36-37 Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der K\u00e4mmerer: Siehe, hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg? 38 Er lie\u00df den Wagen halten und beide, Philippus und der K\u00e4mmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">39 Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entr\u00fcckte der Geist des Herrn den Philippus. Der K\u00e4mmerer sah ihn nicht mehr und er zog voll Freude auf seinem Weg weiter. (Apostelgeschichte 8,26-39*, Einheits\u00fcbersetzung 2016)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Eine wunderbare Geschichte<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Minister aus \u00c4thiopien findet zum Glauben an Jesus. Das war f\u00fcr die erste Christenheit eine Sensation und \u00fcberliefernswert. Aber vielleicht h\u00f6ren manche unter uns heutzutage die Geschichte kritischer. Ich kann mir vor allem zwei Gr\u00fcnde vorstellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Grund 1: Das rundherum erz\u00e4hlte Wunderwirken ist uns fremd. Vers 26: \u201eEin Engel des Herrn sagte zu Philippus.\u201c Vers 29: \u201eDer Geist sagte zu Philippus.\u201c Und nach der Taufe des K\u00e4mmerers \u201eentr\u00fcckte der Geist des Herrn den Philippus.\u201c Vers 39. So redet man \u201eim modernen Mitteleuropa\u201c nicht; wohl aber unter den fr\u00fchen Christen! Es ist ihre Weise, f\u00fcr die Bekehrung des \u00e4thiopischen Ministers Gott die Ehre zu geben. Die Bekehrung ist eben nicht die Heldentat eines Missionars, sondern Gott hat ihn gebraucht. Man kann unsere Bedenken gegen diese Geschichte auch umdrehen. Wann sagen wir \u00fcber ein hilfreiches Gespr\u00e4ch, einen inspirierenden Gottesdienst, ein gelungenes Gemeindefest \u201eDa war Gott dabei.\u201c? Trauen wir uns das?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Grund 2: Und wenn man sich schon auf den Pfad des Zweifelns macht. Die Geschichte klingt fast zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Gegen solche Zweifel kann sich der Predigttext nicht verteidigen. Aber man kann doch etwas zu seiner Verteidigung vorbringen: Warum sollte die erste Christenheit eine Geschichte erfinden, die damals mehr Probleme aufwirft, als den Christen lieb sein konnte. Dieser Mann geh\u00f6rte nach seiner Herkunft nicht zum Volk Israel. Israel war aber die erste Zielgruppe der ersten Christen, und es gab schwere Auseinandersetzungen dar\u00fcber, ob das Evangelium auch Nicht-Juden gilt. Ein zweites: Diese Taufe war in h\u00f6chstem Ma\u00dfe \u201eunordentlich\u201c: Minimale Unterweisung, keine Nachsorge, kein Begleitschreiben, mit dem man den jungen Christen einer anderen Gemeinde anvertraut. Die Frage stellt sich auch heute: Kann man als Kirche tats\u00e4chlich eine \u201eTaufe to go\u201c wollen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Bekehrung des K\u00e4mmerers wirft einige Themen auf, die in der ersten Christenheit \u201eschwierig\u201c waren. Warum also so eine Geschichte erfinden und sich damit Probleme schaffen? Darum kommen auch moderne Bibelkommentare zu dem Schluss, dass sich unter der uns fremden Erz\u00e4hlweise wohl doch ein historischer Kern verbirgt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Der K\u00e4mmerer aus \u00c4thiopien: Ein Pilger\u2026<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Minister aus \u00c4thiopien findet zum Glauben an Jesus. Das war f\u00fcr die erste Christenheit eine Sensation und Anlass zur Freude. So hei\u00dft die Geschichte in unseren Bibeln dann auch \u201eDer K\u00e4mmerer aus \u00c4thiopien\u201c. Aber wie schon gesagt: Es geht nicht nur um ihn und auch nicht noch um einen Christen, der zur rechten Zeit am rechten Ort war. Die wunderhaften Z\u00fcge der Geschichte machen deutlich: Es geht auch darum, dass Gott am Werk ist. Behalten wir das im Hinterkopf, wenn wir nun die Glaubensreise des K\u00e4mmerers betrachten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als der K\u00e4mmerer Philippus begegnet, ist er auf der Heimreise aus Jerusalem. Pilgerreisen aus dem fernen Ausland nach Jerusalem sind auch au\u00dferhalb der Bibel belegt. Dieser Mann ist sonst f\u00fcr die wirtschaftlichen Geschicke eines Landes verantwortlich, aber in diesen Tagen nicht der Robert Habeck oder Christian Lindner \u00c4thiopiens. Er ist ein Pilger. Ein Mensch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Apostelgeschichte schweigt zur Vor- und Nachgeschichte dieses Menschen. Trotzdem k\u00f6nnen wir ein paar gesicherte Annahmen zur Vorgeschichte machen. Nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte war der K\u00e4mmerer nach Jerusalem gekommen, um den wahren Gott anzubeten. Es gibt also eine Vorgeschichte des K\u00e4mmerers mit dem Gott Israels. Ein erstes H\u00f6ren \u00fcber diesen Gott, die n\u00e4here Besch\u00e4ftigung bis hin zum Entschluss zu dieser Pilgerfahrt. Details erfahren wir in der Geschichte nicht. Aber wir k\u00f6nnen verstehen, warum der K\u00e4mmerer seine Staatsgesch\u00e4fte ruhen l\u00e4sst und die Zeit, Kosten, M\u00fchen und Gefahren einer langen Reise auf sich nimmt. In Lebensfragen kann man sich nicht durch einen Staatssekret\u00e4r vertreten lassen. Und: Niemals ist Glaube eine Sache, die man ohne den Einsatz der ganzen Person und ihrer M\u00f6glichkeiten betreiben kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der Heimfahrt begegnet der K\u00e4mmerer einem christlichen Missionar, Philippus. F\u00fcr unseren Predigttext ist das kein Zufall. Es ist das Werk Gottes. Der K\u00e4mmerer hat in Jerusalem ein Erinnerungsst\u00fcck erworben, nicht touristischen Krimskrams, sondern eine Schriftrolle. Die liest er jetzt, aber er versteht nicht alles. Philippus ergreift die Initiative: \u201e Verstehst du auch, was du liest? Jener antwortete: Wie k\u00f6nnte ich es, wenn mich niemand anleitet?\u201c Der K\u00e4mmerer hat die Gr\u00f6\u00dfe, seine Verst\u00e4ndnisprobleme zuzugeben. Vielleicht hat ihn sein Hauptberuf gelehrt, Kompetenzen klar zu erkennen und, wo n\u00f6tig, andere als Experten hinzuzuziehen. So bricht er sich keinen Zacken aus der Krone und bittet \u201ePhilippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen\u201c. Und Philippus h\u00e4lt, was er sich von ihm verspricht. Philippus gibt ihm die n\u00f6tige Verstehenshilfe. Er erz\u00e4hlt ihm von Jesus. Bei dem war es so wie in der Schriftstelle, die der K\u00e4mmerer gerade gelesen hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Offenbar ist es im Anschluss an mehr gegangen als um eine Bibelstelle, denn es kommt zur Taufe. Als Philippus und der K\u00e4mmerer an einem Gew\u00e4sser vorbeifahren, ist der K\u00e4mmerer \u00fcberzeugt. Er hat gesucht. Er hat gefunden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDa sagte der K\u00e4mmerer: Siehe, hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist ihm jetzt wichtig. Er will in die Gemeinde Jesu aufgenommen werden. So passiert es und alles ist gut. Und so endet die Geschichte vom K\u00e4mmerer aus \u00c4thiopien auch praktisch mit der Taufe \u2013 und mit einer Merkw\u00fcrdigkeit:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eEr lie\u00df den Wagen halten und beide, Philippus und der K\u00e4mmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entr\u00fcckte der Geist des Herrn den Philippus. Der K\u00e4mmerer sah ihn nicht mehr und er zog voll Freude auf seinem Weg weiter.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier nun wird wieder vom Gotteswirken gesprochen, wenn auch nicht wie am Anfang von einem Engel, sondern vom Geist des Herrn. Damit wird deutlich, dass Gottes Wirken sich nicht auf etwas festlegen l\u00e4sst. Philippus hat seine Zeugenaufgabe erf\u00fcllt. Er wird woanders gebraucht. Und der K\u00e4mmerer ist auch versorgt. Er ist in die Gemeinschaft Jesu Christi hineingetauft, und Gott wird sich weiter um ihn k\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr den K\u00e4mmerer setzte die Taufe einen Schlusspunkt hinter die Pilgerschaft. Zugleich ist sie ein Doppelpunkt f\u00fcr sein weiteres Leben. Wir k\u00f6nnten neugierig sein. Hat der K\u00e4mmerer nun eine andere Politik gemacht als vorher? Hat er seinen Glauben geteilt oder ihn auch wieder verloren? Wir k\u00f6nnen es nicht wissen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Der K\u00e4mmerer aus \u00c4thiopien: Ein Pilger, den die Botschaft von Jesus findet<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Blicken wir nun auf die andere Person der Geschichte. Eines Tages wird Philippus aus Jerusalem losgeschickt. \u201eDurch einen Engel des Herrn\u201c, wie die Bibel sagt. Wir w\u00fcrden vielleicht von einer inneren Stimme oder einem intensiven Gef\u00fchl sprechen. Sp\u00e4ter wird ja auch nicht mehr von einem Engel gesprochen, sondern vom Geist Gottes. \u201eGeh nach S\u00fcden auf die Stra\u00dfe, die von Jerusalem nach Gaza hinabf\u00fchrt.\u201c Philippus geht. Und tats\u00e4chlich! Es kommt jemand, in einem Reisewagen. Wir wissen es bereits: In dem Wagen sitzt der Schatzmeister \u00c4thiopiens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Philippus h\u00f6rt, wie der K\u00e4mmerer aus seiner Jesaja-Rolle liest. Laut lesen, das nur nebenbei, ist nicht v\u00f6llig ungew\u00f6hnlich. Viele Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen machen das auch bei uns. So kann Philippus die Initiative ergreifen: \u201eVerstehst du auch, was du liest?\u201c Eine zentrale Frage! Eine Frage, die heute manchen \u00e4rgern w\u00fcrde. Wer will denn schon dumm dastehen, wenn er nachfragen muss? Aber der K\u00e4mmerer kann mit der Frage umgehen, wie wir wissen. Hier ist von einem geheimnisvollen g\u00f6ttlichen Wirken nicht mehr die Rede. Philippus pers\u00f6nlich ist gefordert, mit all dem, was ihm von Gott gegeben und widerfahren ist. Herausreden auf besser Ausgebildete kann er sich nicht. Es ist niemand anderes da. Eine Situation, in die sich Christen auch heute gebracht sehen k\u00f6nnen. Hoffentlich kann man sie sp\u00e4ter so sehen wie der Philippus, dass man von Gott dahin gef\u00fchrt worden ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Philippus h\u00e4lt, was sich der K\u00e4mmerer von ihm verspricht. Philippus gibt ihm die n\u00f6tige Verstehenshilfe. Er erz\u00e4hlt ihm von Jesus, bei dem es so war wie in der Schriftstelle, die der K\u00e4mmerer gerade gelesen hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWie ein Schaf wurde er zum Schlachten gef\u00fchrt; \/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und wie ein Lamm, das verstummt, \/ wenn man es schert, \/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">so tat er seinen Mund nicht auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das muss auch uns erkl\u00e4rt werden. Selbst wenn wir wissen, dass die Gottesknechtslieder aus Jesaja f\u00fcr das fr\u00fche Christentum wichtige Texte zum Verst\u00e4ndnis des Kreuzes waren. Der erste Teil ist vielleicht noch zu verstehen; wie steht es aber mit dem Schluss des Bibelzitats? Offensichtlich werden hier zwei Themen miteinander verbunden. Die besondere Atmosph\u00e4re einer Schlachtung einerseits und eine Gerichtsszene andererseits. Und hier kann Philippus erkl\u00e4ren. In unserem Predigttext wird das nicht ausgef\u00fchrt. Also setze ich mich an die Stelle des Philippus und versuche meine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst muss es um das Jesaja-Wort gehen, von dem verstummten Lamm vor der Schlachtung, und von dem Urteil, das aufgehoben wird. Und ich stelle mir vor, wie Philippus sagt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eBei Jesus war das genau so (nicht \u201egenauso\u201c lesen). Jesus war ein beeindruckender Prediger. Er hat vom Reich Gottes gesprochen, das nahe herbeigekommen ist. Was das bedeutete, haben wir erst sp\u00e4ter ganz verstanden. Das Reich Gottes war mit ihm nahe herbeigekommen und mitten unter uns. Nur wenige haben Jesus geglaubt oder als Gottesboten erkannt. Manche haben ihn sogar f\u00fcr einen Verf\u00fchrer Israels und Gottesl\u00e4sterer gehalten. Die R\u00f6mer haben ihn f\u00fcr eine Bedrohung ihrer Macht gehalten. Also haben sie ihn gekreuzigt. F\u00fcr die meisten war das ein Beweis, dass Jesus nicht f\u00fcr Gott gesprochen hat. Verflucht ist, wer am Holze h\u00e4ngt! Wem widerf\u00e4hrt schon \u00dcbles, wenn er es nicht verdient hat? Gutes Tun \u2013 gutes Leben, schlechte Taten \u2013 schlechtes Schicksal. So haben die Menschen gedacht. Und au\u00dferdem: War sein hartn\u00e4ckiges Schweigen im Prozess nicht so etwas wie ein Eingest\u00e4ndnis einer Schuld?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So weit das Verstummen. Nun aber muss der zweite Teil erkl\u00e4rt werden. Wieder versetze ich mich an die Stelle des Philippus: \u201eAber sp\u00e4ter\u201c, k\u00f6nnte Philippus sagen, \u201ehaben wir das ganz anders verstanden, ganz so, wie diese Stelle aus dem Buch Jesaja sagt: In seiner Erniedrigung am Kreuz wurde das Urteil aufgehoben, das Menschen \u00fcber Jesus gef\u00e4llt hatten, denn Gott hat ihn auferweckt. Wir wissen selbst nicht, wie das von sich ging. Aber wir wissen, dass er vielen wieder erschienen ist. Das Todesurteil war das letzte Wort von Menschen \u00fcber Jesus, aber offenbar nicht Gottes letztes Wort. Da haben wir verstanden, dass das anscheinend so sein musste, schlie\u00dflich passt die Jesaja-Stelle doch so gut auf Jesus. Am Kreuz wurde das Urteil der Menschen \u00fcber ihn vollstreckt, aber es wurde von Gott aufgehoben. Und so haben wir auch etwas \u00fcber uns gelernt. Dass Gott anders urteilt als wir, das sagt auch etwas \u00fcber unser Urteilsverm\u00f6gen. Wir haben es immer wieder leicht mit dem Urteil \u00fcber andere. Mit dem Vorurteil genauso wie mit dem Aburteil. Und manche denken sogar, dass Gott genauso denkt wie sie. Aber nein, tut er nicht: Hier am Kreuz wurde nicht nur \u00fcber Jesus entschieden, sondern auch \u00fcber unsere Schein-Gerechtigkeit, die \u00fcber andere urteilt und Gott nicht zu Wort kommen l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Einsicht vom gegenseitigen Urteilen und Verurteilen kann man auch heute gewinnen. Die andere Einsicht aber, was das nun vor Gott bedeutet, l\u00e4sst sich aber nur gewinnen, wenn man den anderen Teil der Botschaft von Jesu h\u00f6rt. Ich wende das mal so an: \u201eNiemand darf jemand anderen zum Abschuss freigeben. Niemand soll einen anderen niedermachen, um besser da zu stehen, und niemand soll sich verstecken m\u00fcssen, um nicht verurteilt zu werden. Das Urteilen und Verurteilen soll weder die anderen noch dich selbst zerst\u00f6ren. \u00dcberlass das Urteil mir, Gott, und vertrau dich meinem Urteil an. Was du tust, ist nicht immer in Ordnung, aber ergreife doch meine ausgestreckte Hand, damit es anders wird. Ich halte dich bei meiner Hand, und du brauchst dich nicht selbst festzuhalten.\u201c Und weil die Geschichte vom Finanzminister aus \u00c4thiopien mit der Taufe endet, noch eine Tauferinnerung oder -einladung. Durch Jesus darfst du Gott vertrauen. Das ist etwas, was uns in der Taufe ein f\u00fcr alle Mal zugesagt und wirklich gegeben wird: Gott wird sich unseres Lebens annehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dr. Hansj\u00f6rg Biener, N\u00fcrnberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und derzeit als Religionslehrer an der Wilhelm-L\u00f6he-Schule t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Literaturhinweis zur \u201eHistorizit\u00e4t\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pesch, Rudolf: Die Apostelgeschichte (Apg 1-12), Z\u00fcrich: Benziger\/Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 1986 (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament; Bd. V\/1), S. 287-288: \u201eWill man nicht mit einer gegen alle historische Wahrscheinlichkeit frei konstruierten Legende rechnen, sondern respektiert man, da\u00df hinter der Erz\u00e4hlung \u201asehr wohl eine einmalige geschichtliche Begebenheit stehen\u2018 mag, dann lassen sich die Bedenken gegen die Vorstellung, der Evangelist Philippus, der zu den aus Jerusalem vertriebenen \/ \u201aHellenisten\u2018 z\u00e4hlte, habe von Jerusalem aus auf den Weg, der nach Gaza f\u00fchrt, einen \u00e4thiopischen Hofbeamten bekehrt, nicht unterdr\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Literaturhinweis zur Bezeichnung als \u201eEunuch\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In manchen Bibeln wird der K\u00e4mmerer als Eunuch vorgestellt, der (aufgrund der Amputation der Genitalien) mit seinem Amt keinerlei dynastische Aspirationen h\u00e4tte verfolgen k\u00f6nnen. Offenbar haben wir es hier aber mit einer schillernden Wortbedeutung zu tun. Pesch, Rudolf: Die Apostelgeschichte (Apg 1-12), Z\u00fcrich: Benziger\/Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 1986 (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament; Bd. V\/1), S. 289: Die Forschung hat diskutiert, \u201eob die Vorstellung des \u00c4thiopiers als \u201aEunuch\u2018 ihn als \u201aVerschnittenen\u2018, der nach Dtn 23,2-9 nicht Jude werden konnte, oder als \u201ahohen Beamten\u2018, der Proselyt sein konnte, charakterisiert. Nun scheint allerdings die wiederholte Nennung des Mannes als \u201ader Eunuch\u2018 (34.36.38.39) nur die Auffassung zuzulassen, da\u00df er vom Erz\u00e4hler, was angesichts des imponierenden Missionserfolgs des Philippus verst\u00e4ndlich ist, als \u201ader hohe Beamte\u2018 und nicht, was doch eher als peinlich zu gelten h\u00e4tte, als \u201ader Verschnittene, der Kastrat\u2018 erinnert wird.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Hinweis zur Taufdebatte<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manche nehmen diese Stelle, um die Gl\u00e4ubigentaufe als Norm aus der Bibel zu beweisen. Man k\u00f6nne nur getauft werden, wenn man ausreichend unterwiesen wurde und seinen Glauben pers\u00f6nlich bekennen kann. Dar\u00fcber kann man mit Gr\u00fcnden diskutieren. Aber nicht mithilfe dieser Bibelstelle, denn sie hat die Frage Erwachsenen- oder S\u00e4uglingstaufe nicht im Blick. Damals gab es noch so wenige Christen, dass praktisch jeder, der Christ wurde, nicht aus einem christlichen Elternhaus kam. Es hat diese Geschichte nicht einmal interessiert, auf was f\u00fcr ein Glaubensbekenntnis der T\u00e4ufling getauft wurde. Erst in der \u00dcberlieferung kam ein Vers hinzu, der auch in der Luther-Bibel als Anmerkung mit abgedruckt ist: \u201eVers 37 findet sich nur in einigen Handschriften: \u00bbPhilippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, da\u00df Jesus Christus Gottes Sohn ist.\u00ab\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Finanzminister kommt zum Glauben | 6. So. n. Trinitatis | 07.07.2024 | Apg 8,26-39 | Hansj\u00f6rg Biener | Was Promis glauben&#8230; oder auch nicht, ist immer wieder Thema in Medien und Internet-Foren. Fu\u00dfballer, die bekennende Christen sind oder bekennende Muslime. Hollywood-Promis, die sich als Buddhisten bezeichnen, esoterischen Ideen folgen oder gar Scientology. 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