{"id":20340,"date":"2024-11-19T09:50:07","date_gmt":"2024-11-19T08:50:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20340"},"modified":"2024-11-20T16:40:23","modified_gmt":"2024-11-20T15:40:23","slug":"psalm-126-psalm-90","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-126-psalm-90\/","title":{"rendered":"Psalm 126\/Psalm 90"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Totensonntag | 24. November 2024 | Ps 126\/Ps 90 | Bernd Giehl |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt noch einmal mit Rilke sagen k\u00f6nnen: \u201eHerr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gro\u00df. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Feldern lass die Winde los.\u201c Nein der Zeitpunkt ist daf\u00fcr zu sp\u00e4t. So etwas kann man im September sagen, aber nicht im November, wenn der \u201eGoldene Oktober\u201c l\u00e4ngst vorbei ist, falls man in diesem Jahr vom Goldenen Oktober wegen des vielen Regens \u00fcberhaupt reden kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch sind beides Bilder vom Herbst. Die einen eher vom Beginn die anderen vom Ende. Wenn die B\u00e4ume kahl sind und der Nebel zwischen den B\u00e4umen steht wie ein nasses Gespenst. Wenn die Tage merklich k\u00fcrzer werden und man die Sonne kaum noch sieht. Beides geh\u00f6rt zum Herbst. Das Erntedankfest ebenso wie der Totensonntag. Das letzte Bl\u00fchen und das Genie\u00dfen ebenso wie das Vergehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber auch der Totensonntag hat zwei Gesichter. Ebenso wie er zwei Namen hat. N\u00e4mlich \u201eTotensonntag\u201c und \u201eEwigkeitssonntag\u201c. Der Name \u201eTotensonntag\u201c erinnert uns an die eigene Verg\u00e4nglichkeit. Wir werden sterben m\u00fcssen. Ebenso wie die Menschen, die wir lieben. Nichts kann uns davor bewahren. Aber der Sonntag tr\u00e4gt ja auch noch einen anderen Namen. Und dieser Name spricht von der Hoffnung. \u201eEwigkeitssonntag\u201c. Wir werden auferstehen. Und damit ganz neu beginnen. Keine Erinnerung an Fr\u00fcheres wird uns mehr qu\u00e4len.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diesmal sind beide Aspekte auf zwei verschiedene Texte verteilt. Leicht zu sehen, welcher Text welchen Aspekt verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fangen wir mit Psalm 90 an. \u201eHerr du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr. Ehe denn die Berge und die Welt geworden sind, bist du doch Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen l\u00e4ssest sterben und sprichst: Kommt wieder Menschenkinder. Denn tausend Jahre sind vor dir wie ein Schlaf, wie der Tag, der gestern vergangen ist und wie eine Nachtwache. Du l\u00e4ssest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen bl\u00fcht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt. Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen und dein Grimm, dass wir so pl\u00f6tzlich dahinm\u00fcssen. Denn unsere Missetaten stellst du vor dich, unsere unerkannte S\u00fcnde ins Licht vor dein Angesicht. Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschw\u00e4tz. Unser Leben w\u00e4hret siebzig Jahre und wenn\u2019s hochkommt so sind\u2018s achtzig Jahre und was daran k\u00f6stlich scheint ist doch nur vergebliche M\u00fche, denn es f\u00e4hret schnell dahin, als fl\u00f6gen wir davon. Wer glaubt\u2019s aber, dass du so sehr z\u00fcrnest und wer f\u00fcrchtet sich vor dir in deinem Grimm? Lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was Autor der Predigt und H\u00f6rende wahrscheinlich gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie diesen Psalm nicht nur im Konfirmandenunterricht behandelten, sondern auch auswendig lernten. Ich selbst habe mir dabei wohl nicht viel gedacht. Wenn die Bibel und unser Pfarrer es so sehen, wird es wohl so sein. Was sollten wir auch sonst denken? Unsere Erfahrung der Zeit war ja eher gepr\u00e4gt von Unendlichkeit. Unendliche Tage. Fast nicht endende Sommerferien. Stunden in der Schule, die sich zogen wie geschmackloses Kaugummi, das man aber nicht ausspucken konnte. Es wird kl\u00fcgere Menschen gegeben haben. Kritischere Menschen. Menschen die sich nicht zufrieden gaben mit \u201eWenn unser Pfarrer das sagt.\u201c Die sich an der eigenen Erfahrung orientierten. Aber da war ja auch das ganz andere Zeitgef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber man wird \u00e4lter. Heute sage ich: So eine pessimistische Lebensauffassung habe ich lange nicht mehr geh\u00f6rt. Mag ja sein, dass unser Leben uns kurz vorkommt, und doch ist es etwas anderes als eine Blume auf dem Felde, die \u00fcber Nacht verdorrt. Der Gedanke, dass seine K\u00fcrze eine Strafe f\u00fcr die S\u00fcnde sein solle, kommt mir \u00e4rgerlich vor. Selbst wenn unser Leben uns sinnlos vorkommen sollte, so k\u00f6nnen wir doch immer noch dagegen revoltieren. Auch den Anfang finde ich merkw\u00fcrdig genug. W\u00fcrde jemand wirklich sein Lied anfangen mit \u201eHerr du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr\u201c um dann mit dem Zorn Gottes fortzufahren, der alles schwer macht? Doch nicht jemand, der das menschliche Leben so kritisch sieht wie unser Autor. Das klingt eher wie ein sp\u00e4terer Bearbeiter, der den Text abmildern wollte, damit er nicht so schwer verdaulich erscheint und der deshalb die erste Zeile voranstellt. Was aber nichts \u00e4ndert. Dass das Leben nichts als M\u00fche und Arbeit bedeutet, ja dass es nur gut war, wenn es M\u00fche und Arbeit war, das haben sp\u00e4tere Generationen uns auch gepredigt. Nur ja keinen Spa\u00df am Leben haben. Das w\u00e4re ja wohl gar zu s\u00fcndig. Ich jedenfalls habe mir Glauben immer anders vorgestellt als diese Forderung nach fraglosem Gehorsam. Nat\u00fcrlich kann Leben auch schwer sein, aber um das zu wissen brauche ich keinen christlichen Glauben. Geschweige denn eine christliche Rechtfertigung f\u00fcr das Schwere, das mir widerf\u00e4hrt, der ich dann auch noch dankbar folgen soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Text ist lange f\u00fcr sich am Totensonntag gepredigt worden und die Betonung lag auf dem \u201eHerr, lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.\u201c Als ob unser Leben hier nichts wert w\u00e4re. Als ob es nur dann erf\u00fcllt sein k\u00f6nnte, wenn ihm noch etwas folgt. Mittlerweile ist der Text durch einen anderen erg\u00e4nzt worden, der ganz anders klingt und uns auch in einer ganz anderen Stimmung zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Psalm geht so: \u201eWenn der Herr die Gefangenen Zions erl\u00f6sen wird, dann werden wir sein wie die Tr\u00e4umenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll R\u00fchmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: der Herr hat Gro\u00dfes an ihnen getan. Der Herr hat Gro\u00dfes an uns getan, des sind wir fr\u00f6hlich. Herr bringe zur\u00fcck unsere Gefangenen wie du die B\u00e4che wiederbringst aus dem S\u00fcdland. Die mit Tr\u00e4nen s\u00e4en werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen gute Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ob das Lied mit dem Tod zu tun hat? Ohne die Zusammenstellung der beiden Psalmen w\u00fcrde man das wahrscheinlich nicht vermuten. Mit ihr aber schon. Die Gefangenen Zions das sind die im 6. Jahrhundert vor Christus von den siegreichen Babyloniern verschleppten Israeliten. Danach hatte Israel als Staat tats\u00e4chlich aufgeh\u00f6rt zu existieren. Die Verschleppten waren ausgeliefert, hatten keine Verbindung zur Heimat mehr; sie waren quasi tot. Auch die Idee von Israel als Gottes auserw\u00e4hltem Volk und Land war quasi tot. Es ist ein Bild f\u00fcr einen Zwischenzustand; eher Hades als H\u00f6lle, aber wir verstehen es gut. Und wir verstehen auch, dass das Bild ganz nah an der Auferstehung liegt. Der Fokus liegt nicht auf der Vergangenheit und den Sterben m\u00fcssen, sondern auf der \u00dcberwindung des Todes und der Freude, die daraus entsteht. Die, die nicht mehr antworten konnten, k\u00f6nnen das wieder. Sie sind wieder sichtbar, sie spielen eine Rolle. Man kann wieder mit ihnen in Verbindung treten. Sie spielen wieder mit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auch die Erfahrung des Todes muss noch einmal ganz neu gedacht werden. Er hat nicht mehr das letzte Wort.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie gesagt: hier geht es vor allem um Gef\u00fchle. Und zwar um gl\u00fcckliche Gef\u00fchle dem Tod gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ist die Frage ob hier wirklich der Tod gemeint ist. Soweit wir wissen, gab es in der Zeit vor Christus keine Vorstellung von Auferstehung bei den Juden. Aber dennoch ist es ja auch in eine andere Zeit genommen. Man kann es also in unsere Zeit hinein \u00fcbersetzen. Dann sagt das Bild: wir werden unsere Toten wiedersehen. Wie sie dann aussehen, das wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht unter welchen Umst\u00e4nden wir sie wiedersehen. Aber wir werden sie wiedererkennen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Tod ist nicht das Letzte, das wir erfahren. Es wird etwas Neues sein. Was, das wissen wir nicht. Wir werden es erleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfr. Bernd Giehl<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(giehl-bernd@t-online.de)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Totensonntag | 24. November 2024 | Ps 126\/Ps 90 | Bernd Giehl | Jetzt noch einmal mit Rilke sagen k\u00f6nnen: \u201eHerr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gro\u00df. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Feldern lass die Winde los.\u201c Nein der Zeitpunkt ist daf\u00fcr zu sp\u00e4t. So etwas kann man im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":20330,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,1,2,157,164,853,114,597,813,1148],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-20340","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-psalmen","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-bernd-giehl","category-bibel","category-deut","category-ewigkeits-totensonntag","category-kapitel-090-chapter-090","category-kapitel-126-chapter-126"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20340","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20340"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20341,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20340\/revisions\/20341"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20330"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20340"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=20340"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=20340"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=20340"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=20340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}