{"id":20171,"date":"2024-08-07T09:34:27","date_gmt":"2024-08-07T07:34:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20171"},"modified":"2024-08-07T09:40:07","modified_gmt":"2024-08-07T07:40:07","slug":"galater-216-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/galater-216-21\/","title":{"rendered":"Galater 2,16-21"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Mit Christus an den Strand | 11. Sonntag nach Trinitatis | 11.08.2024 | Gal 2,16-21 | Ralf Reuter |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Sonne und das Meer, die ewige Melodie des Windes mit den Wellen, es ist so zauberhaft im Sommer. Morgens sind wir fast alleine am Strand, die Liege weit zur\u00fcckgezogen, genie\u00dfen die milchige Stille der Bucht. Noch ist das Wasser ganz ruhig, wie ein Teppich ausgebreitet bis zum Horizont. Mittags dann, nach dem Trubel der angekommenen Familien, geht es zum Essen. Einfach, etwas Fisch und Salat, ein Glas vin blanc, vom Tisch ist der Blick h\u00f6her, weiter, nimmt die Boote immer wieder kurz in den Blick. Der lange Nachmittag ohne Programm, einfach liegen, d\u00f6sen, lesen. Die Strandlekt\u00fcre zieht sich, die Empfehlungen der Sommerromane sind gut, vier B\u00fccher in sechs Tagen. Jetzt beginnt das Meer zu erwachen, sp\u00fclen die Wellen bis zu den Sandalen unter der Liege. Noch ein Schweppes mit Eis und Zitrone, die blaue Stunde ist jeden Tag anders, dann wieder der Aufbruch zur Unterkunft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Ernsthaft habe ich mich dort, im v\u00f6lligen Runterkommen vom Alltag, nach dem Sinn dieses Paulussatzes gefragt. Mich, der ich mit allen Sinnen am Strand liege und ausspanne, und zugleich mit Christus in mir daliege und mich am Leben freue. Es ist ein angenehmes Gef\u00fchl, fast so, als sei er immer schon in mir. Wie wollte man in der Sch\u00f6pfung Gottes als sein Gesch\u00f6pf denn ohne den Himmel leben? W\u00e4re er nicht in mir, bef\u00e4nde ich mich in einem ganz profanen Urlaub ohne allen spirituellen Bezug. Das w\u00e4re m\u00f6glich, aber kein guter Gedanke f\u00fcr mich. Habe ich schon dieses eine Leben, mit all seinen Aufgaben, wo mir viel zugemutet wird, die Zukunft unsicher ist, so will ich es doch mit diesem Christus leben, der selbst von den Toten auferweckt wurde. Will selber immer wieder auferstehen in Hoffnung und Mut, in Tatkraft, Einsatz und Geduld.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So fahre ich einmal im Jahr an den Strand. Werde einmal von den Wellen leergesp\u00fclt, innerlich und \u00e4u\u00dferlich runtergefahren, auch geistlich arm gemacht. Diese Erfahrung ist nicht an das Meer gebunden, auch nicht unbedingt an Geld oder einer b\u00fcrgerlichen Existenz. Menschen erleben dieses in Kirchen, im fast teilnahmslosen Sitzen auf einer leeren Bank. Auch im Kloster, in Retraiten und Klausuren, und auf Pilgertouren. Mit Christus im Wald, auf dem Berg, und manche selbst, fast unvorstellbar, im Trubel von St\u00e4dten. Untersch\u00e4tzen wir hier nicht die Alltagsspiritualit\u00e4t. F\u00fcr kirchennahe oder im geistlichen Dienst Stehende kann es ungleich schwerer werden, sich einfach dem Himmel hinzugeben und neu f\u00fcllen zu lassen. Diese tiefsitzenden Fragen, ob und wie das \u00fcberhaupt mit Christus in mir gehen kann. Ist er nicht im Himmel, den ich mir hier auf Erden immer wieder verdienen muss? Und ich liege faul am Strand und lasse die Seele baumeln!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch vorsichtig, was passiert da eigentlich am Strand? Hat Glaube nicht etwas zu tun mit der immerw\u00e4hrenden Brise des himmlischen Atems? Wo Gott durch das Meer ein- und ausatmet, mir die Lungen f\u00fcllt mit den Geschichten von Jesus von Nazareth. Er, der oft genug am See sa\u00df, sich zur\u00fcckzog und dann um so wirkungsm\u00e4chtiger zur\u00fcckkehrte, den Menschen von der Liebe Gottes erz\u00e4hlte, sie heilte, ihnen Zukunft gab. Ist er mir nicht l\u00e4ngst zum Christus geworden? So leicht ein Urlaubsmorgen auch daherkommt, so unverzichtbar, ja so elementar darin schon verankert ist Christus. Er holt mich aus meinem Hamsterrad des Verwirklichens heraus, dieser Abh\u00e4ngigkeit von meinen Leistungen. Durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht, sagt Paulus. Identit\u00e4t, ein schwieriges Wort, es hat mit einem lebendigen Austausch mit Christus zu tun. Er in mir und ich in ihm, wie Luther meint. Oder wie der Inselpastor schon vor Jahren sagte: Hier wirst du wieder geeicht und zurechtgebracht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klar muss ich etwas leisten, ein ewiger Urlaub ist sicher ein vertanes Leben. Er kann nur so etwas im Rhythmus des Jahres wie der Sonntag f\u00fcr die Wochentage sein. Da spielt die Orgel den Wind zu, rauschen die Lieder wie Wellen heran, und im Hineintauchen in die g\u00f6ttlichen Worte werden unsere gegenw\u00e4rtigen Geschichten ausgewaschen und frisch eingesalzen, die Woche kann beginnen. Hier nun, aufs Jahr gesehen, ist Urlaub, Ausspannen, Erholen ebenso religi\u00f6s, noch nachhaltiger, etwas, das auch Glaubende brauchen, all das geistige und kirchliche K\u00f6nnen dahingeben und sich von Gott himmlisch aufspielen lassen. Inmitten der Badenden und Sonnenanbeterinnen ist es einmal nicht der Kopf, sondern die eigene Haut, \u00fcber die sich ein Erneuern des Glaubens vollzieht. K\u00f6nnten wir doch leiblich auf Christus vertrauen, wir w\u00fcrden von ihm her gew\u00e4rmt und aktiviert f\u00fcr den Dienst in der Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Niemals ist ein geistlich verstandener Urlaub ein Reparaturbetrieb f\u00fcr abgearbeitete Menschen. Diese Stunden, frei von jeder durchgeplanten Bildungsexistenz, sind immer auch Krisis. Hier gleichen wir den Segelbooten auf dem Wasser, die sich in ihrem Wippen und Schwingen ihrer fragilen Existenz bewusstwerden, ihrer Ungewissheit, ob sie je einen sicheren Hafen erreichen. Da ist das Hoffen und Beten zu lernen, das Durchstehen bis zum Mittag, und am Abend den Tag in Gottes H\u00e4nde zur\u00fcckgeben. Oft fallen im Urlaub Entscheidungen, die lange vorher schon angelegt sind. Anderen wird am Meer klar, was sie zuk\u00fcnftig lassen werden. Im Rauschen der Wellen fl\u00fcstert uns Gott seine Absichten zu. Immer gilt es, seinem einzigartigen Sch\u00f6pfungsentwurf auf die Spur zu kommen, sich wieder einzufinden in Annahme, Barmherzigkeit, Heilbleiben in Krankheiten und Abschieden, Ehrlichkeit, Menschenfreundlichkeit. Genau dazu braucht es verbummelte Nachmittage, das Liegen und D\u00f6sen, das lockere Bl\u00e4ttern und Lesen in den Romanen des Sommers.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Tage im Urlaub, mit Christus am Strand, sie wirken nach. Nat\u00fcrlich bin ich versucht zu fragen, wann es den letzten faulen Tag gegeben hat, ohne Plan, ohne Handy, im Gras liegend, v\u00f6llig frei und losgel\u00f6st. Es k\u00f6nnte der letzte Glaubenstag gewesen sein, von dir selber frei geworden und von Christus aufgef\u00fcllt. Nur wenn das auch zuhause weiter einge\u00fcbt wird, zumindest einen Nachmittag im normalen Leben, so wage ich vorauszusagen, bleibt Christus wirklich in dir. Ich jedenfalls m\u00f6chte mich lange erinnern an die Tage am Meer und sie mitnehmen in meinen Alltag. War ich nun mit Caspar David Friedrich ein M\u00f6nch am Meer, sah ich die Trinit\u00e4t von Land, Wasser und Himmel in einem Bild gar dreifach \u00fcbereinander wie William Turner in seinen Three Seacapes? Ich wei\u00df es nicht, es ist auch egal. Niemals kann ich die Vielfalt der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung und Erhaltung wirklich erfassen, ich bin und bleibe Christ in der Entwicklung, Grenzg\u00e4nger zwischen Himmel und Erde, Mitgenommener auf dem gro\u00dfen Weg in die Ewigkeit. Es ist unendlich sch\u00f6n, dieses Leben, dieses mit Christus an den Strand gehen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Ralf Reuter<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">G\u00f6ttingen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:Ralf.Reuter@evlka.de\">Ralf.Reuter@evlka.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor der Ev.-luth. Weststadt-Kirchengemeinde G\u00f6ttingen sowie in den G\u00f6ttinger Westd\u00f6rfern und in der Region G\u00f6ttingen-West, an einigen Urlaubstagen im Jahr auch Leitung von Retraiten und Klausuren f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft im Kloster Loccum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sollte es von Interesse sein, sind hier die vier von der ZEIT empfohlenen B\u00fccher, in der Reihenfolge, die ich am Strand gelesen habe: Alex Capus, Das kleine Haus am Sonnenhang; Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez, Wir sehen uns im August; Anna Katharina Fr\u00f6hlich, Die Yacht. Eine Sommernovelle und Jacob Augstein, Die Farbe des Feuers.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Christus an den Strand | 11. Sonntag nach Trinitatis | 11.08.2024 | Gal 2,16-21 | Ralf Reuter | Die Sonne und das Meer, die ewige Melodie des Windes mit den Wellen, es ist so zauberhaft im Sommer. 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