{"id":20386,"date":"2024-11-05T09:42:25","date_gmt":"2024-11-05T08:42:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20386"},"modified":"2024-11-28T09:45:21","modified_gmt":"2024-11-28T08:45:21","slug":"micha-41-5-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/micha-41-5-2\/","title":{"rendered":"Micha 4,1-5"},"content":{"rendered":"<h3>Zeitenwende | Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 10. November 2024 | Micha 4,1-5 | Eberhard Busch |<\/h3>\n<p><em>Das wird geschehen in den letzten Tagen: da wird der Berg mit dem Haus des Herrn festgegr\u00fcndet stehen an der Spitze der Berge und die H\u00fcgel \u00fcberragen und V\u00f6lker werden zu ihm hinstr\u00f6men. Und viele Nationen werden sich aufmachen und sprechen: \u201eKommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns seine Wege lehre und wir wandeln seine Pfade; denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. Und er wird Recht sprechen zwischen vielen V\u00f6lkern und Weisung geben starken Nationen bis in die Ferne; und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Spie\u00dfe zu Rebmessern. Kein Volk wird wider das andre das Schwert erheben und sie werden Krieg nicht mehr lernen. Sie werden ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen, ohne dass einer sie aufschreckt. Denn der Mund des Herrn der Heerscharen hat es gesagt. (Z\u00fcrcher Bibel)<\/em><\/p>\n<p>Von einer Zeitenwende hat der deutsche Bundeskanzler im Februar 2022 im Bundestag zu Berlin gesprochen. Er meinte damit den \u00dcbergang von einer friedfertigen Zeit in eine Kriegsbereitschaft des Landes. Er sprach geradezu von einer historischen Z\u00e4sur: \u201eDie Welt ist danach nicht mehr dieselbe wie die Welt zuvor.\u201c Und haben die Abgeordneten dazu nicht geklatscht? Aber ist <em>die<\/em> \u201eWelt\u201c neuerdings tats\u00e4chlich anders, als sie schon seit alters war?<\/p>\n<p>Von einer Zeitenwende in umgekehrter Richtung redet der verlesene Bibeltext. Sie ist der ersten genau entgegengesetzt. Es geht in ihr um die Abwendung von einer kriegerischen Welt und um die Hinwendung zu einer Welt, in der alle miteinander in Eintracht verkehren. Hin zu einer Welt, in der buchst\u00e4blich Waffen-Stillstand herrscht. Hin zu einer, in der das Kriegshandwerk ausgedient hat, geradezu vergessen ist. Hin zu einer Welt, in der alle friedlich unter ihrem Weinstock sitzen, ohne Angst vor den andren. Denn die Angst ist die Wurzel des B\u00f6sen. \u201eAngst macht aggressiv\u201c (Johannes Berthold). Wo diese Wurzel beseitigt ist, wo die Liebe sich als st\u00e4rker erweist, da kann man erst recht sagen: Die Welt ist danach nicht mehr dieselbe, wie die Welt zuvor!<\/p>\n<p>Das hat uns ein Prophet Micha verk\u00fcndet. Er verlautete das im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt. Etwa in den Jahren, in denen in Israel auch der Prophet Jesaja sich an sein Volk wandte. Seltsam ist, dass sich bei ihm dieselbe Aussage \u00fcber die Wende vom Krieg zum Frieden findet (Jes 2,4) wie bei Micha. Aus zweier Zeugen Mund wird uns die Aussicht auf solche Zeitenwende nahegelegt (vgl. 5Mose 19,15). Hat der eine dies vom anderen abgeschrieben? Nun, man schreibe das ruhig voneinander ab! Wichtig genug ist es ja: \u201eUnd sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden.\u201c Wie einen Kommentar dazu liest man im 2. Samuelbuch (2,26): \u201eSoll denn das Schwert ohne Ende fressen? Wei\u00dft du nicht, dass daraus am Ende nur Jammer kommen wird?\u201c<\/p>\n<p>Wann ist diese Hoffnung besserer Zeiten erf\u00fcllt? Wann kommt es dazu? Der Prophet weist uns wie mit dem Zeigefinger hin auf das Morgenrot eines neuen Tages. Und der wird anbrechen dann, wenn Gott es f\u00fcr gut befindet. Und der wird Platz nehmen an dem Ort, an dem es Gott wohlgef\u00e4llt. Juden kennen diesen Ort. Gott hat sie dorthin gewiesen. Selbst wenn sie Gott untreu sind, Gott ist treu. Es bleibt dabei: Unter ihnen will und wird Gott wohnen. Nicht in dem Pl\u00e4tzlein Nirgendwo, nicht dort, wie die Berliner sagen: \u201eJ\u00f3ttwed\u00e9\u201c, das hei\u00dft: weit abgelegen in einem Abseits. Gott ist dann vielmehr anzutreffen ganz in der N\u00e4he, grad um die Ecke herum, an einem Ort, an dem er sich zeigt als der niedergelassene Gott: im \u201eHaus des Herrn\u201c, sagt der Prophet und denkt an Jerusalem. Unter dieser Adresse liest man seinen Namen. Dort wohnt er. Und es wird allerdings die Sonne an den Tag bringen: dort ist er nicht wie ein Ladenh\u00fcter weggesteckt. Dort ist er ansprechbar, zug\u00e4nglich, f\u00fcr jeden und jede. Jenes \u201eHaus\u201c ist nicht l\u00e4nger zu \u00fcbersehen. Es wird alle Wipfel \u00fcberragen. Dorthin richten mit den Juden jetzt auch wir Christen unsre Blicke. Dort werden ihn zahllos Weitere aufsuchen, auch bedr\u00e4ngte Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Aber eben: das wird sich zeigen erst \u201ein den <em>letzten<\/em> Tagen\u201c, sagt der Prophet Micha. Dann, wenn es so nicht mehr weitergeht wie bislang. Am Rand unserer Sehkraft wird das offensichtlich. Die Zeitenwende vom Dunkel zum Licht, die vom Stahlhelm zur Friedenstaube ist noch nicht am Tage. Noch ist so Vieles verborgen. Wir sind in den Wartestand versetzt. Wird uns da das Warten zu lang? Kann man sich auf den \u201eMund des Herrn\u201c verlassen, der das gesagt hat? Soll man\u2018s da nicht lieber mit denen halten, die sagen, es ist kein Gott, \u201elasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot\u201c (1Kor 15,32), lasst uns die Zeit vertreiben, auch wenn der Planet hopps geht? Aber nein, so geht es gar nicht. Denn noch ist um uns und in uns allzu viel unklar. Wir leben hinter der Schranke eines \u201eNoch nicht!\u201c. Sind gefangen hinter den Gittern unsrer Ansichten und Absichten. Wann wird der Mensch endlich vern\u00fcnftig sein? Wann ist die Hoffnung des Micha erf\u00fcllt? Wann ist das Seufzen der Bitten im Unser-Vater-Gebet erh\u00f6rt? \u201eO Stunde, die wir meinen, wann endlich d\u00e4mmerst du?\u201c Am schlimmsten sind die Vergessenen dran, die \u00dcbersehenen, die \u00dcbergangenen.<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir gut zu! Trotz dem haben wir und haben zuerst die Verkr\u00fcmmten guten Grund, auf die Erh\u00f6rung solchen Bittens zu hoffen. Solche Hoffnung steht quer zu einem Sich-Abfinden mit dem Gegebenen, wo man sagt: Es war schon immer so. Und solche Hoffnung steht ebenso quer zu einer Hoffnung, der Mensch k\u00f6nne schon noch eines Tages sich allein an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Von solcher Art Hoffnung gilt: \u201eHoffen und Harren \/ macht manche zu Narren.\u201c Tragf\u00e4hige Hoffnung gr\u00fcndet darauf, dass nicht irgendeine der \u201eNationen\u201c, dass vielmehr Gott f\u00fcr Recht sorgt zwischen ihnen. Tragf\u00e4hige Hoffnung vertraut darauf, dass sich dies beizeiten zeigen wird. Sie setzt darauf, dass dies eines guten Tages wahrhaftig ans Licht kommt. Unterdes sind seine Anh\u00e4nger nicht m\u00fc\u00dfig. Rechte Hoffnung liegt Gott nicht faul auf der Tasche. Sie schl\u00e4gt beharrlich auf die Blechtrommel. Sie hat Fragen an die geltende Gewalt-Ordnung. Sie nickt nicht mit dem Kopf zum Gesetz \u201eZahn um Zahn, Auge um Auge.\u201c<\/p>\n<p>So geht sie der Zeit entgegen, in der Mitleid an die Stelle von Hass tritt, eine Zeit, in der eben Schwerter zu Pflugscharen werden und Panzerf\u00e4uste sich wandeln in offene H\u00e4nde f\u00fcr Bed\u00fcrftige und aus Ruinen neues Leben erw\u00e4chst. Hoffnung blickt aus nach der Zukunft, in der das t\u00f6dliche Gegeneinander ein menschen-freundliches Miteinander wird. Und sie erwartet ein Dasein, in dem Juden und Christen sich darin einig sind, dass die Wahrheit \u00fcber die L\u00fcgen und Scheinwahrheiten siegen wird. In seiner letzten Lebenszeit schrieb der Basler Theologe Karl Barth: \u201eUnruhiger als die Unruhigsten, dringlicher als die eifrigsten St\u00fcrmer in seiner nahen und fernen Umgebung fragt er (der Hoffende): \u201aWo bleibst du, Trost der ganzen Welt?\u2018 \u2013 darum unruhiger und eifriger, weil er der durch ihn gef\u00fcllten Zukunft bewusst entgegensieht und entgegengeht.\u201c<\/p>\n<p>Derselbe hat ein anderes Mal bemerkt: \u201eWo die gro\u00dfe Hoffnung ist, da entstehen f\u00fcr die n\u00e4chste Zukunft notwendig kleine Hoffnungen\u201c. In der Tat befinden wir uns in unserem Unterwegs nicht auf einer endlosen Durststrecke, auf der wir zuletzt umkommen. Gottlob, gibt es Ank\u00fcndigungen des Kommenden. Wir pilgern noch, aber nicht mit leeren Taschen. Es gibt Vorauferstehungen, hat der Reformator Calvin gesagt. Und wir verstehen, was damit gemeint ist: Wir sind noch nicht am Ziel, aber auf unserem Weg erfahren wir Ermutigungen. So dass wir nicht schlapp machen. Sie st\u00e4rken uns fortzufahren. Dabei malen sie uns vor Augen, worauf es zugeht und worauf wir hoffen d\u00fcrfen \u2013 definitiv und universell dies: dem ewig g\u00fcltigen Frieden auf Erden.<\/p>\n<p>Der k\u00fcrzlich verstorbene Friedrich Schorlemmer hat uns dazu etwas zu sagen. Er hat zu DDR-Zeiten der Gewaltherrschaft widerstanden, und zwar so, dass er dabei war, als sie dann st\u00fcrzte. Aber wie war er dabei? Nicht mit Gewalt, sondern ausdr\u00fccklich unter dem Zeichen, das der Prophet Micha einst formuliert hat:\u00a0 \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c. Davor begannen die Schwerttr\u00e4ger sich zur\u00fcckzuziehen. \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c \u2013 dieser Ruf wurde damals wohl nur vor\u00fcbergehend zum Motto eines Aufstands. Aber er stiftet uns noch heute dazu an, dass wir mit dem Propheten Micha den Gott des Friedens darum bitten, \u201edass er uns seine Wege lehre, und wir wandeln seine Pfade.\u201c Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Eberhard Busch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitenwende | Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 10. November 2024 | Micha 4,1-5 | Eberhard Busch | Das wird geschehen in den letzten Tagen: da wird der Berg mit dem Haus des Herrn festgegr\u00fcndet stehen an der Spitze der Berge und die H\u00fcgel \u00fcberragen und V\u00f6lker werden zu ihm hinstr\u00f6men. 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