{"id":2041,"date":"2020-03-01T16:54:22","date_gmt":"2020-03-01T15:54:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2041"},"modified":"2020-03-12T11:02:02","modified_gmt":"2020-03-12T10:02:02","slug":"jenseits-von-eden-leben-gedanken-zum-beginn-der-passionszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jenseits-von-eden-leben-gedanken-zum-beginn-der-passionszeit\/","title":{"rendered":"Jenseits von Eden leben&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Jenseits von Eden leben\u00a0\u2013 Gedanken zum Beginn der Passionszeit | Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3,1-19, verfasst von Uland Spahlinger |<\/h3>\n<p>Genesis 3, 1-19 (Buber-Rosenzweig)<\/p>\n<p>1 Die Schlange war listiger als alles Lebendige des Feldes, das ER, Gott, gemacht hatte. Sie sprach zum Weib: Ob schon Gott sprach: E\u00dft nicht von allen B\u00e4umen des Gartens &#8230;!<\/p>\n<p>2 Das Weib sprach zur Schlange: Von der Frucht der B\u00e4ume im Garten m\u00f6gen wir essen,<\/p>\n<p>3 aber von der Frucht des Baums, der mitten im Garten ist,hat Gott gesprochen: E\u00dft nicht davon und r\u00fchrt nicht daran, sonst m\u00fc\u00dft ihr sterben.<\/p>\n<p>4 Die Schlange sprach zum Weib: Sterben, sterben werdet ihr nicht,<\/p>\n<p>5 sondern Gott ists bekannt, da\u00df am Tag, da ihr davon esset, eure Augen sich kl\u00e4ren und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und B\u00f6se.<\/p>\n<p>6 Das Weib sah, da\u00df der Baum gut war zum Essen und da\u00df er eine Wollust den Augen war und anreizend der Baum, zu begreifen. Sie nahm von seiner Frucht und a\u00df und gab auch ihrem Mann bei ihr, und er a\u00df..<\/p>\n<p>7 Die Augen kl\u00e4rten sich ihnen beiden, und sie erkannten, &#8211; da\u00df sie nackt waren. Sie flochten Feigenlaub und machten sich Schurze.<\/p>\n<p>8 Sie h\u00f6rten SEINEN Schall, Gottes, der sich beim Tageswind im Garten erging. Es versteckte sich der Mensch und sein Weib vor SEINEM, Gottes, Antlitz mitten unter den B\u00e4umen des Gartens.<\/p>\n<p>9 ER, Gott, rief den Menschen an und sprach zu ihm: Wo bist du?<\/p>\n<p>10 Er sprach: Deinen Schall habe ich im Garten geh\u00f6rt und f\u00fcrchtete mich, weil ich nackt bin,<\/p>\n<p>11 und ich versteckte mich. ER sprach: Wer hat dir gemeldet, da\u00df du nackt bist? hast du vom Baum, von dem nicht zu essen ich dir gebot, gegessen?<\/p>\n<p>12 Der Mensch sprach: Das Weib, das du mir beigegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich a\u00df.<\/p>\n<p>13 ER, Gott, sprach zum Weib: Was hast du da getan! Das Weib sprach: Die Schlange verlockte mich, und ich a\u00df.<\/p>\n<p>14 ER, Gott, sprach zur Schlange: Weil du das getan hast, sei verflucht vor allem Getier und vor allem Lebendigen des Feldes, auf deinem Bauch sollst du gehn und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens,<\/p>\n<p>15 Feindschaft stelle ich zwischen dich und das Weib, zwischen deinen Samen und ihren Samen, er st\u00f6\u00dft dich auf das Haupt, du st\u00f6\u00dfest ihm in die Ferse.<\/p>\n<p>16 Zum Weibe sprach er: Mehren, mehren will ich deine Beschwernis, deine Schwangerschaft, in Beschwer sollst du Kinder geb\u00e4ren. Nach deinem Mann sei deine Begier, er aber walte dir ob.<\/p>\n<p>17 Zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deines Weibes geh\u00f6rt hast und von dem Baum gegessen hast, den ich dir verbot, sprechend: I\u00df nicht davon!, sei verflucht der Acker um deinetwillen, in Beschwer sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.<\/p>\n<p>18 Dorn und Stechstrauch l\u00e4\u00dft er dir schie\u00dfen, so i\u00df denn das Kraut des Feldes!<\/p>\n<p>19 Im Schwei\u00df deines Antlitzes magst du Brot essen, bis du zum Acker kehrst, denn aus ihm bist du genommen. Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren.<\/p>\n<p>Gen. 3, 1-19 (Z\u00fcrcher)<\/p>\n<p>31 Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die der HERR, Gott, gemacht hatte, und sie sprach zur Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr d\u00fcrft von keinem Baum des Gartens essen?<\/p>\n<p>2 Und die Frau sprach zur Schlange: Von den Fr\u00fcchten der B\u00e4ume im Garten d\u00fcrfen wir essen.<\/p>\n<p>3 Nur von den Fr\u00fcchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Ihr d\u00fcrft nicht davon essen, und ihr d\u00fcrft sie nicht anr\u00fchren, damit ihr nicht sterbt.<\/p>\n<p>4 Da sprach die Schlange zur Frau: Mitnichten werdet ihr sterben.<\/p>\n<p>5 Sondern Gott weiss, dass euch die Augen aufgehen werden und dass ihr wie Gott sein und Gut und B\u00f6se erkennen werdet, sobald ihr davon esst.<\/p>\n<p>6 Da sah die Frau, dass es gut w\u00e4re, von dem Baum zu essen, und dass er eine Lust f\u00fcr die Augen war und dass der Baum begehrenswert war, weil er wissend machte, und sie nahm von seiner Frucht und ass. Und sie gab auch ihrem Mann, der mit ihr war, und er ass.<\/p>\n<p>7 Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenbl\u00e4tter und machten sich Schurze.<\/p>\n<p>8 Und sie h\u00f6rten die Schritte des HERRN, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem HERRN, Gott, unter den B\u00e4umen des Gartens.<\/p>\n<p>9 Aber der HERR, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?<\/p>\n<p>10 Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten geh\u00f6rt. Da f\u00fcrchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.<\/p>\n<p>11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?<\/p>\n<p>12 Und der Mensch sprach: Die Frau, die du mir zugesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. Da habe ich gegessen.<\/p>\n<p>13 Da sprach der HERR, Gott, zur Frau: Was hast du da getan! Und die Frau sprach: Die Schlange hat mich get\u00e4uscht. Da habe ich gegessen.<\/p>\n<p>14 Da sprach der HERR, Gott, zur Schlange: Weil du das getan hast:<\/p>\n<p>Verflucht bist du vor allem Vieh und vor allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch wirst du kriechen, und Staub wirst du fressen dein Leben lang.<\/p>\n<p>15 Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs: Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm nach der Ferse schnappen.<\/p>\n<p>16 Zur Frau sprach er:<\/p>\n<p>Ich mache dir viel Beschwerden und lasse deine Schwangerschaften zahlreich sein, mit Schmerzen wirst du Kinder geb\u00e4ren. Nach deinem Mann wirst du verlangen, und er wird \u00fcber dich herrschen.<\/p>\n<p>17 Und zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau geh\u00f6rt und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte: Du sollst nicht davon essen!:<\/p>\n<p>Verflucht ist der Erdboden um deinetwillen, mit M\u00fchsal wirst du dich von ihm n\u00e4hren dein Leben lang.<\/p>\n<p>18 Dornen und Disteln wird er dir tragen, und das Kraut des Feldes wirst du essen19 Im Schweiss deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zur\u00fcckkehrst, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Lesung des Textes<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wohl kaum eine biblische Geschichte hat so viele Karikaturen nach sich gezogen wie die, die wir \u201eden S\u00fcndenfall\u201c nennen. Mir ist eine Zeichnung besonders in Erinnerung geblieben: Eva erliegt den Einfl\u00fcsterungen der Schlange und pfl\u00fcckt den Apfel \u2013 aber sie steht dabei auf Adams Schultern.<\/p>\n<p>Eine ganz pr\u00e4chtige Attacke gegen das jahrhundertelang gepflegte Vorurteil: schuld an der Vertreibung aus dem Paradies ist ganz allein die Frau. Die Verf\u00fchrbare, die auf die Schlange hereinf\u00e4llt; die die der Wollust nicht widerstehen kann; die Verf\u00fchrerin des Mannes, mit Konzentration auf sexuelle Vorstellungen. Bis in unsere Tage werden wir Zeug_innen einer Schieflage: die Berichte \u00fcber Hexenverbrennungen im Mittelalter geben dar\u00fcber ebenso Auskunft wie Steinigungen von Frauen in manchen islamischen L\u00e4ndern oder die Tatsache, dass sich eine #meToo-Bewegung \u00fcberhaupt erst bilden musste. Aber auch die Heraushebung Marias als \u201eSecond Eve\u201c &#8211; \u201eZweite Eva\u201c wirft ein Licht auf diese Schieflage: Maria ist n\u00e4mlich in diesem Licht exklusiv die Reine, die wahre Mutter der Menschen, n\u00e4mlich die jungfr\u00e4uliche Mutter des Gottessohnes. Was sagt das \u00fcber alle anderen?<\/p>\n<p>Genau so schlecht kommt in der \u00dcberlieferungsge\u00adschichte \u00fcbrigens die Schlange weg.<\/p>\n<p>Ich kann nicht anders sagen als: diese uralte biblische Geschichte ist instrumentalisiert worden. Es wurden in sie Dinge hineininterpretiert, die nicht drinstehen. Eigene \u00c4ngste \u00fcberlagerten die Geschichte \u2013 das konnte dann theologisch so weit gehen, dass das Pauluswort \u201eder Tod ist der S\u00fcnde Sold\u201c mit dem Verlust der urspr\u00fcnglichen Unschuld des Paradieses zusammengedacht wurde. Ach ja \u2013 Adam und Eva, diese beiden armen, \u00fcberstrapazierten Kunstfiguren!<\/p>\n<p>Denn wir d\u00fcrfen ja nicht vergessen: Die Geschichte vom Paradiesgarten ist keine Personengeschichte. Weder Adam noch Eva sind Einzelwesen. \u201eAdam\u201c hei\u00dft einfach Mensch und ist mit dem hebr\u00e4ischen Wort f\u00fcr \u201eErde\u201c &#8211; \u201eadam\u00e1\u201c verwandt. \u201eErdling\u201c m\u00fcssten wir eigentlich richtig sagen, und gemeint sind kollektiv alle M\u00e4nner \u00fcberhaupt, m\u00f6glicherweise bis heute. Und Eva? Auch sie ist keine Einzelgestalt, sondern wird wird zun\u00e4chst mit dem Begriff \u201eM\u00e4nnin\u201c bezeichnet, dann sp\u00e4ter, unmittelbar nach unserem Abschnitt \u201eEwwa\u201c genannt, was als \u201eMutter der Lebendigen\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u00fcbersetzt werden kann. Will sagen: es geht nicht um Einzelpersonen. Es geht auch nicht um die Verf\u00fchrung von Einzelpersonen. Nicht einmal ein Kampf Gottes gegen den Satan (in Gestalt der Schlage) steht zur Debatte. \u201eDie Schlange \u2026 ist als eines der von Gott erschaffenen Tiere bezeichnet; sie ist also im Sinne des Erz\u00e4hlers nicht die Symbolisierung einer &#8218;d\u00e4monischen&#8216; Macht und gewiss nicht des Satans. Was sie aus der Menge der Tiere ein wenig heraushebt, ist lediglich ihre gr\u00f6\u00dfere Klugheit.\u201c, h\u00e4lt der Alttestamentler Gerhard von Rad fest.<a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Er r\u00e4t daher, die Bedeutung der Schlange nicht so hoch anzusetzen wie das in der kirchlichen Tradition getan wurde. Die Geschichte tut das n\u00e4mlich auch nicht, und zwar deshalb, \u201eweil der Erz\u00e4hler offenbar bestrebt ist, die Verantwortung so wenig wie m\u00f6glich aus dem Menschen heraus zu verlegen. Es geht allein um den Menschen und <em>seine<\/em> Schuld, \u2026\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit haben wir eine ganz raffiniert erz\u00e4hlte Geschichte von Neugier, Grenz\u00fcberschreitung, der Hoffnung auf Macht- und Erkenntnisgewinn vor uns \u2013 und der im Wortsinn gnadenlosen Entt\u00e4uschung aller Erwartungen. Wie w\u00e4re es doch toll gewesen, Gut und B\u00f6se \u201ewie Gott\u201c zu erkennen. So lassen sich Mann und Frau, so lassen sich die Menschen locken, ein Tabu zu brechen, ein Verbot zu missachten. Eigent\u00fcmliche Wendung: der Tabubruch er\u00f6ffnet den beiden etwas Neues \u2013 aber sie sind nicht gottgleich geworden. Sie erkennen vielmehr, dass sie nackt sind (was ihnen vorher kein Thema gewesen war). Sie empfinden Scham \u00fcber ihr Nacktsein, weil das auf einmal wie eine St\u00f6rung zwischen ihnen und Gott steht. Das erkennen sie. Und deshalb wollen sie sich verbergen vor dem Ger\u00e4usch des nahenden Sch\u00f6pfers \u2013 Scham sucht immer zu verbergen. Dabei ist f\u00fcr den Erz\u00e4hler nicht die Tatsache schlimm, dass sie nackt sind \u2013 das sei ganz deutliche gesagt -, sondern dass sie daran erkennen: hier ist etwas eingetreten, das uns in eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Distanz zu Gott wirft. Und das ist unsere Schuld. Beziehungsweise: auch hier passiert ja etwas, das sich mit Schuld verbindet: sie wird nicht als gemeinsame Schuld anerkannt, sondern wird weitergeschoben: Der Mann sagt, nicht ich \u2013 die Frau war&#8217;s; die Frau ihrerseits schiebt die Verantwortung weiter an die Schlange. Wir kennen diese Verhaltensmuster aus dem Alltag. Sie sind nicht mythisch oder biblisch-urgeschichtlich, sondern sind Gestaltungselemente in unseren Beziehungen.<\/p>\n<p>Denn letztlich ist das, was dort, in der alten Geschichte, beschrieben wird, ein allgemeinmenschliches Lebensthema: Lebenssteigerung, Erkenntnisgewinn, Machtausweitung, Herrschaft \u00fcber Leben und Tod. Sein wie Gott. Mir ist eine der Geschichten vom Herrn K. (Keuner = Keiner) in den Sinn gekommen, die Bert Brecht erz\u00e4hlt hat: &#8222;Was tun Sie&#8220;, wurde Herr K. gefragt, &#8222;wenn Sie einen Menschen lieben?&#8220; &#8222;Ich mache einen Entwurf von ihm&#8220;, sagte Herr K., &#8222;und sorge, da\u00df er ihm \u00e4hnlich wird.&#8220; &#8222;Wer? Der Entwurf?&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte Herr K., &#8222;Der Mensch.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Ob Bert Brecht, der sozialistische Materialist, das ernst gemeint hat oder ironisch, das wei\u00df ich nicht. Er spielt hier aber mit der manipulativen Herrschaft eines Menschen \u00fcber einen anderen. Das erinnert doch sehr stark an das erste Sch\u00f6pfungslied: \u201e Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,\u201c (Gen. 1, 26a) \u2013 dort spricht Gott, hier ironischerweise der Herr Keiner. Wir wissen ja eigentlich, dass es auf Dauer so nicht funktioniert, auch wenn wir es immer wieder mal gern so h\u00e4tten: das Gesch\u00f6pf, das wir nach unseren Vorstellungen einrichten und formen k\u00f6nnten. Tagtr\u00e4umende Allmachtsphantasien, die am Ende im schlimmsten Fall so ausgehen wie in Mary Shelleys Roman\u00a0 Frankenstein: da entpuppt sich das Gesch\u00f6pf als Monster.<\/p>\n<p>Im wirklichen Leben sind es schwerere abzuw\u00e4gende und schwerer zu entscheidende Fragen, die sich hier auftun. Ein sehr plastisches Beispiel daf\u00fcr ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom vergangenen Mittwoch zur \u201egesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen Sterbehilfe\u201c. Zu entscheiden war die Frage: Ist das gesetzliche Verbot dieser Sterbehilfe verfassungsgem\u00e4\u00df? \u201eDie Richter in Karlsruhe befanden: nein. Sie erkl\u00e4rten Paragraf 217 f\u00fcr nichtig.<\/p>\n<p>Das Urteil ist ein fundamentales Bekenntnis zur Autonomie des Menschen in Fragen von Leben und Tod. &#8222;Die Selbstbestimmung \u00fcber das eigene Lebensende geh\u00f6rt zum ureigensten Bereich der Personalit\u00e4t des Menschen&#8220;, hei\u00dft es dort.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Der biblische Befund legt die Verf\u00fcgung \u00fcber Leben und Tod in die Hand Gottes. Gerade unsere Geschichte h\u00e4lt diesen Befund in aller Deutlichkeit fest. \u00dcbergriffe werden als Versto\u00df gegen Gottes Gebot, als S\u00fcnde, als Trennung vom Willen Gottes bezeichnet; siehe gleich danach Kain und Abel.<\/p>\n<p>Ob der im Blick auf das Sterben Begriff der \u201eSelbstbestimmung\u201c, wie im Urteil verwendet, uns weiterhelfen kann, kann durchaus in Frage gestellt werden. Die T\u00fcr zum Missbrauch, zumindest in den Halbschattenbereich zwischen Legalit\u00e4t und Illegalit\u00e4t ist einen Spalt weiter ge\u00f6ffnet. Und wenn dann missbr\u00e4uchlich gehandelt wurde in der Grauzone, hilft es dem Opfer nicht mehr \u2013 denn Sterbehilfe ist, wenn sie einmal vollzogen wurde, unumkehrbar. Die Richter werden all das \u00fcberlegt haben \u2013 es bleibt die Verantwortung f\u00fcr die Entscheidung pro oder contra auf den Schultern und Seelen derer, die sie treffen. So oder so. Denn der Raum ist er\u00f6ffnet. Die Frucht ist geschluckt. Der Schritt ist getan.<\/p>\n<p>Vielleicht ist mein Beispiel verungl\u00fcckt oder hochm\u00fctig gew\u00e4hlt. Ich wei\u00df sehr wohl, dass es viele F\u00e4lle auswegloser Krankheit zum Tode gibt, verbunden mit schlimmen Schmerzen. Und ich kann auch nicht sagen, wie ich handeln w\u00fcrde, wenn \u2013 sagen wir &#8211; meine Frau in hoffnungsloser Situation mich um ein Medikament b\u00e4te.<\/p>\n<p>Aber genau das ist die Situation des Mannes und der M\u00e4nnin nach dem Verlust des Paradieses, nicht aber die Frage nach nackt oder bekleidet, nicht die Verk\u00fcrzung auf eine pr\u00fcde Moral, nicht die Frage nach der vermeintlich gr\u00f6\u00dferen Schuld der Frau, nicht die Stigmatisierung der Schlange als Abbild des Satans. Das alles greift zu kurz.<\/p>\n<p>Es geht um eine n\u00fcchterne Beschreibung der Situation des Menschen, der an die Stelle Gottes treten m\u00f6chte, der autonom entscheiden m\u00f6chte und dabei immer wieder an die Grenzen seiner M\u00f6glichkeiten gef\u00fchrt wird \u2013 und an die schmerzhaften Einsichten, was passiert, wenn er diese Grenzen \u00fcberschritten hat. In den Garten Eden f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wie, liebe Gemeinde, legt sich das etwa \u00fcber unsere Diskussionen und Forderungen und Z\u00f6gerlichkeiten angesichts der fortschreitenden Erderw\u00e4rmung? Wo bewegen wir uns da? Und zwar nicht nur ich oder du als einzelner Adam oder einzelne Eva, sondern tats\u00e4chlich als globales Kollektiv von bald 8 Milliarden Frauen und M\u00e4nnern, die dabei sind, die Zukunft ihrer Kinder und aller Lebewesen aufs Spiel zu setzen?<\/p>\n<p>Keine sch\u00f6ne Einsicht und keine sch\u00f6ne Aussicht \u2013 die Verantwortung k\u00f6nnen wir nur zwischen uns hin- und herschieben. Es gibt keine andere Adresse.<\/p>\n<p>Alternativ bleibt nur Umkehr. Einsicht. Eine Solidarit\u00e4t in der Erkenntnis von Schuld, von der niemand sagen kann, er oder sie h\u00e4tte nicht Anteil daran. Es ist beschwerlich, jenseits von Eden zu leben und die Lasten zu tragen und die Entscheidungen treffen zu m\u00fcssen und immer zu wissen: sie k\u00f6nnen trotz allen guten Willens unzureichend sein \u2013 und trotzdem m\u00fcssen wir sie treffen.<\/p>\n<p>Die Passionszeit will uns Raum geben zum Innehalten, zum Nachdenken \u00fcber Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, \u00fcber Irrwege und Allmachtsphantasien. Die Sache mit dem Fasten mag ja f\u00fcr die Rettung der eigenen Seele mehr oder weniger austragen, das sei dahingestellt. Aber sie mag den Menschen und der Sch\u00f6pfung zu besseren Aussichten verhelfen, wenn wir uns selbst ernstnehmen, wenn wir unser Leben \u00fcberpr\u00fcfen und uns, zum Beispiel morgens vor dem Spiegel, eingestehen: Du bist kein kleiner Gott. \u201eStaub bist du und zum Staub wirst du kehren.\u201c (Gen 3,19b). Das ist als Einsicht vielleicht nicht besonders sch\u00f6n. Aber es ist auch nicht besonders schlimm. Vor allem aber: es ist ehrlich. Amen.<\/p>\n<p>Anmerkung zum Bibeltext:<\/p>\n<p>Ich habe der Predigt sowohl die Buber-Rosenzweig-\u00a0 als auch die Z\u00fcrcher \u00dcbertragung vorangestellt. Die erste ist schwerer zu h\u00f6ren, braucht also eine gewisse Vorbereitung des Vortrags, daf\u00fcr ist sie deutlich eindringlicher. Die zweite ist in Grammatik und Wortwahl die eing\u00e4ngigere. Da aber das Thema an sich nicht eing\u00e4ngig ist \u2013 warum soll die Textform dem nicht entsprechen?<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0 Praktisches Bibellexikon, Herder<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0 G. v. Rad, Das erste Buch Mose &#8211; Genesis, ATD 2-4, G\u00f6ttingen 1987\/12, S. 61<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0 Ebd. S. 61<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0 Gefunden in: <a href=\"https:\/\/nosologoethevlc.files.wordpress.com\/2013\/03\/brecht-geschichten-keuner.pdf\">https:\/\/nosologoethevlc.files.wordpress.com\/2013\/03\/brecht-geschichten-keuner.pdf<\/a> am 23.2.20<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/112EB767-A1C3-4382-98A1-56647A6A6D1A#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0 So <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/sterbehilfe-bundesverfassungsgericht-1.4821839\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/sterbehilfe-bundesverfassungsgericht-1.4821839<\/a> am 26.2.20<\/p>\n<div id=\"fuss\">Dekan Uland Spahlinger<br \/>\nDinkelsb\u00fchl, Deutschland<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:uland.spahlinger@elkb.de\">uland.spahlinger@elkb.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenseits von Eden leben\u00a0\u2013 Gedanken zum Beginn der Passionszeit | Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3,1-19, verfasst von Uland Spahlinger | Genesis 3, 1-19 (Buber-Rosenzweig) 1 Die Schlange war listiger als alles Lebendige des Feldes, das ER, Gott, gemacht hatte. 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