{"id":20260,"date":"2024-09-03T05:12:18","date_gmt":"2024-09-03T03:12:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20260"},"modified":"2024-09-05T17:14:27","modified_gmt":"2024-09-05T15:14:27","slug":"lukas-1038-42-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1038-42-5\/","title":{"rendered":"Lukas 10,38-42"},"content":{"rendered":"<h3>15. Sonntag nach Trinitatis | 08.09.2024 | Lk 10,38-42 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Eva Holmegaard Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Martha und Maria<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martha und Maria \u2013 sind das zwei Frauentypen? Oder nur zwei Weisen des Menschseins?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie sind zwei Schwestern, und sie wohnten zusammen, und sie waren Freunde Jesu. Wie verstehen wir die Situation zwischen den beiden? Die eine ist praktisch und erdnah, die andere mehr spirituell und geistig. Das ist der unmittelbare Eindruck. Eine klassische Aufteilung zwischen der Arbeit mit der Hand und mit dem Geist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber vielleicht auch nur der Unterschied zwischen der gro\u00dfen und der kleinen Schwester. Eine besorgte und verantwortungsvolle gro\u00dfe Schwester \u2013 oder auch ein Bruder \u2013 gegen\u00fcber den kleinen Geschwistern, die mehr unbesorgt sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen schnell eine Satire machen \u00fcber die klassische weibliche M\u00e4rtyrerin, die in der K\u00fcche herumkramt mit den T\u00f6pfen und sauer dar\u00fcber ist, alles selbst machen zu m\u00fcssen, aber jederzeit Hilfe ablehnen w\u00fcrde, weil kein anderer das tun kann, was sie macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So eine kennen wir. Wir kennen sie auch in uns selbst. Wir kennen die \u00fcberanstrengten Typen, die anderen Schuld zuweisen, die immerzu aus der Haut fahren und es nicht ertragen k\u00f6nnen, dass andere offenbar das ganze viel ruhiger angehen lassen und nicht \u00fcberall Probleme sehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Setz dich doch hin, Martha. Die Beine hoch \u2013 wir kriegen schon alles hin! Aber f\u00fcr die \u00fcberforderten Marthas wirkt die entspannte Ruhe der anderer fast wie eine Provokation. Wenn man da ist, wo Martha sich befindet, ist es so als w\u00e4re die ganze Welt von Egoisten bev\u00f6lkert, die an nichts anderes denken als sich selbst. Als Frau soll sie allein f\u00fcr alles sorgen und f\u00fcr alles verantwortlich sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hat sie darin nicht auch Recht? Was w\u00e4re die Welt ohne Marthas, die die Dinge am Laufen halten? Da sitzen die beiden ja \u2013 Jesus und die kleine Schwester Maria, dabei das gute Essen von Martha zu verzehren und den Wein zu trinken, den sie eingeschenkt hat. Sie sitzen in ihrer sch\u00f6nen Stube an dem Tisch, den sie gedeckt hat, mit ihrem schweren Hinterteil weich ruhend auf den Kissen, die sie entstaubt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martha besteht darauf, dass man erst etwas leisten muss, um dann genie\u00dfen zu d\u00fcrfen. Das habe ich ja auch oft in meiner Kindheit geh\u00f6rt. Und M\u00fc\u00dfiggang ist aller Laster Anfang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu der m\u00fcden, vollbesch\u00e4ftigten Martha sagt Jesus nun: <em>Liebe Martha, du hast viel Sorge und M\u00fche. Eins aber ist Not, Maria hat das gute Teil erw\u00e4hlt. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was meint er damit? Bedeutet das, dass man genie\u00dfen darf, bevor man etwas leistet? Oder dass M\u00fc\u00dfiggang vielleicht Anfang alles Guten ist? <em>Was ist das einzig Notwendige, und was ist der gute Teil<\/em>?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht sollen Martha und alle wir anderen daran denken, dass alles seine Zeit hat. Zeit, Martha zu sein, und Zeit, Maria zu sein. Zeit, aktiv zu sein und t\u00e4tig, und Zeit, sich hinzusetzen und zu empfangen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zeit, in Bewegung zu sein und Zeit f\u00fcr Ruhe. Zeit, rastlos zu sein und auf die Zukunft ausgerichtet, Zeit, still zu sein, reflektierend und r\u00fcckschauend. Zeit, <em>nach vorn zu blicken und weiterzukommen<\/em>, und Zeit, sich in seine Erinnerungen zu verlieren. Eine Zeit, Martha zu sein, und eine Zeit, Maria zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist Lebensweisheit, ich habe sie aus dem Buch des Predigers im Alten Testament \u2013 wo steht, dass <em>alles unter dem Himmel seine Zeit hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Laufe des Tages, im Laufe der Woche ist Zeit f\u00fcr alles. Und im Laufe des Lebens ist da die Zeit, fortzukommen in der Welt und alles zu gewinnen, und eine Zeit, sich zur\u00fcckzuziehen und anderen etwas weiterzugeben. Eine Zeit, jung zu sein, und eine Zeit, alt zu sein. <em>Eine Zeit zu bl\u00fchen und eine Zeit, Frucht zu bringen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich h\u00f6re das heutige Evangelium darin, <em>dass Jesus Martha zur Ruhe einl\u00e4dt<\/em>. F\u00fcr Martha ist die Zeit gekommen einzuhalten. Deshalb stoppt er sie eben dort, wo sie vor einem Zusammenbruch steht \u2013 wo sie sich im Kreis um sich selbst dreht wie eine Zentrifuge, wo sich alles hinab in ein dunkles Loch bewegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ruft die m\u00fcde, gesch\u00e4ftige, frustrierte Maria zur Ruhe, wo man sich selbst und einander h\u00f6ren kann \u2013 <em>und ja, Gott h\u00f6ren kann.<\/em> H\u00f6r zu, Martha. Blicke auf und h\u00f6re! Und sieh auf das, was um dich geschieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Siehe z.B. deine Schwester! Wir k\u00f6nnen uns vorstellen, dass Martha alles fahren l\u00e4sst, was sie in den H\u00e4nden hat, die K\u00fcche K\u00fcche sein l\u00e4sst und sich zu Maria setzt und sich die Zeit nimmt, mit ihrer kleinen Schwester zu reden und ordentlich zu fragen, wie es ihr geht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist so wichtig, Geschwister zu haben, und wichtig, einander daran zu erinnern, dass wir etwas Wertvolles gemeinsam haben. Was haben wir von einander, wenn wir nur herumlaufen und Stress und Unzufriedenheit ausstrahlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wie sollen andere an uns Freude haben, wenn wir immer unzufrieden sind? Unzufriedenheit steckt an. Wie sollen Jesus und Maria nur einen Mundvoll von dem Essen herunterkriegen, das mit passiver Aggressivit\u00e4t auf den Tisch geworfen wird. Dann k\u00f6nnen wir ja genauso gut hinausgehen und eine W\u00fcrstchenbude finden, wenn es darum geht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und was hat Maria von ihrer flei\u00dfigen und tatkr\u00e4ftigen Schwester, die sie nur heruntermacht als untauglich mit all ihrer T\u00fcchtigkeit. Das erinnert Maria ja nur an all das, was sie selbst nicht ist oder kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ruft Martha zur Ruhe, zu der Ruhe, die uns als Menschen zusammenbringt und von uns selbst wegbringt in die Gemeinschaft. In die Liebe, in die Natur, in die Musik, in die Herzen anderer Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Jesus ruft Maria hinein in den gro\u00dfen Zusammenhang und richtet ihre Aufmerksamkeit auf das Leben, das ihr geschenkt ist und das sie in all ihrem besorgten Stress nicht sieht.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Laufen wir nicht immer herum mit einer Sehnsucht, hinter all das zu kommen, was hinter allem steht, und das zu sp\u00fcren, was gr\u00f6\u00dfer ist und ewig \u2013 den tiefen Sinn. Laufen wir nicht alle umher mit einem Gef\u00fchl, dass es Gott gibt \u2013 und dass er von sich h\u00f6ren lassen wird im hohlen Echoraum des t\u00e4glichen Kreislaufs, wo wir nichts anderes h\u00f6ren k\u00f6nnen als unser eigenes atemloses Seufzen und St\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn da muss mehr sein. Mehr als unser Stress und unsere Ambitionen. Das Leben muss etwas anderes und mehr sein als die Erf\u00fcllung unserer W\u00fcnsche, nur damit wir uns noch mehr w\u00fcnschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ist der Sinn des Ganzen? Die Menschen suchen nach Sinn und klopfen am Dach des Himmels, um eine Antwort zu finden. Wof\u00fcr arbeiten wir? Was ist der Sinn all unserer K\u00e4mpfe? Warum sollen wir uns anstrengen? Worum sollen wir Ambitionen haben?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martha f\u00e4ngt sehr gut eine Stimmung ein, die wir so gut kennen \u2013 dass man pl\u00f6tzlich betroffen wird und denkt: Warum tue ich das hier? Wozu das ganze? Dieses schleichende Gef\u00fchl, dass alles egal ist. Es macht schlie\u00dflich keinen Sinn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist Martha in dieser Situation? In diesem Fall will Jesus sie daran erinnern: Ja, wir leben und schuften los, f\u00fcr uns selbst, f\u00fcr unsere Familie und f\u00fcr die Gesellschaft. Aber wir arbeiten auch f\u00fcr Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir arbeiten f\u00fcr die von Gott geschaffene Welt, daf\u00fcr Gottes Ziel mit der Welt zu verwirklichen, das darin besteht, die Kreativit\u00e4t und Freude weiterzuf\u00fchren, aus denen alles entsprang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott schafft und erh\u00e4lt, segnet und verwandelt die Welt. Im Lichte der Liebe und des guten Willens, die ewig bestehen werden. Und in diesem Prozess sind wir zu Mitarbeitern berufen. Wir arbeiten zusammen mit Gott, und Gott arbeitet durch uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist die tiefe W\u00fcrde in all unserem Flei\u00df und unserem Streben. Das ist die Berufung der Arbeit \u2013 ob du nun Burger servierst bei McDonalds oder Reinemachefrau bist, Busfahrer oder Autor, oder ob du f\u00fcr deine Schwester und ihrem gemeinsamen Freund kochst \u2013 wie Martha.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Maria dennoch die ist, die den guten Teil gew\u00e4hlt hat, indem sie sich Jesus zu F\u00fc\u00dfen setzt und zuh\u00f6rt \u2013 so deshalb, weil sie nach au\u00dfen h\u00f6rt, w\u00e4hrend Martha nichts anderes kann als sich um sich selbst zu drehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Maria hat sich dort hingesetzt, wo sich ihre Welt erweitert und wo sie sich ihrer Sehnsucht hingibt nach Antwort von dort \u2013 sie ergibt sich der Sehnsucht des Glaubens. Wenn Martha dasselbe tun w\u00fcrde, w\u00fcrde sie vielleicht ihr arbeitsreiches Leben mit anderen Augen sehen \u2013 und sehen: Wenn wir leben, lieben, arbeiten und k\u00e4mpfen mit all dem, mit dem wir zu k\u00e4mpfen haben \u2013 so leben wir bei Gott und haben teil daran, Gott und das, was er mit uns will, zu ehren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Siehe hinauf \u00fcber die T\u00f6pfe, hinaus aus dem Fenster in den gro\u00dfen Raum drau\u00dfen unter dem Himmel. Ich glaube, das ist vielleicht die gute Botschaft in der Erz\u00e4hlung von Martha und Maria.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alle sollen den Ruf sp\u00fcren aus der Tiefe und der H\u00f6he \u2013 und vielleicht mehr froh werden. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Eva Holmegaard Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">N\u00f8debovej 24, N\u00f8debo, DK-3480 Fredensborg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: ehl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 08.09.2024 | Lk 10,38-42 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Eva Holmegaard Larsen | Martha und Maria Martha und Maria \u2013 sind das zwei Frauentypen? Oder nur zwei Weisen des Menschseins? Sie sind zwei Schwestern, und sie wohnten zusammen, und sie waren Freunde Jesu. Wie verstehen wir die Situation zwischen den beiden? 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