{"id":20235,"date":"2024-08-27T17:31:51","date_gmt":"2024-08-27T15:31:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20235"},"modified":"2024-08-27T17:31:51","modified_gmt":"2024-08-27T15:31:51","slug":"roemer-8-14-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-8-14-17-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8, 14 \u2013 17"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Diese Welt \u2013 Gottes Kindergarten? | 14. Sonntag nach Trinitatis | 1. September 2024 | Predigttext: R\u00f6m 8, 14 \u2013 17 | von Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">bis vor kurzem wohnte und arbeitete ich neben einem Kindergarten. Wenn \u2013 bei gutem Wetter \u2013 der L\u00e4rm der drau\u00dfen spielenden Kinder zu mir her\u00fcberwehte, dann ging mir das Herz auf. Einem Kind beim konzentrierten Buddeln im Sand zuzusehen, das Juchzen von der Schaukel mit dem Ruf \u201emehr, mehr\u201c, das Zusammenkommen beim Ballspiel \u2013 wer solches beobachten darf und mag, findet wie von selbst den Weg zur\u00fcck in eine hoffentlich gl\u00fcckliche Kindheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Himmel als riesiger Spielplatz \u2013 mir ist klar, dass ein Apostel Paulus davon <strong>nicht<\/strong> getr\u00e4umt hat, als er an die Gemeinde in Rom schrieb: \u201eWelche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.\u201c (R\u00f6m 8, 14) Aber mir gingen Bilder vom Strandurlaub mit unseren Kindern nicht mehr aus dem Kopf, als ich diesen Satz las. Das Leben als Spiel und ein Gott, der uns als seine Kinder m\u00fctterlich im Blick hat und versorgt. (Ob sie dabei gem\u00fctlich im Strandkorb sitzt mit einem guten Buch, von dem sie gelegentlich aufschaut? Das w\u00e4re auf jeden Fall eine sch\u00f6ne Facette unserer Gottesbilder!)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr viele Familien ist der Sommerurlaub zu Ende, der \u201eErnst des Lebens\u201c hat uns wieder. Und Paulus tr\u00e4umt ja nicht vom Himmel, sondern hat die Realit\u00e4ten dieser Welt fest im Blick. Sein Brief holt uns zur\u00fcck auf den Boden der Tatsachen \u2013 und das hei\u00dft heute: immer noch Krieg in der Ukraine, immer noch kein Abkommen zwischen der Hamas und Israel. In Deutschland sind wir best\u00fcrzt \u00fcber das abrupte Ende eines Stadtfestes in Solingen am Freitag der vergangenen Woche, nachdem auf dem Fest drei Menschen willk\u00fcrlich ermordet und weitere schwer verletzt worden waren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will das an dieser Stelle nicht weiter ausmalen, aber dass die Zeiten, in denen Jesus und Paulus lebten, keine \u201ebesseren\u201c waren, d\u00fcrfte klar sein. Paulus ordnet das Leiden an den Gegebenheiten dieser Welt als ein \u201eMitleiden mit Christus\u201c (V. 17) ein. Wenn er vom \u201eGeist der Knechtschaft\u201c (V. 15) spricht, dann d\u00fcrften zumindest einige der Angesprochenen Sklavinnen und Sklaven gewesen sein. Die \u201eherrliche Freiheit der Kinder Gottes\u201c (R\u00f6m 8, 21) wird kontrastiert durch ein Leben in Unfreiheit, ausgeliefert der Willk\u00fcr des Herrn und der Herrin (!).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihnen ruft der Apostel zu: Gott ist anders! Gott fordert keinen Kadavergehorsam, \u201edass ihr euch abermals f\u00fcrchten m\u00fcsstet, sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!\u201c (V. 15)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott ist anders. Und dies bedeutet nicht nur: Im Himmel ist es anders \u2013 wie auch immer wir uns die dortige \u201eheile Welt\u201c vorstellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stellt sie euch vor, die \u201eheile Welt\u201c, die wir Himmel nennen! Malt sie euch aus! Denn aus diesen Bildern l\u00e4sst sich Kraft sch\u00f6pfen f\u00fcr das Leben in <strong>dieser <\/strong>Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist die Botschaft des Paulus in ihrer ganzen Tiefe: Nicht nur der Himmel ist anders. F\u00fcr uns Christinnen und Christen ist das ganze Leben ein anderes. Es mag sein, dass wir uns widersinnigen Anordnungen der M\u00e4chtigen beugen m\u00fcssen. Es kann sein, dass wir die Gewalt nicht stoppen k\u00f6nnen \u2013 aber unsere Ohnmacht f\u00fchrt uns nicht in Angst und Resignation! Der Geist Gottes, der uns treibt, dr\u00e4ngt auf die \u00dcberwindung von Leid und Tod. Was uns heute bedr\u00fcckt, steht unter dem Vorzeichen der Vergangenheit \u2013 das morgen ist ein anderes, auch wenn wir auf dieses morgen warten m\u00fcssen. Und dieses Warten ist kein passives Hinnehmen und Erdulden, sondern ein Glauben und Hoffen, das sich im Jetzt auswirken will und auswirken wird. Ach was \u2013 nicht auswirken wird, sondern auswirkt (!).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Kindschaft, die Gotteskindschaft, von der Paulus spricht, ist \u2013 anders als oben beschrieben \u2013 kein R\u00fcckfall in eine Zeit der Unm\u00fcndigkeit und Verantwortungslosigkeit, sondern eng verbunden mit der Taufe. Mit der Taufe Jesu (!) und seiner Berufung, als er eine Stimme des Himmels h\u00f6rt: \u201eDu bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.\u201c (Mk 1, 11)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gilt also, das Leben einer\/eines Erwachsenen zu f\u00fchren, den R\u00fccken gerade zu machen, den aufrechten Gang einzu\u00fcben \u2013 m\u00f6gen die Umst\u00e4nde auch widrig sein. (Und das sind sie nicht, wenn wir uns mit denen vergleichen, die vor 2000 Jahren in Rom und in Jerusalem gelebt haben). Erbe Gottes zu sein und Miterbe Christi (V. 17) \u2013 also Schwestern und Br\u00fcder des Gottessohns \u2013 bedeutet doch, sich an ihm, an Jesus und seinen Predigten ein Beispiel zu nehmen: Liebe zu \u00fcben und Mitgef\u00fchl, sich nicht zu beruhigen angesichts der Ungerechtigkeiten dieser Welt, nach anderen Ma\u00dfst\u00e4ben zu leben und zu handeln, als es andernorts \u00fcblich ist bzw. sein kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn wir von einer Wirklichkeit, die von Gottes Geist durchdrungen ist, entfernt sein m\u00f6gen \u2013 mit und durch Jesus und sein Lebensbeispiel ist eine andere Dimension in diese Welt gekommen. Auch wenn ich es kaum auszusprechen wage, weil es \u00fcberheblich klingen k\u00f6nnte: Auch diese Welt ist eine andere geworden! Und wenn sie sich noch nicht \u00fcberall zum Besseren ver\u00e4ndert hat, so erscheint uns dies doch zumindest m\u00f6glich. Diese M\u00f6glichkeit zu ergreifen, dazu will Paulus uns ermutigen und anspornen. Die Mitglieder der r\u00f6mischen Gemeinde damals \u2013 aber uns doch auch! Seine Worte haben an Notwendigkeit und an Kraft nichts eingeb\u00fc\u00dft im Wandel der Zeiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sind Kinder Gottes \u2013 was k\u00f6nnen uns da die Herren dieser Welt anhaben? Ihre Macht ist endlich \u2013 und sie werden Geschichte werden, die keinen Bestand hat. Aber wir \u2013 wir k\u00f6nnen Teil einer Bewegung sein, deren Ma\u00dfst\u00e4be g\u00fcltig sind und bleiben werden. Und sind es ja, Miterben Christi, Kinder Gottes!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn dieses Bild \u2013 wie oben benannt \u2013 ein schr\u00e4ges ist: der Himmel als Kindergarten Gottes. Stellen wir uns \u2013 nur versuchsweise \u2013 <strong>diese<\/strong> Welt einmal vor als Kindergarten Gottes. Oder als Strandurlaub mit Gott im Liegestuhl (oder Strandkorb). Ja \u2013 das klingt zun\u00e4chst ziemlich absurd. Und nat\u00fcrlich gibt es auch in den Kinderg\u00e4rten Konflikte, welche die Kinder nicht aus sich selbst heraus bew\u00e4ltigen sondern nur unter Anleitung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ohne den Ernst des Lebens verharmlosen zu wollen: Manchmal kommt mir der Gedanke, dass <strong>diese Welt<\/strong> ein ziemlicher Kindergarten ist. Ohne Aufsichtspersonal. Und diese Vorstellung hat etwas Beunruhigendes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das ist sie nicht! Diese Welt ist kein Kindergarten ohne Aufsichtspersonal, sondern es gibt sie: Frauen und M\u00e4nner in der Rolle der Erzieherinnen und Kinderg\u00e4rtner. Auch wir k\u00f6nnen in diese Rolle gehen, Streit schlichten, Konflikte entsch\u00e4rfen, daf\u00fcr eintreten, dass jede\/jeder zu ihrem\/seinen Recht kommt. Wenn wir dabei daran denken, dass wir auch Kinder sind bzw. sein d\u00fcrfen und nicht nur Aufpasserin\/Aufpasser, dann \u00fcbernehmen wir uns nicht und f\u00fcllen die uns zugedachte Aufgabe nicht allein aus eigener Kraft sondern getragen vom Geist Gottes aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also, liebe Leute: Werdet erwachsen! Aber vergesst nicht: Wir sind Kinder Gottes!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gert-Axel Reu\u00df<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur Sch\u00f6nen Aussicht 4<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">23909 B\u00e4k<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mail: gert-axel.reuss@gmx.de<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gert-Axel Reu\u00df, geb. 1958, Pastor im Ruhestand, bis Juli 2024 Domprobst zu Ratzeburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Welt \u2013 Gottes Kindergarten? | 14. Sonntag nach Trinitatis | 1. 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