{"id":20296,"date":"2024-11-13T11:26:37","date_gmt":"2024-11-13T10:26:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20296"},"modified":"2024-11-13T11:26:37","modified_gmt":"2024-11-13T10:26:37","slug":"lukas-17-20-33-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-17-20-33-4\/","title":{"rendered":"Lukas 17, 20-33"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr | 17.11.24 | Lukas 17, 20-33 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Marianne Frank Larsen |<strong>\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Ein Leuchten des Reiches Gottes mitten unter uns<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dem Buch des norwegischen Autors Per Petterson <em>Nicht mit mir (2014)<a href=\"applewebdata:\/\/F7A72B66-C47B-4FB7-A6B3-418B26AF132C#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> <\/em>werden Tommy und seine Schwestern erst von ihrer hilflosen Mutter verlassen, dann von ihrem gewaltt\u00e4tigen und ohnm\u00e4chtigen Vater. Ein paar Wochen k\u00e4mpfen Tommy und die \u00e4lteste Schwester Siri einen heroischen Kampf, um sich selbst zu versorgen. Im Alter von 13 und 12 Jahren kochen sie selbst, machen sauber und nehmen sich der kleinen Geschwister an, um die Familie zusammenzuhalten. Aber das endet nat\u00fcrlich damit, dass der Landpolizist kommt, um die Kinder zu holen und sie dort in Pflege zu geben, wo es das Jugendamt bestimmt hat. Das ist nicht derselbe Ort, die kleinen Zwillinge sollen bei den Nachbarn wohnen, Siri wird in der Stadt in Pflege gegeben, und Tommy soll bei einer ganz anderen dritten Familie wohnen. Es ist, als w\u00fcrde alles auseinanderfallen, als der schwarze Volvo des Landpolizisten auf dem Weeg ist mit den Kindern auf dem R\u00fccksitz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber da kommt der Nachbar, Jonsen, aus seiner Einfahrt und bringt den Landpolizisten dazu, das Auto anzuhalten. \u201eIch bin ja dazu gezwungen\u201c, denkt Jonsen, \u201edas ist nicht etwas, was ich sein lassen kann\u201c. Und dann beugt er sich hinab und sagt durch das offene Autofenster: \u201eIch nehme Tommy\u201c. Und so geschieht es, dass Tommy nicht bei einer wildfremden Familie in der Stadt wohnt, sondern beim Nachbarn, den er kennt und gernhat. Jonsen ist ein Mann in den 30er Jahren, der im \u00f6rtlichen S\u00e4gewerk arbeitet. Er ist Junggeselle und war nie f\u00fcr etwas anderes verantwortlich als sich selbst und seine Arbeit. Es passt \u00fcberhaupt nicht in seinen Alltag und seine Routine, dass ein 13-j\u00e4hriger Junge einzieht. Das ist ein gro\u00dfer Eingriff. Nichtsdestoweniger hat Jonsen also in dem Augenblick, als er den schwarzen Volvo des Landpolizisten auf dem Weg rollen sieht, ein klares Gef\u00fchl daf\u00fcr, dass dies nicht etwas ist, was er einfach sein lassen kann. Der Landpolizist ruft bei der Jugendbeh\u00f6rde an und erh\u00e4lt die Erlaubnis, Tommy bei Jonsen bleiben zu lassen, und daraus entwickelt sich eine sch\u00f6ne Freundschaft und eine gro\u00dfe Geborgenheit f\u00fcr den gro\u00dfen Jungen, w\u00e4hrend er erwachsen wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist nicht etwas, was jemand geplant hat. Es ist nicht vorher durchdacht. Es kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Jonsen hat gegessen und getrunken und eingekauft und verkauft und gepflanzt und gebaut, wie wir das im Evangelium h\u00f6ren. Aber pl\u00f6tzlich ist da eine Stimme, die sagt, dass man das Auto anhalten muss. Pl\u00f6tzlich wird ihm klar, dass da etwas ist, was er muss, etwas, was er nicht sein lassen kann, wenn er sich selbst in die Augen sehen will. Pl\u00f6tzlich nimmt sein vorhersehbares Leben eine dramatische Wendung. Eine Wendung zum Besseren wohlgemerkt. Ich k\u00f6nnte auch sagen: Pl\u00f6tzlich stellt sich Barmherzigkeit ein. Das \u00fcberrascht den Landpolizisten, das \u00fcberrascht Tommy. Und das \u00fcberrascht Jonsen selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So ist es n\u00e4mlich mit dem Reich Gottes. Das ist die Pointe des heutigen Evangeliums \u2013 wie das Reich Gottes kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel und uns mitten in unserem Tun unterbricht. Wir essen und trinken, kaufen und verkaufen, pflanzen und bauen &#8211; und pl\u00f6tzlich ist es mitten unter uns, oder pl\u00f6tzlich ist <em>er<\/em> mitten unter uns, er den wir nicht sehen k\u00f6nnen, der uns aber immer das Reich Gottes bringt, wenn er kommt. Wir k\u00f6nnen nicht auf das Tun von Jonsen zeigen und sagen: Seht, das ist das Reich Gottes. Wir k\u00f6nnen \u00fcberhaupt nicht auf Jonsen selbst verweisen und sagen: Seht, das ist unser Herr. \u00dcberhaupt nicht, und es ist gef\u00e4hrlich, wenn wir anfangen, auf jemanden zu zeigen und so etwas zu sagen. Was wir aber <em>k\u00f6nnen<\/em>, das ist das, was geschieht, wenn Jonsen aus der Einfahrt l\u00e4uft und das Polizeiauto anh\u00e4lt, zu deuten als ein Leuchten des Reiches Gottes mitten unter uns, als eine Weise, in der es unsichtbar kommt, eingreift und unser Leben ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass wir das Tun Jonsens als ein Leuchten des Reiches Gottes deuten k\u00f6nnen, h\u00e4ngt nat\u00fcrlich damit zusammen, dass wir Jesus so kennen aus den Tagen des Menschensohns damals, als man ihn hier auf Erden sehen konnte. Aus seinen Erz\u00e4hlungen wissen wir, dass der Samariter der N\u00e4chste war f\u00fcr den verwundeten Mann, der Samariter, der unterwegs war, um zu essen und zu trinken und zu kaufen und zu verkaufen, der aber unterbrochen wurde durch den Anblick des verwundeten Mannes am Wegrand und der unwillk\u00fcrlich dasselbe wusste wie Jonsen in dem Roman. Ich bin ja dazu gen\u00f6tigt. Und der den Verwundeten aufhob und ihm Barmherzigkeit erwies.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aus dem Leben Jesu wissen wir: Wenn er auf dem Wege war oder etwas ganz anderes vorhatte, lie\u00df er sich immer von den Menschen unterbrechen, die ihn riefen, er <em>sah<\/em> sie; sah ihre Furcht oder ihre Not oder ihr Ungl\u00fcck, und er tat ihnen Gutes mit seinen Worten und seinen H\u00e4nden. Erwies ihnen Barmherzigkeit, hob sie auf, im w\u00f6rtlichen oder im \u00fcbertragenen Sinn, weckte ihre Freude neu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vom Ostermorgen her wissen wir, dass Gott all das best\u00e4tigte, was Jesus gesagt und getan hatte, ihn erhob, so dass er von da an in unserem Leben stets unsichtbar gegenw\u00e4rtig sein konnte. Weil wir die Geschichte von Jesus kennen, k\u00f6nnen wir ihn und das Reich Gottes in den Dingen wiedererkennen, die zwischen uns geschehen, k\u00f6nnen wir das Handeln Jonsens als einen Impuls von unserem Herrn sehen, ein Leuchten des Reiches Gottes an einem ganz gew\u00f6hnlichen Tag in Norwegen im Sommer 1966.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist unsichtbar, und es l\u00e4sst sich nie beweisen, es ist eine Deutung, eine Weise, bestimmte Augenblicke in unserem Leben zu sehen. Und so wie ich es verstehe, werden wir dazu im heutigen Evangelium aufgefordert: Dass wir uns nicht darin verlieren, zu essen und zu trinken und zu kaufen und zu verkaufen und zu bauen und zu pflanzen, dass wir nie glauben, dass dies alles ist oder dass unser Leben damit steht und f\u00e4llt, sondern dass wir den offenen Blick bewahren f\u00fcr das Reich Gottes, wenn es kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel und pl\u00f6tzlich mitten unter uns ist \u2013 als eine Forderung, als ein Wissen davon, was wir zu tun haben, als Barmherzigkeit, Hilfe, Freude. Weil es so ist, dass wir mit dem unsichtbaren Herrn leben, an den wir glauben.\u00a0 Mit der Empf\u00e4nglichkeit oder Erwartung, mit dem offenen Blick, der stets bereit ist, dass er kommt und die Situation ver\u00e4ndert. Gerade diese Empf\u00e4nglichkeit oder Offenheit, die wir zum Ausdruck bringen und worin wir uns selbst festhalten, wenn wir beten: Dein Reich komme. Und bei jedem anderen Gebet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Reich Gottes ist mitten unter uns, wenn Barmherzigkeit geschieht. Wenn Menschen aufgeboben werden. Wenn die Freude beginnt. Der Gottesdienst kann eine Hilfe sein, den offenen Blick f\u00fcr das zu bewahren, denn hier kommt er ja mit dem Reich Gottes in den Erz\u00e4hlungen, die wir h\u00f6ren, und in den Liedern, die wir singen. Er ist unsichtbar, aber wir k\u00f6nnen deutlich h\u00f6ren, was er sagt. So werden wir daran erinnert, was das Reich Gottes ist und wer Gott ist und was er von uns will. Das wird ganz deutlich, wenn wir die Taufe feiern und wenn wir das Abendmahl feiern. Dass er uns sieht, so wie er Menschen sah, als er sichtbar in der Welt einherging. Dass er auch heute stehen bleibt und uns seine Barmherzigkeit und seine Freude reicht, verborgen im Brot und Wein, ehe er uns aufhebt. Und da ist das Reich Gottes mitten unter uns. Wenn er hier so kommt, d\u00fcrfen wir auch darauf vertrauen, dass er so auch anderswo kommen kann. Das m\u00fcssen wir im Auge behalten. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl(at)km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F7A72B66-C47B-4FB7-A6B3-418B26AF132C#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Norwegisch: Jeg negter, 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr | 17.11.24 | Lukas 17, 20-33 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Marianne Frank Larsen |\u00a0 Ein Leuchten des Reiches Gottes mitten unter uns In dem Buch des norwegischen Autors Per Petterson Nicht mit mir (2014)[1] werden Tommy und seine Schwestern erst von ihrer hilflosen Mutter verlassen, dann von ihrem gewaltt\u00e4tigen und ohnm\u00e4chtigen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":20297,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,185,157,853,114,603,349,161,3,109,589],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-20296","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-17-chapter-17-lukas","category-kasus","category-marianne-frank-larsen","category-nt","category-predigten","category-vorl-so-des-kirchenjahres"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20296"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20299,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20296\/revisions\/20299"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20296"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=20296"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=20296"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=20296"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=20296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}