{"id":20394,"date":"2024-09-17T09:58:08","date_gmt":"2024-09-17T07:58:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20394"},"modified":"2024-11-28T10:00:44","modified_gmt":"2024-11-28T09:00:44","slug":"markus-214-22-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-214-22-3\/","title":{"rendered":"Markus 2,14-22"},"content":{"rendered":"<h3>Der Ruf Levis | 17. Sonntag nach Trinitatis | 22.09.2024 | Mk 2,14-22 | Rasmus H\u00f8gh Dreyer |<\/h3>\n<p>Woher kommt unsere Existenz? Oder formuliert in unserer allt\u00e4glichen Sprache: Wie werde ich zu einem Ich? Das Wort Existenz ist ein typisches Pastorenwort, das in unserer allt\u00e4gliche Sprache Eingang gefunden hat. Mein Leben ist meine Existenz.<\/p>\n<p>W\u00f6rtlich bedeutet Existenz, dass man aus sich selbst herausgerufen ist. Also dass jemand mich herausgerufen hat zu etwas anderem als dem, was ich an sich bin. Eben dies geschieht im heutigen Text aus dem Markusevangelium.<\/p>\n<p>Levi, der Sohn des Alph\u00e4us wird aus seinem in den Augen seiner Zeitgenossen erb\u00e4rmlichen Dasein als Z\u00f6llner und Handlanger der R\u00f6mer herausgerufen. Levi wird mit den Worten gerufen, mit denen Jesus stets seine J\u00fcnger zu einer neuen Identit\u00e4t ruft: \u201eFolge mir\u201c, nicht dir selbst. Und Levi erhebt sich und folgt ihm, steht da.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir hier alle etwas Griechisch k\u00f6nnten \u2013 denn eben dies sich erheben wird mit demselben griechischen Wort ausgedr\u00fcckt, das auch f\u00fcr die Auferstehung Jesu verwandt wird. Levi erhebt sich von einem toten Sein-f\u00fcr-sich-selbst zu einem Sein-f\u00fcr-andere. Oder wiederum: Levi beginnt zu existieren. Ihm wird Existenz zuteil, weil er aus sich selbst heraustritt.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, wie wir heute das Wort Existenz verwenden, stammt in gewisser Weise von dem d\u00e4nischen Theologen S\u00f8ren Kierkegaard. Urspr\u00fcnglich ist Existenz kein Wort, das etwas mit unserem Dasein und Menschenleben zu tun hat. F\u00fcr Kierkegaard bedeutet es einfach hervortreten, also dass etwas sichtbar und existierend wird f\u00fcr unsere Augen. Aber Kierkegaard hebt zwei besondere und miteinander verbundene Z\u00fcge der Existenz f\u00fcr uns Menschen hervor, die auf unser gegenw\u00e4rtiges Verst\u00e4ndnis des Begriffs verweisen. Das bedeutet, wenn ich existiere, bin ich immer \u201eim Werden\u201c. Werden bedeutet bekanntlich, dass etwas unterwegs ist und unfertig, beginnend, ver\u00e4nderlich \u2013 ja etwas in dem Sinne, wie wir es im Vaterunser beten: \u201eGeheiligt werde dein Name \u2026\u201c.<\/p>\n<p>Das bedeutet zudem, dass ich als ich selbst, also als existierender, nie damit fertig bin, ich selbst zu sein. Andere k\u00f6nnen nicht mein Leben leben, ich muss selbst die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen. Und hier m\u00fcssen wir die Ohren spitzen \u2013 denn Verantwortung bedeutet gerade, dass wir jemandem verantwortlich sind. Anders gesagt: Ich muss von jemandem herausgerufen werden, und auf diesen Ruf muss ich antworten.<\/p>\n<p>Eben darum geht es in der Geschichte von der Berufung Levis, und das will sie uns zeigen. Die christliche Auffassung vom Menschen bedeutet, dass wir jemand sind kraft dessen, wer wir vor Gott sind \u2013 und wer wir deshalb gegen\u00fcber anderen sind, denen wir als G\u00f6tter begegnen. Levi ist Richter, Gott und sich selbst genug als r\u00f6mischer Z\u00f6llner. Er verr\u00e4t damit seine Landsleute und Glaubensgenossen, die Juden. Jesus sieht jedoch, dass er mehr ist und anderes als dieser S\u00fcnder \u2013 dass Levi auch ein Mensch vor Gott ist \u2013 und deshalb ruft ihn Jesus hinaus ins Leben und die Tischgemeinschaft.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte versuchen zu erz\u00e4hlen, was ein solcher Ruf an dich zu dir selbst bedeutet. Erstens bin ich ja schon ein bestimmter Mensch. Ich bin Rasmus, Levi ist Levi. Zweitens aber werde ich erst ich selbst, wenn ich eine andere Stimme als meine h\u00f6re, die mir erz\u00e4hlt, dass ich dem betreffenden etwas bedeute. Und im allerh\u00f6chsten und besonderen Ma\u00dfe gilt dies, wenn ich als Mensch von Gott berufen bin. Dieser Ruf ist es, den ich \u2013 mehr als das, was ich geschaffen, getan und gesagt habe \u2013 mit allen Menschen gemein habe. Der Ruf Gottes, von dem wir in der Berufung Levis durch Jesus h\u00f6ren, gilt somit dem eigentlich Menschlichen. Nicht das Besondere an mir wird berufen oder gerufen. Nein, es ist das Menschliche an mir, das Jesus in mir hervorruft, ja in jedem Menschen hervorruft, der Ohren hat zu h\u00f6ren (wie er zu sagen pflegt).<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer amerikanischer Denker (Francis Fukuyama) hat einmal gesagt, in unsrer Zeit habe \u201eder Standpunkt an Boden gewonnen, dass das authentische innere Selbst [also mein eigenes Ich] von einem rein innerlichen Wert getragen ist, w\u00e4hrend es die \u00e4u\u00dfere Gesellschaft ungerecht beurteilt\u201c. Mit anderen Worten halten wir es heute f\u00fcr problematisch, vielleicht kr\u00e4nkend und beleidigend, wenn das Besondere an mir nicht hervorgehoben wird. Wir k\u00f6nnten sagen, dass in dieser heutigen Attit\u00fcde gilt, dass andere Menschen oder die Gesellschaft als solche das Besondere an mir respektieren sollen. Es ist dieser Drang nach Anerkennung meiner besonderen Identit\u00e4t, den wir mit der Identit\u00e4tspolitik verbinden. Das bedeutet, dass alle anderen mich und meine positive Andersheit sehen und akzeptieren sollen. Dieser Drang nach Anerkennung hat freilich nicht nur positive Seiten. Er l\u00e4uft n\u00e4mlich die Gefahr, das zu \u00fcberstrahlen, was wir gemeinsam haben, sei es das Menschliche, unser Land, unser Glaube, die Familie, Stadt usw.<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Humorist Storm Pedersen hat in dieser Hinsicht Recht, wenn er in einer seiner Aphorismen sagt:<\/p>\n<p>\u201eEs ist eine verr\u00fcckte Welt, im der wir leben\u201c.<\/p>\n<p>\u201eSie ist, wie sie immer war, wir sind es, die verr\u00fcckt sind\u201c,<\/p>\n<p>Ja, so war die Welt immer aus den Fugen geraten, weil wir Menschen sie bewohnen. Wir wollen gern gesehen werden.<\/p>\n<p>Lasst mich wieder auf Levi als Beispiel zur\u00fcckkommen: In den Augen Christi ist es nicht das Besondere an Levi, was ihn zu etwas Besonderem macht \u2013 all das bedeutet ja nichts f\u00fcr Jesus. Die Gnade Gottes \u00fcbersieht alles, was wir definiert haben; er \u00fcbersieht alle sozialen Statussymbole und Besonderheiten, die mir nun einmal eigen sind. Jesus \u00fcbersieht, wer ich gerne sein will, und ruft mich in eine dauerhafte und stets neu beginnende, werdende und erneuernde Existenz. Wir k\u00f6nnten die Worte Jesu an Levi \u2013 \u201eFolge mir\u201c \u2013 so \u00fcbersetzen: Vergiss dich selbst, vergiss dein einzigartiges Ich \u2013 dann wirst du ein neues Leben mit anderen und f\u00fcr andere bekommen. Weil du wiedererkannt bist als ein Mensch wie alle anderen Menschen.<\/p>\n<p>Ich glaube, das Heilige und Universelle im Menschen ist nicht, wer ich bin; das Heilige ist vielmehr das Unpers\u00f6nliche, das Allgemeinmenschliche in einem Menschen. Wir sind geschaffen von demselben Gott \u2013 wir sind in den Augen Gottes gleich. Alles Unpers\u00f6nliche in mir, das ist all das, was mir gegeben ist, was mir erz\u00e4hlt wurde, was ich aus der Vergangenheit \u00fcbernommen habe.<\/p>\n<p>Denkt euch: Mein ganzes Leben ist \u00fcbernommen. Ich habe es von Gott bekommen, es wurde mir von meinen Eltern erz\u00e4hlt und geformt. Das Menschliche in meinem Leben ist das, was ich bekommen habe, in das ich eingetreten bin und wozu ich geworden bin. Es ist nicht die Person Rasmus H.C. Dreyer, in der Gott etwas ganz Besonderes sieht, oder von der ich \u2013 ok, vielleicht manchmal aus reiner Eitelkeit \u2013 m\u00f6chte, dass anderes etwas Besonderes sehen. Was Gott in mir und dir \u2013 und in Levi sieht, ist das Allgemeinmenschliche. Oder wie es der Apostel Paulus in einer ber\u00fchmten Stelle formuliert: \u201eIhr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus\u201c (Galater 3,26-28).<\/p>\n<p>Paulus versucht uns zu erkl\u00e4ren: Wenn wir auf Christus getauft sind, sind wir auch gleich mit Christus. Also haben wir im Glauben eine Gleichheit im waagerechten Sinne, d.h. untereinander. Und eine Gleichheit die sozusagen nach oben reicht: Wir sind gleichgestellt mit dem eigenen Sohn Gottes und d\u00fcrfen Gott unseren Vater nennen. Die Taufe ist somit unser Halt. Von hier aus bewegen wir uns wie ein Schiff um den Ankerplatz. Aber immer fest verankert und in Ver\u00e4nderung zugleich.<\/p>\n<p>Der Leiter der d\u00e4nischen Heimvolkshochschule Krogerup Rasmus Meyer schlug vor einigen Jahren einen neuen Begriff vor; Bereitschaft f\u00fcr Ver\u00e4nderung. Meyer sieht es als eine Aufgabe der Heimvolkshochschule, junge Menschen auf Ver\u00e4nderung vorzubereiten, verankert in sinnschaffenden und verpflichtenden Gemeinschaften. Ich glaube, er hat Recht. Der Mann von der Hochschule \u00fcbersieht nur die alte grundtvigsche Pointe, dass wir durch das Verh\u00e4ltnis zu Gott Menschen werden. Das Soziale, die Gemeinschaft macht nur Sinn, wenn es in etwas aufgehoben ist, was gr\u00f6\u00dfer ist. Wenn die sozialen Unterschiede, die individuellen Vorz\u00fcge oder M\u00e4ngel aufgehoben sind. Und das ist nur m\u00f6glich f\u00fcr Gott.<\/p>\n<p>Denkt an Levi. Der Ruf Gottes gab seinem Leben Sinn und hob sein altes Leben auf. Jesus \u00fcbersah seine Besonderheit \u2013 wir k\u00f6nnten sagen seine S\u00fcnde. Aber der Ruf Jesu war eine Wiedererkennung Levis als Mensch unter Mitmenschen.<\/p>\n<p>Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausg\u00e5rd ist weder Theologe noch gl\u00e4ubig, aber er versteht genau, was Christentum ist, n\u00e4mlich die Gnade, diese Gnade, die Jesus Levi erwies. Knausg\u00e5rd schreibt:<\/p>\n<p>\u201eDie Gnade ist der Gegensatz des Sozialen\u2026 das Soziale ist ein System von Unterschieden\u2026 die Gnade hebt alle Unterschiede auf, in ihr sind alle gleich. Die darin enthaltene Radikalit\u00e4t ist so gro\u00df, und der Gedankengang, der dahintersteht, so verschieden von allem anderen, dass es eigentlich unm\u00f6glich zu fassen ist, was das bedeutet. Aber darum und um nichts anderes geht es im Christentum\u201c. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Rasmus H.C. Dreyer, PhD,<\/p>\n<p>Dozent am Predigerseminar Aarhus<\/p>\n<p>Hatting\/Horsens, D\u00e4nemark<\/p>\n<p>Email: rahd (at) km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ruf Levis | 17. 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