{"id":20184,"date":"2024-08-07T09:00:46","date_gmt":"2024-08-07T07:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20184"},"modified":"2024-08-07T10:33:38","modified_gmt":"2024-08-07T08:33:38","slug":"lukas-736-50-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-736-50-9\/","title":{"rendered":"Lukas 7,36-50"},"content":{"rendered":"<h3>Liebkosungen am helllichten Tag | 11. Sonntag nach Trinitatis | Lk 7,36-50 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da ist so viel bei Solveig, was anders ist. Vielleicht weil sie einmal in Amerika gewohnt hat. Sie f\u00f6hnt das Haar ihres Sohnes. Sie streicht ihr Tochter \u00fcber die Wange. Sie \u00fcbersch\u00fcttet sie mit L\u00e4cheln und guten Worten. In dem Buch des schwedischen Autors G\u00f6ran Tunstr\u00f6m <em>Das Weihnachtsoratorium (Solveigs Verm\u00e4chtnis)<\/em> ist sie auffallend gro\u00dfz\u00fcgig mit Liebkosungen, die man sonst auf dem Lande in Schweden fr\u00fcher in den 30er Jahren nicht kennt. Ganz zu schweigen von K\u00fcssen. Da ist Solveig in der Tat eine Pionierin, steht da. Pl\u00f6tzlich eines Tages drau\u00dfen auf dem Felde kommt sie und umarmt ihren Mann und k\u00fcsst ihn auf den Mund. Mitten in der Arbeitszeit, am helllichten Tage, w\u00e4hrend die Nachbaren verwundert dastehen und zuschauen. Das tut man also nicht dort in dieser Gegend im Jahre 1932! Und der Mann windet sich denn auch etwas verlegen aus den Armen seiner Frau und sagt: Das kommt aus Amerika. Und das wird dann zu einer festen Redensart in der Gegend, wenn Leute Lust haben, einander am helllichten Tag zu k\u00fcssen. Das kommt aus Amerika, sagen sie dann. Als Solveig allzu fr\u00fch stirbt und ihr Mann aus dem Hof wegziehen muss, ist es dies, woran sie sich erinnern, als er kommt, um sich zu verabschieden: Wie sie dort stand, hell erleuchtet im Schein der Sonne, mit den Armen um den Hals ihres Mannes, wie sie ihn an einem ganz gew\u00f6hnlichen Vormittag k\u00fcsst. Der Nachbar steht und schluchzt, aber die Erinnerung ruft ein blasses L\u00e4cheln in ihm hervor, und l\u00e4sst auch uns l\u00e4cheln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn wir wissen es sehr wohl. Es geschieht auch in unserem Leben, dass man einen anderen Menschen so liebgewinnt, dass man sich nicht darum schert, ob das, was man tut, der guten Sitte entspricht. Ob alle anderen meinen, dass es angebracht ist. In gl\u00fccklichen Augenblicken vergisst man einfach sich selbst und was f\u00fcr einen Eindruck man macht. Man hat nur einen Blick f\u00fcr den Mann, das Kind, die Frau, den Freund, die man liebhat. Und man hat nur ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Freude, die dieser Mensch bereitet. Das muss und soll zum Ausdruck kommen! Das \u00fcberw\u00e4ltigt einen und verursacht L\u00e4cheln oder Tr\u00e4nen, Worte, die man normalerweise nicht verwendet, mit Umarmungen, Liebkosungen oder K\u00fcssen \u2013 am helllichten Tag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder mit \u00d6l, das nach Myrre duftet. Denn dies geschieht im heutigen Evangelium. Simon und die Pharis\u00e4er k\u00f6nnen hier nur einen peinlichen Auftritt sehen. Eine Frau, die sich aufdr\u00e4ngt mitten in der guten Gesellschaft und das gelehrte Gespr\u00e4ch verstummen l\u00e4sst durch K\u00fcsse und Liebeszeichen, \u00d6l und Tr\u00e4nen, die flie\u00dfen, Gef\u00fchle und K\u00f6rperlichkeit, die \u00fcber alles Ma\u00df hinausgehen. Das kennen wir hier in der Gegend nicht! Jedenfalls nicht am helllichten Tag. Und schon gar nicht, wenn es eine solche Frau ist. Jesus sieht jedoch etwas anderes als das, was Simon und die Pharis\u00e4er sehen. Er sieht die Freude, die die Frau \u00fcberw\u00e4ltigt, die Liebe, die ihren Ausdruck finden muss und soll, ganz gleich was guter Geschmack ist und allgemeine Sitte. Hingabe k\u00f6nnte man das auch nennen, wenn man sich selbst hingibt und sein Herz \u00f6ffnet, weil man nur an einen anderen denkt und ihn im Blick hat. Im Gegensatz zu dem Vorbehalt, mit dem Simon Jesus begegnet. Denn er l\u00e4sst ihn zwar in seine gute Stube hinein. Aber er gibt ihm nicht einen Kuss oder Wasser oder \u00d6l zur Begr\u00fc\u00dfung, wie man dies tut, wenn man einen Gast empf\u00e4ngt, den man gernhat. Und er sagt nicht, was er denkt, fragt nicht, wagt sich nicht hervor. Er beobachtet, beurteilt, wertet seinen Gast \u2013 und geht auf Distanz. Simon will nichts anbrennen lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ganz anders die Frau, deren ganzes Leben auf dem Spiel steht. Mit dem Gleichnis von dem Geldverleiher, der zwei Schuldigern ihre Schuld erl\u00e4sst, deutet Jesus sowohl ihr \u00fcberschw\u00e4ngliches Auftreten als auch die Vorbehalte Simons. Er l\u00e4sst zudem Simon selbst die Schlussfolgerung ziehen: Dass der, dem die gr\u00f6\u00dfte Schuld erlassen ist, nat\u00fcrlich auch am meisten liebt. Die Frau liebt, wie sie es tut, mit K\u00fcssen und Z\u00e4rtlichkeiten und Tr\u00e4nen und \u00d6l, weil sie in Jesus einer Barmherzigkeit begegnet ist, die nicht nur einzelne Verfehlungen \u00fcberdeckt, die sie begangen hat, sondern ihr ganzes Leben. Sie handelt in so vollkommener Hingabe, weil sie in seinen Augen eine Akzeptanz gesehen hat, der sie in keinem anderen Blick begegnet ist, und schon gar nicht in den herabw\u00fcrdigenden Blicken um den Tisch. Sie findet, dass sie den K\u00f6rper und das Leben missbraucht hat, die sie bekommen hat, und doch hat sie in seiner Stimme geh\u00f6rt, dass sie geliebt ist, dass ihr vergeben ist, befreit zu einem neuen Leben. Deshalb \u00fcberw\u00e4ltigt sie die Liebe und die Freude. Deshalb verschwendet sie das \u00d6l und beugt sich sogar nieder, um seine F\u00fc\u00dfe mit ihrem Haar zu trocknen. Ihre Dankbarkeit kennt keine Grenzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir begegnen derselben Barmherzigkeit jedes Mal, wenn wir hier in die Kirche kommen. Eine Barmherzigkeit, die nicht nur einzelne Verfehlungen \u00fcberdeckt, die wir begangen haben, sondern unser ganzes Leben und alles, woran wir zu tragen haben, was nicht so wurde, wie es h\u00e4tte sein sollen. Das verbirgt er in seiner Liebe. Oder mit den Worten des Psalms gesagt: Er verb\u00fcrgt uns in seiner Liebe. So wie er kam ins Haus des Simon damals vor langer Zeit, kommt er heute in dieses Haus. Wir k\u00f6nnen ihn nicht sehen, aber wir k\u00f6nnen h\u00f6ren, dass er dasselbe sagt, was er zu der Frau sagte, die ihr Leben missbraucht hatte: Deine S\u00fcnden sind dir vergeben. Gehe hin in Frieden. Das eben ist es, was er uns und unseren Kindern sagt, wenn wir die Taufe und Abendmahl feiern. Da ist dann die Frage, ob wir reagieren wie Simon, reserviert sind, werten, beurteilen, Abstand halten, weil wir nicht meinen, etwas schuldig geblieben zu sein, das uns vergeben werden m\u00fcsste. Oder ob wir uns selbst in der Stimme wiederfinden, die uns dazu befreit, neu zu beginnen, und in dem Blick, der uns sieht als geliebte Menschen trotz allem, was wir vertan haben und bereuen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Frau kam mit duftendem \u00d6l. Die Lieder, die wir h\u00f6ren und singen, sind das \u00d6l, mit dem wir ihm heute danken. Wie der Duft sich damals vor langer Zeit in dem Hause ausbreitete als merkbarer Ausdruck f\u00fcr Hingabe und Freude, so breitet sich der Klang der T\u00f6ne und der Stimmen in diesem Haus an diesem Tag aus, w\u00e4hrend sie zum Himmel steigen als ein genauso sp\u00fcrbarer Ausdruck f\u00fcr genau dasselbe. Und kommt die Freude des Herzens nicht von allein, wird sie vielleicht hervorgerufen und verst\u00e4rkt von der Sch\u00f6nheit, die unsere Ohren erreicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Frau kam auch mit Liebkosungen, genauso \u00fcberrumpelnd und \u00fcberschw\u00e4nglich wie die von Solveig an jenem Sommertag in Schweden. Wenn die Freude uns \u00fcberw\u00e4ltigt, sollen wir unsere Liebkosungen f\u00fcreinander verwenden. Geht hin im Frieden und seid gro\u00dfz\u00fcgig mit Liebkosungen und milden Worten, helfenden H\u00e4nden und K\u00fcssen \u2013 auch am helllichten Tag. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebkosungen am helllichten Tag | 11. Sonntag nach Trinitatis | Lk 7,36-50 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen | Da ist so viel bei Solveig, was anders ist. Vielleicht weil sie einmal in Amerika gewohnt hat. Sie f\u00f6hnt das Haar ihres Sohnes. Sie streicht ihr Tochter \u00fcber die Wange. 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