{"id":20231,"date":"2024-08-27T17:06:33","date_gmt":"2024-08-27T15:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20231"},"modified":"2024-08-27T17:06:33","modified_gmt":"2024-08-27T15:06:33","slug":"roemer-814-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-814-17-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8,14-17"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Lasst euch treiben, nicht antreiben. | 14. Sonntag nach Trinitatis | 01.09.2024 | R\u00f6mer 8,14-17 | verfasst von Udo Schmitt |<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welche der Geist treibt, die sind Gottes Kinder. Nehmen wir einmal dies als Leitsatz unserer \u00dcberlegungen. Und stellen uns die Frage: Was treibt mich eigentlich an? Lust, Frust? Angst, Gier, Geiz oder Geist? Und wenn Geist: Was ist Geist? Gibt es nur einen? Oder mehrere? Und wenn: Welcher von den vielen Geist-en treibt mich an? Ist es der Geist Gottes? Und wenn ja, woran erkenne ich den dann?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus unterscheidet hier verschiedene Geister und sagt: Es gibt einerseits einen knechtischen Geist und andererseits einen kindlichen Geist. Er erkl\u00e4rt nicht, was den knechtischen Geist ausmacht, aber es f\u00e4llt einem ja auch so etwas dazu ein: Was meint ihr? Was macht knechtischen Geist aus? Nun. Ein Knecht oder Sklave hat ja nicht die Wahl, er ist gebunden durch Zwang und Gewalt, er kann nicht anders \u2013 er muss. Ein Sklavengeist oder knechtischer Geist ist also der Geist eines Menschen, der unfrei ist. Ob er will oder nicht, er muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Zeichen dieser Unfreiheit kann Unruhe sein, Unzufriedenheit.<br \/>\nEin Mensch, der nie genug hat, dem man es nie recht machen kann. Der mit sich und der Welt unzufrieden ist, im Unfrieden ist. Der an seinen unsichtbaren Gitterst\u00e4ben r\u00fcttelt, auf und ab tigert wie ein Tier im K\u00e4fig. An seine Ketten reibt. Rastlos, ratlos, respektlos, ruhelos.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein anderes Zeichen kann auch eine gewisse Lieblosigkeit sein.<br \/>\nLieblosigkeit, Geringsch\u00e4tzung \u2013 mangelnde Achtsamkeit im Umgang mit anderen genauso wie im Umgang mit mir selbst. Ein Sklave geh\u00f6rt sich nicht, also warum sollte er auf sich achten? Weil es sich so geh\u00f6rt?<br \/>\nUnd was h\u00e4tte er davon, wo er sich nicht hat?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein weiteres Zeichen der Abh\u00e4ngigkeit ist mangelnde Ausgeglichenheit, das Leben in Extremen, entweder Dumpfheit, Apathie, wenn alles egal ist und einem der Antrieb fehlt. Aber auch das Gegenteil: leichte Reizbarkeit, die Ablehnung aller \u00c4nderungsvorschl\u00e4ge bis hin zur Aggressivit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Typische Abh\u00e4ngigkeiten in unserer Gesellschaft sind Alkohol und Tabletten. Wenn ich nicht mehr ohne kann: einschlafen, aufstehen, fr\u00f6hlich sein\u2026 Dann werfe ich was ein. Verst\u00e4rkt kommen jetzt Computer und Handy dazu, wenn ich stundenlang vor irgendwelchen Spielen h\u00e4nge oder das Smartphone nicht mehr weglegen kann. Alle paar Minuten drauf gucken muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht immer wei\u00df der Abh\u00e4ngige, dass er abh\u00e4ngig ist. Der Prozess der Gew\u00f6hnung beginnt ja mit kleinen Gewohnheiten. Gewohnheiten sind wie Spinnf\u00e4den, anfangs, sp\u00e4ter fesseln sie wie Seile. Am Ende sind sie Ketten. Daher f\u00e4llt dem Getriebenen sein Getriebensein gar nicht selber auf. Dem Handy-S\u00fcchtigen seine Handy-Sucht. \u201eNu leg doch mal das Ding weg!\u201c Ja, ja. Sagen sie, tun es dann weg, mir zu Liebe, um es schwupps ein paar Minuten sp\u00e4ter wieder in der Hand zu haben. Eine junge Frau in Berlin hat jetzt mal als Selbsterfahrungs-Experiment ein oder zwei Wochen bewusst auf ihr Smartphone verzichtet. Und sie hat einen Bericht dar\u00fcber verfasst und sagt: Es war f\u00fcr mich die H\u00f6lle. Ich war unruhig und f\u00fchlte mich wie abgeschnitten. Das, so lautete ihr Fazit: \u201ewill ich nie wieder erleben!\u201c Ist ein Arzt anwesend? Nein, aber auch so ist die Diagnose klar, dass das, was die Frau da sagt, aus Sicht der Medizin in den Begriffen Sucht und Entzug zu fassen ist. F\u00fcr Paulus w\u00e4re es ganz klar ein knechtischer Geist. Ein Geist der nicht frei ist, etwas zu tun oder auch zu lassen. Stets von innerer Unruhe gepr\u00e4gt und von \u00c4ngsten getrieben. Angst, etwas zu verpassen, Angst, was die anderen jetzt gerade denken und machen, ob sie gar etwa lachen \u2013 ohne mich \u2013 \u00fcber mich\u2026 Schreck-lich!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Typisch f\u00fcr den Knechtsgeist ist die Abh\u00e4ngigkeit und die Ma\u00dflosigkeit. Ob Alkohol oder Handy-Sucht, es ist immer zu wenig, oft zu viel, aber nie genug. Immer zu wenig, auch wenn ich schon x-mal drauf geguckt hab, gleich nach dem Aufwachen und dann immer wieder, mehrmals am Tag, mehrmals die Stunde, eigentlich viel zu oft \u2013 und doch nie genug. Nie ist es genug. Das ist das Wesen des Knechtsgeist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ganz anders bei euch, schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom: Welche der Geist treibt, die sind Gottes Kinder. Nicht seine Sklaven. Welche der Geist treibt\u2026 Auch sie sind gebunden aber nicht in \u00c4ngsten und Zw\u00e4ngen, sondern in Liebe und Vertrauen. Wie kleine Kinder, die glauben, hoffen und erwarten d\u00fcrfen, dass ihre Eltern f\u00fcr sie sorgen, ihnen helfen, es gut mit Ihnen meinen, Entscheidungen f\u00fcr sie treffen, sie ermuntern, ermahnen, sie tr\u00f6sten und in den Arm nehmen. So, sagt Paulus, ist Gott f\u00fcr uns. Und das nennt er den kindlichen Geist, den wir uns bewahren sollen. Die Zeichen des kindlichen Geistes sind eben nicht Unruhe, Abh\u00e4ngigkeit und Ma\u00dflosigkeit. Sondern im Gegenteil: \u00a0Liebe, Heiterkeit und Freude \u2013<br \/>\nGeduld und Gelassenheit \u2013<br \/>\nMut, Hoffnung, Vertrauen und vor allem Dankbarkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dankbarkeit ist mehr als Bitte und Danke sagen. Das ist nur H\u00f6flichkeit. Es ist auch mehr als blo\u00df Zufriedenheit. Es gibt ja Leute, die sagen: \u201eDanke, wir sind zufrieden.\u201c Aber Zufriedenheit sieht nur sich selbst. Dankbarkeit hat ein viel weiteres Herz. Es geht nicht nur darum, dass es mir gut geht. Ich kann, wenn ich bete und dabei an andere denke, ja nicht nur f\u00fcr sie bitten (F\u00fcrbitte), oder f\u00fcr mich bitten \u2013 etwa in dem ich Gott mein Leid klage und ihn um Kraft und Geduld bitte \u2013 Ich kann auch f\u00fcr andere danken (F\u00fcrdank): Gott ich bin dir dankbar f\u00fcr\u2026<br \/>\nUnd das ist ja viel mehr als: Ich bin zufrieden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dankbarkeit ist nicht auf Personen beschr\u00e4nkt.<br \/>\nEs gibt so vieles, was mir Freude schenkt \u2013 und f\u00fcr das ich Gott danken kann. Gott danken will:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Danke f\u00fcr dieses Haus, das Dach dar\u00fcber,<br \/>\ndie Dohlen darauf, den Himmel und die Wolken dar\u00fcber und die Sonne, die darauf scheint.<br \/>\nDanke f\u00fcr Eltern und Kinder.<br \/>\nDanke f\u00fcr den Nachbarn nebenan, den Freund, die Freundin.<br \/>\nDanke f\u00fcr die Blumen und das Rattern der Rasenm\u00e4her. Die Regenw\u00fcrmer und das Gewitter gestern Nacht. Danke f\u00fcr die Dunkelheit, die zu mir spricht,<br \/>\nDanke f\u00fcr Farben und W\u00e4rme und Licht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dankbarkeit ist mehr als nur Spa\u00df haben und dem Lustprinzip gehorchen:<br \/>\n\u201eMeide den Kummer und meide den Schmerz\u201c, dann ist das Leben ein Scherz? Nein.<br \/>\nDankbarkeit ist eine tiefe Verbundenheit mit Gott. Und mit allem, was er geschaffen hat. Von dem er einst am Tag der Sch\u00f6pfung sagte: Siehe, es ist sehr gut. Verbundenheit mit allem. Verbundenheit auch untereinander \u2013 das kennzeichnet die Kinder Gottes. Und unterscheidet sie von den Gebundenen, die letztlich nur sich sehen k\u00f6nnen. Ihre Sorgen. Ihre \u00c4ngste. Ich, ich, ich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also lasst euer Sorgen, sagte auch schon Jesus zu seinen J\u00fcngern. Seht die V\u00f6gel im Himmel und die Blumen auf dem Feld \u2013 wie pr\u00e4chtig sie gekleidet sind. Also lasst eure Sorgen Sorgen sein, lasst eure \u00c4ngste \u00c4ngste sein, lasst euer Nachrichten Nachrichten sein. Und hebt einmal den Kopf und seht euch um.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer wei\u00df, was ihr dann seht? Vielleicht ist ja gerade heute ein bisschen Sch\u00f6nheit zu erhaschen, die nur ihr sehen k\u00f6nnt, ein Augenblick, ein Moment nur, der nur euch geh\u00f6rt und euch ganz allein. Es ist Sonntag. Ihr habt Zeit. Lasst euch treiben, nicht antreiben. Hebt den Kopf und habt im Blick: Wie sch\u00f6n doch diese Erde ist, was f\u00fcr ein wunderbarer Planet, ein Paradies. Und wir mittendrin. Wie sch\u00f6n, dass wir Gottes Kinder sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Danke f\u00fcr diesen guten Morgen (HuE 151; EG 334)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen (HuE 142! EG 272 hat nur eine Strophe)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vergiss nicht zu danken (EG 644)<br \/>\nVergiss es nie, dass du lebst (HuE 353)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lobe den Herrn, meine Seele, und seinen heiligen Namen (HuE 141; EG.E 14)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lasst euch treiben, nicht antreiben. | 14. 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