{"id":20240,"date":"2024-08-27T08:22:46","date_gmt":"2024-08-27T06:22:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20240"},"modified":"2024-08-28T13:27:10","modified_gmt":"2024-08-28T11:27:10","slug":"johannes-51-15-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-51-15-5\/","title":{"rendered":"Johannes 5,1-15"},"content":{"rendered":"<p>14.Sonntag nach Trinitatis | 01.09.24 | Johannes 5,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0 Rasmus H.C. Dreyer |<\/p>\n<h2>Dass Gott ist, bedeutet, dass M\u00f6glichkeit ist<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir alle machen uns Gedanken \u00fcber die Zukunft. Jeden Tag. Wir hoffen. Ja, wenn wir hoffen, dann bem\u00fchen wir unsere Einbildungskraft. Mit anderen Worten: Wir tr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihr kennt wohl alle Walt Disney, den Vater der Zeichentrickfilme. Damals waren die Tr\u00e4ume in unseren K\u00f6pfen oder h\u00f6chstens in der Welt der B\u00fccher. In dieser Hinsicht war Disney einer der ersten, der die Tr\u00e4ume in Wirklichkeit auf der wei\u00dfen Leinwand verwandelte. \u201eIf you can dream it, you can do it\u201c, sagte er, wenn du es tr\u00e4umen kannst, kannst du es machen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist es aber so einfach? Nein! Das Leben lehrt uns etwas anderes. Nicht immer gehen unsere Tr\u00e4ume in Erf\u00fcllung. Wir k\u00f6nnen nicht alles, was wir wollen. Wir k\u00f6nnen nicht all das werden, was wir wollen oder wovon wir tr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die alten Griechen sagten: Erkenne dich selbst. Und damit meinten sie: Kenne deine Grenzen. Denn unser Dasein hat einige nat\u00fcrliche oder vielleicht g\u00f6ttliche Grenzen. Wir k\u00f6nnen krank werden, wir sterben, wir hungern und d\u00fcrsten, wenn wir nicht das Lebensnotwendige bekommen. Heute ist bekanntlich auch Erntedankfest. Es ist leicht, die Fr\u00fcchte der Erde und des Meeres als selbstverst\u00e4ndlich zu betrachten. Wir k\u00f6nnen das \u00fcberall bei uns im Supermarkt kaufen, k\u00f6nnen uns alles das ganze Jahr vom Regal nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">OK, nun bin ich einmal Pastor auf zwei ganz kleinen Inseln gewesen. Da kann man besser die Demut dar\u00fcber erleben, dass Lebensmittel und Dinge des t\u00e4glichen Bedarfs nicht immer zur Verf\u00fcgung stehen. Wenn der Laden des Kaufmanns zu ist und die letzte F\u00e4hre abgefahren ist, ja dann ist da nur das, was im K\u00fchlschrank oder der Tiefk\u00fchltruhe ist. Das Meer und der Sund zwischen den Inseln und dem Festland markiert auch eine Grenze des Daseins: Die Natur, vielleicht Gott selbst, hat uns einige Grenzen gesetzt. Wir k\u00f6nnen uns auf die andere Seite eines Meeres tr\u00e4umen, aber wir brauchen bekanntlich ein Schiff oder eine Br\u00fccke, um trockenen Fu\u00dfes hin\u00fcber zu kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir auf das heutige Evangelium schauen, handelt es auch von Begrenzungen und M\u00f6glichkeiten des Lebens. Wir sind zeitlich und r\u00e4umlich begrenzt. Aber in Tr\u00e4umen kann ich mich an damals erinnern, wo ich selbst an der Grenze zwischen dem Tempel und dem muslimischen Viertel in Jerusalem gestanden habe. Denn eben dort liegen die Ruinen des Teichs Betesda. Das ist kein Traum oder eine rein erfundene Geschichte. Den Teich Betesda gibt es noch heute, auch wenn er kein Wasser mehr hat. Aber in den Jahrhunderten um die Geburt Christi war Betesda ein Ort, den Kranke, Blinde und Gel\u00e4hmte aufsuchten, um Linderung und Heilung zu finden. Und eben hier hielt Jesus eine seiner st\u00e4rksten Predigten mit den vier kleinen Worten: \u201eWillst du gesund werden?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unmittelbar ist das eine merkw\u00fcrdige, ja geradezu provozierende Frage. Denn kennen wir kranke Menschen, die nicht gesund werden wollen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auch wenn Jesus nat\u00fcrlich den Mann gesund machen konnte, will Johannes uns lieber etwas dar\u00fcber sagen, wer Jesus ist. Nun k\u00f6nnte jemand sagen: Aha! Das ist vielleicht nur eine R\u00e4ubergeschichte, dass dieser Mann gesund wurde und von Jesus geheilt wurde. Das glaube ich nicht, aber sollte das der Fall sein, sollten wir an das Wort von Pippi Langstrumpf denken, als sie das erste Mal ihre neuen Nachbarn Tommy und Annika traf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tommy und Annika glauben kein bisschen, dass Pippis Mutter ein Engel ist und ihr Vater H\u00e4uptling im S\u00fcdmeer. \u201eDu l\u00fcgst\u201c, sagt Tommy. \u201eVielleicht, aber k\u00f6nnen wir nicht trotzdem gute Freunde sein\u201c, fragt Pippi \u2013 und das k\u00f6nnen sie bekanntlich. Und dann ist es ja ganz gewiss, dass Pippis Vater schlie\u00dflich H\u00e4uptling ist und Pippi Prinzessin der Kurrekutdutinsel im S\u00fcdmeer.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So ist es mit jeder Erz\u00e4hlung. Sie kann Tatsachen vermitteln. Sie hat aber auch eine tiefere Bedeutung, die etwas zu uns und \u00fcber uns sagt. Diese tiefere Ebene kann genauso wirklich sein wie die faktische. Lasst uns sehen, wie sich das heute geltend macht: Jesus bittet den kranken Mann sich zu erheben. Das ist ein Wunder. Aber es ist auch mehr. Es ist eine Auferstehungsgeschichte in sich. Denn das griechische Wort \u201eaufstehen\u201c ist dasselbe Wort, das der Engel am Ostermorgen auf Jesus bezieht. Die Macht also, die den lahmen Mann erhebt, ist dieselbe Macht wie die, mit der Gott Jesus am Ostermorgen auferweckt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und f\u00fcr Johannes ist der Tod nicht nur der physische Tod, wenn das Leben endet. Unser Leben kann auch auf die Grenze des Todes sto\u00dfen, w\u00e4hrend wir leben. Wir sollen aufstehen auch in diesem Leben. Die Auferstehung gilt somit auf zwei Ebenen, der faktischen und einer tieferen Ebene, sozusagen der existenziellen Ebene. Jesus stand auf von den Toten und wurde wieder lebendig. Und im \u00fcbertragenen Sinne: Wenn etwas Altes stirbt, kommt et was Neues. Wenn man sich mit dem Leben vers\u00f6hnt, das man hat oder bekommt, dann entsteht ein neues Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der kranke Mann hat 38 Jahre am Teich Betesda gelegen. Die 38 Jahre sind tats\u00e4chlich auch eine symbolische Zahl. Nach j\u00fcdischer Zeitrechnung ist 38 die Anzahl von Jahrhunderten, die vergehen sollen, bis der Messias kommt. Schon hier hat der damalige Leser die Pointe verstanden. Der kranke Mann begegnet dem Erl\u00f6ser selbst, Gott selbst, denn nur Gott kann Leben schenken. Und deshalb ist es vorbei mit dem Sabbat und den vielen Regeln; die Selbsterniedrigung und der lebendige Tod sind \u00fcberstanden. Der kranke Mann am Teich nimmt sein Leben wieder auf sich, er vers\u00f6hnt sich mit seinem Leben und erh\u00e4lt deshalb den Mut, seine eigene Begrenzung zu \u00fcberwinden \u2013 in den Worten der Bibel: Sich erheben, erneut das Leben aufnehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">S\u00f8ren Kierkegaard hat einmal geschrieben: Dass Gott ist, bedeutet, dass M\u00f6glichkeit ist. Das ist nicht dasselbe wir Walt Disneys Glaube daran, dass wir alle unsere Tr\u00e4ume zum Leben erwecken k\u00f6nnen. Wir w\u00e4hlen nicht notwendigerweise selbst, wozu wir im Leben gerufen werden. Dass Gott M\u00f6glichkeit ist, bedeutet, dass unsere Selbstgen\u00fcgsamkeit \u2013 im Falle des Kranken seine Fixierung auf eigne Ungen\u00fcgsamkeit \u2013 von uns genommen wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">An einer anderen Stelle des Johannesevangeliums sagt Jesus von sich selbst: Ich bin das Brot des Lebens. Vielleicht sollen wir diese Worte an einem Erntedankgottesdienst wie heute wiederholen. Wir sagen n\u00e4mlich heute Dank f\u00fcr das Getreide, das Wachstum und die Fr\u00fcchte, die uns t\u00e4glich s\u00e4ttigen. Aber der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Es ist mit anderen Worten ein Unterschied, ob man das Leben besitzt, es einem physisch gut geht und man Herr ist \u00fcber alles im Leben \u2013 oder ob man das Leben empf\u00e4ngt. Der kranke Mann am Teich Betesda soll uns lehren, alles zu empfangen im Leben, auch nach 38 Jahren langwieriger Wartezeit. Pl\u00f6tzlich begegnet der Mann dem Leben wieder und glaubt dem Wort Jesu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, sicher, es ist leicht gesagt, dass man nur glauben soll. Auch hier wei\u00df Jesus Rat: Seht die Kinder. Astrid Lindgren schrieb in den Br\u00fcdern L\u00f6wenherz von dem sterbenden Tvebak (dt. Kr\u00fcmel) und seinem gro\u00dfen Bruder Jonatan, der schlie\u00dflich in den Himmel kommt \u2013 Nangijala in der Sprache Lindgrens \u2013 vor seinem kranken Bruder, als er bei einem Brand bei dem Versuch umkommt, ihn zu retten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das war nicht in Ordnung, meinte ein Kinderpsychologe. Er beklagte sich bei Lindgren: Kein Kind k\u00f6nne es ertragen, eine so harte Erz\u00e4hlung zu h\u00f6ren. Kurz darauf rief ein Kind Lindgren an und dankte ihr daf\u00fcr, dass sie den Br\u00fcdern L\u00f6wenherz so einem gl\u00fccklichen Schluss gegeben hatte. \u201eSo k\u00f6nnen Kinder das erleben\u201c, erkl\u00e4rte Lindgren und fuhr fort: \u201eDenn nur Kinder k\u00f6nnen Wunder vollbringen, wenn sie lesen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht sollten wir die Bibel und das Leben auch so lesen. Mit den Augen des Glaubens in dieser Perspektive. Wir k\u00f6nnten damit beginnen, Wunder wahrzunehmen und zu erkennen, von denen wir in der Bibel h\u00f6ren und lesen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Rasmus H.C. Dreyer, PhD,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dozent am Predigerseminar Aarhus<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hatting\/Horsens, D\u00e4nemark<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: rahd (at) km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.Sonntag nach Trinitatis | 01.09.24 | Johannes 5,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0 Rasmus H.C. Dreyer | Dass Gott ist, bedeutet, dass M\u00f6glichkeit ist Wir alle machen uns Gedanken \u00fcber die Zukunft. Jeden Tag. Wir hoffen. Ja, wenn wir hoffen, dann bem\u00fchen wir unsere Einbildungskraft. Mit anderen Worten: Wir tr\u00e4umen. 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