{"id":2017,"date":"2020-03-04T16:12:21","date_gmt":"2020-03-04T15:12:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2017"},"modified":"2020-03-12T11:02:21","modified_gmt":"2020-03-12T10:02:21","slug":"heuwaegelchen-nur-die-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/heuwaegelchen-nur-die-ruhe\/","title":{"rendered":"Heuw\u00e4gelchen! Nur die Ruhe!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu R\u00f6mer 5,1-5, verfasst von Udo Schmitt | <\/strong><\/p>\n<p>Ein Arzt sagte neulich zu mir: So geht es nicht weiter. Da muss man etwas tun. Der Stress unter dem viele Leute heute stehen, macht die Leute krank. Die Angst um den Arbeitsplatz, &#8211; die Angst zur\u00fcckzufallen, abzusteigen \u2013 setzt Menschen unter Druck, macht ihnen Stress, bedr\u00e4ngt sie, beengt sie. Und das ist auf Dauer nicht gut f\u00fcr den K\u00f6rper, die Haut, den Magen, das Herz. Und nicht gut f\u00fcr die Seele. Manche reagieren, indem sie zu viel essen oder zu viel trinken &#8211; nachts schlecht schlafen oder einfach krank werden, weil ihnen ihr K\u00f6rper sagt: \u201eWenn du nicht die Bremse ziehst, tu ich es. Schluss jetzt! So geht es nicht weiter.\u201c Es gibt kein richtiges Leben im falschen.<\/p>\n<p>Ja wir leben in einer Zeit, in der alles schnell gehen muss. Schneller ist besser. Gilt dann auch: Noch schneller ist noch besser? Stimmt nicht! Ehrlich. Stimmt nicht. Aber sagen sie das mal jemandem. Manchmal kommt mir der Mensch in unserer Zeit vor wie ein pickliger Fahrsch\u00fcler, der zum ersten Mal auf der Autobahn f\u00e4hrt. Den ersten \u00fcberholt er mit 100, den zweiten mit 120, den dritten mit 130, den vierten mit 140 usw., bis die Kiste klappert und das Lenkrad wackelt. Und der arme kleine Sch\u00fcler schwitzt und \u00e4chzt: \u201eIch fahr aber nicht gern schnell!\u201c Aber was soll ich machen? Die anderen dr\u00e4ngen mich dazu.<\/p>\n<p>Das heute vieles einfacher und schneller geht als fr\u00fcher \u2013 keine Frage &#8211; das ist nat\u00fcrlich ein Vorteil. Wo fr\u00fcher viele H\u00e4nde helfen mussten, um ein Feld abzuernten, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, &#8211; das f\u00e4hrt der Bauer heute an einem Vormittag ein. Fortschritt durch Technik. Aber das meine ich nicht. Was ich meine ist die Ungeduld. Dieses schnell, schnell. Es gibt Leute, die stehen extra fr\u00fch auf, rappeln erst beim B\u00e4cker an der T\u00fcr, um Viertel vor sechs dann das Gleiche beim REWE und um halb sieben beim Fris\u00f6r, wieder rappeln sie an der verschlossenen T\u00fcr: \u201eWas denn? noch zu? Ich hab es aber eilig heute und muss schnell, schnell.\u201c Wohin eigentlich? Die sitzen doch um acht zu Hause und haben f\u00fcr den Rest des Tages nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p>Das ist unsere Zeit: Alles geht schneller und wir haben mehr Zeit als unsere Vorfahren. Doch paradoxerweise ist das unser Zeitgef\u00fchl: Wir haben (gef\u00fchlt) keine Zeit. Alles ist dr\u00e4ngend \u2013 alles ist dringend. Ich habe es immer dringend \u2013 und doch nie Ruh. Immerfort hetze ich \u2013 immerfort dr\u00e4ngele ich \u2013 immer in Eile, immer erreichbar \u2013 und hab ich kein Netz, dann quengele ich \u2013 f\u00fcrchte mich, f\u00fcrchte das Jetztgerade und, dass gerade jetzt etwas Wichtiges zu verpassen ist. Mein Dasein ist ein nicht ganz da sein, sondern immer weiter, weiter, weiter\u2026 doch wohin will ich eigentlich?<\/p>\n<p>Bedr\u00e4ngnis bringt Geduld. Schreibt Paulus. Im Gottesdienstteam haben wir gestutzt. Wieso? Und: Wie das denn? Nun vielleicht so: Ich muss mich nicht anstecken lassen von der Hektik und dem Stress. Ich kann auch anders &#8211; auf Bedr\u00e4ngnis reagieren. Gelassener, geduldiger: Jetzt erst mal ganz langsam. \u201eHeuw\u00e4gelchen!\u201c, wie meine Oma immer sagte. Ganz langsam. Hast und Eile ist keine christliche Tugend \u2013 Geduld schon. Ich sehe es manchmal auch bei meinem Sohn. Wenn da was nicht sofort klappt, schmei\u00dft er gleich die Flinte ins Korn. Und ich erinnere mich: Du warst einmal ganz \u00e4hnlich. Genauso ungeduldig. Hast schnell aufgegeben. Heute, wei\u00dft du: Geduld zahlt sich aus. Manchmal muss man etwas zwei oder dreimal versuchen, bevor es klappt. Und wenn ich dann mit 30 Km\/h durchs Dorf tuckere, weil da eben ein 30er Schild ist, und mir von hinten wieder ein \u2026 (ein Verkehrspartner aus dem Nachbarkreis) den Kofferraum ausleuchtet, denke ich: Lass dich nicht bedr\u00e4ngen. \u201eDu lass dich nicht verh\u00e4rten in dieser harten Zeit\u201c, sang einst Biermann. Du lass dich nicht bedr\u00e4ngen, in dieser bedr\u00e4ngten Zeit, denke ich mir. Denn es ist meine Zeit. Mein Leben.<\/p>\n<p>Bedr\u00e4ngnis bringt Geduld. Geduld aber Bew\u00e4hrung, Bew\u00e4hrung aber Hoffnung. Wer Bedr\u00e4ngnis erfahren und \u00fcberstanden hat, hat mehr Verst\u00e4ndnis. Manch einer, der selbst Leid erfahren hat, wird dadurch empfindlich f\u00fcr das Leiden anderer. Der wird \u00fcber den Kranken nicht denken: Der stellt sich ja nur an. Der wird \u00fcber die Arbeitslosen nicht sagen, sie seien ja nur faul und bek\u00e4men viel zu viel. Der wird \u00fcber die Fl\u00fcchtlingsfamilie nicht b\u00f6swillig behaupten, sie wollten ja nur unser Geld.<\/p>\n<p>Manch einer, der lockere Reden schwingt, hat selber nie hart arbeiten m\u00fcssen, und wei\u00df auch nicht wie es ist zu leiden &#8211; unter Verfolgung und Gewalt. Oder hat vergessen, dass die eigenen Gro\u00dfeltern und Eltern damals zu Fu\u00df \u00fcbers Eis gelaufen sind, auf der Flucht vor den Russen. Auch sie wurden damals verachtet und beschimpft als Kartoffelk\u00e4fer und Rucksackdeutsche, die hier im Westen keiner brauche und wolle. Seltsam \u2013 wie schnell wir das Leid vergessen, wenn es nur schon eine Weile her ist und uns nicht mehr betrifft.<\/p>\n<p>Wer Bedr\u00e4ngnis und Bew\u00e4hrung erfahren hat \u2013 und sich auch daran erinnern l\u00e4sst, so wie wir von Paulus hier \u2013, erkennt, welche Chance darin liegt: Bedr\u00e4ngnis bringt Geduld, Bew\u00e4hrung gibt Hoffnung. Hoffnung aber l\u00e4sst nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.<\/p>\n<p>Geduld und Hoffnung und Liebe. Daran sollen wir uns erinnern. Darin sollen wir uns \u00fcben. Gerade jetzt in der Passionszeit. Die Zeit des Leidens. Wir halten die Erinnerung daran wach, um nicht verh\u00e4rtet zu werden angesichts der vielen schrecklichen Bilder. Um empfindsam zu bleiben f\u00fcr das Leiden, das eigene und das der anderen. Passion \u2013 Leiden und Leidenschaft. Die Erinnerung daran, dass auch unser Herr Jesus Christus erfahren hat, was es hei\u00dft zu leiden. Was Bedr\u00e4ngnis ist. Von der Versuchung in der W\u00fcste bis zur Verzweiflung in Gethsemane und der Verspottung und Verurteilung.<\/p>\n<p>Unser Gott kennt das, versteht das. Wei\u00df, wie schwer es manchmal ist, ein Mensch zu sein, und wie sehr wir manchmal leiden. An uns, an den anderen Menschen und an der Welt. Weil sie so ist, wie sie ist. Wir wissen, dass er es wei\u00df. Und darum gilt: Wir sind bedr\u00e4ngt, doch er gibt uns Geduld. Wir haben uns bew\u00e4hrt, denn er ist unsere Hoffnung. Die Welt dr\u00e4ngt weiter \u2013 auf den Abgrund zu, denn sie wissen nicht, was sie tun. Die Welt dr\u00e4ngt auch uns. Aber wir sind im Frieden und in guter Ruh. Egal, was sie sagen, egal, was sie tun. Denn der Geist und die Liebe Gottes sind ausgegossen in unsere Herzen. Darum verzagen wir nicht und bewahren guten Mut. Komme was da kommen mag. Wir sind nicht allein.<\/p>\n<p>Gott sei Dank!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>Zum Eingang: \u201eHerr, st\u00e4rke mich, dein Leiden zu bedenken\u201c (EG 91),<\/p>\n<p>Lied zum Evangelium: \u201eLicht, das in die Welt gekommen\u201c (EG 552),<\/p>\n<p>Lied nach der Predigt: \u201eDa wohnt ein Sehnen tief in uns\u201c (HuE 209),<br \/>\noder: \u201eIch m\u00f6chte, dass einer mit mir geht\u201c (EG 209),<\/p>\n<p>Zum Schluss: \u201eUnfriede herrscht auf Erden\u201c (EG RWL 671).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu R\u00f6mer 5,1-5, verfasst von Udo Schmitt | Ein Arzt sagte neulich zu mir: So geht es nicht weiter. 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