{"id":20073,"date":"2024-07-01T15:00:41","date_gmt":"2024-07-01T13:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20073"},"modified":"2024-07-04T15:30:36","modified_gmt":"2024-07-04T13:30:36","slug":"matthaeus-1816-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1816-26\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 18,16-26"},"content":{"rendered":"<h3>Vollkommenheit ist Sehnsucht nach dem Urspr\u00fcnglichen | 6. Sonntag nach Trinitatis | 07.07.2024 | Mt 18,16-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Peter Skov Jakobsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Sache mit dem Geld k\u00f6nnen wir heute nicht ignorieren. Da sind einige Wahrheiten, denen wir in die Augen sehen m\u00fcssen. Das h\u00f6chste Gesetz in der Wirtschaft ist, dass sich Geld gerne vermehren soll. Es muss Gewinn abwerfen. Geld kann f\u00fcr gute Zwecke ausgegeben werden, aber wahrlich auch f\u00fcr schlechte Dinge. Geld ist ohne Moral, und Geld stinkt nicht, das behauptete jedenfalls der r\u00f6mische Kaiser Vespasian, der Latrinenbesuche besteuerte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn aber Geld nicht stinkt, warum waschen wir es dann? Wir alle wissen auch, dass es gut schmiert, und gut f\u00e4hrt. Wir wissen sehr wohl, dass es \u00f6konomische Kriminalit\u00e4t gibt, und da ist Korruption und wartet darauf, dass es nicht ordentlich zugeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist Heuchelei. Geld und \u00d6konomie als etwas anzusehen, wof\u00fcr sich der nachdenkliche, ethische, geistige Mensch nicht interessieren sollte. Wir wissen ja alle, dass das ein verdammt gutes Bezahlungsmittel ist, und mit der \u00d6konomie schaffen wir M\u00f6glichkeiten f\u00fcr einander. Wenn es kein Geld gibt, herrschen Armut und Elend. Die \u00d6konomie kann den Menschen dienen, und sie schafft Gemeinschaft. Nur wenn der Mensch sich erlauben kann, morgen nein zu sagen, und wei\u00df, dass auch f\u00fcr den Tag danach gesorgt ist, braucht er sich nicht um das \u00dcberleben und die Freiheit zu sorgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es w\u00e4re leicht, der \u00d6konomie und dem Geld den R\u00fccken zuzukehren und zu meinen, dann sei alles in trockenen T\u00fcchern, aber wir sind gen\u00f6tigt, uns selbst zu fragen, ob es nicht unsere Pflicht ist, f\u00fcr eine ordentliche \u00d6konomie und f\u00fcr sichere Finanzen zu sorgen, wenn wir uns nicht einer unsch\u00f6nen Naivit\u00e4t \u00fcberlassen sollen, die im Grunde unseren Mitmenschen den R\u00fccken zukehrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen ja uns selbst fragen, wozu wir unsere Zeit verwenden. Herrscht das Geld \u00fcber uns oder machen wir uns dar\u00fcber Gedanken, wof\u00fcr wir das Geld verwenden? Wir m\u00fcssen auf den Menschen h\u00f6ren, der uns fragt, ob wir blo\u00df hohe Ideale der Mitmenschlichkeit und der Menschenrechte haben, oder unsere Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit auch in die Tat umsetzen. Dazu sind wir in unserem n\u00e4heren Umkreis als Europ\u00e4er verpflichtet. In unserem Alltag sind wir so eng verbunden mit einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6konomie als der lokalen Wirtschaft, dass wir den Mitmenschen nicht ignorieren k\u00f6nnen, der dazu beitr\u00e4gt, unseren Wohlstand zu sichern, und wer von \u00d6konomie spricht, muss auch von Gerechtigkeit, Ma\u00dfhalten, Weisheit und nicht zuletzt Liebe reden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Sache mit Geld und \u00d6konomie ist gar nicht so einfach. Der junge Mann, der damals herausgefordert wurde, verdr\u00fcckte sich \u2013 denn er war sehr reich!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht leicht, Privilegien zu teilen. Aber die Liebe lehrt uns, dass wir uns der Schwachen annehmen sollen. Wir m\u00fcssen uns in den schwierigen Raum gegeben, wo die Privilegien verteilt werden mit einem Bewusstsein davon, dass es alles \u00fcber unseren Charakter aussagt, ob wir Privilegien teilen k\u00f6nnen oder nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann steht da heute noch etwas anderes auf dem Spiel. Etwas, was genauso gef\u00e4hrlich ist. Etwas, was sich zu etwas ganz Schrecklichem entwickeln und das Leben unertr\u00e4glich, oberfl\u00e4chlich und selbstherrlich machen kann. Das ist die Frage nach der Vollkommenheit. Willst du das? Ich glaube, das ist eine Frage, mit der wir besonders sorgsam umgehen sollten. Vollkommenheit kann wie eine Drohung f\u00fcr das gute Leben wirken. Der Wunsch nach Vollkommenheit kann uns einschlie\u00dfen, indem wir uns an uns selbst berauschen in einer einsamen Weise. Sie kann uns von der \u00fcbrigen Menschheit isolieren und Beziehungen zerst\u00f6ren. Wenn nur Selbstbeobachtung und Selbstbewusstsein lebt, ohne Beziehung zum Mitmenschen und zu Gott, lebt man in einer Echo-Kammer, einem Ort ohne Verbl\u00fcffung und \u00dcberraschung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vollkommenheit \u2013 ich f\u00fcrchte, dass wir so gro\u00dfe Erwartungen hegen und dass diese Erwartungen Menschen in den Abgrund des Gef\u00fchls der Unzul\u00e4nglichkeit und der Scham treiben. Erst legen sich diese Gef\u00fchle auf den K\u00f6rper und machen stumm. Dann kommt die Scham, den Erwartungen anderer und den eigenen Erwartungen nicht gen\u00fcgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sollen wir die Vollkommenheit einfach aufgeben? Das k\u00f6nnen wir nicht. Vollkommenheit ist richtig betrachtet eine Sehnsucht nach dem Urspr\u00fcnglichen, dem Wahren. Das ist eine Sehnsucht, die leuchtet als Licht in der Finsternis. Eine Sehnsucht, die dem Schrecken mit Mut begegnet, der Monster-L\u00fcge mit Zutrauen und Wahrheit, die Hoffnung schafft in der Verzweiflung und die den Kampf aufnimmt mit den Langweilern und den Querulanten, die von ihren eigenen um sich selbst kreisenden Gedanken nicht loskommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vollkommenheit soll von verletzlichen Menschen getragen werden. Sie ist nicht die Antwort der von sich selbst imponierten Menschen auf Anklagen. Vielmehr wird der verletzliche Mensch befreit von Gottes Hoffnung, dass Gott uns mit einem Sch\u00f6pferwort und durch das Geschick Christi befreit aus dem Bannkreis der Selbstbezogenheit, der Bitterkeit und Einsamkeit. Gott nimmt sich unser an, und wir werden verwandelt, und das klingt verdichtet in dem Gedicht \u201eRomanische B\u00f6gen\u201c des schwedischen Dichters Tomas Trandstr\u00f6mer:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Romanische B\u00f6gen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Drinnen in der gro\u00dfen romanischen Kirche standen die Touristen eng im Halbdunkel.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>G\u00e4hnende W\u00f6lbungen und kein \u00dcberblick.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Einige Lichtflammen flackerten,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und fl\u00fcsterte durch den ganzen K\u00f6rper:<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eSch\u00e4me dich nicht, dass du ein Mensch bist, sei stolz!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>In dir \u00f6ffnet sich ein Gew\u00f6lbe \u00fcber dem Gew\u00f6lbe im Unendlichen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Du wirst nie fertig, und das ist so, wie es sein soll.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich war blind von Tr\u00e4nen<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und wurde auf die sonnen\u00fcberflutete Piazza geschoben<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Zusammen mit Mr. und Ms. Jones, Hr. Tanaka und Signora Sabatini<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und innen in ihnen allen \u00f6ffnete sich ein Gew\u00f6lbe nach dem anderen im Unendlichen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bischof Peter Skov-Jakobsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">N\u00f8rregade 11, DK-1165 K\u00f8benhavn K<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: pesj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vollkommenheit ist Sehnsucht nach dem Urspr\u00fcnglichen | 6. Sonntag nach Trinitatis | 07.07.2024 | Mt 18,16-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Peter Skov Jakobsen | Die Sache mit dem Geld k\u00f6nnen wir heute nicht ignorieren. Da sind einige Wahrheiten, denen wir in die Augen sehen m\u00fcssen. 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