{"id":20216,"date":"2024-08-19T19:54:48","date_gmt":"2024-08-19T17:54:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20216"},"modified":"2024-08-19T19:54:48","modified_gmt":"2024-08-19T17:54:48","slug":"levitikus-191-3-13-14-33-34","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/levitikus-191-3-13-14-33-34\/","title":{"rendered":"Levitikus 19,1-3.13-14.33-34"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">\u00abMer s\u00f6tt\u00bb (Man sollte) | 13. Sonntag nach Trinitaris | 25.08.2024 | 3. Mose 19,1-3.13-14.33-34 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott sprach mit Mose und forderte ihn auf, mit den Israelit:innen zu reden und ihnen auszurichten: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig. Ich bin der Herr, euer Gott. Jeder soll seinen Eltern mit Ehrfurcht begegnen, seiner Mutter und seinem Vater. Ausserdem sollt ihr den Sabbat einhalten. Ich bin der Herr, Euer Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Du sollst deinen N\u00e4chsten nicht unterdr\u00fccken und nicht ausbeuten. Den Lohn des Tagl\u00f6hners sollst zu gleich auszahlen und nicht bis zum n\u00e4chsten Morgen behalten. Du sollst Tauben nicht mit Worten schaden. Du sollst Blinden kein Hindernis in den Weg legen. Und du sollst Ehrfurcht haben vor deinem Gott. Ich bin der Herr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ihr in eurem Land seid und ein Fremder bei euch lebt, sollt ihr ihn nicht unterdr\u00fccken. Wie einen Einheimischen sollt ihr ihn ansehen. Du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn in \u00c4gypten seid Ihr Fremde gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich soll, du sollst, sie soll, wir sollen, ihr sollt, sie sollen\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am liebsten habe ich eigentlich: \u00abMer s\u00f6tt\u00bb wie wir im Schweizerdeutschen gerne sagen (zu Deutsch: man sollte). Da kann ich mich raushalten, \u00abmer\u00bb (\u00abman\u00bb) ist so sch\u00f6n allgemein, da k\u00f6nnte ich dazugeh\u00f6ren oder auch nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abSollen\u00bb ist ja sowieso etwas Spannendes: nicht \u00abm\u00fcssen\u00bb, aber auch mehr als \u00abd\u00fcrfen\u00bb. Keine Einladung, mehr eine Aufforderung. Ich kann immer noch entscheiden, ob ich etwas tue oder nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotzdem wecken all diese Aufforderungen, jedes dieser \u00abDu sollst\u00bb eine kleine Rebellion in mir aus. Zumal sie aus der damaligen Zeit stammen: die Altersvorsorge f\u00fcr die Eltern, der Sabbat als Ruhetag, das Auszahlen von Tagl\u00f6hnern, der Umgang mit beeintr\u00e4chtigen Menschen und Fremden, das ist heute doch ein ganz anderes Thema. Da kann ich doch die damalige Situation nicht mit heute vergleichen! Obwohl die Themen sich eigentlich noch gleichen. Auch wir m\u00fcssen die Altersvorsorge diskutieren, die Gleichwertigkeit aller Menschen f\u00f6rdern und sehnen uns nach Gerechtigkeit am Arbeitsplatz und Ruheoasen im Alltagstrubel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was soll bei uns gelten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schon wieder \u00absoll\u00bb. Nicht \u00abmuss\u00bb &#8211; das erledigen die Gesetze. Auch nicht \u00abdarf\u00bb, das geh\u00f6rt heute wohl in den individuellen Bereich jeder einzelnen Person. Was \u00absoll\u00bb unter uns, in unserem Zusammenleben gelten? Ethisch, moralisch und auch religi\u00f6s. Eine schwierige Frage in einer so individualisierten Zeit. Finden wir uns \u00fcberhaupt noch? Immer \u00f6fter begegne ich Menschen, die f\u00fcr mich Selbstverst\u00e4ndliches in keiner Weise selbstverst\u00e4ndlich finden. Der moderne Mensch bewegt sich in seiner \u00abbubble\u00bb und kommt kaum in Ber\u00fchrung mit anderem. Dadurch \u00fcben wir kaum mehr, uns auf andere einzulassen, uns mit dem Fremden zu besch\u00e4ftigen und die Welt in ihrer Vielfalt anzuerkennen. Hilft da ein \u00abDu sollst\u00bb? Helfen da Anweisungen wie die im Buch Levitikus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Kapitel 19 wird in der Literatur oft als \u00abHeiligkeitsgesetz\u00bb bezeichnet. So steht es ja auch im Vers 2: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dem m\u00f6chte ich auf die Spur gehen, diesem Heilig-Sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Hebr\u00e4ischen finden wir das Wort \u00abkadosch\u00bb f\u00fcr heilig. Es bedeutet w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt \u00abaussondern, scheiden, trennen\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heilig ist also, was abgetrennt ist, was ausgesondert wird \u2013 aus einem bestimmten Grund. Zum Beispiel gibt es heilige, also abgesonderte Orte f\u00fcr den kultischen Gebrauch. In vielen Religionen wird dieses Abtrennen dadurch deutlich gemacht, dass ich mich besonders anziehe, rituelle Waschungen durchf\u00fchre oder andere Vorbereitungen t\u00e4tige, bevor ich den heiligen Bereich betrete. Ich stelle mich darauf ein, in die g\u00f6ttliche Sph\u00e4re einzutreten. Gegenst\u00e4nde werden durch besondere Zeremonie geweiht und geh\u00f6ren dann nicht mehr zum normalen Alltag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich als Reformierte ist das fremd, das gebe ich zu. Gut, manchmal sp\u00fcre ich etwas von der Heiligkeit, wenn ich einen solchen Orte betrete oder auch ein Ritual miterlebe, aber sonst bin ich eben wirklich reformiert und die Kirche ist ein Versammlungsraum und das Abendmahlsbrot ist von unserer B\u00e4ckerin gebacken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt kommt\u00b4s\u2026 Heilige Menschen. Ich werde misstrauisch. Wie k\u00f6nnen Menschen heilig sein? Zur Sph\u00e4re des G\u00f6ttlichen geh\u00f6ren? Abgehoben \u00fcber den anderen? Nein, daran glaube ich nicht. Die Gleichwertigkeit aller Menschen ist mir ein grosses Anliegen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber da steht\u00b4s: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nochmals von vorne: Kadosch heisst urspr\u00fcnglich \u00abaussondern, unterscheiden, trennen\u00bb<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich betrachte meine Alltagssprache unter diesem Gesichtspunkt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Kaffeepause am Donnerstagmorgen im Team ist mir heilig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meiner Familie ist der gemeinsame Gottesdienstbesuch am Heiligabend heilig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meiner Freundin ist unser j\u00e4hrlicher Zoobesuch heilig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das sind nicht wirklich \u00abheilige\u00bb Dinge, aber sie f\u00fchren mich auf eine Spur: Heilig zu leben, bedeutet, mich zu \u00f6ffnen und ber\u00fchren zu lassen, das, was ist, zu etwas Besonderem zu machen. Wenn ich eine Erfahrung von den anderen aussondere, dann wird sie besonders.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich zum Beispiel den Sonntag von den Werktagen abgrenze, ihn aussondere und anders f\u00fclle, wird er ein besonderer Tag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder wenn ich durch die Heirat diese eine Beziehung zu meinen Mann von den vorangegangenen, unverbindlicheren abtrenne, gebe ich allen zu verstehen: Sie ist besonders, sie ist mir heilig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heilig zu leben erfordert also den Prozess des Aussortierens und Trennens, denn alles ist nicht heilig, kann nicht heilig sein, sonst ist es nichts Besonderes mehr. Heilig zu leben, heisst, genau im Allt\u00e4glichen das Besondere zu sehen, zu sp\u00fcren und zu leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun gut, ich komme dem \u00abheilig\u00bb langsam auf die Spur, aber ich bin erst beim \u00abaussondern\u00bb, mit der g\u00f6ttlichen Sph\u00e4re hat das alles noch nicht viel zu tun, oder? Im R\u00f6merbrief ist die Heiligkeit eine Gabe des g\u00f6ttlichen Geistes. Alle Glaubenden haben sie erhalten, sie sind berufen dazu, heilig zu sein \u2013 durch den Geist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihr sollt heilig sein, denn ich bin es.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Aufforderung beinhaltet auch eine Gabe, ein Geschenk. Zuerst ist da Gottes Heiligkeit \u2013 in der Welt verk\u00f6rpert in Jesus Christus und in uns allen. Heiligkeit kommt aus der Tiefe der menschlichen Seele, aus der Ber\u00fchrung des G\u00f6ttlichen in unserem Innersten. Und von dort entfaltet sie sich, wenn wir es zulassen, wenn wir uns dem Besonderen in unserem Leben \u00f6ffnen. Heiligkeit ist kein Selbstzweck, sondern ein Geschenk an die Welt. Sie \u00f6ffnet mich hin zu dieser Welt, sie \u00f6ffnet mich im Gegen\u00fcber zu Menschen, die mir fremd sind. Sie \u00f6ffnet mich f\u00fcr die Besonderheiten, die das Leben beinhaltet. Sie \u00f6ffnet mich hin zu einem tiefen Respekt gegen\u00fcber allen, denen ich begegne. Gottes Kraft kann verwandeln, daran glaube ich. Und sie wirkt im Zwischenmenschlichen, sie bewirkt etwas Heiliges, wenn wir uns begegnen, wenn wir uns lieben, wenn wir uns verbunden f\u00fchlen, wenn wir Grenzen, Mauern, Gewalt \u00fcberwinden. Das ist ein ganz anders Gef\u00fchl als \u00abmer s\u00f6tt\u00bb (\u00abman sollte\u00bb), auch wenn dieses Sollen in einer Gesellschaft durchaus seinen Wert hat. Schliesslich brauchen wir neben den Gesetzen auch ethische Richtlinien, die f\u00fcr uns alle gelten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abMer s\u00f6tt\u00bb (Man sollte) | 13. Sonntag nach Trinitaris | 25.08.2024 | 3. Mose 19,1-3.13-14.33-34 | Nadja Papis | Gott sprach mit Mose und forderte ihn auf, mit den Israelit:innen zu reden und ihnen auszurichten: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig. Ich bin der Herr, euer Gott. 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